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Unsere Pedelec-Selektion (von links nach rechts): Das Maderna Tractor, das My Esel Metropolitan E, das Vivax Passione CF Disc und von Vello das Bike+ mit Riemenantrieb.

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Unsere Pedelec-Selektion (von links nach rechts): Das Maderna Tractor, das My Esel Metropolitan E, das Vivax Passione CF Disc und von Vello das Bike+ mit Riemenantrieb.

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Juni 2018

Pedelecs aus Österreich

Vier Gustostückerln haben wir entdeckt, als wir uns hierzulande nach Alternativen zur klassischen Elektrofahrrad-Mainstream-Ware umgesehen haben.  

Am Anfang war stets das Gewicht, das Schwergewicht, um es ein wenig präziser zu formulieren. Denn wann immer sich eine neue einspurige Drahtesel-Gattung zu etablieren begann, spielten die ­Kilogramm zunächst eine eher nebensächliche Rolle – siehe Waffenrad, siehe Mountainbike und: siehe Elektrofahrrad. Bei den Elektroautos sieht die Lage übrigens ganz ähnlich aus; für eine anständige Reichweite bedarf es einer üppigen Batterie, und die kostet: Platz, Geld, Gewicht. Dieselben Kriterien machen moderne Pedelecs groß, teuer und schwer.

Aber: Es geht auch anders, spezieller, individueller, origineller. Die vier Pedelecs, die wir hier vorstellen, stammen allesamt von kleinen feinen österreichischen Firmen, die viel Hirnschmalz und Herzblut in ihre Produkte investiert ­haben. Da wurde mit enormer Hingabe an Details gefeilt, da wurden mitunter Lösungen gesucht, die es so am Markt vorher noch gar nicht gab. Und da wurde Know-how erworben, das postwendend in die Verbesserung bestehender Modelle oder die Kreation neuer Modelle einfließt. Herrlich, dieser spürbare Enthusiamus, möge er sich auszahlen und noch lange andauern.

Bevor wir nun gleich ins Detail gehen, uns die einzelnen Räder genauer ansehen, noch ein kleiner audiovisueller Appetithappen, ein Kurzfilm zum Gusto holen.

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Und nun, wie versprochen (und etwas ausführlicher), die Einzelvorstellungen unserer Vierer-Selektion, Bühne frei für:

Maderna Tractor | My Esel Metropolitan E | Vivax Passione CF Disc | Vello Bike+

Das Maderna Tractor – ja, das ist ein Fahrrad.

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1 Wow 1: Das Maderna Tractor kann eine Europalette transportieren. © www.fiskur.at

2 Wow 2: 2-spurig, 20-Zoll-Bereifung, 200 Kilogramm Zuladung. © www.fiskur.at

3 Wow 3: Sehr kleiner Wendekreis (ca. 2,5 Meter), wunderbar einfaches Handling. © www.fiskur.at

Von Maderna aus Wien stammt das Tractor, ein zweispuriges Lastenrad, 80 Zentimeter breit und rund 2,4 Meter lang. Aufgrund eben dieser Abmessungen gilt es gerade noch als Fahrrad und darf daher auch auf Radwegen gefahren werden. Erdacht und gemacht wurde das Tractor von Paris Maderna, der bereits bei diversen Kunstprojekten mitwirkte (wir erinnern an dieser Stelle freudig an die schönen Spielereien namens Ferdinand GT 3 RS und Fahrradi Farfalla FFX). Auch bei der Konzeption des Faltrades von Vello, das wir ein Stück weiter unten vorstellen, hatte er seine Finger im Spiel.

Doch zurück zum Tractor – das ist noch ein Prototyp, ein beinahe serienreifer allerdings. In manchen Details wird es Änderungen geben, z.B. dem Motor, dem Lenkanschlag, den Verzurrmöglichkeiten etc., das Konzept des wendigen Vierrades aber, in der Konfiguration Fahrer vorne, Ladefläche hinten, das bleibt erhalten. Apropos Ladefläche. Dass diese gefedert ist und noch dazu die Dimensionen einer Euro-Palette hat, macht sie ziemlich einzigartig. Auch die 200 kg Zuladung sind kein Lärcherl, wie im Wienerischen das Wort "Kleinigkeiten" so ornitologisch hübsch umschrieben wird.

Und so fährt es sich: Erstaunlich leichtgängig, trotz eines Eigengewichts von rund 45 Kilogramm, auch mit voller Zuladung. Der Swissdrive-Elektromotor setzt sanft ein, eine Anfahrhilfe wäre hie und da trotzdem wünschenswert, Stichwörter: Steigungen, hohe Zuladung, Ampelstart. Umgekehrt scheint die Bremsanlage (vier Scheibenbremsen rundum) völlig ausreichend dimensioniert zu sein, ein sicheres Verzögern war eigentlich immer möglich. Es waren eher die Gedanken an die (hoffentlich ausreichend fest verzurrte) Fracht, die uns bei festen Bremsmanövern kurz ins Grübeln brachten. Aber: Alles gut gegangen, nix passiert. Für spürbaren Komfortgewinn (für Fahrer und Fracht) sorgen Shock-Absorber vorne und hinten, wobei die Ladefläche auf echten Federbeinen ruht, während an der Front Gummipuffer Stöße filtern. Wirklich begeistert hat uns der enge Wendekreis – das Tractor kann beinahe auf dem Stand gewendet werden, 2,5 Meter sind es in etwa, also rund eine Fahrbahnbreite. 

Fazit: Das Tractor ist (für ein Lastenrad) wunderbar handlich, leichtgängig und sicher, dank des E-Antriebs problemlos bergauf, darf auf jeden Radweg. Konzept-bedingt ist es natürlich eher für Zusteller als für ­Familien geeignet. Preis: rund 6.000 Euro, Gewicht: ca. 45 kg.

Das My Esel Metropolitan E – Stolz auf Holz

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1 Holz 1: Schicht- statt Vollholz, um alle technischen Vorgaben unter einen Hut bringen zu können.  © www.fiskur.at

2 Holz 2: Der Rahmen wirkt ausreichend steif, Vibrationen werden sanft gefiltert.  © www.fiskur.at

3 Holz 3: Der Rahmen ist hohl, das ermöglicht eine innenliegende Zugführung. Schön! © www.fiskur.at

Von dem jungen oberösterreichischen Unternehmen My Esel stammt das Metropolitan E. Wer ein Faible für alternative Rahmenkonzepte hat, ist hier genau richtig. Erstens, weil der schlichte Schichtholzrahmen bereits per se ein feines und mit viel Hirnschmalz entwickeltes Stück Handwerkskunst darstellt. Zweitens, weil jeder Rahmen für den Kunden maßgefertigt wird. Dafür bedarf es zunächst einer prinzipiellen Entscheidung, welcher Radtyp gewünscht wird. Zur Auswahl stehen Urban, Road, Cross und Elektro. Dann kommt die persönliche Note ins Spiel. Angegeben werden müssen Körper- und Schuhgröße sowie die Unterschenkellänge, ein, gemeinsam mit Mitarbeitern des Orthopädischen Spitals in Speising (Wien) entwickelter Algorithmus berechnet in weiterer Folge die richtigen Rahmen-Proportionen.

Wir müssen das noch einmal betonen, weil uns diese Idee gar so sehr fasziniert und praktisch unique ist: Jedes einzelne Fahrrad wird für den Kunden maßgefertigt! Angesichts dessen darf die Preisgestaltung als absolut fair bezeichnet werden – rund 4.000 Euro erscheinen uns jedenfalls angemessen für ein Elektrofahrrad, das perfekt passt, noch dazu nachhaltig geplant und sogar hierzulande gefertigt wurde.

Und so fährt es sich: Das Metropolitan E gibt sich angenehm direkt, agil und handlich, trotzdem ausreichend spurstabil – aus unserer Sicht ideal für flinke Stadtfahrten sowie ausdauerndere Ausfahrten. Und über den Holzrahmen können wir berichten: Der wirkt überraschend steif (was gut ist), persönlich haben wir im Vorfeld mit einem höheren Maß an Eigendämpfung spekuliert. Dies wiederum deshalb, weil wir unsere bisherigen Holzrad-Erfahrungen ausschließlich mit Fahrrädern gesammelt haben, deren Rahmen aus Bambus-Rohren gefertigt wurde. Ein My Esel-Rahmen dagegen ist deutlich aufwendiger konstruiert, besteht nicht aus Vollholz, sondern aus mehreren optimierten, miteinander verklebten Schichten unterschiedlicher Holzarten, die von einer hochpräzisen computerunterstützt arbeitenden Fräse auf das jeweilige Maß getrimmt werden. Im Vergleich zu einem klassischen Alu- bzw. Stahl-Rahmen-Bike fühlte sich das My Esel dennoch komfortabler an. Motorisch kommt übrigens ein Radnaben­motor der Firma Zehus mit integrierter Batterie zum Einsatz, der auch rekuperativ arbeitet, also Energie rückgewinnen kann. Feineinstellungen sind via der aufwendig gestalteten App möglich, allerdings könnte die Bedienbarkeit besser sein. Will man etwa während der Fahrt den Modus wechseln, muss die Fingerkuppe schon sehr exakt die jeweiligen Logos treffen und sie dann auch noch wohl dosiert zur Seite schieben. Auf holprigem Untergrund ist das eine nur schwer lösbare Aufgabe.  

Fazit: Das Rad ist ein City-King, handlich, direkt und – dank des E-Antriebs – erstaunlich ausdauernd, rund 40 Kilometer Reichweite sind durchaus möglich. Gute Eigendämpfung des Holzrahmens, herausragendstes Merkmal des My Esel ist jedoch sein maßgeschneiderter Holzrahmen. Preis: ab 3.990 Euro, Gewicht: 17,5 kg.

Das Vivax Passione CF Disc – Rennrad mit verstecktem Elektro-Antrieb

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1 Sport 1: Das leichteste E-Antriebskonzept in diesem Vergleich hat auch den kleinsten Startknopf. © www.fiskur.at

2 Sport 2: Erdacht in Österreich – ja, der Vivax-Antrieb ist das Resultat heimischer Innovationsfreude. © www.fiskur.at

3 Sport 3: Geringes Gewicht – das Passione CF Disc wiegt (inklusive Elektroantrieb) nur knapp 10 Kilogramm. © www.fiskur.at

Aus Tirol kommt das Elektro-Rennrad Vivax Passione CF Disc. Wirklich spannend an diesem Konzept ist die scheinbare Unsichtbarkeit des Systems, dessen auffälligste Details ein Kabel, das sich aus der Satteltasche schlängelt, sowie ein kleiner schwarzer Start-Knopf am Lenker sind. Das angesprochene Kabel führt zur Batterie in eben jener Satteltasche, der Motor selbst sitzt versteckt im Sattelrohr und wirkt über ein Kegelradpaar unmittelbar auf die Kurbelwelle.

Toll: Das gesamte System wiegt nicht einmal zwei Kilogramm, kann auch als Nachrüstsatz für jedes x-beliebige Rad mit ausreichend groß dimensioniertem Sattelrohr geordert werden, ist allerdings eher als zusätzliche Kraftreserve (etwa auf kräftezehrenden Anstiegen) denn als Reichweiten-Verlängerer konzipiert. Man sollte also nicht den Fehler machen, und sich hier einen vollwertigen Elektro-Antrieb im klassischen Sinne erwarten. 

Und so fährt es sich: Ohne Unterstützung des Elektromotors fühlt sich das Vivax wie ein modernes Rennrad der 10-kg-Gewichtsklasse an. Nach einem Druck auf den kleinen schwarzen Knopf macht sich der 200-Watt-Antrieb akustisch durch ein leises Surren bemerkbar, spürbar ist der Schub sowieso. Im ersten Moment Moment gewöhnungsbedürftig: Der Motor will scheinbar unentwegt unterstützen. Folgt beispielsweise auf eine Tret-Passage ein Stück des Dahinrollens, des Nicht-Tretens, schiebt der Motor trotzdem einen kurzen Moment lang weiter an – und somit dreht sich auch die Kurbel noch kurz weiter. Das ist eine Eigenheit des Systems, gefühlsmäßig entsteht dabei der Eindruck, dass das System noch nachtritt. Um nun die Unterstützung zu deaktivieren, muss jedoch nur einen Augenblick lang mit Muskelkraft dagegen gehalten werden, schon quittiert der Motor prompt seinen Dienst. Da die Ausdauer des Antriebs auf rund 1 Stunde begrenzt ist, neigt man auch nicht dazu, leichtfertig mit den zur Verfügung stehenden Extra-Reserven umzugehen.

Fazit: 5.949 Euro – das klingt teuer, ein vergleichbares Gesamtpaket zu finden fällt jedoch schwer. Dafür ist der Gegenwert mit Carbonrahmen, großteils Shimano-Ultegra-Komponenten sowie E-Antrieb ganz passabel. Gewicht: 10,3 kg. Summa summarum ist der Vivax-Antrieb momentan wahrscheinlich die eleganteste und beste Variante, die Themen Rennrad und Elektroantrieb miteinander zu verknüpfen. 

Das Vello Bike+ – faltbar, flink & sauber

Faltrad.gif www.fiskur.at © www.fiskur.at
Ist man mit dem Faltmechanismus einigermaßen vertraut (und das gelingt relativ schnell), dann ist das hier gezeigte Prozedere ein Kinderspiel. Zunächst muss die Fixierung vorne an der Gabel gelöst werden, danach wird bereits gefaltet. Dauer des Manövers in Echtzeit: rund 15 Sekunden. Faltmaß: 57 x 79 x 29 Zentimeter.

In Wien daheim ist die Firma Vello, die das elegante Bike+ kreiert hat. Was dieses Faltrad von anderen unterscheidet? Der herrlich simple Faltmechanismus samt seiner schlauer Details. Welche das sind? Leicht schräg angeschlagene Scharniere beispielsweise, damit die einzelnen Teile beim Zusammenlegen aneinander vorbei geführt werden können. Oder die Magnet-Verschlüsse, die eine flinke und trotzdem stabile Verbindung der einzelnen Rahmenelemente ermöglichen. Oder das beinahe unsichtbare Rahmenschloss für den sauberen Riemenantrieb (im Gegensatz zur klassischen Kette), der Gummi-Puffer am Hinterbau, usw. usf.…

Außerdem: Das Vello kann im zusammengelegten Zustand sogar geschoben, muss also nicht getragen werden – für die Mitnahme in den Öffis oder der Unterbringung am Arbeitsplatz ist das ganz praktisch. Wer das Vello zwischenzeitlich auch an Radständern in der Öffentlichkeit abstellen will, dem würden wir eventuell zu einer Variante ohne Scheibenbremsen raten. Warum? Weil die Scheibenbremsen bei jenen Radständern, die ein Einfädeln des Vorder- oder Hinterrades erfordern, aufgrund der geringen Größendifferenz zu den 20-Zoll-Laufrädern bald einmal im Weg sind. 

Und so fährt es sich: Sehr knackig und direkt, insgesamt wunderbar agil, trotzdem liegt es in flugs durchfahrenen Radien stabil auf der Fahrbahn. Die diversen Steck-, Klemm- und Magnet-Verbindungen hinterließen einen soliden Eindruck, wer allerdings eine Radwegkante im Sprung nimmt, muss mit einem klackernden Hinterbau rechnen (so stark ist der Magnet an dieser Stelle dann doch nicht). Gute Bremsleistung. Der Zehus-Radnabenmotor schiebt bei maximal eingestellter Unterstützung ordentlich an, die Einstellbarkeit (Rekuperation bzw. Unterstützung) via App ist vorbildlich, die Bedienbarkeit während der Fahrt ist es hingegen nicht (siehe auch My Esel, da kommt das gleiche System zum Einsatz).  

Fazit: Unser Testrad war das Premiummodell inklusive Scheibenbremsen (gut dosierbar, kräftig zupackend) und Riemenantrieb (Schmutz-freie Alternative zur Kette), daher der Preis: 3.299 Euro. Unterwegs ist das Vello Bike+ ein angenehm quirliges Gerät, dessen Zehus-Antrieb für einen netten, andauernden Schub sorgt. Gewicht: 13,9 kg.

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Kommentar zum Abschluss: Ja, die hier gezeigten Pedelecs sind allesamt nicht gerade günstig. Das sind gute Elektrofahrräder allerdings selten. Noch dazu dann, wenn sie handwerklich so raffiniert und technisch so ausgeklügelt sind, wie diese Vier hier. Was uns aber wirklich freut: Dass wir bei der Suche nach Alternativen zur klassischen Pedelec-Ware relativ rasch hierzulande fündig wurden. Und: Maderna, My Esel, Vivax und Vello sind gewissermaßen nur vier Brösel eines riesigen Guglhupfs an heimischen Fahrrad- und Fahrradzubehör-Firmen. Lasst es euch schmecken!

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