Irgendwie habe ich mir das mit dem Älterwerden beschaulicher vorgestellt. Ein bisserl den Kindern beim Aufwachsen zusehen, sich währenddessen am gedeihenden Erfahrungsschatz laben, hie und da vielleicht mit dem einen oder anderen Wehwehchen hadern. Aber im Großen und Ganzen würde ich wohl genussvoll das hohe Alter anstreben. Und natürlich ganz viel Rad fahren. Stundenlang. Sowohl mit dem Mountainbike als auch mit dem Rennrad.
Der Realität war meine Vorstellung leider ziemlich egal. Das Einzige, was verlässlich geklappt hat, war das Älterwerden. Und das Einzige, was immer gefehlt hat, war die Zeit.
Klares Wasser, klare Gedanken
Es braucht eine neue Vision, denke ich mir, während ich die überhitzten Füße im herrlich klaren Weissensee abkühle. Die erste Hälfte der Seeumrundung liegt bereits hinter mir, sie war auf angenehme Art fordernd, mit knackigen Anstiegen und breit geschotterten Forststraßen. Ich startete die Runde im Uhrzeigersinn, den anstrengenden Teil zuerst, weil da die Beine noch frisch sind. Also Nordufer, Ostufer, weiter Richtung Südufer, direkt am See entlang.
Noch zwei, drei Handvoll Wasser ins Gesicht und mit der Abkühlung werden auch die Gedanken klarer: Ich muss dem Wenig-ist-mehr-Prinzip folgen. Lieber kurze Runden mit Genuss, statt monotoner Kilometerexzesse. Lieber ein Gravelbike statt Rennrad oder Mountainbike.
Mein Blick schweift einmal mehr über das seichte, nahezu unverbaute Südufer, zieht sich hoch zu dem großartigen Bergpanorama, fällt wieder ab und bleibt vis-à-vis an den kleinen, feinen Hotels hängen. Eines davon leitet Peter Schwarzenbacher mit seiner Familie, den Arlbergerhof Vital. Er ist nicht nur eine profunde Quelle in Bezug auf sämtliche Radrouten in der Gegend, sondern auch ein begnadeter Botschafter seiner Region. Er kennt die Leute, kennt die Geschichte: „Schon unsere Eltern und Großeltern haben den immateriellen Wert des Tals erkannt und beschlossen, ihn zu bewahren. Deshalb gibt es hier nach wie vor keine Hotelburgen, fast alles ist in Familienbesitz. Wir wollen den Touristinnen und Touristen unsere Form der Qualität bieten – intakte Natur und regionalen Charakter, von der Kulinarik über die Unterbringung bis hin zum Gravelbiken.“



Gravelbiken – was ist das eigentlich?
Gravelbikes sehen aus wie Rennräder mit dicken Reifen bzw. wie Mountainbikes mit Rennlenker. Dank breiter Reifen sind sie jedenfalls komfortabler als ein Rennrad, dank Geometrie und Bauart jedoch zügiger zu fahren als ein Mountainbike. Gedacht und gemacht sind sie vorrangig für schlechte Straßen und leichtes Gelände, festgepressten Schotter im Idealfall. Daher kommt übrigens auch der Name, denn das englische Wort Gravel bedeutet nichts anderes als Schotter.

Schöner schottern in Kärnten und anderswo
Dem ehemaligen österreichischen Radprofi Paco Wrolich und vielen weiteren schwer engagierten Beteiligten ist es zu verdanken, dass es in Kärnten mittlerweile eine großartige Radinfrastruktur gibt, die sowohl Hobbybiker als auch Profis mehr als zufriedenstellen kann. Rund um die zahlreichen Seen, entlang stillgelegter Eisenbahntrassen und hoch in die Berge hat sich ein ungemein vielfältiges Netz an Radrouten entwickelt, das kaum Wünsche offenlässt.
Allein für Gravelbiker gibt es in Kärnten mittlerweile 24 Routen mit einer Länge von fast 2.000 Kilometern, von beinhart bis beinzart ist für jede:n etwas dabei. Also auch für mich, den Genussradler. Meine Wohlfühlzone liegt zwischen 40 und 80 Kilometern, abhängig vom Streckenprofil.
Auch an den anderen Bundesländern ist der neue Gravel-Trend natürlich nicht spurlos vorbeigegangen. Österreichweit gibt es mittlerweile ein enorm vielfältiges Angebot (siehe Kasten unten). Mit der Gravel Austria Route wurde sogar eine 3.000 Kilometer lange Tour entwickelt, die in elf Tagen und über fast 50.000 Höhenmeter vom Neusiedler bis zum Bodensee und wieder retour führt.
Welche Seerunde in Südkärnten ist die Schönste?
Jede Seeumrundung hat ihren speziellen Reiz. Beim Weissensee ist es die bereits erwähnte Nähe zum großteils unverbauten Seeufer sowie das alpine Panorama. Tour-Tipp: Gravel Loop Weissensee
Ortswechsel zum Faaker See mit seinem mediterranen Flair. Hier ist die Runde um den See aus topografischer Sicht konditionell nicht ganz so fordernd und mehr von Asphalt als von Schotter geprägt. Wer also eine körperliche Herausforderung sucht, muss zusätzliche Strecken "anstückeln". Etwa hinauf auf den Dobratsch oder bis nach Tarvis (Italien) radeln). Mein persönliches Gastro-Highlight unterwegs: die Finkensteiner Nudelfabrik in Gödersdorf mit angeschlossenem Restaurant, grandioser Küche und vielfältigem Pasta-Sortiment. Tour-Tipp: Gravel Tour Faaker See
Die dritte und letzte Runde drehe ich in der Nähe des mondänen Wörthersees. Eine Umrundung hat nur touristischen Wert, dient also eher dem Sightseeing. Gleichzeitig gilt natürlich, dass es in ganz Kärnten keine Region gibt, die mit einem derartigen Lifestyle aufwarten kann. Landschaftlich attraktiver und in jeder Hinsicht lohnender ist ein Ausflug ins Hinterland, etwa auf den Spuren des Wörthersee Gravel Race, auf schmalen Waldwegen oder entlang des Drauradwegs. Tour-Tipp: Zollfeld Express
Unabhängig von der Region bleibt schlussendlich die Erkenntnis, dass weniger manchmal eben doch mehr ist und die Intensität des Erlebnisses nicht direkt mit der Routenlänge korreliert. Zumindest in meinem Fall.
Tipps fürs Graveln von Redakteur Alex Fischer

- Weniger Druck, mehr Komfort: Wer zu viel Luft in die Reifen pumpt, büßt das mit mangelndem Komfort und weniger Grip. Der passende Reifendruck lässt sich einfach mittels Onlinerechner eruieren und liegt meist zwischen 2,5 und 3,5 bar.
- Kurze Strecken, lange Wirkung: Vor allem Einsteiger:innen sollten sich nicht von medial zur Schau gestellten Runden mit Hunderten Höhenmetern und dreistelligen Kilometerangaben irritieren lassen. Schnell und weit fahren kann nur, wer die entsprechende Kondition hat – und nicht das neueste oder teuerste Bike. Deswegen: Mit kleinen Runden beginnen, steigern, Spaß haben.
- Locker bleiben: Arme und Beine bei Fahrten im Gelände als natürliche Stoßdämpfer verwenden. Fahrtechnik üben.
- Mitnehmen: Trinkbares, Müsliriegel o.Ä., ein kleines Pannen-hilfeset. Das meiste davon kann locker am Rahmen oder in den Trikottaschen verstaut werden.
Graveln in Österreich: Tipps und Infos
Glücklicherweise eignen sich viele Mountainbikestrecken auch zum Gravelbiken, ergo ist das Streckennetz bereits einige Tausend Kilometer (und Höhenmeter) lang, Tendenz stark steigend.
Viele Tourismusregionen haben den Trend längst erkannt und bieten ein umfassendes Service an, das von der An- und Abreise über die Buchung spezialisierter Unterkünfte bis hin zu downloadbaren Routen reicht. Wer vor Ort ein Rad leihen möchte oder eine Werkstatt benötigt, wird ebenfalls rasch fündig.
Sportliches Highlight ist das Wörther See Gravel Race, das jährlich circa Mitte April stattfindet. Auch die Gastronomie schätzt die vielen Radgäste, hat die Speisekarten angepasst und szenische Cafés und Hotspots eingerichtet.
Mehr Info:
- Mountainbiken in Kärnten: www.lake.bike
- Graveln in Kärnten: www.gravelcarinthia.cc
- Graveln in Österreich: www.austria.info/gravel
Übernachtungstipps:
- Weissensee: Arlbergerhof Vital
- Faaker See: Hotel Zollner
- Wörthersee: Radpension Hoogerland



