Drei Männer in Anzügen führen eine Diskussion

Elektromobilität: Was jetzt den Durchbruch bringen soll

Transparente Ladepreise, reparierbare Batterien und leichtere Lademöglichkeiten für Mieter: In einer Diskussionsrunde mit Christian Kern und ÖAMTC-Direktor Ernst Kloboucnik ging es beim Europäischen Forum Alpbach um die Frage, wie Elektromobilität für mehr Menschen attraktiver werden kann – möglichst ohne neue Kaufprämien aus Steuergeld.

Von Stephan Höckner,

Elektromobilität soll helfen, die Klimaziele im Verkehrsbereich zu erreichen. Während E-Autos in Fuhrparks und als Dienstwagen bereits stark verankert sind, bleibt der Privatmarkt hinter den Erwartungen zurück. Die Diskussion unter der Moderation von Michael Fleischhacker zeigte: Nicht allein fehlende Kaufprämien bremsen den Hochlauf, sondern praktische Hürden – von intransparenten Ladepreisen über fehlende Lademöglichkeiten im Mehrparteienhaus bis zu Unsicherheit über Batteriehaltbarkeit und Reparaturkosten.

Ein möglicher Lösungsansatz der Diskutanten: Statt die Anschaffung breit zu fördern, soll die Politik jene Rahmenbedingungen verbessern, die E-Mobilität im Alltag einfacher, planbarer und langfristig wirtschaftlicher machen. Denn genau an dieser Stelle besteht noch Aufholbedarf.

Laden darf kein Preisrätsel sein

Anders als an der Tankstelle ist beim Laden eines E-Autos etwa oft nicht auf Anhieb klar, was eine Kilowattstunde tatsächlich kostet. Der Preis hängt davon ab, welche Ladekarte oder App genutzt wird und welche Betreiber beteiligt sind.

Eine vom ÖAMTC präsentierte Auswertung zeigt die Dimension: An derselben Ladesäule kann der höchste Preis mehr als doppelt so hoch sein wie der niedrigste. Beim Normalladen wurden Unterschiede von bis zu 50 Cent pro Kilowattstunde festgestellt, beim Schnellladen bis zu 70 Cent. Bei 80 Kilowattstunden können damit bis zu 56 Euro Mehrkosten entstehen.

Für Konsumenten ist das ein spürbarer Nachteil. Wer tankt, sieht den Literpreis sofort. Wer lädt, muss oft Apps, Tarife und Zugangssysteme vergleichen. Gerade auf Umsteiger kann diese Komplexität abschreckend wirken.

Der ÖAMTC fordert daher verständliche Preisangaben direkt am Ladepunkt, besser vergleichbare Tarife und funktionierendes Roaming. Kundinnen und Kunden sollen schon vor dem Laden erkennen können, welcher Preis gilt und welche Zahlungsart die günstigste ist.

Regulierung statt Zuständigkeitswirrwarr

Ein Grund für die komplizierte Preisgestaltung ist die Struktur des Lademarkts. Betreiber der Ladesäule, Stromlieferanten, Mobilitätsdienstleister, App-Anbieter und Roaming-Partner sind beteiligt. Große Unternehmen übernehmen teilweise mehrere Rollen, kleinere Anbieter haben es schwerer, ihre Tarife sichtbar und konkurrenzfähig zu platzieren.

Die EU hat zwar bereits 2024 Regeln für transparente, vergleichbare und diskriminierungsfreie Preise an öffentlichen Ladepunkten geschaffen. Aus Sicht des ÖAMTC bleiben diese aber zu unpräzise. Österreich müsse Zuständigkeiten rascher klären und nationale Maßnahmen setzen, statt ausschließlich auf eine europäische Nachschärfung zu warten.

Sollte der Markt nicht ausreichend funktionieren, sei eine stärkere Regulierung denkbar – ähnlich wie bei den früher hohen Roamingkosten im Mobilfunk. Christian Kern kritisierte in diesem Zusammenhang die zersplitterten Strukturen im österreichischen Energiesystem. Unterschiedliche regionale Zuständigkeiten und komplizierte Regulierungen könnten Netzausbau und Ladeinfrastruktur unnötig bremsen.

Drei Männer in Anzügen stehen vor einem ÖAMTC-Schild.
© Johannes Oberhollenzer

E-Mobilität ist auch Industriepolitik

Kern ordnete die Diskussion in einen größeren wirtschaftspolitischen Rahmen ein. Der Verkehrssektor mache bei der CO₂-Reduktion zu wenig Fortschritte, gleichzeitig stehe die europäische Automobilindustrie unter starkem Druck. Für Österreich gehe es damit nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Beschäftigung und Wertschöpfung.

Christian Kern, der seit 2022 die österreichische Gesellschaft der European Locomotive Leasing Group leitet, verwies auf rund 300.000 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt mit der Automobilwirtschaft verbunden sind. Europa könne nicht zum Verbrennungsmotor zurückkehren und zugleich darauf hoffen, seine industrielle Position zu sichern. Wenn Hersteller und Zulieferer beim Elektroauto zurückfallen, würden vor allem Wettbewerber aus China profitieren.

Die Elektromobilität müsse daher als industriepolitische Aufgabe verstanden werden: Öffentliche Beschaffung und mögliche Förderinstrumente sollten stärker europäische Wertschöpfung berücksichtigen. Zugleich brauche es eine koordinierte Energie- und Infrastrukturpolitik, damit der Umstieg nicht an hohen Kosten oder langsamen Netzausbauten scheitert.

Batterie, Gebrauchtmarkt und Wohnen

Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass für private Käufer nicht nur der Neupreis entscheidet. Wichtig seien auch Restwert, Haltbarkeit und die Frage, ob sich ein E-Auto bei einem Defekt wirtschaftlich reparieren lässt. Der Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos wächst allerdings erst langsam, weil die großen Marktvolumina noch jung sind und viele Käufer Sorgen wegen der Batterie haben.

Laut ÖAMTC-Erfahrungen liegt die nutzbare Kapazität bei gebrauchten Elektroautos aber meist deutlich über 90 Prozent. Dennoch bleibt die Reparierbarkeit zentral: Fällt nur ein Teil des Akkus aus, sollte nicht zwingend die gesamte Batterie getauscht werden müssen. Der ÖAMTC fordert deshalb reparaturfreundlich konstruierte Batterien, bei denen sich einzelne Module oder Zellen ersetzen lassen.

Ein weiterer Schlüssel liegt in der Wohnsituation. Wer im Einfamilienhaus lebt, kann vergleichsweise leicht zuhause laden. Für Mieterinnen und Mieter in Mehrparteienhäusern ist das oft noch schwierig. Damit Elektromobilität den Massenmarkt erreicht, müsse Laden im Wohnumfeld verlässlich möglich werden – in Garagen, auf Stellplätzen und in Wohnvierteln.

Auch bidirektionales Laden bietet zusätzliches Potenzial. Fahrzeugbatterien könnten Solarstrom speichern, später im Haushalt nutzbar machen und perspektivisch auch zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Dafür müssen Hersteller, Netzbetreiber, Energieversorger und Politik technische sowie rechtliche Hürden abbauen.

Drei Männer in Anzügen in einer Diskussionsrunde.
© Johannes Oberhollenzer

Fazit: Alltagstauglichkeit statt Gießkanne

Die Diskussion zeigte: Elektromobilität wird im privaten Bereich nicht allein durch Kaufprämien erfolgreich. Entscheidend sei, ob das E-Auto als einfach, verlässlich und finanziell kalkulierbar wahrgenommen werde.

Transparente Ladepreise, ein leichter Zugang zu Ladepunkten im Mietwohnungsbereich und reparierbare Batterien könnten den privaten Markt stärker voranbringen als pauschale Förderungen. Zugleich ist der Ausbau der Elektromobilität eine industriepolitische Weichenstellung: Er entscheidet mit darüber, welche Wertschöpfung und welche Arbeitsplätze Österreich und Europa in Zukunft sichern können.