Ducati_Scrambler_HH_DSC3918_CMS.jpg  © Heinz Henninger
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Mai 2015

Harter Vintage-Schmäh

Das Aussehen der Ducati Scrambler verleitet uns zu der Annahme, dass sie ein gemütliches Alltags-Motorrad sei. Auf die Testmaschine trifft das (leider) nur sehr bedingt zu. 

Heute keine Einleitung, wir gehen gleich in medias res: Die Ducati Scrambler in der getesteten Icon-Variante (es gibt noch drei weitere) hat uns verstört. Betört wäre uns zwar lieber gewesen, doch dazu ist es leider nicht gekommen.

Begonnen hat der Minus-Reigen gleich nach wenigen Metern Testfahrt. Zum Nachteil der Scrambler führte die Ausfahrt nämlich nicht auf gut geglätteten Asphalt, sondern auf eine gut eingefahrene und immer wieder geflickte Landstraße. Dass es uns dort bei jeder Unebenheit so vorkommen würde, als ob Gabel und Federbein nur zur Zierde montiert worden wären, damit haben wir nicht gerechnet. Straff abgestimmte Fahrwerke mögen vielleicht ein Erkennungsmerkmal von Ducati sein, zu einem Eisen wie der Scrambler passen sie unserer Meinung nach nicht.

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Rundanzeige  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Wäre schön, hätte der Bordcomputer die gleiche wertige Materialanmutung wie der Tankdeckel.
Optische Täuschung  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Die Scrambler sendet falsche Signale aus. Sie ist nicht dieses bequeme, alltagstaugliche Eisen.
Heckansicht  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Sie lässt sich überraschend flott bewegen – zumindest dahingehend hat sie uns überrascht.

Es ist aber genau diese Widersprüchlichkeit, die uns an der Scrambler irritiert. Ihre optischen Reize lassen andere Eigenschaften vermuten als jene, über die sie tatsächlich verfügt – sie sendet die falschen Signale aus.

Die Scrambler ist kein gemütliches und bequemes Motorrad. Sie ist gemacht für jene, die zwar Gefallen an vagen Vintage-Looks finden, aber keinen modernisierten Oldtimer wollen. Deshalb verfügt sie auch nur über ein einseitig angeschlagenes Federbein, nicht aber über Stereo-Federbeine. Sie ist für jene ideal, die lieber flott als genüsslich unterwegs sind. Denen Temperament wichtiger ist als Kultiviertheit.

Zurück zur Testmaschine, nächstes Kapitel: der Motor. Erstmals entkommt uns ein Lächeln. Denn im schwarzen Gitterrohrrahmen hängt ein 90-Grad-V2 mit 803 Kubikzentimetern Hubraum, 75 PS stark. Er wiederum passt hervorragend zur Scram­bler, ist nicht zu stark und nicht zu schwach, treibt sie munter und gleichmäßig vorwärts. Es mag sanfter laufende Triebwerke in dieser Klasse geben, in punkto Emotionalität und Drehfreude liegt dieser Twin aber weit vorne. Festzuhalten ist vielleicht noch, dass sich das Aggregat der Testmaschine – selten, aber doch – beim Öffnen des Gasgriffs verschluckte. Was nur insofern unangenehm war, weil es jedes Mal in Schräglage am Scheitelpunkt der Spitzkehre passierte. Statt des erhofften Vortriebs gab’s daher zunächst einen kurzen Ruckler – und erst dann strebte die Scrambler eilig voran.

Wer vermutet, die Scrambler sei ein agiles Eisen, wird womöglich auch enttäuscht sein. Ja, sie ist handlich, ja, sie lenkt willig ein. Ja, sie ist dank des breiten, hohen Lenkers sowie der tiefen Sitzposition auch gut kontrollierbar. Ja, ihr Handling ist absolut gutmütig. Aber nein, agil ist sie nicht. Dafür liegt sie in eilig durchfahrenen Kurven stabil auf der Straße.

Bleibt noch die Bremsanlage. Der Optik zuliebe wurde es eine Einscheiben-Variante – macht nichts, die Bremsleistung ist auch so ausreichend. Das ABS regelt zwar erst relativ spät, dann aber sauber und flott.

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