Was macht ein Lebensnetz aus?
Ohne diese Verbindungen funktioniert unsere Stadt nicht: Eine sinnvolle Verkehrspolitik stellt die Basisstrukturen der Verkehrsinfrastruktur außer Streit. Eine funktionstüchtige, lebenswerte Stadt braucht klar definierte Lebensadern.
Eine definierte Gebietseinheit – bspw. eine Stadt oder ein Bezirk – kann nicht isoliert betrachtet werden. Ebenso ist es nicht zielführend, dass diese Einheit eigenmächtige Entscheidungen trifft ohne Rücksicht auf die umliegenden Bereiche und die dort eintretenden Auswirkungen. Verkehrspolitik kann nur sinnvoll und effizient erfolgen, wenn gemeinsam an einem übergeordneten Ziel gearbeitet wird. Verkehrspolitische Entscheidungsträger:innen agieren häufig ausschließlich im Interesse der eigenen Wähler:innenschaft. Das führt dazu, dass übergeordnete Ziele oftmals nicht die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung abdecken und dadurch die Umsetzung auf lokaler Ebene nicht mit diesen Zielen einhergeht.
Dazu bedarf es eines klaren Gesamtkonzepts. Es sollten Lebensnetze für die drei wichtigsten Verkehrsmittel – Öffentlicher Verkehr (ÖV), Fahrrad und Motorisierter Individualverkehr (MIV) – festgelegt werden, welche mit ihren Hauptachsen auch ins Wiener Umland reichen.
Lebensnetze der Mobilität
Das Lebensnetz des Straßenverkehrs
Menschen sollen nicht auf das Auto angewiesen sein, aber die Möglichkeit haben, es zu nutzen. So gelingt eine effiziente Abwicklung des motorisierten Verkehrs, wo er Sinn macht.
Eine sinnvolle Verkehrspolitik stellt die Basisstrukturen der Verkehrsinfrastruktur außer Streit. Eine funktionstüchtige, lebenswerte Stadt braucht klar definierte Lebensadern, auf denen der motorisierte Verkehr weitestgehend ungehindert fließen kann. Dazu bedarf es eines klaren Gesamtkonzeptes, in dem ein „Lebensnetz“ für den Kfz-Verkehr festgelegt wird, das mit seinen Hauptachsen auch ins Wiener Umland reicht. Weil dieses „Lebensnetz“ den Verkehr besser sammelt und durch die Stadt leitet, werden Pendlerströme damit gebündelt.
Was „Lebensnetz“-Straßen ausmacht:
- Bedeutung als Ein- und Ausfahrtsstraßen (direkte Verbindung, Zubringer zu hochrangigen Verkehrsachsen)
- Bedeutung als innerstädtische, tangentiale Verbindungsachsen (lokale oder bezirksübergreifende Straßen, die den Kfz-Verkehr bündeln)
- Zulässige Höchstgeschwindigkeit in der Regel ≥ 50 km/h
- Ausreichende (Reserve-)Kapazitäten für einen fließenden Verkehr (auf Basis der aktuellen bzw. zu erwartenden Verkehrsstärken)
Verkehrsberuhigende Maßnahmen, wie etwa Begegnungszonen, Wohnstraßen oder Fußgängerzonen, können im sonstigen Straßennetz gesetzt werden. Politische Entscheidungsträger: innen sollten dabei aber stets existierende verkehrstechnische Richtlinien und Vorschriften (RVS) im Auge behalten. Eine eingehende Prüfung, die immer auch die Auswirkungen auf den regionalen und umliegenden Verkehr berücksichtigt, ist notwendig.
Nordostumfahrung
Der Lobautunnel und die damit in Verbindung stehende Stadtstraße stellt das wichtigste Straßenbauprojekt der Ostregion dar. Prognosen gehen davon aus, dass die Donaustadt und die Umlandgemeinden im Jahr 2043 auf über 400.000 Einwohner:innen anwachsen werden. Der Lobautunnel ist ein wichtiger Lückenschluss im Regionenring und essenziell für die Verlagerung des Verkehrs.
E-Mobilität
E-Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil des motorisierten Verkehrs der Zukunft. Doch gerade in der Stadt hat nicht jeder die Möglichkeit, im privaten Bereich Strom zu tanken. Eine öffentlich zugängliche und gut ausgebaute Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge ist eine wichtige Grundlage, um die E-Mobilität in dicht bebauten Ballungsräumen zu fördern.
Smart City
Durch ein intelligentes Verkehrsmanagement können der MIV umweltschonender organisiert und die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter genutzt werden. Monitoring in Echtzeit, vorausschauende Analysen und damit einhergehend eine intelligente Ampelschaltung sind der Weg zur Smart City und kommen allen Verkehrsteilnehmenden zugute. So kann auch die Regeltreue erhöht werden.
Lebensnetz Öffentlicher Verkehr
Mobilitäts- und Stadtplanung müssen Hand in Hand gehen – über Landesgrenzen hinweg: Dazu zählen der Ausbau des U-Bahn- und S-Bahn-Netzes, ebenso wie der Ausbau von P&R- und B&R-Anlagen sowie von intermodalen Schnittstellen.
Wien verfügt über ein ausgedehntes öffentliches Verkehrsnetz, das allerdings nach wie vor relevante Lücken aufweist – und an Kapazitätslimits stößt. Es braucht noch mehr attraktive Angebote, um den Umstieg vom eigenen Pkw auf den öffentlichen Verkehr zu erleichtern. Drei Viertel der mehr als 600.000 Pendler:innen und Besucher:innen, die nach Wien kommen, nutzen den Pkw. Sowohl im südlichen als auch im nördlichen Umland gibt es mit Blick auf Modal Split und P&R-Kapazitäten erheblichen Handlungsbedarf. Wichtige Stadtentwicklungsgebiete und Baulandreserven brauchen außerdem attraktive öffentliche Anbindungen.
Was ausgebaut werden muss
- Die Durchbindung der Franz-Josefs-Bahn (1) von Heiligenstadt über Handelskai bis zum Flughafen bringt der gesamten Ostregion neue Schnellverbindungen ohne Umsteigen.
- S-Bahn: Die Schaffung eines S-Bahn-Rings (2) entlastet die bestehende Stammstrecke (Bahnhof Wien-Meidling bis Bahnhof Wien-Floridsdorf).
- U-Bahn: Die Verlängerung von bestehenden U-Bahnlinien (3) soll innerstädtische Ausbauten sowie Verlängerungen an den Stadtrand umfassen (inkl. P&R- und B&R-Anlagen).
- Lokalbahnen nach Schwechat (4), Groß-Enzersdorf (5), Kaltenleutgeben (6), Stammersdorf und Seyring (7) überwinden die Stadtgrenze auf lokaler Ebene.
- Park&Ride: Neben den Gratis-Pkw-Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen im Umland braucht Wien auch (kostenpflichtige) P&R-Anlagen an Haupteinfallsrouten. Mit rund 20.000 zusätzlichen P&R-Stellplätzen können für rund 15 Prozent aller Pkw-Pendler:innen Abstellmöglichkeiten angeboten werden. An neuen U-Bahn-Endpunkten sowie an bestehenden Bahnlinien sollten daher P&R-Anlagen inklusive sicherer Radabstellmöglichkeiten mit guter Anbindung an das hochrangige Straßennetz errichtet werden. Zur Finanzierung sollten auch Mittel aus der Parkraumbewirtschaftung herangezogen werden.
- Bike&Ride: Zusätzlich müssen an intermodalen Schnittstellen Bike&Ride-Abstellplätze geschaffen werden. Gerade am Stadtrand besteht hohes Potenzial, Pendler:innen ressourcenschonend per Fahrrad zum öffentlichen Verkehr zu führen.
- Querverbindungen: Angesichts des Wachstums von Floridsdorf und der Donaustadt ist eine leistungsfähige Querverbindung (8) innerhalb der Bezirksteile bzw. von Randlagen in die Bezirkszentren notwendig. Eine weitere Querverbindung ist im Bereich des Wienerbergs (9) erforderlich („Wienerbergtangente“).
Wie Innovationen die Öffis für alle praktischer machen
Spontan einsteigen und einfach bezahlen können, wäre für viele Gelegenheitsnutzer:innen ein Anreiz, um das Auto stehenzulassen. So wie in anderen Großstädten soll es auch in Wien möglich sein, mit Kreditkarte oder Mobile Payment beim Einsteigen in Bus und Bahn bezahlen zu können. Eine Fahrpreisdeckelung verwandelt die Einzelfahrten ab einer bestimmten Anzahl automatisch in ein Tagesticket oder andere Pauschaltarife um, sodass die Nutzung von Öffis unkompliziert möglich ist.
Der Radverkehr im Lebensnetz
Was es für einen attraktiven und sicheren Radverkehr braucht
Das Fahrrad ist zusammen mit anderen Verkehrsmitteln ein wichtiger Bestandteil der städtischen Mobilität. Neben dem Ausbau lokaler Infrastrukturen muss der Fokus auch auf eine zusammenhängende Radinfrastruktur gelegt werden. Radschnellwege stellen dabei bedarfsorientierte und über die Stadtgrenze hinausgehende Konzepte dar. Sie bieten ein großes Potenzial, um noch mehr Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen. Zudem sind Radschnellwege attraktive Verbindungen im städtischen Umland sowie auch für stadtdurchquerende Routen.
Was schlägt der ÖAMTC vor?
Das ÖAMTC-Radverkehrslebensnetz umfasst 20 Korridore. Die Korridore führen ins Umland oder werten auch innerstädtische (Quer-)Verbindungen auf. Das Lebensnetz zeigt leistungsfähige Routen für den gebündelten, schnellen Verkehr per Rad und E-Bike auf. Es ist auch im dicht bebauten städtischen Gebiet möglich, durch kreative Gestaltungsideen Infrastrukturen für alle Verkehrsteilnehmer:innen zu schaffen – müssen Stellplätze für Planungen weichen, ist Ersatz mitzuplanen. Die Ziele des Fahrrad-Lebensnetzes sind dabei:
- Klar definierte Korridore und Verbindungen auf baulich getrennten Radwegen
- Im engmaschigen Erschließungsnetz kann der Radverkehr im Mischverkehr geführt werden.
- Fahrgeschwindigkeiten bis 25 km/h sollen gefahrlos erreicht werden können.
- Erreichbarkeit von qualitativ hochwertigen Radwegverbindungen innerhalb von 1.000 m.
Sicheres Abstellen und Service-Standorte
Sichere Abstellmöglichkeiten und gut erreichbare Servicestandorte sind essenziell für eine fahrradfreundliche Infrastruktur. Versperrbare Stellplätze oder überwachte Abstellbereiche erhöhen die Sicherheit und damit zugleich die Nutzung des Fahrrades. Service-Standorte unterstützen bei Wartung sowie kleineren Reparaturen im Alltag. Dadurch wird das Radfahren nicht nur komfortabler, sondern auch langfristig attraktiver für alle Nutzer:innen.
E-Mobilität
E-Bikes bieten eine bequeme und umweltfreundliche Möglichkeit, auch längere Strecken und Steigungen mühelos zu bewältigen. Damit die Nutzung von E-Bikes im Alltag noch einfacher wird, ist eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur unerlässlich. Da viele Menschen in der Stadt keine privaten Lademöglichkeiten haben, sollten an Mobilitätshubs und anderen gut erreichbaren Orten Ladesäulen für E-Bikes installiert werden. So kann die Nutzung von E-Bikes zu einer nachhaltigen urbanen Mobilität beitragen.
Sicherheit für Radfahrende
An Kreuzungen sollen klare und gut sichtbare Führungen von Radwegen vorhanden sein, um eine einfache Orientierung zu gewährleisten. Geradlinige Radwege ohne Hindernisse und gesonderte Ampelphasen für Radfahrende bieten zusätzlichen Schutz vor abbiegenden Kfz und erhöhen so die Sicherheit. Zudem fördert eine selbsterklärende Verkehrsführung das Vertrauen der Radfahrenden in die Verkehrsinfrastruktur und so erhöht sie auch die Regeltreue.