Portraitfoto von Marco Trefanitz

Lebensretter im Aufwind

Mehr als 20.000 Einsätze pro Jahr, steigende Anforderungen und neue Technologien: Die Flugrettung steht vor großen Aufgaben. Im Interview erklärt Geschäftsführer Marco Trefanitz, welche Bedeutung sie für das Gesundheitssystem hat und wo finanziell der Schuh drückt.

Von Stephan Höckner,

Erst kürzlich hat die ÖAMTC Flugrettung ihren 500.000. Einsatz absolviert. Was bedeutet diese Zahl für Sie persönlich, und was sagt sie über die Rolle der Flugrettung im österreichischen Gesundheitssystem aus?

Dass wir bereits so vielen Menschen helfen konnten, macht uns sehr stolz und demütig – vor allem, weil wir diese Zahl nahezu unfallfrei erreicht haben. Als ich 2012 bei der Flugrettung begonnen habe, lagen wir bei etwa 15.000 Einsätzen pro Jahr, heute sind es über 20.000. Wir sind nach wie vor ein hochspezialisiertes Rettungsmittel, aber gleichzeitig auch ein viel stärker integrierter Bestandteil des gesamten Rettungssystems geworden.

Wie würden Sie das zentrale Ziel der Organisation in einem Satz zusammenfassen?

Wir sind kompromisslos für die Menschen da, die uns brauchen. Die Umsetzung dieses Anspruchs gelingt gemäß unserem zentralen Motto: „Lebensrettung ist Teamarbeit.“

Sie sind seit mehr als zehn Jahren Geschäftsführer der Flugrettung. Was waren die zentralen Herausforderungen zu Beginn Ihrer Tätigkeit?

Als ich begonnen habe, war die größte Herausforderung, den Fortbestand der Organisation zu sichern. Die Flugrettung hatte damals erhebliche finanzielle Probleme. Unser Zugang war aber kein klassischer Sanierungskurs mit Einsparungen, sondern ein Schritt nach vorne – mit Weiterentwicklung und gezielten Investitionen. Mein persönliches Ziel war damals diesen wertvollen Bestandteil des österreichischen Rettungswesens langfristig zu sichern und nach langer Zeit die Anschaffung eines neuen Hubschraubers zu ermöglichen – als Zeichen nach innen für die erfolgreiche Sanierung. Dieses Ziel haben wir nach einigen harten Jahren erreicht.

Und welche Ziele verfolgen Sie heute?

Heute liegen die Herausforderungen vor allem darin, die ÖAMTC Flugrettung nachhaltig betriebswirtschaftlich aufzustellen, den hohen Qualitätsstandard langfristig zu sichern und gleichzeitig realistisch zu kommunizieren: Der Hubschrauber ist ein sehr leistungsfähiges Rettungsmittel, aber er kann nicht alles leisten.

Alle ziehen an einem Strang, um für die Patientinnen und Patienten die bestmögliche Versorgung sicherzustellen.
Marco Trefanitz, CEO ÖAMTC Flugrettung

Wie gut gelingt aktuell der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und dem gesellschaftlichen Auftrag, Leben zu retten?

Unser Anspruch ist ganz klar: Die Crews vor Ort dürfen von engen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nichts spüren. Ihre Aufgabe ist es, die bestmögliche medizinische Versorgung für die Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Die wirtschaftliche Absicherung passiert im Hintergrund durch Management und Verwaltung. Doch genau dieser Teil ist leider in den letzten Jahren deutlich anspruchsvoller geworden – vor allem, weil sich die Rahmenbedingungen verschärft haben.

Woran liegt das?

Wir befinden uns aktuell in einer Phase, die herausfordernder kaum sein könnte. In der Hubschrauberbranche fließen immer mehr Ressourcen in militärische Bereiche. Das führt dazu, dass Preise steigen, Lieferzeiten länger werden und Material schwerer verfügbar ist. Gleichzeitig stehen wir vor der Situation, dass öffentliche Budgets unter Druck geraten. Diese beiden Entwicklungen – steigende Kosten und begrenzte Finanzierung – klaffen zunehmend auseinander.

Welchen finanziellen Nutzen bietet die Flugrettung dem Gesundheitssystem?

Wir haben vor einigen Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, um die Wirkung der Flugrettung im Gesamtsystem besser zu verstehen. Im Fokus standen dabei unter anderem Herzinfarkt und Schlaganfall, also Krankheitsbilder mit potenziell schweren Langzeitfolgen. Die Ergebnisse zeigen klar: Durch die schnelle Versorgung und den raschen Transport in spezialisierte Kliniken steigen die Heilungschancen erheblich, auch Folgeschäden werden deutlich reduziert und der Wiedereinstieg ins Berufsleben gelingt schneller. Konkret bedeutet das: Jeder Euro, der in die Flugrettung investiert wird, bringt einen volkswirtschaftlichen Nutzen von etwa 10 bis 12 Euro.

Marco Trefanitz Im Interview
Marco Trefanitz, Geschäftsführer der ÖAMTC Flugrettung, im Gespräch mit auto touring-Chefredakteur Stephan Höckner © Sebastian Weissinger

Welche Notfälle prägen den Alltag der Flugrettung besonders und welchen Hindernissen begegnen die Crews bei den Einsätzen?

Etwa die Hälfte aller Einsätze entfällt auf internistische Notfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Klassische Verkehrsunfälle machen nur rund 5 Prozent aus, alpine Freizeitunfälle etwa 10 bis 12 Prozent. Dazu kommen noch Verlegungsflüge zwischen Krankenhäusern. Grenzen ergeben sich vor allem durch das Wetter, insbesondere bei Eis, Schneeregen und schlechter Sicht durch Nebel. Und eine weitere Herausforderung ist tatsächlich die Finanzierung.

Wer bezahlt denn die Einsätze?

In Österreich basiert die Flugrettung auf einem herausfordernden Drei-Säulen-Modell: Zahlungen der Sozialversicherung, Vereinbarungen mit den Bundesländern und Kosten, die zum Beispiel nach Sport- und Freizeitunfällen im alpinen Bereich von Privatversicherungen übernommen werden. Das Problem dabei ist, dass die Pauschalen – etwa von der Sozialversicherung – nicht kostendeckend sind, weshalb es die Partner und die Bundesländer braucht, die aber ihrerseits mit budgetären Herausforderungen konfrontiert sind. Wenn man die tatsächlichen Flugkosten betrachtet, wird schnell klar, dass hier eine Lücke entsteht, die immer größer wird.

Wird dieses Problem von den Partnern in Politik und Gesundheitswesen ernst genug genommen?

Das Bewusstsein ist vorhanden, nur die Mittel sind knapp. Um unsere Leistung zu erbringen, benötigen wir eine nachhaltige und verlässliche Finanzierung und stabile Rahmenbedingungen. Es kann nicht langfristig Aufgabe des ÖAMTC sein, Finanzierungslücken selbst auszugleichen.

Abseits aller Probleme: Was begeistert Sie besonders im Alltag an der Flugrettung?

Es ist dieser ganz spezielle Spirit, der die Organisation prägt: der Wille, Menschen zu helfen, und gleichzeitig der Anspruch, sich ständig weiterzuentwickeln. Jeder hat seinen Anteil, und dieser Gedanke ist tief in der DNA verankert. Unsere Stützpunkte funktionieren oft wie kleine Familien – mit starkem Zusammenhalt und großem Engagement. Die Techniker:innen der HeliAir kümmern sich hervorragend um die Flotte. Das Backoffice versucht oft Unmögliches möglich zu machen. Alle ziehen an einem Strang, um für die Patientinnen und Patienten die bestmögliche Versorgung sicherzustellen. So wird unser Slogan zur täglich gelebte Praxis: Lebensrettung ist Teamarbeit.

Jeder Euro, der in die Flugrettung investiert wird, bringt einen volkswirtschaftlichen Nutzen von etwa 10 bis 12 Euro.
Marco Trefanitz, Geschäftsführer der ÖAMTC Flugrettung

Setzt sich dieser Spirit auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen fort?

Ja, die Zusammenarbeit ist national und international sehr eng und funktioniert auf den diversen Ebenen wirklich gut. Viele unserer Mitarbeitenden sind auch in Organisationen wie der Wiener Rettung, dem Roten Kreuz oder der Bergrettung aktiv, wodurch es eine natürliche Vernetzung gibt. Gemeinsam mit unseren Partnern entwickeln wir das System laufend weiter. Zusätzlich setzen wir auf Übungen und Trainings mit diesen Organisationen und pflegen den regelmäßigen Austausch mit Leitstellen. So ist in Österreich ein System entstanden, das international als besonders leistungsfähig und gut abgestimmt gilt.

Ist es schwierig, ausreichend Personal für die herausfordernden Tätigkeiten in der Flugrettung zu finden?

Derzeit haben wir zum Glück wenig Probleme, ausreichend Personal zu finden. Eine Herausforderung zeichnet sich allerdings mittelfristig im Bereich der Pilotinnen und Piloten ab, weil hier die Verfügbarkeit sinkt und der Bedarf steigt. In anderen Bereichen – etwa bei medizinischem Personal – haben wir teilweise sogar Wartelisten. Das zeigt auch, dass viele Menschen gezielt nach sinnstiftenden Tätigkeiten suchen.

Die Flugrettung reibungslos zu betreiben, heißt sicher auch, die hochkomplexe Technik im Griff zu haben. Wie sichern Sie das Wissen und den Fortschritt im Unternehmen ab?

Mit unserem Wartungs- und Designbetrieb HeliAir haben wir über die Jahre ein sehr starkes international anerkanntes Kompetenzzentrum aufgebaut. Mit ihr übernehmen wir nicht nur die Wartung unserer Hubschrauber, sondern bieten diese Leistung auch anderen Gesellschaften an. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit Herstellern wie Airbus zusammen und sind dadurch in Entwicklungsprozesse eingebunden. Wir sind auch eines von ganz wenigen Unternehmen, das sehr tief in die Triebwerksinstandhaltung eingreifen darf. Wir entwickeln sogar selbst Komponenten für Hubschrauber, die wir zulassen. Dadurch können wir eigene Komponenten und Lösungen wie medizinische Einbauten selbst designen, zertifizieren und weltweit vertreiben. Ein wichtiger Ansatz ist, dass wir viele Mitarbeitende selbst ausbilden und ihnen so unseren Qualitätsanspruch vermitteln. Durch laufende Trainings und Ausbildungen stellen wir darüber hinaus sicher, dass wir technologisch immer auf Top-Niveau bleiben.

Die Flugrettung investiert gerade in eine neue Hubschrauber-Generation: Welche Vorteile bieten die neuen Modelle, und wie konnte sich Ihr Team bei der Entwicklung einbringen?

Die neue Generation befindet sich gerade im Zulassungsprozess. Sie wird voraussichtlich mehr Leistung bieten, etwas größer sein und damit mehr Platz im Innenraum schaffen. Dadurch können wir unsere Patientinnen und Patienten noch besser versorgen. Viele dieser Punkte basieren direkt auf unseren Rückmeldungen aus dem operativen Einsatz, die wir in die Entwicklung eingebracht haben. Ein großes Danke auch an unseren Partner Airbus, der uns eingeladen hat, bei der Entwicklung dieses neuen Hubschraubers mitzuwirken und uns gemeinsam mit unseren Freunden der ADAC Luftrettung einzubringen.

Es kann nicht langfristig Aufgabe des ÖAMTC sein, Finanzierungslücken selbst auszugleichen.
Marco Trefanitz, Geschäftsführer der ÖAMTC Flugrettung

Die Helikopter sind mit immer mehr Technik ausgestattet. Welche technologischen Innovationen waren in den letzten Jahren besonders prägend?

Ein großer Meilenstein war die Einführung der Nachtsichttechnik. Was vor weniger als zehn Jahren noch im Testbetrieb war, ist heute Standard und ermöglicht einen sicheren 24/7-Betrieb. Auch der modulare medizinische Innenausbau der Helikopter, den wir entwickelt haben, hat viel verändert: Wir haben dadurch weniger Gewicht und sind flexibler beim Einbau neuer Geräte.

Stichwort 24/7: Wie geht es mit der Möglichkeit, auch bei Nacht zu fliegen, weiter?

Der Ausbau erfolgt schrittweise gemeinsam mit den Bundesländern. Ein neuer Standort entsteht gerade in Oberösterreich in Suben, ein weiterer 24/7-Stützpunkt ist in Wiener Neustadt für nächstes Jahr in der Umsetzung. Langfristig geht es darum, eine möglichst flächendeckende Nachtversorgung sicherzustellen. Zudem helfen Navigationstechnologien wie „Point in Space“ dabei, auch bei schwierigen Wetterbedingungen – etwa bei Nebel – zusätzliche Flüge und Hilfe zu ermöglichen.

Welche Rolle spielen Digitalisierung und Vernetzung im Helikopter?

Die Digitalisierung spielt eine immer größere Rolle. Ein Beispiel ist WLAN im Hubschrauber, was erst im letzten Jahr technisch sinnvoll umsetzbar wurde. Dadurch können wir etwa mit elektronischen Flugbüchern arbeiten und auch medizinische Daten der Patienten bereits während des Flugs an Krankenhäuser übermitteln. Das ist ein weiterer Schritt zur besseren Patien:innenversorgung.

Könnten Drohnen in der Flugrettung ergänzend zu den Helikoptern eine Rolle spielen?

Ja, insbesondere für den Transport von medizinischem Material. Hier sehen wir großes Potenzial. Konkrete Anwendungen sind zum Beispiel der schnelle Transport von Defibrillatoren zum Einsatzort oder der Versand von Gewebeproben zur Analyse. Auch bei Großereignissen können Drohnen zusätzliche Ausrüstung nachliefern.

Wenn wir beim millionsten Einsatz wieder zusammensitzen: Wie hat sich die Flugrettung bis dahin verändert?

Wir werden sicher eine weitere technologische Entwicklung sehen, etwa durch KI und neue Fluggeräte. Doch der klassische Rettungshubschrauber und die Crew werden auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen, weil es im Notfall immer den Menschen braucht. Insgesamt gehe ich davon aus, dass sich ein Zusammenspiel aus verschiedenen Systemen entwickeln wird. Hubschrauber, Drohnen und möglicherweise neue Fluggeräte werden einander sinnvoll ergänzen.

Zur Person

Marco Trefanitz steht als Geschäftsführer seit 2012 an der Spitze der ÖAMTC Flugrettung. In dieser Zeit hat sich die Organisation zu einem zentralen Bestandteil der Notfallversorgung in Österreich entwickelt. Unter seiner Führung wurden Flotte und Technik modernisiert, der Nachtflug ausgebaut und die Rolle der Flugrettung im Gesamtsystem gestärkt.

Portraitfoto von Marco Trefanitz
Marco Trefanitz, Geschäftsführer der ÖAMTC Flugrettung © Sebastian Weissinger