ÖAMTC-Expertenforum: Ist die Fahrzeugsicherheit ausgereizt?

Internationale Referenten diskutierten künftige Entwicklungen und Potenziale.  

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Gemeinsam mit dem Institut für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik der Technischen Universität Wien lädt der ÖAMTC regelmäßig zu Expertenforen. ÖAMTC-Cheftechniker Max Lang: "Vor genau 30 Jahren haben Verbraucherschutzorganisationen den ersten Crashtest durchgeführt. In der Fahrzeugsicherheit hat sich seither viel bewegt und mittlerweile erreicht ein großer Teil der Testkandidaten regelmäßig gute bis sehr gute Werte. Es stellt sich daher die Frage, ob die Fahrzeugsicherheit mittlerweile ausgereizt ist." Dieser Frage gingen die sechs internationalen Referenten am 8. November 2017 im ÖAMTC-Mobilitätszentrum nach – speziell im Hinblick auf künftige Mobilitätskonzepte und weitere technische Entwicklungen.

Starke Zunahme von Sicherheitsassistenten

Stefan Benz von der Robert Bosch GmbH sprach über die Herausforderungen, die auf dem Weg zum automatisierten Fahren in punkto Sicherheit zu lösen sind. Derzeit erleben wir demnach eine starke Zunahme von Sicherheitsassistenten. Immer mehr Autos sind serienmäßig z.B. mit ABS, ESP, Spurhalte- und Notbremsassistenten ausgestattet – Systeme, die einen wertvollen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten. Der nächste Schritt wären u.a. zusätzliche Sensoren und eine individuelle Anpassung von Rückhaltesystemen, beispielsweise auf Größe und Gewicht des Passagiers. Im Hinblick auf das automatisierte Fahren würden, so Benz, die Herausforderungen noch einmal größer: hochrobuste Sensorik, Zuverlässigkeit und Sicherheit, Abwehr von "Cyber-Angriffen", stets aktuelle Kartendaten, die Gesetzgebung – das wären nur einige der Punkte, die noch zu klären sind. 

Frank Laakmann von der ZF Friedrichshafen AG ging in seinem Vortrag auf die Möglichkeiten aktiver Gurtsysteme, die über Sensoren auf die jeweils angeschnallte Person abgestimmt sind, ein. Diese Gurte könnten speziell beim automatisierten Fahren ein Sicherheitsplus bringen, weil damit auch andere Sitzpositionen als die "klassische" möglich wären. Generell verbreiten sich, so Laakmann, moderne Sicherheitssysteme kontinuierlich von der Oberklasse weiter in die unteren Fahrzeugklassen.

Aufmerksamkeit trotz aller Assistenten notwendig

Aktuell befinden wir uns in einer Phase des assistierten, teilautomatisierten Fahrens. Klaus Kompass, Leiter der Fahrzeugsicherheit bei BMW sagte, dass momentan der Fahrer immer aufmerksam und bereit zum Eingreifen sein müsse – im Gegensatz zum zukünftigen, hochautomatisierten Fahren. Bis dahin wäre es, so Kompass, notwendig, die Aufmerksamkeit des Fahrers trotz aller Assistenten aufrecht zu erhalten. Ansonsten komme es zu einer falschen Wahrnehmung der Verantwortungsverteilung zwischen Fahrer und Fahrzeug. Generell stelle sich die Frage nach Absicherungsmethoden, wenn der Fahrer längere Zeit automatisiert unterwegs sei und in einer Notsituation plötzlich übernehmen müsse.

Assistenzsysteme können Kollisionen reduzieren

Karl-Heinz Baumann von der Daimler AG thematisierte aktuelle Veränderungen im Verkehrs- und Unfallgeschehen. So war in den vergangenen Jahrzehnten in Europa zwar ein Rückgang der Zahl der Verkehrstoten zu beobachten, seit 2010 stagnierten die Zahlen jedoch. Als Ursachen dafür machte Baumann u.a. die generelle Zunahme des Straßenverkehrs, den Mix an verschiedenen Verkehrsmitteln, steigende Ablenkung und zunehmenden Zeitdruck aus. Automatisierung hätte das Potenzial, an dieser Stelle für mehr Sicherheit zu sorgen – so wären beispielsweise Auffahr- und Abkommensunfälle sowie Kollisionen an Kreuzungen durch Assistenzsysteme reduzierbar.

Potenziale der Sicherheitssysteme im Blickpunkt

Über die Potenziale aktiver Sicherheitssysteme sprach auch Stefan Gies von der Volkswagen AG. Ihm zufolge könne die Zahl der tödlich Verunglückten und schwer Verletzten im Straßenverkehr um 90 Prozent reduziert werden, wenn alle Fahrzeuge auf den Straßen dem aktuell möglichen Stand der Technik entsprächen. Am Beispiel des Golf zeige sich, dass das neueste Modell aufgrund seiner Notbrems- und Sicherheitssysteme um rund 45 Prozent weniger Unfälle aufweise als seine Vorgänger. Gies erklärte aber auch, dass die Sensoren langsam an ihre Grenzen kämen und es neue Technologien brauche, um auch mit zunehmender Automatisierung sicher unterwegs zu sein – Stichwort "Car-to-X-Kommunikation", mit all ihren Facetten, auch im Sinne des Datenschutzes. 

"Roadmap 2025" präsentiert

Aled Williams von Euro NCAP präsentierte zum Abschluss des ÖAMTC-Expertenforums die "Roadmap 2025", also die nächsten Schritte im europäischen Crashtest-Programm. Ziel dieser Roadmap ist die "Vision Zero", also null Verkehrstote. So sollen z.B. ab 2018 Kriterien wie Fußgängererkennung bei Nacht und Radfahrererkennung in das Programm aufgenommen werden.

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