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Ein äthiopischer Priester in einer der Felsenkirchen von Lalibela, dem "Neuen Jerusalem". 

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Ein äthiopischer Priester in einer der Felsenkirchen von Lalibela, dem "Neuen Jerusalem". 

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Juli 2016

An den Quellen des Nil

Zwischen Legenden und Wirklichkeiten: eine abenteuerliche Reise in das geheimnisvolle Äthiopien im Herzen Afrikas. 

Der Mann trägt eine alte Hose und ein zerrissenes Hemd. Als er vor seinen Wellblech-Verschlag tritt, schützt er sein ergrautes Haupt mit einem bunten, ausgefransten Schirm vor der stechenden Mittagssonne. Er winkt uns zu. Ist er krank? Ein Autostopper? Ein Unfall? Wir halten den Kleinbus an und steigen aus. Der Mann zeigt auf eine gigantische Felsnadel, die aus dem Hochplateau aufragt. Getnet, unser junger äthiopischer Guide, übersetzt. Der vermeintliche Anhalter ist Priester. Er sammelt von Vorbeifahrenden, die ein Foto von der spektakulären Landschaft machen wollen, Spenden für ein Kloster zu Ehren Johannes des Täufers, das unterhalb der Felsnadel, dem "Finger Gottes", errichtet wird. Wir bedanken und verbeugen uns. Spenden. Fotografieren. Fahren weiter.

Äthiopien ist wie die Summe Afrikas: ein einziges Rätsel. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Alles hat eine besondere Bedeutung. Was wir vielleicht überheblich als Legende abtun, ist für die Menschen hier die einzige Wirklichkeit, die zählt. 

In Axum, der "Heiligen Stadt" im Norden, wird unterhalb eines kleinen Bauwerks die Heilige Bundeslade mit jenen Tafeln der Zehn Gebote aufbewahrt, die einst Moses am Sinai den Menschen verkündete. Nein, nein, das ist keine unterhaltsame Geschichte für Touristen oder eine beliebte Legende. Für die Äthiopier ist es schlicht die Wahrheit. Nur ein einziger Mönch darf die Bundeslade bewachen und sehen. Wenn er stirbt, geht diese Aufgabe auf seinen Nachfolger über. Niemand sonst bekommt sie zu Gesicht. Und so existieren die Zehn Gebote von Moses heutzutage in Äthiopien in einem ähnlichen Zustand wie die berühmte Katze im Gedankenexperiment des Wiener Physikers Erwin Schrödinger, die aufgrund der Quantenmechanik gleichzeitig lebendig und tot ist: in einem Schwebezustand zwischen Sein und Nicht-Sein, hier natürlich zwischen Glauben und Wissen.

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1 Wer ist der Mann mit dem bunten Sonnenschirm an der Straße? Ein Bettler? Ein Autostopper? Oder ein orthodoxer Priester, der Spenden für eine Kirche sammelt? © Roland Fibich/auto touring

2 Scheinbar endlose Autokilometer durch das äthiopische Hochland eröffnen immer neue, phantastische Aussichten. © Roland Fibich/auto touring

3 Unter diesem Gebäude befinden sich die originalen Gesetzestafeln, die einst Moses von Gott empfing. Davon sind die Äthiopier überzeugt.  © Roland Fibich/auto touring

Das Neue Jerusalem

Nicht einmal sechs Stunden fliegt man in einem nagelneuen Boeing-787-Dreamliner der Ethiopian Airlines nonstop von Wien nach Addis Abeba. Und landet in einem anderen Universum. 90 Millionen Menschen, 80 verschiedene Sprachen und Völker, hohes Wirtschaftswachstum und bittere Armut, ja mancherorts Hunger. Rund 40 Prozent der Menschen sind äthiopisch-orthodoxe Christen, das ist eine im 4. und 5. Jahrhundert weitverbreitete Form dieser Religion, in der Christus nicht (wie etwa bei den Katholiken) auch zugleich Mensch, sondern ausschließlich göttlicher Natur ist. Diese Überzeugung bildet seit fast 2000 Jahren die Grundlage der äthiopischen Kultur und des daraus abgeleiteten Staates, dessen Menschen stolz darauf sind, dass ihr Land als einziges in Afrika nie eine Kolonie gewesen ist.

Die Kulturschätze, die man während einer Rundreise durch den Norden Äthiopiens bestaunen kann, sind die direkte Folge dieser tiefen Überzeugungen und Traditionen. Auch wir machen etwa in Lalibela in der Provinz Wollo Station, in der man die in den Fels gehauenen Kirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert bestaunen kann. Ihren Namen verdankt die Bergstadt dem König Lalibela, der hier nichts weniger als ein "Neues Jerusalem" errichten wollte. Zwei Halbtage lang erkunden wir dieses steinerne Labyrinth aus Höhlen, Gängen und Hallen, in denen sich Licht und Schatten miteinander verschworen haben, um die Besucher einzuschüchtern und ihre Sinne zu verwirren. 

In den Kirchen präsentieren die Priester riesige Kreuze, mit denen sie Gläubige segnen. Immer wieder drängen sich Kinder und Neugierige an die Besucher aus dem fernen Europa heran. Ohne einheimischen Führer geht hier gar nichts, ja es muss sogar ein eigener Schuhträger angemietet werden, der unsere Sandalen bewacht, während wir in Socken durch die finsteren Basiliken streifen.

Bei Tageslicht unterscheidet sich Lalibela nicht von unzähligen anderen Kleinstädten in Äthiopien oder dem Afrika südlich der Sahara, in die auch Touristen kommen: saubere Hotels mit Internet-Verbindung in die Heimat, gemütliche Cafés und Biergärten und eine große Schar von unermüdlichen Begleitern, die man einfach nicht los wird, weil sie plaudern, verkaufen oder beides wollen. Auf einer staubigen Piste fahren wir hinaus in dieses steinerne, durstige Land. Die letzten Regenzeiten sind ausgefallen und damit auch die Ernten. In einem Dorf kommen wir an einem Lager vorbei. Die Vereinten Nationen sind hier, auch die eu und die Amerikaner. Lebensmittel werden mit Unterstützung der Regierung verteilt. Hier sind sie plötzlich verschwunden, die Sagen und Legenden. Willkommen in der Wirklichkeit: Bis zu 20 Millionen Äthiopier sind aufgrund der Dürre von Hilfslieferungen abhängig. Alles hofft, dass die nächste Regenzeit diesen Sommer Erleichterung bringt.

Der Blaue Nil

Die großen Fragezeichen über der Zukunft Äthiopiens sind ständige Begleiter auf dieser Reise, auch auf der klassischen touristischen Route vom Tanasee, der Quelle des Blauen Nil, über die alte Königsstadt Gondar und die Simien-Berge hinauf in die Provinz Tigray und in die "Heilige Stadt" Axum. Wie viel Tourismus verträgt ein Entwicklungsland? Helfen wir als Reisende? Oder sind wir eine zusätzliche Belastung? Und wie geht es mit dem eigentlich seit einigen Jahren eingefrorenen Krieg mit Eritrea weiter? Dieser hat in jüngster Zeit wieder zu lokalen Kämpfen weit abseits der Touristenrouten geführt.
 
Mit einem kleinen Motorboot fahren wir von der Stadt Bahir Dar hinaus auf den dunstigen Tana-See, hinüber zur Halbinsel Zeghie. Die Gemäuer der Klosterkirche sind übersät mit lebendig-bunten Malereien. Sie zeigen biblische Szenen, aber auch einen Menschenfresser, der ein männliches Glied verzehrt, und einen Priester mit einem Stab, aus dem Kaffee sprießt. Gerne unterbricht man hier den Gottesdienst, damit die unerwarteten Besucher in Ruhe alles besichtigen können: Die Messe dauert ohnehin noch die ganze Nacht. So lange können wir freilich nicht bleiben. Später gehen wir hinüber zu den Marktständen, kaufen wild gewachsenen Kaffee.  
  
Zahlreiche Quellflüsse speisen den Tanasee, der in den Blauen Nil abfließt. Von einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt Bahir Dar kann man einen Blick auf den legendären Fluss werfen. Unglaublich. 

Der weg nach Gondar führt durch ein fruchtbares, feuchtes Hochland, auf dem Getreide und Kath, die Alltags-Droge mit belebender Wirkung, wächst. Die freundliche Stadt bietet mit dem Königspalast und der mit einzigartig eindrucksvollen Malereien ausgestatteten Dreifaltigkeitskirche Debre Berhan Selassie zwei Top-Sehenswürdigkeiten. Unter anderem als Malereien zu sehen: Christi Höllenfahrt (Rettung von Adam und Eva) und Mohammed, der Maria zu Füßen liegt. 

Jenseits der Stadt schraubt sich die Straße vorbei an den verbliebenen Dörfern der Falasha, Äthiopiern jüdischen Glaubens, immer höher hinauf Richtung Simien-Berge. 2.500 Meter über dem Meer liegt das Hochland im Schnitt. Jetzt geht es noch höher hinauf, der Gipfel des Ras Dashen liegt auf 4.550 Meter. Im Nationalpark leben Paviane, die man fotografieren kann. Sonst sieht man keine großen Tiere während dieser Reise. 

Die Landschaft ist gewaltig, einschüchternd. Immer neue Tafelberg-Ketten schieben sich auf der Route durch die Tekeze-Schlucht in den stahlblauen Himmel, als wären sie Kulissen für ein neues Fantasy-Epos. 

Man wünscht sich so sehr, dass es regnet. Dass dieses durstige Land erlöst wird und wieder zu blühen beginnt. Doch vom wolkenlosen Himmel starrt nur eine erbarmungslose Sonne herab, die kein Mitleid mit den Menschen kennt. Erschöpft kommen wir in Axum an. Die Grenze zu Eritrea, das sich in einem blutigen Krieg von Äthiopien abgespalten hat, ist ganz nahe. Derzeit herrscht Ruhe, auch hier gibt es keine Gefahren für Touristen. Ein sauberes Hotel, Internet, in der Lobby schauen sich Touristen und Einheimische ein Live-Fußballspiel aus England an.

In der "Heiligen Stadt"

Am nächsten Tag fahren wir eine schattige Allee entlang hinüber zur Ausgrabungsstätte. Axum ist die Wiege der äthiopischen Zivilisation. Schon vor der Zeitenwende existierte hier eine Hochkultur wie in Ägypten, Griechenland oder Mesopotamien. Ihren Reichtum verdankten die Bewohner von Axum der Lage ihrer Stadt am Schnittpunkt der Handelswege zwischen Afrika, Arabien und Ägypten. Die gigantischen Steinstelen, welche die Axumiter errichteten und deren Besuch einen der Höhepunkte jeder Reise durch den Norden Äthiopiens bildet, können in ihrer Bedeutung durchaus etwa mit den Pyramiden Ägyptens mithalten. Wir spazieren durch den Stelenpark und besuchen ein kleines angeschlossenes Museum. Am 1. März 1896 besiegten unweit von Axum die Truppen des äthiopischen Königs Menelik II. ein italienisches Expeditionsheer: der entscheidende Sieg über die Eroberer. 

Bibel-Kunst Roland Fibich/auto touring 1
Kulturelles Zentrum Roland Fibich/auto touring 2
Pilgerreise Roland Fibich/auto touring 3

1 In der neuen Kathedrale der "Heiligen Stadt" Axum präsentieren Kirchendiener eine der kostbaren Bibeln. © Roland Fibich/auto touring

2 Axum ist Ausgangspunkt der ersten äthiopischen Hochkultur und bis heute bedeutendes, religiöses Zentrum des Landes © Roland Fibich/auto touring

3 Junge Frauen singen vor der neuen Kathedrale von Axum.  © Roland Fibich/auto touring

Einer der größten Äthiopier

Am nächsten Tag fliegen wir zurück nach Addis Abeba, der letzten Station unserer Reise. In der gigantischen Metropole, Hauptstadt der Afrikanischen Union, zeigen sich die Herausforderungen des Landes und des Kontinents in besonders krasser Weise. Hier protzender Luxus, dort bittere Armut. In schicken Bars feiert eine wachsende äthiopische Mittelschicht sich selbst, während draußen die Kinder betteln.

In "Addis" haben wir noch ein letztes, besonderes Ziel. Inmitten eines stark frequentierten Kreisverkehrs steht ein riesiges, eher hässliches Metalltor. Das Denkmal hier zeigt Oberkörper und Kopf eines Mannes, der beide Arme helfend ausstreckt. "Karl Square" liest man darunter. Und einen Text in amharischer und englischer Sprache: gewidmet einem Mann für seine herausragende humanitäre Hilfe für die Menschen Äthiopiens.

Das Monument für den vor fast genau zwei Jahren verstorbenen Karlheinz Böhm, der mit seiner Initiative "Menschen für Menschen" nicht nur unzähligen Äthiopiern buchstäblich das Leben gerettet hat, sondern auch das Bild Österreichs und seiner Bewohner in diesem Land geprägt hat, ist vielleicht eine Antwort auf die vielen Fragen, die sich vor, während und nach einer Reise in dieses wunderbare und doch so arme Land stellen. Wie soll man alle diese Probleme Äthiopiens und Afrikas jemals lösen? Wie kann man die Welt gerechter machen? Wie soll es weitergehen im ungleichen Handel zwischen Europa und Afrika? Warum schaffen es viele Länder nicht, sich aus dem Würgegriff der Korruption und der Armut zu befreien? Hilft es, wenn man als Tourist in ein so armes Land reist, aus dem viele Menschen nach Europa flüchten?

Die Antwort könnte sein: Jeder tut, was er kann. Manche tun – wie Karlheinz Böhm – mehr, manche weniger. Aber entscheidend ist: Jeder auch noch so kleine Handgriff, jeder gespendete Euro, jede Initiative für Aufklärung und mehr Gerechtigkeit, ja auch jedes aufmunternde Wort, jedes Lächeln zählt. Natürlich auch hier bei uns, aber auch während einer Reise in jenes wundersame, ferne Land an den Quellen des Nil.

Aethiopien_2016_05_FIB_099_CMS.jpg Roland Fibich/auto touring © Roland Fibich/auto touring
Das Denkmal für Karlheinz Böhm in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

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