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© Markus Zahradnik
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März 2015

Fluchtpunkt Wüste

Ein „Roadtrip“: Ins Auto setzen, nicht um anzukommen, sondern um unterwegs zu sein. Fahren um des Fahrens Willen. Wir haben uns in die dafür wohl passendste Gegend begeben: die südkalifornische Wüste. Reisebegleiter? Die Muscle-Car-Legende Dodge Challenger.

Der Landeanflug auf Los Angeles macht mich fertig, bevor ich kalifornischen Boden betreten habe. Unser Flieger befindet sich noch auf Reiseflughöhe, da sind 10.000 Meter unter mir schon die ersten Ausläufer der wahnwitzig riesigen „Stadt der Engel“ zu sehen. „Stadt der Engel“ – schöne Umschreibung für diesen gigantischen Moloch voll Smog, Verkehrschaos und Oberflächlichkeit, aber auch Schauplatz unerfüllter Träume, grandioser Musik und zur Kunstform stilisierter Lässigkeit. Aber egal, wir sind nicht wegen L.A. hier: Auf dem Mietwagenparkplatz des Flughafens harrt ein, nun ja, gut abgehangener Dodge Challenger mit gespannten Muskeln dessen, was Redakteur und Fotograf in den nächsten Tagen mit ihm vorhaben. Gemeinsam mit ihm wollen wir nahe gelegene Touristenmagneten wie Hollywood, Disneyland oder Las Vegas nämlich links liegen lassen und uns stattdessen auf die Suche nach etwas machen, das wir noch nie gehört haben: die absolute Stille. 

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kalifornien_2015-04_MZ_2.JPG  Christoph Löger © Christoph Löger
Das Credo.
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Das Auto.
kalifornien_2015-04_MZ_4.JPG  Christoph Löger © Christoph Löger
… der unvermeidliche US-Patriotismus.

Lassen Sie mich kurz den dritten Teilnehmer unseres Roadtrips vorstellen: Die Wahl fiel nämlich aus gutem Grund auf den Dodge Challenger. Vielleicht kennen Sie den Film „Vanishing Point“ (dt. „Fluchtpunkt San Francisco“) aus dem Jahr 1971.

This radio station was named Kowalski, in honour of the last American hero to whom speed means freedom of the soul.

Filmzitat Vanishing Point, 1971

Nein? Sollten Sie sich aber unbedingt anschauen, weil es nach „Bullitt“ der wohl beste US-Autofilm aller Zeiten ist. In der Hauptrolle: ein Dodge Challenger, der von Schauspieler Barry Newman als „Kowalski“ quer durch die USA getrieben wird und ein – soviel dürfen wir verraten – irres Ende findet. Was das 1971er-Modell von unserem 2014er-Challenger unterscheidet? Abgesehen von der (etwas) moderneren Technik wenig: selber grantiger Blick, selbes zeitloses Muscle-Car-Design. Allerdings: Unser neuer Freund ist kein frisches Modell vom Band und hat vermutlich noch nie ein liebevolles Rundum-Service in der Markenwerkstatt erfahren. Im Gegenteil – Er hat das hinter sich, was sich kein Auto wünscht: ein mühsames Leben als Mietwagen, dem absoluten Bodensatz des Auto-Daseins. Fast 90.000 Kilometer hat unser Challenger bereits abgespult, als wir einsteigen. Und dennoch ist es Liebe auf den ersten Kickdown …

Bei Sonnenuntergang werfen wir den V8 an und starten in die Nacht. An Bord ist es bis auf die Musikuntermalung von Bruce Springsteen und unserem insgeheimen Roadtrip-Hit komplett still, draußen herrscht absolute Dunkelheit, denn eine Straßenbeleuchtung gibt es auf den einsamen „desert roads“ nicht. Pro Stunde kommen uns im Schnitt ein bis zwei Autos entgegen – wir haben mitgezählt. Im Morgengrauen finden wir am nördlichen Ende des Joshua Tree Nationalparks eine kleine Abzweigung, die in 5 Meilen Entfernung eine Geisterstadt namens „Pioneertown“ verspricht. Wir blinken und biegen ab …

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Start in die Nacht.
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V8, Springsteen, Dunkelheit.
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Welcome to Pioneertown.

Auf einem Parkplatz in der Einöde stellen wir den knisternden Challenger ab, um uns die Beine zu vertreten. Die mickrige Häuseransammlung neben der schmalen Landstraße in der Hochwüste trägt den Namen Pioneertown, und weit und breit sind keinerlei Anzeichen menschlichen Lebens zu sehen. Nicht einmal der Saloon hat offen, obwohl wir dringend starken Kaffee bräuchten.

If you’re in a rush, you’re in the wrong place!

Pappy and Harriet's, Pioneertown

Das stets sehr g’scheite Smartphone des Fotografen klärt uns wie so oft auf: Pioneertown wurde vor vielen Jahrzehnten als Filmkulisse für Hollywood-Westernfilme aufgebaut, heute leben in den Holzgebäuden tatsächlich noch 350 „echte“ Bürger. Augenscheinlich gibt es sogar ein Hotel, in dem man übernachten kann, wir können uns aber beim besten Willen nicht vorstellen, wer das hier tun sollte. Was wir leider erst später erfahren werden: Der Saloon heißt „Pappy & Harriet’s“ und gilt als weltweit geheimster aller geheimen Auftrittsorte für Überraschungskonzerte namhafter Bands und Musiker. Hierher kommen Kapazunder wie Robert Plant (Ex-Sänger von Led Zeppelin), Eric Burdon (Ex-Animals), Sean Lennon (Sohn von John), die legendäre Rockabilly-Röhre Wanda Jackson, Josh Homme (Chef der Wüstenrocker Queens Of The Stone Age), die Arctic Monkeys, die nach Kalifornien ausgewanderte britische Songwriter-Wunderfee Laura Marling oder Country-Queen Lucinda Williams, wenn sie Lust auf wirklich ganz, ganz kleines Publikum haben. Die Ankündigung passiert oft erst wenige Stunden vor Konzertbeginn, Einlass gibt’s bei „Pappy & Harriet’s“ wie früher auch noch gegen Barzahlung an der Tür. Glücklich die wenigen, die’s regelmäßig schaffen, rechtzeitig vor Ort zu sein. So: Wie der singende TV-Westernheld Gene Autry, der hier auch gefilmt hat, stelle ich mich in der Rolle des Austro-Gringos nun auf die Main Street und ziehe den imaginären Colt. High Noon in Pioneertown!

Weit unten im Süden von Kalifornien, nur 95 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt, fahren wir die Küstenstraße eines riesigen Gewässers entlang und bemerken plötzlich einen stechenden Geruch im Auto. Es riecht derartig streng nach Verwesung, dass uns übel wird. Wir surren die Fenster rauf, schalten die Klimaanlage auf Umluft, allein: Es hilft nichts, der Gestank dringt durch alle Ritzen.

Klimaanlage auf Umluft: Es hilft nichts, der Gestank dringt durch alle Ritzen.

Fischverwesung, Salton Sea

Wir haben die Gewissheit, unser nächstes Ziel erreicht zu haben: Salton Sea. 1.000 Quadratkilometer Fläche (das entspricht der doppelten Größe des Bodensees) hat das „Binnenmeer“ Kaliforniens, und es entstammt einem irren Unfall: 1905 brach ein Damm des nahen Colorado River und überflutete das damals staubtrockene Tal. Weil Salton Sea wegen des Malheurs keine über Jahrtausende auf natürliche Art entstandenen Abflüsse hat, gibt es folglich auch fast keinen Wasseraustausch. Man kann sich das als überdimensionales Planschbecken vorstellen, in dem das Wasser über Jahrzehnte schlicht steht. In den heißen Monaten können die Temperaturen in der Gegend auf über 50 Grad Celsius steigen, worauf Unmengen an Flüssigkeit verdunsten und der Salzgehalt rapide ansteigt. Die Folge: Alles Leben im See stirbt. An den Ufern findet man dann Abermillionen toter Fische in verschiedenen Verwesungsstadien, die für den bestialischen Geruch im Umkreis von bis zu 200 Kilometern verantwortlich sind. Was an den Stränden aussieht wie herrlich feiner Sand, ist nichts anderes als jahrzehntelang durch Wind und Wetter zerriebene Fischknochen …

Zu trauriger Berühmtheit hat es auch der Ort Bombay Beach an der Ostküste von Salton Sea gebracht. Was in den Fünfziger Jahren als mondänes Ausflugsziel für die Reichen aus Los Angeles geplant war, als man über die langfristige Tragweite von Naturkatastrophen nur lachen konnte, ist über die Jahre komplett verfallen und heute eine verarmte Barackensiedlung, bestehend aus salzverkrusteten Ruinen. Es ist ein unfassbar deprimierender Ort – und zugleich ein Ort poetischer Schönheit. 2011 hat die israelische Filmemacherin Alma Har'el eine unter die Haut gehende Dokumentation namens „Bombay Beach“ gedreht, die sich – Achtung! – aber nur starke Gemüter antun sollten.

Wir wollen endlich dorthin, wo nichts mehr ist: in die richtige Wüste. Zuerst fahren wir auf vierspurigen Highways, dann auf Landstraßen, deren Fahrbahnen noch durch einen Mittelstreifen getrennt sind, dann auf schmalen, grobkörnigen Asphaltwegen, deren Belag seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr erneuert wurde.

Wir bleiben stehen, setzen uns in den Sand und reden nicht miteinander, minutenlang.

Christoph Löger, Redakteur

Der Verkehr wird schwächer, bis uns Autos irgendwann nur mehr im Einstunden-Takt entgegen kommen. Vereinzelt sehen wir noch Postkästen am Wegesrand, dazugehörige Häuser sind am Horizont aber nicht mehr auszumachen. Es ist soweit: Wir sind in der Anza-Borrego, dem abgelegensten Teil der Colorado-Wüste in Südkalifornien. Wir parken den Challenger und wandern geradeaus in die endlosen Dünen. Dreht man sich um 360 Grad, ist kein einziges Haus, kein einziges Zeichen oder Geräusch der Zivilisation zu sehen oder zu hören. Wir bleiben stehen, setzen uns in den Sand und reden nicht miteinander, minutenlang. Noch nie zuvor haben wir solch eine absolute Stille erlebt. Es ist heiß, trocken und windstill. Näher werden wir wohl nie an das Gefühl kommen, das Neil Armstrong und Buzz Aldrin vermutlich hatten, als sie zum ersten Mal auf dem Mond spaziert sind ...

10 Grundregeln für den Wüsten-Roadtrip

Einige der folgenden Tipps klingen vielleicht simpel. Aber es gibt Regionen auf dieser Welt, wo alles anders ist: Wo Tempolimits per Flugzeug kontrolliert werden, das Gesetz der Straße von Lkw-Fahrern geschrieben wird oder Menschen nach einer Autopanne einfach verdursten, weil es keinen Handy-Empfang gibt. 

Videos: Markus Zahradnik

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Wüstenoase Palm Springs.
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Unendliche Weiten.
kalifornien_2015-04_MZ_10.JPG  Christoph Löger © Christoph Löger
Goodbye, California!

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