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Auferstehung: Schnelle Hilfe aus der Luft

Ein Kletterausflug zum Paulcketurm nimmt beinahe ein tödliches Ende - der Journalist und Bergretter Gerald Lehner erinnert sich an die dramatischen Ereignisse.

Absturz beim Klettern in der Silvretta © Gerald Lehner
Absturz beim Klettern in der Silvretta  -  Die Wand ist bezwungen - doch beim Abseilen nimmt ein Kletterausflug eine dramatische Wende. © Gerald Lehner

Absturz beim Klettern mitten im Nirgendwo

Abseilfehler.

Zuerst ist es eine wunderbare Kletterei in der Silvretta, hochalpin auf fast 3.000 Metern direkt auf der Grenze von Tirol und Graubünden. Wir kommen nach mehreren Seillängen auf den Gipfel. Grandioser Rundblick nach Österreich und in die Schweiz, Euphorie pur. Es folgt das Abseilen. Fast ganz unten stecken wir dann bis zum Hals in der Katastrophe. Auslöser ist ein Abseilfehler – eine Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit. Die Gefährtin seilt als Zweite ab. Sie ist deutlich leichter, ihre Seildehnung damit geringer. Das Seil reicht bei ihr nicht ganz zum Standplatz. Sie stoppt, hängt in der Luft. Sie will einen Meter mehr herausholen, öffnet dabei versehentlich den Knoten. Ein kleiner Ruck, ein leichtes Pfeifen. Eines der beiden Seilenden flutscht durch die Prusik-Selbstsicherung und durch den Abseilachter. Wie bei einem Gummiband katapultiert die frei werdende Spannung den Körper zuerst horizontal aus der Wand.

Verzweiflung.

Im Kopfkino sehe ich den Crash noch ganz genau. Ein dumpfes Geräusch unter mir. Kein Schrei, nichts. Das Gelände unten ist sehr steil. Dieser Faktor beim Aufprall rettet ihr neben dem Schutzhelm das Leben. Sie donnert noch weiter hinunter, überschlägt sich. Der Kopf stößt gegen Steine. Viel Geröll bedeckt den obersten Teil des Gletschers unter dem Paulcketurm. Sie bleibt liegen, zuerst schlaff wie eine Puppe. Dann kommt Spannung in den Körper, sie versucht sich aufzurichten. Der Schrecken des Zuschauers mündet in Machtlosigkeit und verzweifelte Rufe: „Bleib liegen!!!!!“ Sie verliert das Gleichgewicht und stürzt weiter hinunter, dieses Mal über eine steile Flanke mit Blankeis, durchsetzt mit Geröll. Insgesamt ein Absturz von 40 bis 50 Höhenmetern. Du bist sicher, nun ist sie tot. Es setzt alles aus im Kopf. Diese Verzweiflung ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Panik.

Mobiltelefon heraus, die Finger zittern. Du schaffst das Tippen nicht, dann doch. Aber kein Empfang im Niemandsland. Die innere Einsamkeit ist grenzenlos. Du musst hinunter. Vielleicht lebt sie ja doch noch. Du schindest dir dabei Hintern und Unterschenkel auf. Sie lebt, ist aus der Bewusstlosigkeit erwacht und hat sich sogar aufgesetzt. Gesicht und rechte Körperhälfte sehen fürchterlich aus, Schrammen, Platzwunden, viel Blut, der Helm ist zerstört. Aber der Kopf ist offenbar ohne offene Brüche. Ich sehe auch sonst keine starken Blutungen. Aber wie ist es innen? Mit zerrissenen Organen sterben dir Abgestürzte noch nach Stunden unrettbar weg. Und noch immer kein Empfang am Handy. Ich packe sie in Alu und Biwaksack. Sie will unbedingt sitzen, würde aber ohne Abstützung immer wieder umfallen.

Was tun?

Der Moment einer brutalen Entscheidung naht, die dir fast das Herz bricht. Du musst sie allein zurücklassen, dem Risiko von Bewusstlosigkeit und Ersticken aussetzen, musst schnellstmöglich Hilfe holen. Dort gibt es Sichtkontakt zur Heidelberger Hütte und damit Mobilfunk. Hin und zurück mindestens eine Stunde Lauferei über endloses Geröll. Ich checke noch einmal unsere Handys. Auf ihrem ist ein kleiner Balken zu sehen. Es braucht viele vergebliche Versuche und insgesamt acht Anrufe bei der Leitstelle, ehe die verstehen, wo wir sind. Die genauen Umstände kann ich wegen der schlechten Verbindung nicht übermitteln.

Alarm.

Tage später erfahren wir, dass in diesen Minuten auch die Bergrettung Galtür in Alarmbereitschaft versetzt wird. Die Kameraden gehen davon aus, dass wir beide abgestürzt sind, einer vielleicht tot, einer schwer verletzt. Unser Freund Gottlieb Lorenz, Wirt der Jamtalhütte und ehrenamtlicher Bergretter, bekommt den Funkverkehr mit, weiß nach dem gemeinsamen Abend vom Vortag, dass nur wir in dem einsamen Gebiet unterwegs waren. Nun zündet er eine Kerze an. Für uns.

Rettung.

Flug- und Bergretter Franz Leitner hängt sich mit dem Notarzt Florian Jehle unter den Hubschrauber. Die Bedingungen für den Schwebeflug in so großer Seehöhe sind an diesem Sommertag schwierig. Dennoch klappt es. Zu dritt versorgen wir die Schwerverletzte. Infusion, Schockbekämpfung, Injektionen, Stabilisierung im Bergesack mit Vakuummatratze. Danach hängen sich Franz und Florian mit der Verletzten ans Tau, fliegen zum Zwischenlandeplatz und verladen sie in den Hubschrauber. Dann schraubt sich der Eurocopter in Schleifen wieder auf meine Höhe. Ich sehe kurz die erhobenen Daumen aus dem Cockpit. Danke!

Bergung.

Flug- und Bergretter Franz Leitner hängt sich mit dem Notarzt Florian Jehle unter den Hubschrauber. Die Bedingungen für den Schwebeflug in so großer Seehöhe sind an diesem Sommertag schwierig. Dennoch klappt es. Zu dritt versorgen wir die Schwerverletzte. Infusion, Schockbekämpfung, Injektionen, Stabilisierung im Bergesack mit Vakuummatratze. Danach hängen sich Franz und Florian mit der Verletzten ans Tau, fliegen zum Zwischenlandeplatz und verladen sie in den Hubschrauber. Dann schraubt sich der Eurocopter in Schleifen wieder auf meine Höhe. Ich sehe kurz die erhobenen Daumen aus dem Cockpit. Danke!

Freude.

Der eigene Stein fällt mir erst nach weiteren Stunden vom Herzen. Da komme ich nach langem Abstieg bei der Jamtalhütte an. Hüttenwirt und Bergretter Gottlieb Lorenz wartet schon. Als wir im Krankenhaus anrufen, haben wir beide Tränen in den Augen. Sie wird nicht sterben, sagt der Unfallchirurg: „Du solltest dem Schutzengel die Kiste Bier schenken – nicht mir.“ Sie kommt sogar ohne schwere Folgen davon. Dafür bin ich ihrem Schutzengel und den Gelben Engeln aus Zams bis ans Ende meiner Tage dankbar.

Flugrettung Christophorus

Thema Flugrettung

Die ÖAMTC-Flugrettung fliegt jährlich rd. 18.000 Einsätze. Das Ziel: Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen. Tausende Menschen verdanken der schnellen Hilfe aus der Luft ihr Leben und noch eine viel größere Zahl hat sich lange Aufenthalte in Krankenhäusern erspart.

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