auto touring: Seit heuer fährt die Formel 1 mit kleineren Autos, mehr Elektroantrieb und neuen Überholhilfen. Wie kommst du damit klar?
Nico Hülkenberg: Die Meinungen im Fahrerlager gehen auseinander, und viele Kollegen mögen die neuen Autos nicht besonders. Persönlich habe ich aber keine Probleme damit. Das Racing ist anders, neu, aber das macht für mich den Reiz aus. An die alten Autos hatte ich mich gewöhnt. Für jemanden, der schon so lange im Geschäft ist wie ich, wurde es monoton.
Was würdest du am neuen Reglement ändern?
Verbesserungspotenzial gibt es beim Energy Management, das ist speziell im Qualifying hie und da ein bisschen mühsam. Im Rennen finde ich das allerdings spannend, es sorgt für Unterhaltung.
Kritik an der aktuellen Formel 1 gibt es dennoch: Das Rohe gehe verloren und Reifen- und Energiemanagement spielen eine zu große Rolle. Teilst du diese Kritik?
Seitdem ich in der Formel 1 bin, ist Reifenmanagement ein Thema. In manchen Jahren vielleicht ein größeres als in anderen, aber ein Faktor war es immer. Dieses Jahr ist das Energiemanagement neu dazugekommen. Aber wie gesagt: Ich persönlich finde es interessant.

So hat sich die Formel 1 verändert
Fällt es der jüngeren Generation leichter, sich auf die neuen Autos einzustellen?
Wenn ich einen Blick zu den anderen Teams werfe, erkenne ich keinen klaren Trend. Lewis Hamilton kommt nach Schwierigkeiten in seiner ersten Ferrari-Saison mit dem neuen Auto super zurecht, Fernando Alonso macht im Aston Martin einen guten Job – und ich bei Audi ebenso. Als Rennfahrer stellt man sich auf ein Auto ein, arbeitet an seiner Fahrtechnik. Das ist ein ständiger Prozess des Anpassens und Umstellens.
Aktuell wird eine Rückkehr zu größeren V8-Motoren diskutiert. Wie siehst du das?
Die Rennpuristen wünschen sich das. Doch ich denke nicht, dass es Achtzylinder braucht, um Rennen zu fahren und Entertainment zu bieten. Das Racing funktioniert auch ohne gut. Es ist aber nicht meine Entscheidung, und ich arbeite mit dem, was da ist.
Du hast 2010 in der Formel 1 begonnen. Seitdem hat sich der Sport technisch gewandelt. Wie erlebst du diese Entwicklung?
Technisch hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert. Dafür hat sich die Formel 1 selbst in den letzten fünf, sechs Jahren brutal entwickelt. Mittlerweile ist jedes Rennen knackevoll und nahezu ausverkauft. Ein Rennwochenende ist zu einem Happening geworden, einem kulturellen Ereignis, das Entertainment und Sport miteinander verbindet.
Wie hast du dich weiterentwickelt?
Ich habe eine riesengroße Reise durchlebt und dabei sehr viel gelernt. Es gab viele Aufs und Abs – allen voran mein drei Jahre andauerndes Sabbatical. Das war eine interessante, gute Erfahrung und wichtig für meine Entwicklung. Seit dem Comeback habe ich einen guten Rhythmus gefunden, fühle mich wohl – und genieße das Rennfahren auch viel mehr.

Druck im Motorsport
Warum hat dir diese Zwangspause geholfen?
Ich konnte erstmals richtig Abstand vom Motorsport gewinnen und reflektieren. Seit meinem 8. Lebensjahr bin ich im Rennsport aktiv – und kämpfe, denn Erwartungen und Leistungsdruck sind ununterbrochen da. So bin ich aufgewachsen, und das ist auch vollkommen okay. Aber es war schön, ein wenig Luft zu holen. Bis dahin war mein Leben durchgetaktet: Neben den Rennen selbst hast du diverse andere Aufgaben: Marketingtermine, Simulatorarbeit, Vorbereitungen, Nachbesprechungen. Dessen ist man sich als Außenstehender nicht bewusst.
Hattest du Sorge, dass die Formel-1-Karriere für immer vorbei ist?
Das war für mich nicht wichtig. Ich habe mich einfach fallen gelassen und in der Gegenwart gelebt. Und wie wir wissen, kam später noch einmal die Chance. Und jetzt sitze ich hier.
Wie lernen F1-Piloten, mit dem Leistungsdruck umzugehen?
Die meisten Rennfahrer starten in jungen Jahren im Kartsport, wo Erwartungen, Leistungsdruck und Wettkampf warten. Damit wird man groß, wächst hinein und probiert über die Jahre verschiedene Strategien, die einem beim Umgang mit Leistungsdruck helfen.
Du fährst als Deutscher in einem deutschen Team – erzeugt das mehr Druck?
Weil mehr Mittel zur Verfügung stehen, sind die Erwartungen an Hersteller immer höher als an kleine Privatteams. Allerdings sind diese im ersten Jahr noch moderat. Natürlich müssen wir uns stetig verbessern – und das tun wir auch.

Formel 1: Audis Aufbau
Welche Ziele verfolgt Audi?
Aktuell sind wir im Mittelfeld konkurrenzfähig, doch die Lücke zu den Top-Teams ist nach wie vor groß. Und dort wollen wir mitspielen – das ist unser langfristiges Ziel.
Wie gestaltete sich der Aufbau des Teams?
Das war ein Riesenprozess mit vier Jahren Vorlauf- und Entwicklungszeit. Audi kaufte sich beim Sauber-Team ein und hat es später komplett übernommen. Die Infrastruktur und Mitarbeiter sind ins neue Projekt übergegangen, dennoch gab es ein starkes Wachstum. Deshalb arbeiten jetzt viele Menschen erstmals miteinander zusammen. Es hat Monate gedauert, bis sich alles eingespielt hat. Außerdem entwickeln wir im Audi Kompetenz-Center Motorsport in Neuburg an der Donau unsere eigene Power Unit. Davor hat Sauber diese zugekauft.
Unterscheidet sich deine eigene Rolle im Vergleich zu jener in anderen Teams davor?
Nicht wirklich. Heruntergebrochen erwartet das Team von mir Leistung, Performance und Punkte. Gleichzeitig sollte ein Fahrer ein gewisses technisches Verständnis mitbringen, um eine Richtung vorgeben zu können, in die das Fahrzeug weiterentwickelt werden muss.

238 ohne Podium
Wie gehst du persönlich damit um, wenn die Ergebnisse noch nicht dort sind, wo du sie gerne hättest?
Sich in Selbstmitleid suhlen bringt keine Punkte. Deshalb: Weiter anpacken, weiter feilen, an allen Fronten arbeiten, sich selbst verbessern.
Im Juli 2025 bist du in Silverstone in deinem 239. Rennen Dritter geworden. Bis dahin hast du den Formel-1-Negativrekord für die meisten Rennen ohne Podestplatz gehalten. War das Podium ein persönlicher Befreiungsschlag – oder mehr etwas für Fans und Medien?
Über den Platz auf dem Podium haben sich alle wirklich sehr gefreut. Wenn ein Underdog ein Erfolgserlebnis hat, gehen die Leute mit. Wie die Öffentlichkeit, Fans und Freunde das zelebriert haben, war schön zu sehen. Auch für mich war es ein gigantisches Erlebnis. Nicht zuletzt deshalb, weil das Rennen ein spektakulärer Wetterkrimi mit Safety-Car-Phasen war und ich von Platz 19 aus gestartet bin. Die Dramatik hat irgendwie gut zum Verlauf meiner Karriere gepasst.

Zur Person: Nico Hülkenberg
Nico Hülkenberg wird am 19.8.1987 in Emmerich, Nordrhein-Westfalen, geboren. Nach seiner Kart-Karriere feiert er Erfolge in diversen Monoposto-Serien, inkl. Titel in der GP2 (heute Formel 2). 2010 erste Saison in der Formel 1 beim Williams F1 Team. Danach viele Jahre Stammfahrer bei Force India und Renault. Seit 2025 bei Audi/Sauber. Außerdem: Sieger der legendären 24 Stunden von Le Mans.



