Großveranstaltungen laufen in England anders ab – beinahe schon klischeehaft: Klar, dass da die Autos der Besucher:innen auf den Stoppelfeldern, die als Parkplätze dienen, in wie mit dem Lineal gezogenen Reihen abgestellt sind. Klar, dass es an den vier Veranstaltungstagen am Eingang überhaupt kein Drängeln, geschweige denn Vordrängen, gibt. Und wenn man einmal doch von jemand mit dem Rucksack gestreift wird, heißt es sogleich: "Sorry, I beg your pardon!"
Seit 33 Jahren pilgern Petrolheads im Juli zum Anwesen rund um das Goodwood House von Charles Gordon-Lennox in Chichester, 90 Kilometer südlich von London und 50 Kilometer westlich vom Seebad Brighton. Er war es, der als 11. Duke of Richmond vulgo 11. Earl of March (ein vererbbarer Adelstitel), das heute wohl bedeutendste Festival für historische Rennfahrzeuge begründete. Schon sein Großvater hatte 1948 nahe dem Herrenhaus eine Rennstrecke anlegen lassen, auf der sich Grand Prix-Wagen abseits der Weltmeisterschaft matchten. Stirling Moss hatte hier einen schweren Unfall und Bruce McLaren verunglückte gar 1970 bei einer Testfahrt, vier Jahre nach Einstellung des regulären Rennbetriebs, tödlich. Heute hält der Duke beim Festival of Speed quasi Hof und wird hofiert, wenn er sich interessiert zwischen den Boliden bewegt, die vormittags für ihren Auftritt am Nachmittag präpariert werden.
Unterwegs in den Boxenstraßen
Vormittags ist stets die beste Zeit, die Boliden hautnah zu bewundern. Denn so dicht an sie kommt man bei Rennsport-Veranstaltungen nur in offizieller Funktion oder als Super-VIP heran. Die Mechaniker (weibliche waren keine zu sehen) nehmen sich sogar Zeit für ein Schwätzchen, während sie an den Motoren herumschrauben, Reifen montieren oder den Lack polieren. Man spürt: Sie sehen ihren Job nicht als solchen, sondern als Berufung an. Und sie sind stolz, die ihnen anvertrauten Exponate einsatzfähig vorzubereiten.
Etwa an der Box der Scuderia Ferrari. Dort sind die roten Renner chronologisch aufgereiht, beginnend vom Tipo 156, dem Formel 1-Modell aus dem Jahr 1961.
Eine Reihe weiter ist nicht Rot, sondern Silber die dominierende Farbe: Es dominieren die Silberpfeile von Mercedes und Auto Union. Es war ein Zufall, wie deutsche Rennsportwagen auf diese Farbe kamen: Ursprünglich weiß lackiert, war der W25-Grand Prix-Rennwagen von Mercedes im Jahr 1934 um ein bis zwei Kilo zu schwer. Mercedes-Teamchef Alfred Neubauer ließ einfach den Lack abkratzen, das nackte Auto konnte damit das 750-Kilo-Limit einhalten.
Schon klar, dass die Grand Prix-Boliden die meiste Aufmerksamkeit des Publikums verdienen. Selbst wenn sie am ersten Tag des Goodwood -Festivals noch aufgebaut werden müssen, über sie eine große Faszination aus.
Auch abseits der Königsklasse des Motorsports gibt es an einem Vormittag in Goodwood viel zu entdecken. Renn- und Rallyeautos der verschiedensten Marken, die eines gemeinsam haben: Sie wurden erfolgreich eingesetzt. Wie die Fahrzeuge in der folgenden Bildergalerie:
Und jetzt geht’s erst richtig los!
Mittlerweile sind die Autos in den Boxenstraßen allesamt hergerichtet für ihren Auftritt. Das Publikum hat entweder auf den Tribünen Platz genommen oder es ist am Rand des Hill Climb, der zu fahrenden Strecke, positioniert. Hill? Das mag auf dem Anwesen des Earl of March für unsere Begriffe etwas hochtrabend klingen, handelt es sich doch um eine 1,9 Kilometer lange Strecke, die einen Höhenunterschied von gerade einmal 92 Metern überwindet und von den meisten Fahrzeugen in weniger als einer Minute absolviert wird.
Der Start erfolgt in einer von Strohballen gesäumten Allee.
Was es sonst noch zu sehen gab
Was wäre Goodwood ohne die vielen Side Events, die an den vier Tagen stattfinden? Ohne der Ausstellung und dem Schaulauf der Hypercars, ohne Drift-Spektakel und ohne Fahrzeugpremieren? Ja, auch die Industrie nützt die Chance, ihre Zielgruppe ohne Streuverlust zu erreichen, seit Jahren. Klar, denn hier in Goodwood ist das Publikum besser gelaunt als in irgendeinem Schauraum in London. Vom internationalen Publikum, das hier her pilgert, ganz zu schweigen...



