Obwohl es noch früh am Morgen ist, flimmert die Luft bereits über dem Sand auf dem Parkplatz. Wir steigen aus dem klimatisierten Bus, passieren den Sicherheitscheck im Besucherzentrum und erreichen die Plattform oberhalb von Gizeh. Hier tauchen sie endlich vor uns in ihrer überwältigenden Größe und Schönheit auf: die Pyramiden. Ein Anblick, der alle Besucher zumindest kurz ehrfürchtig innehalten lässt. Denn nach wie vor geben sie der Menschheit Rätsel auf. Auch wenn es unzählige Theorien gibt, ist ungeklärt, wie sie erbaut werden konnten. Fest steht nur, dass sie kolossal, aus Millionen tonnenschwerer Steinblöcke erbaut und Jahrtausende alt sind – und zu Recht ein Wunder genannt werden dürfen. Umso mehr, als sie das einzige der sieben Weltwunder der Antike sind, das die Zeit überdauert hat. Ihre Präzision und ihre monumentale Größe lassen jedes Jahr mehr als 14 Millionen Besucher staunend zurück. Und so beeindruckend sie schon von außen sind – das wahre Abenteuer beginnt, wenn man den Eingang der Cheopspyramide passiert, um die mehr als 100 Meter in engen Gängen bis zur Königskammer zu überwinden. Ein einmaliges Erlebnis.
Kairo: Eine Stadt zwischen Antike und Moderne
Entsprechend groß war auch die Vorfreude auf eine Reise quer durch Ägypten. Eine Woche voll lebendiger Geschichte rund um die Zeugnisse einer Vergangenheit, die uns bis heute in Staunen versetzt. Pyramiden, Tempel, Land, Leute und Kulinarik: Das Programm ist jeden Tag so dicht wie perfekt organisiert. Gut so, denn die Sehenswürdigkeiten auf eigene Faust zu erkunden, wäre zwar theoretisch möglich, aber praktisch eine unnötige Herausforderung. Viel bequemer ist dagegen die Reise mittels Schiff über den Nil. Der Transfer zu den verschiedenen Stationen ist optimal geplant, die Tickets stehen bereit, die Reiseleiter sind fundierte Ägyptologen, die auf alle Fragen eine kompetente Antwort geben können. Zumindest auf fast alle. Denn so intensiv auch in dem Land geforscht wird, manches lässt sich bis heute nicht restlos erklären, wie wir schon auf der Fahrt vom Hotel in Kairo nach Gizeh von unserer Reiseleiterin erfahren. Während wir einen vorbereitenden Abriss der ägyptischen Geschichte erhalten, kurvt unser Fahrer durch etwas, das mit unserem Verkehr nur sehr wenig zu tun hat. Schon hier beginnt das Abenteuer. Denn durch die Metropole mit ihren mehr als zehn Millionen Einwohnern führen Autobahnen mit sechs Spuren. Gefahren wird, als wären es mindestens doppelt so viele. Die ersten Minuten gleichen dem Gefühl in einer Achterbahn. Niemand hält Abstand, Sperrlinien sind maximal eine Empfehlung, dazwischen Eselkarren und Mopeds mit drei Fahrgästen. Kairos Straßen lassen das Herz zunächst stolpern. Doch es funktioniert – irgendwie. Die Hupe ersetzt den Blinker, Ampeln sucht man vergeblich, und trotzdem schlängeln sich Autos, Busse und Mopeds wie ein lebendiger Organismus durch die Stadt. Ägypten empfängt seine Gäste mit Lärm, Hitze und einer Energie, die sich sofort überträgt. Es ist ein Land der Gegensätze. Jahrtausendealte Bauwerke stehen neben modernen Brücken, Moscheen neben koptischen Kirchen, der Wüstensand grenzt an einen schmalen grünen Uferstreifen am Nil. Wer früh aufsteht, sich für Geschichte interessiert und ein paar Münzen für Bakschisch einpackt, erlebt ein Land, das sich mit keinem anderen vergleichen lässt. Das gilt auch für die Hitze, wie wir bald merken. Nicht nur vor der Cheopspyramide, sondern erst recht als wir uns bücken, um die ersten Meter auf dem Weg tief in den steinernen Koloss zu überwinden.



Auf allen Vieren in die Königskammer
Zunächst ist das Gefühl mulmig. Doch nachdem wir uns schon dem Verkehr in Kairo todesmutig gestellt haben, kann uns auch der Weg durch die dunklen Gänge in die große Pyramide nicht erschrecken. Zugegeben: Es ist wirklich eng, einige Passagen können nur in stark gebückter Haltung durchquert werden. Die Tunnel sind niedrig, es geht steil rauf und herunter, und zusätzlich muss jeder Besucher auch wieder so heraus, wie er hereingekommen ist. Gegenverkehr gibt es also auch noch. Das perfekte Umfeld für Platzangst und Stress, sollte man meinen. Tatsächlich ist die Stimmung in der großen Pyramide aber eine völlig andere. Besucher nehmen Rücksicht aufeinander, warten an Engstellen geduldig, niemand drängelt. Zu groß scheinen Respekt und Ehrfurcht vor dem steinernen Riesen. Man spürt, dass man an einem besonderen Ort ist. Selbst in der Königskammer, in der gefühlte 40 Grad herrschen, strahlen die Augen aller Besucher. Die Wände sind teils spiegelglatt poliert, die Winkel perfekt, die Stille beinahe greifbar. Nur, dass gut 100 Meter Gestein über einem aufgeschichtet sind, will man sich lieber nicht überlegen.
Aufgrund der Hitze und auch, um anderen Wagemutigen Platz zu machen, treten wir bald den Rückweg zurück zum Tageslicht an. Denn dort warten weitere Highlights in unmittelbarer Nähe.
Als Erstes folgt der Sphinx-Tempel. Er wurde erst in den 1920er‑Jahren bei der Freilegung des Geländes entdeckt und besteht aus gewaltigen Kalksteinquadern, die perfekt ineinandergreifen. Ob Cheops oder Chephren ihn errichten ließ, ist bis heute umstritten und eng mit der Frage verknüpft, wer die Sphinx selbst bauen ließ. Sicher ist, dass sie seit Jahrtausenden am Rand des Niltals über das Plateau wacht, den Blick nach Osten in die aufgehende Sonne gerichtet. Mit ihrem mächtigen Löwenkörper und dem rätselhaften menschlichen Gesicht wirkt sie wie ein stiller Wächter der Pyramiden.
Ein profanes, aber erfreuliches Detail am Rande: Die Sanitäranlagen vor Ort sind durchwegs gepflegt, kühle Getränke überall erhältlich und Kartenzahlung ist Standard. Zudem führen Buslinien die Besucher auf dem Gelände bequem von A nach B.



Kairo: Wo Moscheen neben Kirchen stehen
Den Kopf noch übervoll mit Eindrücken, geht es schon weiter zur geschichtsträchtigen Zitadelle von Kairo. Hoch über dem Häusermeer der Metropole thront die mittelalterliche Wehranlage Saladins, einst Festung gegen die Kreuzritter und fast 700 Jahre lang Machtzentrum der Herrscher – heute einer der besten Aussichtspunkte über das gigantische Stadtlabyrinth. An dessen Ende ragen die Pyramiden auf. Nicht zuletzt der Vergleich mit der Silhouette der modernen Stadt offenbart ihre enorme Größe. Im Inneren der ehemaligen Wehranlage befindet sich die Alabastermoschee mit ihren schlanken Minaretten und einer riesigen Zentralkuppel. Hier heißt es: Schuhe ausziehen, und Damen legen sich am besten einen Schal über Kopf und Schultern. Besonders die kunstvolle Gestaltung der Säulengänge, die um den zentralen Hof führen, lädt dazu ein, den Kopf in den Nacken zu legen und die Präzision früherer Handwerker zu bestaunen.
Danach geht es immer tiefer in die Stadt hinein. Denn als Nächstes steht das koptische Viertel auf dem Programm. In diesem Stadtteil leben Kairos Christen seit dem ersten Jahrhundert. Hier befinden sich auch einige der ältesten Kirchen Ägyptens. Architektonisches Highlight ist die sogenannte Hängende Kirche. Sie scheint über den alten Festungsmauern zu schweben und erzählt mit ihren Ikonen und dunklen Holzdecken von der langen Geschichte des ägyptischen Christentums. Wir schlendern durch die engen Gassen, entlang der Mauern der alten römischen Festung Babylon und besuchen weitere jahrhundertealte Kirchen mit mystischen Krypten in einem Viertel, das ein überraschend stilles, fast dörfliches Gegenbild zur lauten Millionenstadt zeichnet.
Nach diesem Ausflug durch Jahrtausende voller Religion und Architektur benötigen wir eine Stärkung. Zielsicher navigiert uns unsere Führerin Abir ins Herz des Khan-el-Khalili-Basars. Zwischen Messinglampen, Gewürzkörben, Parfümölen und Wasserpfeifen verdichten sich Geräusche, Gerüche und Farben zu jener leicht chaotischen Atmosphäre, für die Kairo berühmt ist. Hier sitzen Händler in winzigen Läden neben uralten Karawansereien und handeln lautstark um jedes Pfund. Wir nehmen unter einem Baldachin in einem Kaffeehaus Platz und trinken Guavensaft, süßen, dickflüssigen Kaffee und Minztee. Zu Fuß geht es vorbei an unzähligen Händlern quer durch Afrikas berühmtesten Markt. Gegründet wurde er um 1382 als Karawanserei und Handelshof auf einem ehemaligen Mamluken‑Friedhof. Rasch verlieren wir die Orientierung in dem labyrinthischen Netz aus engen Gassen, Durchgängen und kleinen Plätzen, in denen sich Hunderte Läden und Werkstätten drängen. Wir bestaunen schillernde Stoffe, Teppiche, Lampen und Metallarbeiten, Schmuck und kunstvolle Souvenirs auf dem Weg zum anderen Ende, von wo aus es zurück ins Hotel geht. Dort legen wir endlich die Füße hoch und versuchen, bei einem kühlen Getränk die zahllosen Eindrücke zu verarbeiten.



Sakkara: Labor der Pyramidenbauer
Auch am nächsten Tag heißt es: früh aufstehen. Denn die Sonne brennt schon am Vormittag unerbittlich, und wer vor anderen Reisegruppen dran ist, kann manche Sehenswürdigkeit beinahe allein erkunden. Mit dem Bus geht es zunächst nach Sakkara, wo sich die Stufenpyramide des Pharaos Djoser aus dem Sand erhebt. Sie gilt als Prototyp aller späteren Pyramiden. Zudem markiert sie das Zentrum der wichtigsten Nekropole der alten Hauptstadt Memphis. Etwa 3.000 Jahre lang war Sakkara die zentrale Begräbnisstätte für Könige, Beamte und Priester der Stadt, wie uns unsere Führerin Abir erklärt. Außer uns sind auf dem Plateau bislang nur die Wächter der historischen Stätten und einige verschlafene Hunde. Beim Näherkommen hebt sich die Stufenpyramide, die 2650 v. Chr. von Imhotep entworfen wurde, immer beeindruckender gegen den azurblauen Himmel ab. Um sie herum finden sich auf etwa neun Quadratkilometern nahezu alle altägyptischen Grabformen: Stufenpyramiden und klassische Pyramiden, Mastabas, Schacht‑ und Galeriegräber sowie unterirdische Tierfriedhöfe. Sakkara ist eine „Work in Progress“-Stätte, sagt unsere Führerin. Denn noch immer werden neue Gräber, Schächte und Mumien entdeckt.



Gigantische Särge für heilige Stiere
Auf dem gewaltigen Gelände wartet darüber hinaus ein ganz besonderes Highlight auf uns: das Serapeum, eines der geheimnisvollsten Monumente rund um Sakkara.
Über eine Rampe gelangen wir tief unter die Erde, wo sich ein Netz aus in den Felsen getriebenen Gängen und Kammern von mehreren Hundert Metern Länge befindet. In diesen Kammern lagern riesige monolithische Granitsarkophage, teils über fünf Meter lang und bis zu etwa 70 Tonnen schwer. Wie sie dort hingebracht und durch die engen Schächte transportiert wurden, ist nur eines der vielen Rätsel, die uns in Ägypten begegnen. In den Sarkophagen sollen sich mumifizierte heilige Stiere befunden haben. Vermutlich wurden sie in der Spätantike von christlichen Mönchen zerstört oder geplündert.
Nur einen Steinwurf entfernt können wir die Grabkammer der Teti‑Pyramide besichtigen. Äußerlich ist sie nur noch ein unscheinbarer Hügel, doch im Inneren befindet sich ein perfekt gefertigter Sarkophag, eine mit Sternen dekorierte Decke sowie Hieroglyphentexte, die den Weg ins Jenseits beschreiben, wie eine altägyptische Checkliste für die Ewigkeit.
Wie sie zu lesen sind, erklärt uns unsere Führerin Abir. Grundsätzlich sind Hieroglyphen eine Mischschrift aus Lautzeichen, Wortzeichen und Deutzeichen: Dasselbe Zeichen kann einen Konsonanten, ein ganzes Wort oder als Zusatz die Bedeutung eines Begriffs klären. Das eigentliche Alphabet besteht aus 24 Einkonsonantenzeichen, die wie Buchstaben funktionieren. Vokale werden meist nicht geschrieben und von Ägyptologen bei der Lesung ergänzend eingefügt. „Soweit alles klar?“, fragt Abir. Nicht ganz, wir nicken trotzdem eifrig. Was uns aber klar wird: Für die Ägypter waren Hieroglyphen eine sakrale Schmuckschrift, die vor allem an Tempeln, Gräbern und auf Monumenten verwendet wurde, weniger für den Alltag. Gelesen wird sie je nach Ausrichtung der Zeichen von links nach rechts oder rechts nach links. Tiere und Menschen „blicken“ immer zum Textanfang und verraten die Richtung.



Wo Tempel wie moderne Kunst aussehen
Wieder zurück im Tageslicht geht es weiter zu einer imposanten Tempelanlage, die Imhotep, der legendäre Baumeister des Pharao Djoser, gegen Ende des 27. Jahrhunderts v. Chr. in Sakkara errichten ließ. Dieser Tempel, dessen Wände von schmalen Nischen rhythmisch gegliedert sind, diente als Kult‑ und Prozessionsraum sowie der rituellen Erneuerung der Königsherrschaft. Trotz seines Alters von über 4.500 Jahren wirkt der Bau durch Restaurierungen erstaunlich klar und modern, sodass man sich hier eher in einer minimalistischen Architekturinstallation als in einem der frühesten Monumentalbauten der Menschheitsgeschichte wähnt. Und auch hier fragt man sich unweigerlich: Wie haben Menschen das vor mehr als 4.000 Jahren geschafft?
Auf dem Gelände von Sakkara kommen wir auch immer wieder an dunklen Schächten vorbei, die bis zu 30 Meter schnurgerade in die Tiefe führen. Sie wirken wie senkrechte Zugänge in die unterirdische Welt der Ägypter, in der Kammern, Gräber und möglicherweise sogar ein raffiniertes Wassersystem verborgen liegen sollen. Leider heißt es hier: Eintritt verboten. Doch die Forscher sind dran, wie uns Abir versichert.

Groß, größer, das größte ägyptische Museum
Nach Grillspezialitäten in einem typischen Lokal in der Nähe von Memphis, wo wir die 13 Meter große, liegende Kolossalstatue von Ramses II. besichtigen, fahren wir zum Großen Ägyptischen Museum. Der Name ist tatsächlich Programm, denn das Museum ist kolossal. Der dreieckige Bau, der überall die Form der Pyramiden in der Architektur aufnimmt, ist mit 81.000 m² Ausstellungsfläche das größte archäologische Museum der Welt. Über 100.000 Objekte aus allen Epochen der ägyptischen Geschichte sind dort vereint, darunter die komplette Tutanchamun‑Sammlung mit mehr als 5.000 Stücken sowie Großobjekte wie der Ramses‑Koloss und das restaurierte Sonnenboot des Cheops. Sich alles anzusehen, würde vermutlich Tage dauern. Doch die Stunden, die wir im Museum verbringen, vergehen wie im Flug.
Zur Entstehung des Museums, das erst letztes Jahr eröffnet wurde, gibt es eine Anekdote, die uns Abir erzählt: Der ehemalige ägyptische Kulturminister Farouq Hosny soll es sich aus einer Mischung aus Kränkung und Spontanreaktion zu seinem Lebensziel gemacht haben. Denn bei einem Gespräch habe der italienische Verleger und Designer Franco Maria Ricci das alte Ägyptische Museum provokativ als Lagerhaus bezeichnet. Aus Ärger habe Hosny spontan geantwortet, Ägypten werde „das größte Museum der Welt“ direkt bei den Pyramiden bauen, obwohl es dafür noch keinen Plan gab. Ricci nahm das ernst, reiste nach Kairo und half sogar bei der Standortwahl und dabei, erste Studien anzustoßen. Eine Geschichte, die gut zu den vielen Mythen des Landes passt.
Am Abend nehmen wir Abschied von Ägyptens Hauptstadt. Ein kurzer Inlandsflug bringt uns weiter in den Süden nach Assuan, wo wir an Bord der Nilcrown 3 gehen und uns über den Komfort freuen. Klimaanlage, geräumige Kabinen mit Panoramafenster und ein Sonnendeck, das mit einer Bar, einem kleinen Pool und jeder Menge Liegen dazu einlädt, die Landschaft gemütlich vorbei ziehen zu lassen.



Wie ägyptische Tempel aufgebaut sind
Von nun an stehen die Tempel im Zentrum. Sie werden übrigens im Verlauf der Reise immer beeindruckender und folgen allesamt einem typischen Schema.
Ein ägyptischer Tempel führt seine Besucher stets vom Licht in die Dunkelheit: Vom Prozessionsweg mit Sphingen und der hohen Umfassungsmauer gelangt man typischerweise durch einen monumentalen Pylon in einen offenen Hof, in dem sich das Leben und die Prozessionen abspielten. Dahinter wird der Tempel schrittweise geschlossener – zuerst kommt eine Säulenhalle, in der das Licht nur gefiltert durch die steinernen Säulenwälder fällt, erst dann folgt das Allerheiligste, der kleinste und dunkelste Raum, in dem der Schrein mit der Kultstatue des Gottes steht und den nur Priester betreten durften. Dazu kommen seitliche Kapellen, Magazine für Kultgeräte sowie in manchen Anlagen auch ein heiliger See zur rituellen Reinigung. Die Tempelanlagen sind eine eigene kleine Stadt der Götter, meint unser Führer Osama, der uns in Assuan in Empfang genommen hat, auf dem Weg zum Philae-Tempel. Doch bevor es wieder Tausende Jahre zurück in die Geschichte geht, besichtigen wir ein vergleichsweise modernes Monument der Bau- und Ingenieurskunst.



Assuan: Ingenieurskunst in der Wüste
Nach einer kurzen Fahrt gelangen wir zum Assuan‑Hochdamm, einem der größten Staudämme der Welt. Er ist rund 3.600 Meter lang, über 110 Meter hoch und so breit, dass eine Straße darüber führt. Er staut den Nil zum Nassersee auf, einem künstlichen See, der sich über etwa 500 Kilometer bis in den Sudan erstreckt. Gebaut wurde das Megaprojekt zwischen 1960 und 1970, mit sowjetischer Finanzierung, geplant von internationalen Ingenieuren. Mehr als 90.000 Menschen mussten für den steigenden Wasserspiegel umgesiedelt werden.
Doch auch historische Bauwerke mussten weichen. Eines davon ist der Philae‑Tempel, der im Rahmen einer UNESCO‑Aktion in mehr als 30.000 Teile zerlegt, nummeriert und umgesetzt wurde – ein gigantisches 3D‑Puzzle unter freiem Himmel, das vier Jahre dauerte. Die Bootsfahrt dorthin gehört zu den schönsten Momenten der Reise: Zwischen Feluken, Felsen und Palmen gleitet man durch das Wasser, bis sich plötzlich die Säulen der Isis‑Tempelanlage im Wasser spiegeln.
Nach der Legende fand die Göttin Isis hier das Herz des zerstückelten Osiris. Besonders spannend: Der Isiskult überdauerte selbst die Christianisierung. Erst im späten 5./6. Jh. wurde der Säulensaal zur Kirche umgewandelt, was man anhand von Kreuzen erkennt, die neben den Darstellungen ägyptischer Gottheiten in die Wände des Tempels gemeißelt wurden.

Ein Steinbruch, viele Fragen
Danach steht ein weiteres Highlight an: Wir fahren zum antiken Granitsteinbruch von Assuan, wo der unvollendete Obelisk liegt – ein rund 42 Meter langer, bis zu 1.168 Tonnen schwerer Monolith aus Rosengranit, der bei seiner Fertigstellung der größte Obelisk der Antike gewesen wäre und meist Hatschepsut zugeschrieben wird. Faszinierend ist, dass hier eine antike Baustelle besichtigt werden kann, die wie eingefroren scheint: Der Block ist an drei Seiten bereits vom Fels gelöst, nur unten ist er noch verbunden. Dann wurden die Arbeiten abrupt eingestellt, weil sich Risse im oberen Bereich zeigten. Rätselhaft bleiben gleich mehrere Punkte: Warum wollte man den Obelisken nicht wenigstens verkleinern oder zerteilen und anderweitig nutzen? Was führte zu den Rissen? Und wie genau passen die Bearbeitungsspuren im engen Graben links und rechts des Steins zu den überlieferten, primitiven Werkzeugen? Von der Frage, wie die alten Ägypter den Obelisken transportiert hätten, erst gar nicht zu sprechen.

Auf dem Nil: Grüner Saum, goldene Stunden
Von nun an geht es auf dem Nil weiter zu den nächsten Sehenswürdigkeiten. Unser Schiff gleitet gemächlich stromaufwärts. Rechts und links zieht ein nur schmaler grüner Uferstreifen vorbei: Felder, Dattelpalmen, Wasserbüffel und Kinder, die winken, während im Hintergrund die Wüste gegen das Wasser anzukämpfen scheint.
Wir legen in Kom Ombo an, das golden in der Abendsonne schimmert. Dort erwartet uns ein Tempel, der zwei Göttern gleichzeitig geweiht ist: dem Krokodilgott Sobek und dem falkenköpfigen Horus. Die Anlage ist als symmetrischer Doppeltempel gebaut; alle Höfe und Räume existieren doppelt, einmal für jeden Gott. Beeindruckend sind vor allem die Reliefs mit medizinischen Motiven: chirurgische Instrumente, Geburtsdarstellungen, Bilder von Ärzten – ein steinernes Lehrbuch der altägyptischen Medizin. Direkt nebenan zeigt ein kleines Museum mumifizierte Krokodile – bizarr und faszinierend zugleich.



Am nächsten Morgen ist mit dem Tempel von Edfu einer der am besten erhaltenen Tempel in ganz Ägypten dran. Über Jahrhunderte lag er bis zu den Kapitellen im Sand begraben. Wind und Zeit haben die Wände verschont, der Putz haftet noch, die Hieroglyphen wirken frisch graviert. Seine riesigen Pylonen ragen wie eine steinerne Leinwand in den Himmel, auf der die Propagandatexte der Ptolemäer-Könige prangen. Er ist dem falkenköpfigen Gott Horus geweiht. Wer früh ankommt, erlebt den Hof beinahe ohne andere Besucher und hört nur das eigene Echo zwischen den Säulen. Besonders beeindruckend ist das Allerheiligste, in dem vor dem Schrein eine rituelle Barke in der Dunkelheit ruht. In manchen der gigantischen Räume haben sich Fledermäuse eingenistet, die sich von unseren neugierigen Blicken nicht stören lassen.

Reliefs – wie Götter und Pharaonen erzählen
Wie die gigantischen Darstellungen auf den Tempeln zu lesen sind, fragen wir unseren Führer Osama. „Reliefs in Gräbern und Tempeln sind keine Dekoration, sondern Bedeutungsträger“, erklärt der Ägyptologe. Sie halten Mythen, Rituale, Schlachten und biografische Szenen fest und sollen das Fortleben des Dargestellten sichern. Typisch ist der „Bedeutungsmaßstab“. Gottheiten und Pharaonen werden am größten dargestellt, Untergebene, Feinde oder Diener kleiner. Größe steht für Rang und Macht, nicht für Perspektive.
Pharao‑Reliefs zeigen die Gottkönige zudem häufig, wie sie Opfergaben darbringen oder als siegreiche Krieger auftreten – Seite an Seite mit einer Gottheit auf derselben Standlinie. Das veranschaulicht ihre gottgleiche Rolle und die Legitimation ihrer Herrschaft. Die Götter wiederum repräsentieren Naturkräfte wie Sonne, Nil, Himmel oder Unterwelt und erscheinen oft in Mischformen: als Mensch mit Tierkopf oder als Symboltiere wie Falke, Ibis oder Schakal.

Esna: Bunte Säulen, astronomische Zeichen
Gegen Mittag legt unser Schiff in Esna an, wo wir zu Fuß zum Chnum‑Tempel spazieren können. Er befindet sich in einer gigantischen Grube. Der heute sichtbare Teil besteht im Wesentlichen aus der monumentalen Vorhalle mit 24 reich und vor allem bunt dekorierten Säulen aus ptolemäisch‑römischer Zeit. Geweiht ist er dem widderköpfigen Schöpfergott Chnum sowie weiteren Gottheiten. Besonders sehenswert ist die jüngst restaurierte astronomische Decke mit wieder freigelegten, teils spektakulären Darstellungen. Der Tempel liegt heute rund neun Meter unter dem Straßenniveau mitten im Stadtgebiet. Direkt daneben erhebt sich eine Moschee, die über weiteren Teilen des Tempels errichtet wurde.
Gegen Abend erreichen wir Luxor.



Luxor: Das große Finale
Die Stadt bildet den Abschluss – und gleichzeitig einen letzten echten Höhepunkt der Reise. Wir stehen wieder früh auf und fahren in das Tal der Könige, wo über 60 bekannte Gräber liegen. Archäologen gehen übrigens davon aus, dass noch weitere unentdeckt sind. Wie intensiv gesucht wird und wann sie ausgegraben werden, fragen wir Osama. Unser Führer lacht: „Wir haben unglaublich viele aktive Grabungen am Laufen, wir haben es nicht eilig!“
Die Eintrittskarte, die er für uns bereithält, erlaubt den Besuch von drei Gräbern, Tutanchamuns Grab muss separat bezahlt werden – was zeigt, wie stark die Faszination dieses jungen Königs bis heute wirkt. Dabei ist sein Grab erstaunlich klein. Denn er war historisch kein prägender Pharao, da er sehr früh starb. Doch da ein anderes Grab über seinem erbaut wurde, war es Jahrtausende vor Grabräubern geschützt und hat so bis zu seiner Entdeckung unversehrt überstanden – was Grab und König zu spätem Ruhm verholfen hat.
Wir dringen über breite Gänge, die teilweise mit (heute komfortabel überbrückten) Fallsystemen ausgestattet waren, in das Grab von Ramses IV. vor, wo plastische Wandmalereien mit unzähligen Kobras sowie ein kolossaler Sarkophag warten. Über uns ziehen sich mystische Zeichen und Mischwesen in leuchtenden Farben quer über die Decken. Auch im beeindruckenden Grab von Ramses IX. sind wir beinahe allein und können in aller Ruhe die meisterhaften Hieroglyphen bestaunen.
Mit einer Art Golfcart geht es weiter zum Terrassentempel der Hatschepsut, der vor einer dramatischen Felswand thront. Eine Architektur, die eher an ein modernes Regierungsgebäude als an ein Grabmal erinnert.

© Stephan Höckner
Es ist der einzige erhaltene dreistufige Terrassentempel Ägyptens und gilt als radikaler Bruch mit der klassischen Tempelarchitektur: Statt massiver Pylonen führen offene Pfeilerhallen und Rampen über drei Kalkstein‑Terrassen direkt in die Felswand hinein. Er ist formal ein Totentempel, aber in erster Linie den Göttern Amun‑Re und Hathor geweiht. Besonders eindrucksvoll wirkt die Kombination aus Landschaft und Architektur – einst mit Sphinxallee und bepflanzten Gärten auf der unteren Terrasse. Erstaunlich sind auch die Reliefs, die eine Handelsmission bis an das Rote Meer zeigen, die Hatschepsut als eine der machtvollsten Frauen der Antike inszenieren.
Als letztes Intermezzo, bevor uns der größte Tempel der Reise erwartet, fahren wir zu den berühmten Memnon‑Kolossen. Dabei handelt es sich um zwei monumentale Sitzfiguren. Einst standen sie vor einem riesigen Tempel, der heute fast verschwunden ist. Doch auch ohne Tempel versetzt einen ihre Größe in Ehrfurcht. Jede Statue wurde aus einem einzigen Steinblock gehauen und wiegt weit über 100 Tonnen.
Auch hier stellt sich wieder die Frage: Wie wurden sie transportiert? Wie wurde sie hergestellt?

Karnak: Ein Tempel groß wie 50 Fußballfelder
Und obwohl das Staunen bereits zu einem ständigen Begleiter geworden ist, verschlägt uns der Karnak‑Tempel endgültig den Atem. Denn er ist noch größer als alle anderen Tempelanlagen Ägyptens: Er ist keine einzelne Kultstätte, sondern der größte religiöse Komplex der Antike. Mehr als 2.000 Jahre wuchs auf über 100 Hektar ein Steinlabyrinth aus Tempeln, Höfen, Pylonen, Obelisken und einem Heiligen See. Sein Kernbau entstand ab dem Mittleren Reich, wurde im Neuen Reich unter Königen wie Thutmosis III., Hatschepsut und Ramses II. monumental erweitert und blieb bis in ptolemäische und römische Zeit lebendiges Kultzentrum – daher liest sich Karnak heute wie ein dreidimensionales Geschichtsbuch von der 12. Dynastie bis zur Kaiserzeit.
Erstaunlich sind Dimension und Dichte: Die Große Säulenhalle mit 134 bis zu 21 Meter hohen Säulen könnte eine Kathedrale wie Notre‑Dame aufnehmen. Der einzige Wehrmutstropfen: Der ständige Blick nach oben macht sich irgendwann im Nacken schmerzhaft bemerkbar. Doch es zahlt sich aus. Wer hier steht, fühlt sich wie in einem steinernen Wald, durch dessen Kronen das Sonnenlicht fällt. Eine rund zwölf Meter dicke Mauer umschließt das Gelände und macht klar, wie wichtig dieser Ort im religiösen und politischen System war.
Vom Karnak-Tempel führt uns eine Sphingenallee drei Kilometer direkt zum benachbarten Luxor‑Tempel. Dessen Mischung aus altägyptischer Architektur und aufgesetzter Moschee wirkt zunächst fremd, erzählt aber viel über die Schichten der Geschichte: Auch hier wurde nichts abgerissen, sondern überbaut – von Pharaonen, Römern, frühen Christen und Muslimen. Das Nebeneinander der Religionen, das sich durch ganz Ägypten zieht, wird hier am Ende unserer Reise noch einmal besonders gut sichtbar.
Was wir – abgesehen von jeder Menge Souvenirs – mit nach Hause nehmen? Die große eine ungeklärte Frage: Wie haben sie das gemacht?



Typischer Reiseverlauf
- Tag, Kairo: Pyramiden von Gizeh, Sphinx, Zitadelle mit Alabaster-Moschee, koptisches Viertel, Basar
- Tag, Sakkara & Memphis: Stufenpyramide, Teti-Pyramide, liegende Ramses-Statue in Memphis, Ägyptisches Museum Kairo
- Tag, Assuan: Assuan-Hochdamm, Philae-Tempel, unvollendeter Obelisk
- Tag, Kom Ombo: Nilkreuzfahrt nach Kom Ombo, Tempel des Falken- und Krokodilgottes
- Tag, Edfu & Esna: Tempel von Edfu, Weiterfahrt zum Tempel von Esna
- Tag, Luxor: Tal der Könige, Tempel der Hatschepsut, Memnon-Kolosse, Karnak-Tempel, Luxor-Tempel
Reise-Tipps für Ägypten
- Outfit: Leichte Kleidung für die Hitze, aber auch eine wärmere Schicht für kühle Morgenstunden mitnehmen und niemals die Kopfbedeckung vergessen.
- Gesundheit: Bei Essen und Trinken vorsichtig sein und lieber gekochte Gerichte und heiße Getränke nehmen, Medikamente gegen Magen-Darm-Beschwerden einpacken und Desinfektionsmittel verwenden.
- Sicherheit: Nicht schrecken! Militär, Sicherheitskräfte und Metalldetektoren sind an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Standard.
- Timing: Wegen der Hitze und der Staus und um vor dem Ansturm bei den Tempeln zu sein, lieber früh starten.
- Bezahlung: Sehr praktisch ist, dass Kreditkartenzahlung fast überall funktioniert.
- Für Moscheen gilt: Schuhe ausziehen, Damen sollten einen Schal oder ein Tuch umlegen.
Information & Buchung
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Mehr Infos unter der Hotline Tel. 01 711 99 34000 und in den Filialen von ÖAMTC Reisen.
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