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Verkehrsplanung – wie geht das eigentlich?

Neun Fragen an Matthias Nagler – und warum ein "Miteinander" im Verkehr kein Mythos ist.

Mobilität

Mobilitätswandel, Multimodalität, steigende Anforderungen an den öffentlichen Raum – Verkehrsplanung ist heute komplexer denn je. Es ist alles einfach ein bisschen komplizierter geworden, mehr geworden, anders geworden. Mehr Menschen, mehr Wege, mehr Ansprüche. Gleichzeitig entstehen dort, wo Herausforderungen wachsen, auch neue Chancen.

Mit Konzepten wie "Gemeinsam mehr bewegen" oder konkreten Vorschlägen wie "Platz für alle am Ring" bringt sich der ÖAMTC mit innovativen Ideen in die heimische Verkehrsplanung ein. Im Kern geht es dabei immer um dasselbe Ziel: ein sicheres Miteinander aller Verkehrsteilnehmer:innen. Es geht um ein "Und" statt einem "Oder". Denn nur so kommen wir am Ende alle weiter.

Wir haben bei Matthias Nagler nachgefragt, wie Verkehrsplanung heute funktioniert – und wohin die Reise geht.

Verkehrsexperte Matthias Nagler steht vor einem Fenster und hält eine Karte in der Hand.
ÖAMTC-Experte Matthias Nagler beschäftigt sich intensiv mit Verkehrsplanung. © Sebastian Weissinger

Welche Herausforderungen gibt es heute, wenn man den öffentlichen Raum (um-)gestaltet?

Die Interessen sind vielfältiger geworden: unterschiedliche Mobilitätsformen, unterschiedliche Bedürfnisse. Diese unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach, vor allem in Städten, wo der Platz begrenzt ist. Die Herausforderung besteht darin, den vorhandenen Raum so zu nutzen, dass möglichst viele davon profitieren – und das auch sicher. Schwieriger wird es immer dann, wenn unterschiedliche Interessen direkt aufeinanderprallen. Dann braucht es tragfähige Kompromisse.

Stadt versus Land: Wo liegen die wichtigsten Unterschiede?

In der Stadt müssen viele Menschen gleichzeitig an unterschiedlichste Ziele gelangen – und das den ganzen Tag über. Der Platz ist begrenzt und vorhandene Engstellen im Verkehrssystem lassen sich oft nicht beseitigen. Am Land ist die Situation anders. Die Bevölkerung ist über eine weite Fläche verteilt. Hier geht es vor allem darum, Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Vor allem beim Ausbau der Öffentlichen Verkehrsmittel gibt es am Land noch sehr viel zu tun. Um verlässlich und zeiteffizient von A nach B zu kommen, bleibt am Land daher das Auto weiterhin das erste (Verkehrs-)Mittel der Wahl.

Was bedeuten steigende Bevölkerungszahlen für die Planung?

Mit mehr Menschen in Ballungsräumen und Stadterweiterungsgebieten steigt auch der Mobilitätsbedarf – und zwar nicht nur für Arbeits-, sondern vor allem für Freizeitwege. Straßeninfrastruktur und Öffis stoßen immer wieder an ihre Grenzen. Sowohl verkehrsplanerisch als auch bei Umsetzung oder Finanzierung hinkt man da immer nach.

Die gute Nachricht ist allerdings: Es braucht nicht immer ein mehr an Fahrspuren oder Geleisen. Oft geht es darum, vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen – etwa durch intelligente Ampelschaltungen oder effizientere Signalsysteme im Bahnverkehr. Im ländlichen Raum verhält es sich hingegen genau umgekehrt: Hier braucht es flexible Lösungen, damit sich die Verkehrsinfrastruktur auch bei geringerer Nutzung weiterhin auszahlt – zum Beispiel "On-Demand-Systeme".

Ein Radfahrer fährt rechts auf einem Klapprad auf der Straße und wird gerade von einem weißen Auto links überholt.
Gefährliche Situationen sind vorprogrammiert, wenn Verkehrsplanung zu kurz gedacht wird. © iStock
Bus bei der Haltestelle Mittelbelberg Wendestelle
Am Land muss Mobilität völlig anders gedacht werden. © ÖAMTC
Der öffentliche Verkehr muss immer mitgedacht werden. © Manfred Helmer

Warum muss man Verkehrsplanung heute anders denken als noch vor Jahrzehnten?

Weil die Anforderungen massiv gestiegen sind: Persönliche Mobilitätsbedürfnisse, Klimaschutz, Energieeffizienz, Sicherheit – all das spielt heute eine viel größere Rolle. Auch müssen wir zunehmend erkennen, dass Ressourcen nicht endlos zur Verfügung stehen und dass wir sie daher effizienter nutzen müssen. Um unsere hohe Lebensqualität zu sichern, braucht es kluge Lösungen, Neue Technologien können uns dabei behilflich sein. Wir dürfen jedoch nie vergessen, dass individuelle Mobilität für die meisten Menschen ein wesentlicher Teil ihrer Lebensqualität ist.

Worauf kommt es in der Verkehrsplanung für morgen an?

Auf Pragmatismus und Technologieoffenheit. Mit Symbolpolitik werden wir die Herausforderungen der Zukunft jedenfalls nicht lösen können. Was zählt sind sinnvolle Kompromisslösungen, auf die sich alle einlassen können.

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Der ÖAMTC hat für viele Plätze und Straßen Wiens individuelle Verkehrskonzepte entwickelt. © ZOOMVP.at

Ist "Platz für alle" in der Stadt nicht reines Wunschdenken?

Nein – das geht tatsächlich öfter, als viele vielleicht denken. Voraussetzung ist allerdings, dass man den gesamten Straßenquerschnitt – also von Hauswand zu Hauswand – in die Verkehrsplanung miteinbezieht. Dieses Prinzip ist in den Niederlanden Standard und könnte auch in Österreich viel bewirken. Anders gesagt heißt das: Wer versucht, einzelne Elemente wie zum Beispiel neue Radwege in bestehende Strukturen zu zwängen, ohne das Gesamtsystem anzupassen, schafft meist neue Probleme. Autofahrer:innen oder Fußgänger:innen haben danach weniger Platz und für Radfahrende gibt es trotzdem keine gute und sichere Lösung. Und genau hier kann ein ganzheitlicher Blick auf die Situation helfen und zu sinnvolleren Lösungen führen. Hauptradrouten müssen nicht zwingend entlang von Hauptstraßen verlaufen. Verlagert man sie beispielsweise in Parallelstraßen, sind sie oft viel einfacher, schneller und noch dazu verkehrssicherer umsetzbar.

Aus der Betrachtung des „Bigger Picture“ ergeben sich meist viel sinnvollere Lösungen.
Matthias Nagler, ÖAMTC-Verkehrsexperte

Welche Rolle spielt E-Mobilität in der Verkehrsplanung von morgen?

Zumindest in absehbarer Zukunft eine zentrale. Vor allem in Städten fehlt vielen Menschen eine private Lademöglichkeit. Daher ist der Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur ein wesentlicher Faktor für eine zukunftsfitte Verkehrsplanung. Und gerade beim öffentlichen Laden ist auch noch viel Luft nach oben: Grundlegende Dinge wie Roaming oder Ladetarife müssen vereinfacht werden.

Welche Innovationen könnten in Österreich bald Realität werden?

Intelligente Verkehrssysteme – also die Vernetzung von Verkehrsmitteln bzw. Fahrzeugen und Infrastruktur – bieten enormes Potenzial, um die Effizienz im Straßenverkehr weiter zu steigern. Echtzeitüberwachung und smarte Verkehrssteuerung verringern Staus, optimieren den Verkehrsfluss und reduzieren so auch Emissionen. Auch in der V2X Kommunikation (Fahrzeuge kommunizieren mit Ampeln oder Schilderbrücken) liegen diesbezüglich noch viele Möglichkeiten und Chancen.

Welchen Beitrag wird KI in der Verkehrsplanung leisten?

Ampeln, die – ganz ohne Knopfdruck – erkennen, ob jemand die Straße überqueren möchte, gibt es bereits heute. Meiner Meinung nach wird Künstliche Intelligenz der Verkehrsplanung vor allem in einer Sache eine große Hilfe sein: Daten besser erheben und analysieren. Das wird einerseits die Planbarkeit und Ausrichtung von Infrastruktur und andererseits auch die Erhebung von Echtzeitdaten über das aktuelle Verkehrsgeschehen erleichtern.

Danke für die spannenden Ausführungen, lieber Matthias.

Das Bild ist ein Portraitfoto der Autorin

Autorin

Emily Burian ist seit November 2021 im Team der Öffentlichkeitsarbeit beim ÖAMTC tätig. Reden, schreiben, lesen – das macht sie nicht nur beruflich sehr gerne, sondern auch in ihrer Freizeit. Und weil sie Langeweile als eher fad empfindet, geht sie möglichst oft auf Reisen, lernt andere Sprachen und liebt es, Neues zu entdecken – bestenfalls gemeinsam mit Family und Freunden.

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