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Herzstillstand

Am Notfallort ankommen, den Patienten versorgen und im Krankenhaus abliefern - so stellt man sich den typischen Einsatz vor. Doch nicht immer läuft es wie im Lehrbuch.

Christophorus 4 - Besuch am Stützpunkt © ÖAMTC / C4
Christophorus 4 - Besuch am Stützpunkt  -  Dream Team.
Ohne das beherzte Eingreifen seiner Frau Astrid hätte Josef Mersche nicht überlebt. © ÖAMTC / C4

Als Christophorus 4 an einem nasskalten Tag im November 2017 zu einer Reanimation alarmiert wird, klingt zunächst alles nach Routine. Doch schon vor der Landung lässt sich erahnen, dass es diesmal Schwerstarbeit werden könnte. 

Erfolgreiche Reanimation auf einer Forststraße trotz schwieriger Bedingungen

Spaziergang. 

Astrid und Josef Mersche lassen sich von ein bisschen Schneefall nicht von ihrer täglichen Bewegung im Freien abhalten. Das Ehepaar betreibt in Wien ein Autohaus und verbringt immer wieder ein paar freie Tage in der Nähe von Kirchberg in Tirol. Dort genießt man - meist gemeinsam mit Hündin Anny - die Bergluft und erholt sich vom stressigen Alltag in der Großstadt.

Kollabiert.

Diesmal findet der Spaziergang jedoch ein jähes Ende: Der 55-Jährige kollabiert plötzlich. Seine Frau reagiert sofort: Sie wählt den Notruf und erklärt, wo sie sich befinden. Auf Anweisung der Leitstelle beginnt sie mit der Wiederbelebung. Angst habe sie nicht direkt gehabt, erinnert sie sich: „Man funktioniert in diesem Moment einfach. Ich war völlig auf die Herzdruckmassage konzentriert, für bewusste Gedanken war kein Platz.“

Rettungskette.

Während sie mitten im Wald um das Leben ihres Mannes kämpft, ist die Rettungskette bereits in Gang gesetzt. Bergrettung, ein Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei werden alarmiert - und, weil der Notfallort so abgelegen ist, auch der in Reith bei Kitzbühel stationierte Christophorus 4. 

Winterwetter.

Beim Anflug wird der Besatzung schnell klar: Direkt beim Patienten zu landen ist nicht möglich. Schneefall und schlechte Sicht zwingen Pilot Johannes Rathgeb, ein gutes Stück entfernt aufzusetzen, und die Crew muss sich mit dem gesamten Equipment an die 200 Meter durch den Wald zu Josef Mersche vorarbeiten. Als die Helfer bei ihm ankommen, steht es nicht gut um den Familienvater. Schnappatmung und bläuliche Verfärbungen lassen auf eine lebensbedrohliche Situation schließen. Das sofort durchgeführte EKG bestätigt das: Kammerflimmern, häufig das Zeichen für einen Herzinfarkt.

Adrenalin.

Dass der Wiener überhaupt noch am Leben ist, hat er seiner Frau zu verdanken, die die Reanimation vorbildlich durchführt. Allerdings kommt die Hilfe keine Sekunde zu früh, denn die Kräfte der Ersthelferin drohen gerade zu versiegen. „Später wurde mir gesagt, dass ich eine solche Reanimation in einer Übungssituation keine fünf Minuten durchgehalten hätte. Das Adrenalin hat wohl Kräfte freigesetzt, die man normalerweise nicht hat“, ist sie sich sicher.

Stabilisierung.

Nachdem das C4-Team die völlig erschöpfte Ehefrau des Patienten abgelöst hat, kann mit der notärztlichen Versorgung begonnen werden, bei der auch der Defibrillator mehrfach zum Einsatz kommt. Nach kurzer Zeit kann er mit vereinten Kräften - auch weitere Einsatzkräfte sind mittlerweile eingetroffen - zum Hubschrauber getragen werden. Noch auf dem Weg dorthin muss das Team hart um das Leben von Josef Mersche kämpfen: Zwei Mal muss die Gruppe haltmachen, weil sein Herz stehen bleibt und er erneut reanimiert werden muss. Und auch im Helikopter ist die Gefahr noch nicht gebannt. Zunächst ist geplant, den 55-Jährigen in die Uniklinik Innsbruck zu bringen. Das wären 25 Minuten Flugzeit. Doch noch in der Luft verschlechtert sich sein Zustand dramatisch, so wird er zunächst ins nähere Krankenhaus Kufstein geflogen.

Grenzüberschreitend.

Im Schockraum gelingt es, den Patienten zu stabilisieren, doch das Krankenhaus ist für einen derartigen Notfall nicht ausgerüstet. C4 fliegt ihn daher in das rund zehn Flugminuten entfernte Klinikum Rosenheim in Deutschland. Dort wird er - nach rund 1,5 Stunden und vier Herzstillständen - in künstlichen Tiefschlaf versetzt, in dem er mehrere Tage bleibt. Die Diagnose zeigt einen kompletten Verschluss von drei Herzkranzgefäßen. Dass er das trotz schwieriger Versorgungslage überlebt hat, schreiben die Ärzte vor allem der hervorragenden Erstversorgung durch die Ehefrau zu - zahlreiche Schutzengel dürften allerdings auch am Start gewesen sein.

Happy End.

Christophorus 4 im Einsatz © ÖAMTC-Flugrettung / C4

Christophorus 4 im Einsatz

Erfolgreiche Reanimation auf einer Forststraße durch die C4-Crew trotz widriger Bedingungen.

Besuch am Stützpunkt © ÖAMTC-Flugrettung / C4

Besuch am Stützpunkt

Gemeinsam mit Hündin Anny besuchte das Ehepaar Mersche Pilot Johannes Rathgeb, Notarzt Clemens Dengg und Flugretter Hubert Weißkopf

Happy End ​​​​​​ © zVg

Happy End ​​​​​​

Ausgedehnte Spaziergänge gemeinsam mit Hündin Anny lassen den Alltag vergessen.

Doch Josef Mersche hat nicht nur überlebt. Er hat sich schnell vollständig erholt, steht rund zwei Monate später wieder in seinem Autohaus. Und: Es gibt keine neurologischen oder sonstigen Folgen. Lediglich mit einer Erinnerungslücke von zwei Wochen muss er leben. „Wenn man so etwas erlebt hat, weiß man plötzlich, wie schnell es gehen kann. Und wie wichtig es ist, dass man auf sich und seine Gesundheit achtet“, sagt er. „Darum mache ich jeden Morgen vor der Arbeit Sport, um mich fit zu halten. Dass das überhaupt möglich ist, haben die zahlreichen Helfer ermöglicht, die um mein Leben gekämpft haben und einfach nicht aufgeben wollten. Dafür empfinde ich tiefe Dankbarkeit.“

Flugrettung_Christophorus.jpg

Thema Flugrettung

Die ÖAMTC-Flugrettung fliegt jährlich rd. 18.000 Einsätze. Das Ziel: Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen. Tausende Menschen verdanken der schnellen Hilfe aus der Luft ihr Leben und noch eine viel größere Zahl hat sich lange Aufenthalte in Krankenhäusern erspart.

© ÖAMTC
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