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Zu viel Insulin

Eine Unterzuckerung kann rasch lebensbedrohlich werden, besonders dann, wenn man in den Bergen unterwegs ist. Aus diesem Grund endete der Wochenendausflug von Familie Schuster auch im LKH Steyr.

Ausflug © privat
Ausflug  -  Familienalm am steirischen Hengspass © privat

Simon Schuster (43) ist mit seinen Söhnen Lukas (18) und Felix (14) auf der Familienalm am Hengstpass. Auf 770 Höhenmeter fällt Lukas morgens aus seinem Bett. Durch den harten Aufprall beißt er sich auf die Zunge, verletzt sich am Kopf und ist bewusstlos. Der Grund: massive Unterzuckerung. Ersthelfer sind seine Freundin Lea und Vater Simon. Kurze Zeit später trifft das Team von Christophorus 14 aus Niederöblarn ein. An diesem Tag im Einsatz: Notarzt Thomas Tupi, Flugretter Joachim Lettner und Pilot Andreas Wimmer. „Christophorus 15 aus Ybbsitz war im Einsatz, deshalb sind wir als nächster verfügbarer Notarzthubschrauber zum Zug gekommen“, berichtet Flugretter Lettner.

Unterzuckerung kann rasch gefährlich werden ...

Die Familie trifft sich an einem Freitag auf der privaten Alm an der oberösterreichischsteirischen Grenze. Sie will das Wochenende gemeinsam verbringen. Lukas kommt nach einer anstrengenden Arbeitswoche - er absolviert eine Tischlerlehre - mit seiner Freundin Lea. Alle freuen sich auf eine entspannte Zeit in den Bergen. Der Achtzehnjährige ist bereits sein halbes Leben Typ-1-Diabetiker, bisher ohne nennenswerte Probleme. „Lukas ist sehr sportlich und hat sich immer gesund ernährt. Als er acht Jahre alt war, haben wir bemerkt, dass er gehäuft aufs Klo ging. Der Hausarzt hat einen Zuckertest gemacht und den hohen Blutzucker festgestellt“, erzählt sein Vater.

Den Umgang mit Insulinpumpe und Steuergerät beherrscht Lukas problemlos. „Es gab schon Situationen der Unterzuckerung, aber er ist noch nie umgefallen. Er merkt es selbst am Puls und dass es kribbelt, auch im Schlaf“, berichtet Simon Schuster. Was passierte dann in dieser Nacht? Lukas dürfte sich - vielleicht durch eine Fehlfunktion der Insulinpumpe - am Abend zu viel Insulin gespritzt haben. Somit befand er sich, wie die Auswertung im Nachhinein ergab, seit Mitternacht in massivem Unterzucker. Am Morgen dann der große Schock. „Ich habe anscheinend aufgrund der Unterzuckerung das Aufstehen nicht geschafft und bin mit dem Kopf gegen den Boden oder die Bettkante gefallen“, schildert Lukas. Er schlägt hart auf, beißt sich die Zunge blutig und ist bewusstlos.

Aufgrund der Hilfeschreie seiner Freundin Lea läuft Simon Schuster in das Zimmer und findet seinen Sohn blutend am Boden liegend vor. „Er hatte die Augen aufgerissen, war nicht ansprechbar, spuckte Blut und röchelte. Seine Freundin hat den Notruf abgesetzt und ich habe ihn in die stabile Seitenlage gebracht.“ Simon Schuster misst mittels Sensor den Blutzucker. „Da der Zuckerwert mit 75 mg/dl nicht zu niedrig war, war die Vermutung, dass irgendetwas anderes nicht stimmt. Weil er Blut gespuckt hat, haben wir nicht an eine Unterzuckerung gedacht“, sagt der Vater.

Beim Eintreffen der Rettungskräfte ist Lukas zwar noch benebelt, aber wieder leicht ansprechbar. Sein Erinnerungsvermögen ist jedoch eingeschränkt. „Er konnte nahestehende Personen nicht namentlich nennen“, schildert sein Vater. „Durch das Hinterfragen vom Notarzt ist die Unterzuckerung aufgekommen“, erklärt Flugretter Joachim Lettner. Notarzt Thomas Tupi misst den Blutzucker, dieser liegt bei 58 mg/dl. „Der Patient war zum Zeitpunkt unseres Eintreffens leicht verwirrt. Wir haben den Zucker intravenös gemessen, und im Gegensatz zum automatischen Messgerät war der Wert deutlich niedriger. Ich habe einen Zugang gelegt und ihm eine Glucoselösung intravenös verabreicht. Er hatte auch eine kleine Verletzung, aber die Unterzuckerung war vorwiegend.“ Bei solchen Einsätzen schaut sich der Notarzt auch das Messgerät und die Insulinpumpe an. Tupi erklärt: „Man nimmt dann die Nadel der Insulinpumpe raus und stoppt die Zufuhr.“

Der Einsatz läuft problemlos. „Um 8:20 Uhr wurde die Rettung informiert, um 8:57 Uhr war Lukas schon vom Notarzt versorgt und nach acht Minuten Flugzeit war er im Krankenhaus. Alles lief höchst professionell ab“, ist Vater Simon dankbar. Lukas wird ins LKH Steyr geflogen. Dort ist er aufgrund seines Diabetes bekannt. Er befindet sich zwei Tage auf der Überwachungsstation. „Ich hatte ein Gespräch mit einer Ernährungsberaterin, wurde auf Diät gesetzt und von Grund auf neu eingestellt. Nun werde ich wieder verstärkt auf meine Ernährung achten“, ist der Tischlerlehrling motiviert. Auch ein neuer Zuckersensor wird beantragt. „Dieser piepst dann, wenn der Zuckerwert unter 75 mg/dl fällt“, erzählt Lukas. Nach einer Woche im Spital wird er entlassen. „Jetzt geht’s mir wirklich sehr gut.“

Diabetes hat sich mittlerweile zur Volkskrankheit entwickelt. Akute Unter- oder Überzuckerungen stellen bei einem Diabetiker eine Notfallsituation dar, denn Zucker ist der wichtigste Energielieferant für das menschliche Gehirn. Hat ein Mensch mit Zuckerkrankheit zu wenig Glucose im Gehirn, sind die ersten Anzeichen Reizbarkeit, Heißhunger und Blässe, außerdem können Schwindelgefühle und kalter Schweiß dazukommen. Eine schwere Unterzuckerung kann lebensgefährlich sein und zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen führen. „Bei einer Unterzuckerung ist es enorm wichtig, dass der Notarzt schnell vor Ort ist. Es kann zu einem massiven Gehirnschaden kommen, weil die Gehirnzellen absterben können und diese keine Regenerationsfähigkeit besitzen. Bleibende Schäden können eintreten“, weiß der Notarzt. „Angehörige gehören gut geschult, sollten erste Symptome erkennen und entsprechend agieren können. Fruchtsäfte, Honig und Traubenzucker eignen sich am besten, um einer Unterzuckerung entgegenzuwirken.“

AutorinAntonia Lang

   © zVg
Schon unmittelbar nach der Erstversorgung ging es Lukas wesentlich besser.

Zahlen und Fakten zu Diabetes mellitus

Die Entwicklung:

  • Zurzeit gibt es in Österreich 800.000 Menschen, die an Diabetes mellitus erkrankt sind.
  • Im Jahr 2045 werden es mehr als 1 Million Menschen sein. 85 bis 90 Prozent aller Menschen mit Diabetes leiden an Typ-2-Diabetes.
  • 30.000 Menschen in Österreich leiden an einem Typ-1-Diabetes, davon sind etwa 1.600 Schulkinder.
     

Die Kosten:

  • Die Gesamtkosten des Diabetes in Österreich betragen rund 3 Milliarden Euro.
  • Der Großteil der Kosten fällt für die Behandlung von Spätkomplikationen des Diabetes an.
  • Weltweit wurden 2019 mehr als 760 Milliarden Euro für Diabetes ausgegeben.
     

Die Schicksale:

  • In Österreich leidet jede oder jeder Zehnte an Diabetes mellitus. Zumindest ein Drittel der Betroffenen weiß nichts von seiner Erkrankung.
  • Alle 50 Minuten stirbt in Österreich ein Mensch an den Folgen des Diabetes. Das sind 10.000 Menschen im Jahr.
  • Damit sterben in Österreich jährlich mehr Menschen an Diabetes mellitus als an Darmkrebs oder Brustkrebs und viel mehr als im Straßenverkehr.
  • Die meisten Todesfälle sind auf Herzinfarkt und Schlaganfall zurückzuführen.
  • Jedes Jahr werden 300 Menschen mit Diabetes wegen ihres Nierenversagens dialysepflichtig. Das sind 26 Prozent aller Patienten mit neuer Dialysepflichtigkeit. Jedes Jahr erblinden 200 Menschen in Österreich als Folge des Diabetes mellitus.

Quelle: (ÖDG)

Symptome der Hypoglykämie

Hormonelle Symptome:

Der Körper versucht, den Blutzucker selbst ansteigen zu lassen:

  • Schwitzen/Schweißausbrüche, Zittern, Herzklopfen, Blässe
  • Kribbeln in den Fingern oder Lippen
  • Angstgefühle
  • Hungergefühle, Heißhunger
     

Symptome, die durch den Zuckermangel im Gehirn ausgelöst werden:

  • Bewegungsstörungen, Sprachstörungen
  • Störungen in der Wahrnehmung, z. B. Sehstörungen
  • Gefühlsstörungen: gereiztes, albernes oder aggressives Verhalten Denkstörungen: schlechte Konzentration, Verwirrung, Gedächtnisstörungen
  • Albträume in der Nacht
  • Schwächegefühl, Müdigkeit

Maßnahmen bei akuter Unterzuckersituation eines Diabetikers:

  • Notruf über 144 absetzen
  • Patient bei Bewusstsein: Gabe von Traubenzucker oder zuckerhaltigem Getränk (keine Diät- oder Lightprodukte)
  • Betroffener bewusstlos: stabile Seitenlage und Atemwege freihalten
  • Keine Getränke bei Bewusstlosigkeit einflößen (Erstickungsgefahr)
  • Wenn der Betroffene ein Glukagon-Notfallset bei sich trägt, können auch geschulte Angehörige das Glukagon unter die Haut bzw. in den Muskel spritzen.
  • Um eine erneute Unterzuckerung zu vermeiden, sollte im Anschluss eine Kleinigkeit (Scheibe Brot) gegessen werden, um den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren.

(Quelle: minimed.at/Gudrun Almássy, MSc)

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