Im Vorjahr stoppte er während eines Enduro-Rennens bei einem gestürzten Fahrer. Jan Wunderlich, damals 20 Jahre alt, blieb beim Verletzten, leistete Erste Hilfe und organisierte die Rettungskette. Für seinen selbstlosen Einsatz erhielt er von der Austria Motorsport den AMF-Ehrenpreis für "Fairness und Zivilcourage". Was ist passiert? Wer ist der Mensch, der Menschlichkeit über sportlichen Erfolg stellt? Was bedeutet der Preis für ihn? Und was sind seine Zukunftspläne und Visionen? Für ein Interview kam der junge Motorsportler ins ÖAMTC-Mobilitätszentrum nach Wien, wo auch die Austria Motorsport (AMF) ihr Zuhause hat.

Ich hab ihn liegen gesehen, bin sofort stehen geblieben. Da denkt man nicht nach
Was ist da genau passiert im Vorjahr?
Wir sind beim Rennen gestartet. Ich bin nicht so gut weggekommen, war so um den 7. Platz. Der David war vor mir. In einer leichten Linkskurve gleich in der ersten Runde hab' ich ihn dann plötzlich gesehen, bin stehen geblieben und sofort die Böschung runter, wo er gelegen ist. Dann war klar, dass er schwer verletzt ist. Also hab' ich zuerst Erste Hilfe geleistet, dann einen Streckenposten gesucht. Insgesamt hat's eine Stunde gebraucht, bis wir ihn runtertragen konnten, dorthin, wo der Hubschrauber gelandet ist. Nachher bin ich ins Fahrerlager – da hat bis dahin niemand gewusst, was los ist. Das Rennen, das normalerweise zwei Stunden dauert, war eigentlich gelaufen für mich. Ich bin dann aber noch ein paar Runden gefahren, das war gut so.
Wie läuft das ab im Kopf? Entscheidet man sich zwischen Rennen und Helfen?
Da denkt man nicht nach. Ich bin stehengeblieben, und dann war sofort klar, ich muss bei ihm bleiben, helfen und Hilfe organisieren. In so einem Moment denke ich nicht an Punkte und Wertungen. Auch im Nachhinein bin ich überzeugt: das war richtig. Ich würde wieder so handeln.
Bei Erster Hilfe kann man nichts falsch machen – außer nichts tun
Wie und wo lernt man das – die Erste Hilfe, die richtige Reaktion?
Erste Hilfe hab' ich beim Führerschein gelernt, und vor kurzem über die Arbeit einen Kurs gemacht. Eigentlich rechnet man nicht damit, dass man's braucht. Aber ich hab' mich erinnert: Man kann nur eines falsch machen – nämlich nichts tun. Dass ich in der Situation so reagiert habe, also stehen geblieben bin, auf sowas kannst du dich nicht wirklich vorbereiten. Vielleicht habe ich da aber viel von meiner Mama gelernt – sie ist Krankenschwester. Da gehört das dazu.
Was sind denn deine Stärken und Schwächen? Und was würden andere über dich sagen?
Meine Stärken? Ich bin ehrgeizig, und ich bin mental stark. Aufgeben ist kein Ziel. Es gibt immer Wege und Lösungen. Und wenn wer sagt, das schaffst du nicht, dann muss ich's erst recht probieren. Meine Freundin sagt, ich bin zu furchtlos, hab keine Angst. Das kann Stärke und Schwäche sein, so wie mein Sturkopf.
Und ich bin sehr hilfsbereit, sagen alle. Das stimmt sicher so. Wenn wer was braucht, bin ich da.
Wer sind die Schlüsselpersonen in deinem Leben?
Die wichtigsten Menschen für mich sind meine Eltern, meine Freundin, mein Team. Mein Vater war früher selbst Motorradfahrer. Er hat mir von klein auf das Motorradfahren ermöglicht. Insgesamt stehen beide Eltern bei meinen Hobbys immer hinter mir. Und dann natürlich meine Freundin. Und schließlich gehört auch ein super Team dazu. Ohne meinen Hauptsponsor DM Racing könnte ich mir den Motorradsport nicht leisten.
Im Motorsport sind meine Vorbilder Billy Bolt und natürlich Matthias Walkner – was er erreicht hat, das ist schon grandios.



Der AMF-Ehrenpreis für Fairness und Zivilcourage ist der schönste Erfolg in meiner Karriere
Was bedeutet die Auszeichnung der AMF für dich?
Das war eine superschöne Überraschung, als ich im Dezember den Anruf bekommen habe, dass ich mit dem AMF-Ehrenpreis für Fairness und Zivilcourage ausgezeichnet werde. Bei der Ehrung am Red Bull Ring musste ich sogar allein raus auf die Bühne. Das war mir fast unangenehm. Insgesamt ist der Preis für mich der größte und schönste Erfolg in meiner Karriere. Der Pokal steht bei mir bei der Couch, dort, wo ich ihn immer seh'. Auch die Reaktion von allen Leuten war super – mich haben viele darauf angeredet, im Ort, überall. Jeder hat das nur positiv gesehen.

Im Vorjahr ist sich der Titel nicht ausgegangen. Ist da Wehmut?
Nach dem letzten Rennen war ich schon enttäuscht. Der Staatsmeister ist sich im Vorjahr um ein paar Punkte nicht ausgegangen. Für mich war Vizestaatsmeister immer der erste Verlierer. Aber das ist so, das ist Motorsport – da war der Anton halt supergut (Anm. der Redaktion: Anton Vötsch ist der österreichische Enduro-Junioren-Staatsmeister 2025). Das entscheidet sich ja nicht in einem Rennen, da musst du schon eine ganz Saison lang performen. Und das hat er gemacht. Er hat sich den Titel voll verdient.
Welchen Stellenwert hat der Motorradsport in deinem Leben?
Der Motorradsport ist meine große Leidenschaft – mein Kindheitstraum war immer, ein Testfahrer sein. Aber dann hab ich sehr schnell kapiert, als Motorradfahrer werd' ich in Österreich nicht viel verdienen. Und auch meine Pension muss ich mir selber einzahlen. Ich habe dann Maschinenbautechniker gelernt und arbeite jetzt Vollzeit bei den Wasserwerken. Was ich verdiene, geht für den Motorsport drauf.
Was mir immer wichtig war und ist im Leben: G'sund bleiben, Spaß haben an dem, was ich mach'. Das heißt: Motorsport mach' ich, solang's mir Spaß macht. Und das tut's noch.
Deine größten Erfolge sind …?
Der AMF-Ehrenpreis Fairness und Zivilcourage 2025, der Vizestaatsmeistertitel Enduro Junioren 2025, Vizestaatsmeister Enduro Jugend 2021.
Was sind die konkreten Pläne für die Saison 2026?
Hoffentlich der Staatsmeistertitel! Und: G'sund bleiben.
Und wenn die Fee kommt und du hast einen Wunsch frei – was wäre das?
Ein Platz als Testfahrer. Ich würde das sofort machen! Natürlich auch alles prüfen, wie bin ich abgesichert und so. Aber wenn alles passt und sich die Möglichkeit ergibt: Ja, sofort, unbedingt!
Mitte April startet Jan Wunderlich in die neue Saison. Wir wünschen ihm alles Gute, Gesundheit, viel Spaß und Erfolg!
Jan Wunderlich – Profil
Name: Jan Wunderlich
Alter: 21 Jahre
Wohnort: Trofaiach in der Steiermark
Hobbys: Endurofahren. Und wenn Zeit bleibt: Früher viel Handball, Judo, Tennis, jetzt mehr Ausdauersport (Laufen, Rennrad, Mountainbiken), Skifahren, seit heuer auch Kraftsport
Beruf: Maschinenbautechniker / Wasserwerke Trofaiach
Instagram: wunderlichjan215
Facebook: Jan Wunderlich
Teamname: DM Racing Team
