Seenomaden_Robert_Winkler_07.JPG  © Robert Winkler
© Robert Winkler
© Robert Winkler
Mai 2019

Hello Mister!

Die "Segelfische" sind im Indischen Ozean dort unterwegs, wohin sich sonst kaum jemand verirrt. Der Niederösterreicher Robert Winkler und seine Familie haben in Indonesien die letzten Seenomaden der Welt besucht. Wir waren dabei.

Die Arme weit auseinander gestreckt und mit einem breiten Lächeln im Gesicht sowie einem Begrüßungsschwank. "Stellt euch vor, wie die mich hier nennen: Hello Mister, hello Mama Luis! So sagen die hier zu mir", amüsiert sich Marites Winkler, als sie uns gemeinsam mit Sohn Luis und ihrem Mann Robert auf der "Emma Peel" in Wangi Wangi empfängt. Und wahrlich: Das freundliche "Hello Mister", hier scheinbar Synonym für die amikale Kontaktaufnahme mit allem, was fremd ist oder so aussieht, wird uns die kommenden beiden Wochen im Wakatobi-Nationalpark begleiten.

Mehr sogar: Das "Hello Mister" wird auch für uns mehr und mehr zum probaten Mittel für die Kontaktaufnahme mit Menschen, deren bedingungslose und erwartungslose Freundlichkeit wir erst verdauen müssen, um beeindruckt zu sein – um deren Freundlichkeit annehmen zu können und anschließend lieb zu gewinnen.

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Liebe auf den ersten Blick

Die "Segelfische" geniessen dieses Sein bereits seit einigen Jahren. Robert Winkler, Fahrtensegler aus Ebenfurt, bereist bereits seit 15 Jahren mit seiner "Emma Peel" den Indischen Ozean. Es war eine Liebe auf den ersten Blick, die den Niederösterreicher hierher brachte. "Als ich Emma Peel im Hafen von Langkawi gesehen habe, war es um mich geschehen. Ich habe mich sofort in die Searunner 44 mit der Segelfläche von 78 Quadratmetern verliebt." 

Der Mangel an verfügbarem Bargeld lässt den studierten Biologen mit Schwerpunkt Meeresbiologie einen fanatasievollen Pfad der Geldbeschaffung beschreiten. "Ich habe via Mail Freundinnen und Freunde eingeladen, sich – gegen den Erwerb von Optionsscheinen für Ferienaufenthalte bei mir an Bord – an der Finanzierung der 'Emma Peel' zu beteiligen." Ohne es zu wissen hat Robert Winkler, noch lange bevor diese Finanzierungsform in Mode kam, das erste Crowdfunding initiiert.

Und das gleich erfolgreich! Denn: Nur 3 Wochen nach dem Start seines "Emma Peel Crowdfundings" kann Robert Winkler seine große Liebe erwerben und sinniert heute vor sich hin: "Etwa ein Drittel meiner Financiers hat mich bis heute noch nicht besucht. Und ich glaube sogar, viele werden gar nicht kommen. Möglicherweise haben da einige eingezahlt, die eine Idee unterstützen wollten, die sie selbst gar nicht leben können…"

Wir besuchen Robert, Tes und Luis bereits zum zweiten Mal, um Videos für deren Vorträge zu drehen, und werden Teil einer Reise an eines dieser besonderen "Ränder dieser Welt" – nach Wakatobi zu den "Bajau", den letzten Seenomaden der Welt.

Minutenlang unter Wasser

"Bitte alle an Bord, Kundang kommt!" Unmittelbar nach Roberts unmissverständlicher Aufforderung stehen wir an der Reling und sehen einen etwa 45-jährigen Mann und dessen kleine Tochter, die sich uns in einer Holzbarka nähern. Kundang ist ein Bajau aus dem Dorf Sampela. Er wird uns als Dolmetsch zur Verfügung stehen und uns helfen, einen jener legendenumrankten Speerfischer zu finden, die ohne technische Hilfsmittel bis zu 80 Meter tief tauchen und bis zu 8 Minuten unter Wasser bleiben können.

Mit diesen Werten würden die Bajau auch bei den kontinuierlich stattfindenden Apnoe-Tauchweltmeisterschaften reüssieren können. Tun sie aber nicht, denn das minutenlange Unter-Wasser-bleiben-Können hat für die Bajau traditionellerweise nur einen Zweck: Die Jagd mit dem selbstgebauten Speer und den eigens angefertigten Holzgoggels, die – sieht man sie zum ersten Mal – eher als Paraphrase auf moderne Taucherbrillen denn als Taucherbrillen selbst anmuten. Mit ihrem Talent, minutenlang unter Wasser bleiben zu können, waren die Bajau aber in den vergangenen Jahrzehnten begehrte Objekte wissenschaftlicher Erforschung, romantischer Legendenbildungen und auch mehrerer Dokumentaristen.

Seenomaden_Thomas_Nemeth_01.jpg  Thomas Nemeth © Thomas Nemeth
Mobilität in Indonesien: Bootstaxis bringen Arbeiter von Insel zu Insel.
Seenomaden_Robert_Winkler_03.JPG  Robert Winkler © Robert Winkler
Natur pur: Robert Winkler labt sich am Saft einer soeben geernteten Kokosnuss.
Seenomaden_Robert_Winkler_11.JPG  Robert Winkler © Robert Winkler
Ein Leben "hart am Wind": Seit 15 Jahren lebt Robert Winkler auf seinem Katamaran.

Letzteres verhindert auch, daß wir mit dem Bajau-Taucher, den Kundang als Filmdarsteller vorgeschlagen hat, handelseins werden. Der alte Mann kennt nur eine Gage, nämlich jene, die er einst als Darsteller für eine US-Doku bekommen hat. Eine lange Doku, mit großem Produktionsstab und dementsprechendem Produktionsbudget. Wir scheiden mit unserem Angebot gleich in der ersten Sekunde aus. Nachverhandlungen werden erst gar nicht geführt. Sie sind sinnlos. Angebot und Erwartung liegen unvereinbar weit auseinander.

Damit kommt die "Stunde von Kundang": Kurzerhand wird er vom Dolmetscher zum Darsteller upgegraded. Immerhin: in seinen besten Zeiten konnte auch er bis zu 30 Meter tief tauchen. Das ist aber bereits einige Zeit her. Heute taucht Kundang nur noch selten, denn er leidet in einem Bein an Knochenmarkkrebs. Für Robert ist es deshalb eine besondere Ehre, daß sich Kundang spontan zu einem gemeinsamen Apnoe-Jagdtauchgang bereit erklärt.

Eine "Supermilz" macht es möglich

Übrigens: Das Rätsel um die Unterwasserfertigkeiten der Bajau wurde mittlerweile gelöst: Die Bajau verfügen – laut mehreren Studien – über eine sogenannte "Supermilz". Die Seenomaden haben sich im Laufe vieler Generationen über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren genetisch an ihre Lebensweise am Wasser angepasst. So lautet auch das Ergebnis der Studien der Genetikerin Melissa Ilardo von der Universität Kopenhagen: Beim Eintauchen in kaltes Wasser bewirkt der sogenannte "Tauchreflex", daß sich einerseits der Herzschlag verlangsamt, andererseits die Milz zusammenzieht. Dadurch gelangen zahlreiche sauerstoffreiche rote Blutkörperchen in den Blutkreislauf und sorgen für einen Sauerstoffanreicherung um bis zu 9 Prozent, was die mögliche Tauchzeit wesentlich verlängert.

Und auch das Leben der Bajau, die hauptsächlich in Indonesien, Malaysien und den Philippinen leben, hat sich aufgrund der Vorgaben der Regierungen geändert. Mehr als 1000 Jahre lebten die Bajau hauptsächlich als Seenomaden auf ihren Holzbooten am Meer. Heute sind viele sesshaft geworden und leben in Bajau-Villages wie Sampela Sama Bahari.

Kabarettistisches Verrenkungsduell am Holzsteg

Der Besuch im Stelzendorf, in dem rund 1.800 Personen leben, wird für uns zu einem ernüchternden Teil unserer Reise: Es ist mitten am Vormittag, heiß und außerdem ist es der Tag vor den landesweiten Wahlen. Und das sind wahrscheinlich auch der Grund, warum hier heute so gut wie nichts los ist. Zumindest in der Sonne. In fast jedem Schattenplatz lagern Menschen – Männer, Frauen mit Kopftüchern und Kinder. Es wird viel geredet und gelacht.

Nur eine etwas beleibtere Frau läuft plötzlich laut schreiend und wild fuchtelnd hinter uns her. Kameramann Ivan und ich erwidern die vermeintliche "kabarettistische Intervention" mit ähnlichen Gebärden. Es entwickelt sich ein kurzer Wettstreit von körperlichen und gesichtsmuskulären Verrenkungen. Immer noch im Rahmen des vermeintlich Lustigen.

Das wird aber jäh unterbrochen, als uns Marites ohne jegliche Gebärden und Verrenkungen übersetzt, daß die Frau um ihren Zugang zum Holzsteg kämpft, der durch das Dorf führt. Dieser habe, so die Frau, unter dem Gewicht von Kameramann Ivan das Zeitliche gesegnet und sei kurz nach dessen Überquerung in sich zusammengebrochen. Die Frau ist damit quasi von der Außenwelt abgeschnitten.

Das Gute daran: Dieses Malheur sei mit der Gabe von 10.000 Rupiah – das entspricht in etwa 62 Cent – für den Ankauf von Nägeln ganz leicht wieder aus der Welt zu schaffen. Wenige gut gemeinte Worte und Verrenkungen später wechselt diese Summe den Besitzer und es kehrt wieder Ruhe ein in Sampela Sama Bahari…

Vortragsreise durch Österreich

Wieder an Bord der "Emma Peel" werden wir in den kommenden Tagen noch Zeugen, wie Marites aus der engen Küche immer wieder nicht für möglich gehaltene kulinarische Erlebnisse zaubert, der 7-jährige Luis aus dem Stand heraus einen mit Detailwissen gespickten 30-minütigen Vortrag über "Mantis Shrimps" (Heuschrecken-Shrimps) hält, Kapitän Robert hochgiftigen blinden Passagieren zu Leibe rückt und junge Menschen einen Strand für ein Kunstfest umkrempeln und putzen, um gegen Plastikmüll zu sensibilisieren.

Das alles und noch viel mehr werden die "Segelfische" Interessierten im kommenden Herbst im Zuge einer Vortragsreise durch Österreich erzählen. Wundern würde es den Verfasser dieser Zeilen dann gar nicht, wenn die Vorträge mit den Worten begännen: "Hello Mister! Herzlich willkommen, sehr geehrte Damen und Herren!" Üblicherweise folgen anschließend ganz besondere Erlebnisse und Geschichten…

Aktuelle Vortragstermine finden Sie unter http://www.sailandsee.com

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