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© August Kargl
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Dezember 2015

Apulien: Absatz mit Sole

Warum die Ferse des italienischen Stiefels so besonders ist: wegen tausender weißer Häuser mit Zipfeldächern, Mozzarella in Zopferlform und ganz viel Öl. 

Limonenduft. Ein leises Klopfen an der Tür. "Permesso?" – "Avanti!" – "Mi chiamo Rosetta", lächelt die zierliche junge Frau mit der übergroßen Nerd-Brille, im Moment ultima moda bei jungen Italienerinnen. Rosetta ist Masseurin. Bevor ihre kräftigen Finger meine Verspannungen attackieren, dimmt sie das Licht. Im Halbdunkel kommen die Bilder. Erinnerungen an vergangene Tage am sonnigen Absatz Italiens – in Apulien.

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Italien nach Noten

Erinnerungen an die Schatten in der steilen, grob gepflasterten Via Basilica im schmucken Hafenstädtchen Otranto, tief im Süden, im Salento. Schatten, die gespenstisch über die gelb beleuchtete Fassade der Kathedrale Santa Maria Annunziata huschen. Orgel­musik. Im Inneren ein Meisterwerk: Über den gesamten Kirchenboden bis zur Apsis erstreckt sich ein Mosaik aus abertausenden bunten Steinchen. Motive der Menschheitsgeschichte, großartig wie grausam: Kain, der den Bruder erschlägt, der Turmbau zu Babel, Schlangen, die Ziegen verschlingen. Geschaffen in dunkler Vorzeit, vor 900 Jahren, in zweijähriger kniender Plackerei von einem Mönch. Sein Name: Pantaleone.

Und als wär das alles nicht schon sinister genug: Grusel-Feeling in der Kapelle. Hinter sieben gläsernen Wandschränken graue Schädel, gebrochene Gebeine – sterbliche Überreste von 800 Märtyrern, die einst dem christlichen Glauben nicht abschwören wollten, lieber den Tod wählten und von den Krummsäbeln türkischer Besatzer enthauptet wurden. Der Hinrichtungsblock befindet sich bis heute unter dem Marien-Altar.

Rosetta fragt neugierig: "Warst du auch in unseren weißen Städten?" Und so erzähle ich vom Städtchen Monopoli, wo ich quasi ohne Ereigniskarte und ohne über Los zu gehen, entspannt in der Sonne sitzend, zusah, wie die Brandung an die Stadtmauer donnerte. Vom grandiosen Blick von Cisternino auf das fruchtbare Itria-Tal, auf die mit Steinmauer eingefassten Felder, die mich so sehr an Schottland erinnerten. Und von meinem Spaziergang durch die verwinkelten Gassen von Ostuni, wo es scheinbar dazugehört, sich zu verlaufen. Wo weiße Häuser verwegen an den Felsen kleben, mit Blick auf die nahe Adria. Und wo die Kirche wie ein braunes Karamel­zuckerl über allem Weltlichen thront.

Italien ohne Kirchen? Impossibile! Allein der Besuch der Basilica di San Nicola in Bari ist ein Muss. Schon auf dem Vorplatz, wo ein bärtiger Pope gerade eine junge Frau segnet, wird klar: Die schmucklose Kirche mit den geraubten Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra ist anders – russisch-orthodox. Nun ist auch klar, warum die Nikolaus-Statue auf dem Vorplatz von Russlands Präsidenten Putin gespendet wurde.

Direkt hinter der Basilika die Altstadt von Bari: Wäsche, die über schmalen Gassen auf rostigen Balkonen zum Trocknen hängt, Heiligenbilder mit halbverwelkten Blumen. Die Atmosphäre morbid, die Bewohner sozial schwach. 

Ganz anders das wohlhabende Trani, das sich seit jeher mit Bari um Macht und Vorherrschaft streitet. In Trani hat man den spektakulär ans Wasser gebauten Dom ebenfalls nach dem heiligen Nikolaus benannt. Dass es sich dabei um einen hier verstorbenen griechischen Pilger gleichen Namens handelt, der seinerzeit durch die Kirchenlobby eiligst heiliggesprochen wurde, stört niemanden.

Rosetta erhöht den Druck, arbeitet mit dem Ellenbogen in Shiatsu-Manier zwischen meinen Schulterblättern: Uhhh! Erst nach und nach spüre ich Entspannung…

Entspannt auch die Pensionati auf ihrem Stammbankerl auf der Piazza del Popolo, in der Neustadt von Alberobello. Mit Blick auf die frisch renovierten Palazzi schlagen sie die Zeit tot – bis zum Pranzo, dem Mittagessen. Touristen nehmen keine Notiz von den tratschenden älteren Herren, wollen nur eins: hinunter schauen auf kuriose weiße Häuser mit Zipfeldächern, aus kegelförmig aufgeschichteten Steinen – auf die Trulli. Einst waren sie Behausungen der Armen, die sich die Dachsteuer des Königs ersparten, doch heute sind sie die Hauptattraktion Apuliens und sogar beliebte Spekulations-Objekte reicher Römer. 

Es gibt sie überall im Tal, auf Feldern, in Weingärten und zu Hunderten in der Zona Trulli, der Unterstadt von Alberobello. Viele dieser Pyramidendächer tragen mystische Zeichen: das Omega, Symbol für Anfang und Ende, den Dreizack oder den Kreuzbaum, der Himmel, Erde und Hölle vereint. 

Molto buona cucina

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Rape, der Broccoli des Südens.
Apulien_Juli15_AK_DSCF2332_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Kulinarische Souvenirs in Alberobello.
Apulien_Juli15_AK_DSCF2576_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Oliven kurz vor der Ernte.

In der Via Monte San Michele, der Hauptstraße zwischen den Zipfelhäusern, geben sich die Händlerinnen weltoffen, grüßen Reisende aus Fernost mit "Nihau" und "Ohayo gozaimasu". In ihren Läden blüht der Kitsch. Ausnahme: das Geschäft von Maria Concetta. Ihr kleiner Cullinario-Trulli ist gerammelt voll mit Orecchiette, kleinen Ohrwaschln aus Weizengrieß – die typische Pasta –, scharfe Rohwurst, Tarallini, Knabbergebäck mit Olivengeschmack, pikant-süße Pfefferoni-Marmelade, dem lokalen Rotwein Primitivo und Unmengen eingelegtes Gemüse.

Szenenwechsel. Auf dem Parkplatz vor der Höhle von Castellana singt sich Francesco die Seele aus dem Leib: Italo-Klassiker, Volkslieder von blutrünstigen Sarazenen und untreuen Frauen. Wild gestikulierend will er Reisegruppen auf sich aufmerksam machen, hofft auf ein paar Euro. Aber alle wollen nur das eine: hinunter in die dunkle Zauberwelt. 

Ausgerüstet mit Helm und Stirnlampe führt uns Alpinist Sergio hinab. Erzählt, dass diese Höhle im Meer entstanden ist, erst durch Auffaltung des Apennins nach oben gedrückt und somit zugänglich wurde. Sergio zeigt auf ein Loch in der Decke, auf den gleißenden Lichteinfall: "Jahrhunderte lang haben die Menschen dort ihren Müll hineingeworfen. Als sich 1938 die ersten Forscher abseilten, landeten sie auf einer stinkenden Deponie." Heute ist die Grotte von Castellana mit ihren bizarren Kalksteinformation eine hippe Event-Location. Und es gibt Leben in der Dunkelheit: Hier wurde der kleinste Skorpion der Welt entdeckt und in tiefen Spalten schlafen Tausende von Fledermäusen.

Oliven werden Öl

Mit fließenden Bewegungen verteilt Rosetta warmes Öl auf meinem Rücken…

Öl also. Apulien und seine unzähligen Olivenbäume, doch die sind hier anders: knorrig, mit dick verwachsenen Stämmen. Ende Oktober ist Erntezeit. Ölmühlen wie Il Frantolio haben dann Hochbetrieb. Ein Bauer nach dem anderen fährt vor und lädt die Ernte ab. Die Oliven werden mechanisch gewaschen und von riesigen Mühlsteinen samt Kernen zermalmt. Die Paste daraus wird auf Matten verteilt, in Schichten übereinander gestapelt und langsam mit steigendem Druck gepresst. Eine Zentrifuge trennt das Wasser vom Öl. Und schon nach einer Stunde nimmt der Bauer sein gelblich-grünes Olio wieder mit – kaltgepresst, versteht sich.

Heiß dagegen die Arbeit von Vincenzo, dem Käsemacher aus Cisternino. 90 Grad heißes Wasser leert er in den Bottich mit Käsegrundmasse, gibt Salz dazu, rührt mit einem Holzpaddel um. Dann greift mit bloßen Händen in die milchig-heiße Brühe. Prüft und dehnt die Masse solange, bis sie sich wie ein Riesenkaugummi ziehen lässt. Viel Fingerspitzengefühl braucht er für das Mozzare, das Trennen: Stück für Stück reißt Vincenzo von der weißen Masse ab, formt daraus den berühmten Mozzarella, in Kugel- oder Zopferlform. Eingelegt in Salz­lake erhält der Gummikäse sein ultimatives Geschmacks-Update.

Der Käsemacher

Rot glühend ist das Brenneisen, mit dem Carlo der Puppenmacher auf dem Domplatz von Lecce seiner Cartapesta, einer Tänzerin aus Papiermaché, die gewünschte Form gibt. Lecce, die einzige Stadt Apuliens mit Flair, fast schon wie Florenz. Die Straßencafés sind auch im Spätherbst noch voll. Hier sollte man sich Zeit nehmen, sich einen Macchiato oder Limoncello gönnen, einfach nur dasitzen, genießen und schauen. 

Lecce, das ist Kunsthandwerk, Barock in höchster Vollendung: überladene Palazzi, opulent verzierte Stadttore und, certo!, unzählige Kirchen. Weil der Sandstein hier im Urzustand so weich ist, dass er sogar mit einem Messer formbar wäre, konnten die Baumeister der Stadt diese Magnificenza, diese Pracht erschaffen. Lecces Prunkstück: die Basilica di Santa Croce samt angrenzendem Convento Celestini. Leider sind Teile der Kirche wegen Renovierungsarbeiten immer wieder eingerüstet. Aber Lecce hat auch Antikes zu bieten: das römische Amphitheater mitten auf der belebten Piazza des heiligen Oronzo, dem Schutzpatron der Stadt.

Lecce, die Stadt mit Flair

2007_02_Apulien_Fibich002_CMS.jpg  Roland Fibich © Roland Fibich
Alt & antik.
Apulien_Juli15_AK_DSCF2541_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Kunst & Krempel.
2007_02_Apulien_Fibich003_CMS.jpg  Roland Fibich © Roland Fibich
Üppig & überladen.

Aber ein Bauwerk Apuliens überragt alle anderen: das Castel del Monte, die imposante Bergfestung des Stauferkaisers Friedrich II., geheimnisvoll wie der Schwabe selbst. Bis heute ist der Zweck der Festung ohne Schießscharten nicht klar. Warum ist der Bau ein Oktogon? In allem findet sich die Zahl acht: im Grundriss, den Türmen, im Innenhof und in den acht Sälen. Wofür steht die Acht? Für die Windrose, heidnischen Götterkult oder für die acht Planeten des Sonnensystems? Oder wurde Friedrich gar durch den Felsendom in Jerusalem inspiriert? Dieses Geheimnis nahm "Stupor Mundi" (das Staunen der Welt) mit ins Grab. 

"Come va?", fragt Rosetta, während sie überschüssiges Öl von mir abrubbelt. "Bene! Molto bene!" Aber eines will ich noch wissen. Wie Rosetta die Menschen ihrer Heimat Apulien sieht, wie sie denken, fühlen. Ein kurzes Blinzeln hinter der Riesenbrille, dann öffnet sie das Fenster zum Garten vor dem Spa des La Chiusa di Chetri-Hotels, zeigt auf die im letzten Tageslicht silbrig-blinkenden Blätter der Olivenbäume und grinst: "Wir haben Olivenöl im Blut und Sonne im Herz!"  

Trulli-Hotel mit Super-Spa

Hotel-Tipp für Genießer

Käse, Öl und viel Kultur, das ist es, was Reisende in Apulien erwartet. Und als Top-Adresse für Genießer empfiehlt sich das La Chiusa di Chetri in Alberobello: Ein Vier-Sterne-Hotel eingebettet in die mediterrane Kulturlandschaft Süditaliens, umgeben von Palmen, Feldern und uralten Olivenbäumen. Neben acht Suiten und 130 Zimmer gehören auch zwölf Trullis, geschmackvoll renovierte Bauernhäuschen mit Zipfeldach, zum Ressort dazu. Kerzenschein, exotische Düfte, türkisches Bad und einer Vielzahl an Massage-Therapien geben dem Aufenthalt eine romantisch-entspannende Note. Weshalb das La Chiusa die Chetri an den Wochenenden von frisch oder noch immer verliebten Paaren gern als Fluchtpunkt vor der Großfamilie gebucht wird. Und als Highlight erwartet die Gäste jeden Abend ein dreigängiges Cena (Abendessen) mit Slow-Food-Touch.

www.lachiusadichietri.it

Alle Infos und Buchungen bei den Reisebüros des ÖAMTC und unter Tel. 0810 120 120.

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