Wie bist du zum Motorsport gekommen?
Mein Vater hat Kartrennen in Frankreich organisiert und war ein großer Formel-1-Fan. Wir haben jeden Sonntag gemeinsam den Grand Prix geschaut. Er hat mich zwar nie zum Motorsport gedrängt, aber als ich mit neun Jahren das erste Mal selbst fuhr, verliebte ich mich sofort – in den Adrenalinrausch, die Geschwindigkeit, die Umgebung. Die Rennstrecke ist der Ort, an dem ich am glücklichsten bin.
Du wechselst in deiner Karriere regelmäßig zwischen Formel- und Langstreckenrennen. Wofür schlägt dein Herz stärker?
Langstreckenrennen gefallen mir, weil viel Teamwork notwendig ist. Und sie sind strategischer: Das Reifen- und Benzinmanagement stehen mehr im Fokus. Die Autos selbst sind schwerer, aber auch sehr stark.
Formel-Rennwagen hingegen sind unglaublich performant, wesentlich leichter und deshalb sehr gut zu fahren. Du spürst ständig den hohen Anpressdruck, und im Rennen holst du aus jeder Runde das Maximum aus dem Auto. Weil du dir das Auto nicht teilst, ist es speziell auf dich abgestimmt. Ich hatte aber trotzdem lange keine Präferenz – bis ich vor Kurzem erstmals ein Formel-1-Auto fuhr. Das ist ein völlig anderes Level und einfach unvergleichlich.
Was ist es, dass beim Formel-1-Auto so spektakulär ist? Die Leistung?
Die Power war es eigentlich nicht. Ich fuhr davor schon sehr starke Autos, z. B. in der LMP2-Serie (Le Mans Prototype 2, Anm. d. Red.). Beim Formel-1-Auto ist das Bremsen am spektakulärsten. Dabei zerren bis zu 6 g an dir – das sind Bremskräfte, die kein anderes Rennauto erreicht. Natürlich ist auch der Anpressdruck beeindruckend. Gemeinsam ergibt das ein unvergleichliches Fahrverhalten vor und in der Kurve.

So schwierig ist es ein F1-Auto zu fahren
Und wie schwer ist es, ein Formel-1-Auto zu fahren?
Das Schwerste daran ist, das Limit zu finden, weil es enorm hoch ist. Andere Autos beginnen vergleichsweise früh zu über- oder untersteuern; da bist du recht schnell an der Grip-Grenze. Ein Formel-1-Auto hingegen klebt geradezu am Boden. Du weißt nicht, ob du schon nah am Limit bist oder dich noch weit weg davon bewegst.
Warst du nah am Limit?
Ja. Das Auto hat mir viel Zuversicht gegeben, weil es sich so gut fährt. Das Limit habe ich am Nachmittag gefunden, nachdem ich ein paar Runden fahren konnte und auch schon ein wenig mit dem Auto im Grenzbereich kämpfen musste. Aber einen ganzen Vormittag habe ich gebraucht, um hineinzukommen. Unterm Strich war der Fortschritt, den ich im Laufe des Tages gemacht habe, sehr gut.
Du bist Entwicklungsfahrerin beim F1-Team von Mercedes und sitzt oft im Simulator. Wie wichtig war das für die Vorbereitung?
Der Formel-1-Simulator ist sehr nah an der Realität. Er hilft enorm dabei, sämtliche Systeme zu verstehen und die vielen Einstellmöglichkeiten am Lenkrad kennenzulernen. Beim Fahren selbst unterstützt er auch, weil er so realistisch ist: Du verstehst den Speed, mit dem du das Auto in die Kurve werfen kannst. Durch die Arbeit im Simulator fühlte ich mich auf der Rennstrecke sicher und komfortabel.

F1 Academy-Siegerin 2025
Wie sieht deine Arbeit im Simulator konkret aus?
Im Simulator spürst du selbst minimale Anpassungen am Auto. Ich muss feinfühlig sein, um das richtige Feedback geben zu können. Denn das Team verlässt sich darauf und entwickelt auf dieser Basis das Auto weiter. Ich liefere aber auch während des Rennwochenendes Informationen aus dem Simulator. Kleine Änderungen am Fahrzeug werden zuerst dort getestet.
Welche Änderungen können das sein?
Änderungen am Frontflügel etwa. Ein Beispiel: Das Team vor Ort findet für ein Performance-Problem auf der Rennstrecke drei verschiedene Lösungen. Natürlich können sie aber nicht alle in den Freien Trainings überprüfen. Deshalb testen wir sie im Simulator und geben Rückmeldung, welche die beste Option ist.
Du hast letztes Jahr die F1 Academy gewonnen. Wie ist dir das gelungen?
Durch Konstanz. Um einen Titel zu gewinnen, braucht es beständige Leistung. Die Gesamtperformance war sehr gut. Auch die Kommunikation ist ein Schlüssel zu einer optimalen Performance – und die hat im Team gut funktioniert.

Frauen in der Formel 1
Als du den F1-Test abgeschlossen hast, titelten viele Medien: „Die erste Frau, die einen Formel-1-Mercedes fährt.“ Welche Überschrift hättest du gewählt?
Die Überschriften sind nachvollziehbar, denn es ist nicht üblich, dass eine Frau ein Formel-1-Auto fährt. Ich hätte aber getitelt, dass ich es bewiesen habe. Bewiesen, dass ich als Frau keine körperlichen oder technischen Probleme hatte und meine Performance gut war. Bewiesen, dass es keinen Grund gibt, warum eine Frau nicht in der Formel 1 fahren sollte.
Viele junge Mädchen und Frauen wurden in den letzten Jahren Formel-1-Fans. Was braucht es, um sie von den Zuschauerrängen in das Cockpit zu bringen?
Es ist wichtig, unsere Geschichten zu kommunizieren. Das kann viele Menschen inspirieren und die vorherrschende Meinung, Motorsport sei eine Männerdomäne, ändern. Projekte wie die F1 Academy beweisen, dass jeder einen Platz im Motorsport hat und dort Großes erreichen kann – nicht nur als Fahrerinnen, sondern auch als Ingenieurinnen oder Mechanikerinnen.
Möglichkeiten müssen auch an der Basis geschaffen werden. Denn je mehr Frauen Kart fahren, desto wahrscheinlicher ist es, dass es eine von ihnen in die höchsten Klassen des Motorsports schafft. Frauen müssen von klein auf wissen, dass alles möglich ist im Leben – und zwar nicht nur im Sektor Sport.

Mehr beweisen als andere
Wie hast du deine eigene Reise als Frau im Motorsport erlebt?
Wir haben uns immer etwas mehr beweisen müssen, um die richtigen Leute zu überzeugen, dass wir ihre Unterstützung verdienen. Ich möchte die gleichen Möglichkeiten wie alle anderen haben und als schnelle Rennfahrerin wahrgenommen werden – und nicht als weibliche. Am Ende geht es im Sport um Performance, und wenn die fehlt, ist es nur fair, nicht unterstützt zu werden. Mit meinen Ergebnissen auf der Rennstrecke habe ich aber gezeigt, dass sie da ist. Es haben sich neue Möglichkeiten eröffnet.
Denkst du, du wirst eines Tages Formel-1-Fahrerin sein?
Ich glaube daran. Denn wenn ich es nicht tue – wer dann? Es ist mein ultimatives Karriereziel. Weil ich dank Mercedes ein Formel-1-Auto fahren konnte, weiß ich jetzt, dass dieses Ziel erreichbar ist.
Es gibt keinen Grund, warum eine Frau nicht in der Formel 1 fahren sollte.
Zur Person
Doriane Pin, geboren am 6.1.2004 in Frankreich, begann mit neun Jahren mit dem Rennsport und arbeitete sich über Kart-Meisterschaften in den Formel-, GT- und Langstrecken-Sport hoch, wo sie etwa mit Ex-F1-Fahrer Daniil Kvyat und DTM-Champion Mirko Bortolotti im Team fuhr. 2025: 1. Platz in der F1 Academy, der Nachwuchsserie für Frauen. Seit 2026: Entwicklungsfahrerin beim Mercedes-F1-Team.


