Franz Geisler VW Kaefer_HH_7661_CMS.jpg  © Heinz Henninger

Franz Geisler aus Mattighofen und sein VW 1200.

© Heinz Henninger

Franz Geisler aus Mattighofen und sein VW 1200.

© Heinz Henninger
Februar 2016

Wahre Liebe

Spielzeuge des Herzens: Autos, Motor- oder Fahrräder sind reine Mobilitätswerkzeuge – aber nicht nur. Sie sind auch Weggefährten. Wie wir es schaffen, emotionale Beziehungen zu Fahrzeugen aufzubauen.

Als vernunftbegabte Wesen, die wir alle ja sind, wissen wir, dass Mobilität ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Die Instrumente, die uns diese Mobilität ermöglichen – Autos, Fahrräder, Züge, Flugzeuge, Schiffe –, sind ausschließlich dazu da, um mit ihnen von A nach B zu gelangen. Ein durch und durch rationaler Zugang zu einem essenziellen Thema also.

Oder?

Wie rational ist der Umgang mit Fahrzeugen wirklich? Entscheiden wir uns beim Autokauf streng hirngesteuert für ein bestimmtes Modell oder darf der Bauch schon auch mitreden? Kann sich denn jemand an seinen ersten Schreibtischsessel erinnern, geben wir Rasenmähern zärtlich Kosenamen? Wohl kaum; Autos jedoch schon. 

Es ist anscheinend so, dass Automobile, Motorräder, Mountainbikes, kurz alles, was uns auf Rädern durch die Gegend befördert, neben unserem Verstand auch die Sinne berührt. Das soll keine Verallgemeinerung sein – es gibt auch Zeitgenossen, denen ein fahrbarer Untersatz ähnliche Gefühle verschafft wie ein Kugelschreiber, nämlich gar keine. Aber zweifellos hält bei vielen Menschen nicht die reine Vernunft allein die Zügel, wenn von Fahrzeugen die Rede ist. 

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Man nannte ihn "Käfer-Franz"

Das erste Auto! Unvergessen. "Generation Golf" betitelte der deutsche Autor Florian Illies sein Buch, das jenen Menschenschlag beschrieb, der in den späten 1970er- und frühen 80er-Jahren in Deutschland aufwuchs. Er wurde von Konsumgütern geprägt wie keine Generation vor ihm, und der VW Golf drückte – als erstes Auto vieler Fahranfänger dieser Zeit – dem Zeitgeist seinen Stempel auf.

Als er 17 war, bekam auch Franz Geisler aus Mattighofen sein erstes Auto. Heute ist er doppelt so alt und besitzt es immer noch. "Den geb' ich bestimmt nicht mehr her!" 

Der Volkswagen 1200 aus dem Jahr 1967 stand zehn Jahre lang in einer Garage, ehe Franz ihn im Dezember 1998 kaufte. "Früher bin ich viel damit gefahren. Zur Gesellenprüfung nach Linz zum Beispiel, es hat stark geregnet und die 6-Volt-Batterie hat nicht soviel Strom liefern können, wie ich verbraucht hab'." 

Heute wird der Käfer nur bei Schönwetter gefahren, für den Alltag hat der 34-jährige Bäcker ein zweites Auto. Doch damals, als frischgebackener Führerscheinbesitzer, war er in der Gegend bald nicht mehr ohne den VW vorstellbar. Den "Käfer-Franz" nannte man ihn und er erzählt, dass es mit diesem Auto praktisch unmöglich war, nicht ständig mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen. So lernte er auch seine Freundin kennen. Im Mai werden die beiden heiraten – dreimal dürfen Sie raten, was das Hochzeitsauto sein wird. 

Die Kindheitserinnerung

Die Soziologin Christa Bös von der Freien Universität Berlin beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit den emotionalen Bedeutungen des Autos. "Bei Menschen, die eine Beziehung zum eigenen Auto aufbauen", erklärt sie, "ist diese Beziehung ähnlich wie zu einem anderen Menschen." Es gebe Autofahrer, die sich von ihrem Auto verabschieden, wenn sie es abends abstellen, und ihm zuflüstern: "Das hast du gut gemacht." Das sei natürlich keine Unterhaltung wie mit einem Menschen, betont die Forscherin, aber auf dieser Ebene, mit kleinen Sätzen, beginne der Aufbau einer Beziehung.

In einem Beitrag für die Tageszeitung "Die Welt" hielt Bös die Parallelen einer Liebesbeziehung zu einem Auto und zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen fest. So zeigten beide die gleichen drei Komponenten: Leidenschaft, Intimität und das Bekenntnis zu einer dauerhaften Bindung.

"Wenn jemand sagt, er liebt sein Auto, dann ist es eigentlich immer ein bestimmtes Auto", erläutert die Soziologin. "Ein ganz konkretes Fahrzeug. Man verliebt sich nicht in das Auto des Nachbarn." 

Aber in das seiner Kindheit, wie es Werner Schinhan, 58, passiert ist. Sein Bruder Gerhard findet eines Tages einen halbverrotteten Fiat 125 – das Modell, auf dessen Rücksitz sie Teile ihrer Kindheit verbracht hatten. "Wir hatten so ein Auto, als ich 12, 13 Jahre alt war. Mein Bruder hat ihn herrichten und genau so lackieren lassen wie das Auto unseres Vaters – grigio acciaio, Stahlgrau." Nun gehört ihm der Fiat seit vier Jahren. Am Tacho stehen 23.000 Kilometer, "das könnte sogar die echte Laufleistung sein, denn er ist ja Jahrzehnte gestanden. Rost hat er überhaupt keinen. Die Bremsen sind tadellos, das bremst wie bei einem modernen Wagen. Die Dichtungen gehören neu gemacht: Bei 100 km/h ist es schon sehr laut, außerdem ist das Getriebe kurz übersetzt, da dreht der Motor schon 4.000 Touren, aber es gibt nur vier Gänge. Der Fiat wird ganz normal zugelassen, aber nur von April bis Oktober, über Winter leg' ich das Kennzeichen zurück. Schade, dass es keine Saisonkennzeichen gibt", sagt der Besitzer. Das Pickerl kriegt er jedes Jahr problemlos.

Transporter für alle Fälle

Jeder fünfte Autobesitzer gibt seinem Auto einen Namen: "Black Lady" oder "Frosch", "Wölkchen", "Zitronenflitzer" oder "Polomupfl", "Roadrunner", "Nepomuk" oder "Leporello". Betrachtet man nur die Autobesitzerinnen, ist es sogar jede Dritte. 

Von Geschirrspülern und Motorsägen ist derlei nicht bekannt. Maschine ist also nicht gleich Maschine – Autos werden, anders als andere technische Geräte, die einem Haushalt zur Verfügung stehen, als eine Art Familienmitglied oder Haustier wahrgenommen.

Es müssen aber nicht unbedingt Autos sein, an denen das Herz hängt. Für Stefan Skrabal, 46, ist es ein dreirädriges Lastengefährt der Firma Piaggio, genannt Ape (ital.  für Biene).

"Die Idee war schon immer da. So etwas begegnet dir ja in jedem Italien-Urlaub und hat mich immer schon fasziniert: dieser einzigartige Zweitakt-Klang. Wie das knattert! Darum war die Ape immer das Objekt der Begierde: Sowas müsste man einmal haben und damit in Österreich herumfahren. Meine Frau Katja hat immer nur gegrinst." 

Doch dann war es so weit, ein Freund fand ein ziemlich marodes Exemplar, rief Stefan an und kaufte es gleich für ihn. Um 600 Euro. "Auf einmal war ich Ape-Besitzer in Abwesenheit." 

Eine Leidenschaft für italienische Fahrzeuge hat der 46-Jährige grundsätzlich, und die Ape ist für ihn deren Urmeter: "Die kannst du nicht missverstehen. Das reine Ding. Drei Räder, zwei Sitze, ein Motor. Mehr brauchst du nicht." Immerhin hat das Lastendreirad von Piaggio das Italien der Nachkriegszeit mobil gemacht. 

Seit Stefan das Einzylinder-Knatterding sein eigen nennt und gemeinsam mit Freund Christian Stück für Stück instandsetzt, ganze anderthalb Jahre inzwischen, ist sein Respekt vor Restaurateuren deutlich gestiegen. "Es ist ein weiter Weg bis zur Fertigstellung, viel weiter als wir dachten, und es gab schon auch emotionale Täler. Momente, da wollte ich sie am liebsten anzünden. Aber jetzt, da das Ziel schon so nahe ist, macht's wieder großen Spaß." 

Im Frühjahr soll die Ape fertig werden. "Dann fahre ich mit Katja nach Triest. Ohne die Kinder."

Der überzeugte Stadtradler

Der "Falter"-Journalist Florian Holzer wiederum verzichtet gänzlich auf Motorkraft, wenn er in Wien unterwegs ist. "Ich bin mit dem Rad aufgewachsen", sagt er, "ich hatte immer zwei, drei gleichzeitig." Eine Zeitlang folgte er dem Trend zum Mountainbike. "Dann waren Fahrräder für mich lange Zeit passé, bis ich das Rad vor ein paar Jahren wieder als ideales Stadtfahrzeug für mich entdeckt habe." Genauer gesagt: Vintage-Rennräder. 

"Ich hab' Rennräder immer als filigranes Glumpert verachtet, doch dann hab’ ich mich verliebt in die Pinarellos, De Rosas, Francesco Mosers, Colnagos – eines schöner als das andere." Der 49-Jährige radelt das ganze Jahr über. "Bei Eis und Schnee nicht. Aber bei Nässe problemlos. Im Winter mit einem sinnvollen Fahrrad, das Kotflügel hat, im Sommer mit einem Dancelli aus den Achtzigerjahren, umgebaut auf Single Speed – das schnellste Fahrrad, das es überhaupt gibt."

Sechs Rennräder besitzt er derzeit, alle aus italienischer Fertigung. "Weil ich überhaupt auf schöne Dinge stehe. Und auf italienische Lebensart." Wahre Liebe zeigt sich in seinem Umgang mit den Gefährten: "Ich putze sie, bevor ich damit fahre. Das ist jenseits des Gebrauchsgegenstandes, das ist reine Freude."  

Haben auch Sie ein fahrbares Objekt Ihrer Liebe? Ein Auto, Motorrad, Fahrrad oder Roller, eine Beiwagenmaschine oder ein Lkw? Dann schicken Sie uns ein Foto an die Redaktion des auto touring.

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