Als Generaldirektor der European Space Agency (ESA) sind Sie für die Weiterentwicklung der europäischen Aktivitäten im Weltall und damit für 6.500 Beschäftigte und acht Milliarden Euro Budget pro Jahr verantwortlich. Woran arbeitet Ihre Organisation derzeit besonders intensiv?
Unser zentrales Thema ist immer der Zugang zum All, also Raketen. Derzeit haben wir zwei Familien im Einsatz: Ariane 6 als Schwerlastrakete und Vega-C als Mittellastrakete. Mit ihnen bringen wir regelmäßig Satelliten in den Orbit – und das tun wir sehr zuverlässig und sehr präzise.
Wie viele Satelliten bringt die ESA pro Jahr ins All und wozu dienen sie?
Insgesamt befinden sich bereits rund 18.000 Satelliten im Erdorbit, und es werden Tausende pro Jahr mehr. Man muss sich vor Augen halten, dass die Menschheit in den letzten zwei Jahren genauso viele Satelliten gestartet hat wie in den letzten 50 Jahren. Alleine 10.000 gehören zum Starlink-Internet-System von Elon Musk. Die ESA hat im vergangenen Jahr 45 Missionen gestartet, heuer werden es etwa 65 sein. Manche der Satelliten, die wir ins All bringen, sind sehr groß, andere klein. Eingesetzt werden sie in verschiedenen Bereichen, etwa zur Erdbeobachtung, Navigation, Telekommunikation oder für die Weltraumsicherheit. Darunter sind auch hochpräzise Satelliten, die extrem exakte Daten für die Forschung liefern.
Entwickeln Ingenieure der ESA diese Satelliten selbst?
Circa 85 Prozent unseres Budgets gehen in Form von Aufträgen direkt an die Industrie. Wir definieren, schreiben aus und finanzieren die Programme, aber gefertigt wird die Weltraumarchitektur von der Industrie. Das jeweils beste Konsortium bekommt den Zuschlag und baut die Satelliten für uns – natürlich unter enger technischer Begleitung durch die ESA. Zusätzlich zu den von uns beauftragten Satelliten gibt es auch rein private Projekte. Insgesamt werden in Europa derzeit rund 13,3 Milliarden Euro pro Jahr für den Weltraum ausgegeben, etwa 80 Prozent davon sind öffentliche Gelder, nur 20 Prozent kommen aus dem Privatsektor.
Abgesehen von Satelliten und Technik: Können heute auch europäische Astronautinnen und Astronauten mit europäischen Mitteln ins All fliegen?
Derzeit leider nicht. Aktuell gibt es nur drei Nationen, die Astronauten aus eigener Kraft ins All bringen können: Russland, China und die USA. In den USA übernimmt das aktuell ausschließlich SpaceX im Auftrag der NASA. Trotzdem haben wir gerade eine ESA-Astronautin im All: Sophie Adenot.
Russland und China sind stark verteidigungsgetrieben.
Sollte Europa eigenständig in der Lage sein, Astronauten ins All zu bringen?
Definitiv. Genau darüber diskutiere ich seit einigen Monaten intensiv mit den europäischen Politikern, auch mit den österreichischen. Die ersten Rückmeldungen sind sehr positiv. Bald gibt es in Paris einen eigenen Space Summit, bei dem ich den Staatschefs Optionen vorstellen werde, wie Europa diese Autonomie aufbauen kann. Und ja: Am Ende braucht es dafür auch zusätzliches Geld.
Über welche Summen sprechen wir?
Die zusätzlichen Mittel wären überraschend moderat. Um Europa in die Lage zu versetzen, Astronauten mit einer eigenen Rakete und einer eigenen Raumkapsel zu einer Station im All zu bringen und zu zurückholen können, reden wir von rund zehn Prozent zusätzlich zu unserem heutigen Budget. Kommt eine eigene Raumstation dazu, wären es vielleicht noch einmal drei bis fünf Prozent mehr.
Wie viel gibt Europa im Vergleich zu China und den USA aus?
In den USA wird derzeit etwa sechsmal so viel Geld für den Weltraum ausgegeben wie in Europa. Global lagen die öffentlichen Weltraumausgaben zuletzt bei rund 120 Milliarden Euro pro Jahr, etwa 60 Prozent davon entfallen auf die USA, 15 Prozent auf China und 10 Prozent auf Europa. Das ist finanziell betrachtet ernüchternd. Doch gleichzeitig gibt es in Europa Programme, die absolute Weltspitze sind.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Galileo, unser Navigationssystem, ist etwa das genaueste System weltweit – es ist deutlich präziser als GPS. Und um Galileo noch weiter zu verbessern, haben wir heuer zwei neue Satelliten einer nächsten Generation gestartet. Sie sollen die Signale noch genauer und robuster machen – für autonomes Fahren, Logistik, Flottensteuerung und viele andere Mobilitätsdienste. Ein weiteres Beispiel ist Copernicus, unser Erdbeobachtungsprogramm. Es ist das weltweit beste System für Klima- und Umweltmonitoring. Fakt ist: Ohne Satelliten wären weder seriöse Wettervorhersagen noch belastbare Klimaanalysen möglich, denn rund 80 Prozent der Daten kommen aus dem All. Über Satellitendaten werden Klimaveränderungen, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Katastrophenschutz, Waldbrände, Gesundheit, Stadtplanung und vieles mehr überwacht und gesteuert – inklusive der Mobilität auf der Erde.
Wir haben tatsächlich eine kleine Abteilung, die sich mit unbekannten Flugobjekten beschäftigt.
All diese Aspekte scheinen mit Blick auf die globalen politischen Spannungen stetig an Bedeutung zu gewinnen. Trägt Europa dieser Entwicklung ausreichend Rechnung?
Ja, denn die Diskussion über Autonomie findet auch in anderen Bereichen wie Verteidigung, künstlicher Intelligenz, Chipproduktion und Pharmazie statt. Deswegen ist klar geworden, dass Europa mehr aus eigener Kraft können muss. Und der Weltraum ist eine kritische Schlüsseltechnologie, weil er viele andere Bereiche durch Kommunikation und Navigation unterstützt. Darum arbeiten wir auch intensiv an gesicherter Kommunikation, damit kritische Infrastruktur – von Verkehrssystemen über Energie bis hin zu Rettungsdiensten – zuverlässig und geschützt über Satelliten kommunizieren kann.
Schlägt sich das auch bereits monetär nieder oder bleibt es bei Lippenbekenntnissen?
Ich habe beim letzten ESA-Ministerrat die Notwendigkeit verstärkter Autonomie klar herausgestrichen. Die Folge: Wir haben 31 Prozent mehr Budget bekommen als zuvor. Das ist ein klares Signal in die richtige Richtung.
Welche zentralen Interessen verfolgt Europa im All – und wo liegen sie bei China, Russland und den USA?
Russland und China sind stark verteidigungsgetrieben. Russland fokussiert sich aktuell fast vollständig auf Verteidigung und offensive Anwendungen, etwa im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. China hat ein etwas breiteres Programm, ist aber ebenfalls stark sicherheitsorientiert – zudem spielen künstliche Intelligenz und neue Satellitensysteme eine große Rolle. Die USA haben zwei Standbeine: die Space Force als Weltraumorganisation des Verteidigungsministeriums, um die dominante Stellung der USA auch im All abzusichern, und die Exploration, also bemannte und unbemannte Erforschung des Weltalls mit Missionen wie dem James-Webb-Space-Teleskop.
Europa ist dagegen stark auf die Erde und auf Wissenschaft ausgerichtet: Es geht um Exploration, den Schutz unseres Planeten und ein sehr ambitioniertes Wissenschaftsprogramm. Doch seit November vergangenen Jahres kommt ein neues Feld hinzu: Sicherheit und Verteidigung. Wir haben dafür ein Mandat und eigene Mittel erhalten, um Programme aufzubauen, die Europas Sicherheitsinteressen stärken – ohne unsere starke zivile Orientierung zu verlieren.
Es klingt, als würde aktuell weltweit vor allem der militärische Bereich stark wachsen. Zahlen diese Investitionen auch auf zivile Zwecke ein?
Weltraum-Technologie ist von Natur aus eine Dual-Use-Technologie. Raketen können sowohl Satelliten für Verteidigungszwecke als auch für zivile Anwendungen starten – etwa für Wettervorhersagen oder Erdbeobachtung. Die Antwort lautet also: ja. In Europa waren Weltraummittel historisch überwiegend zivil. Global kommen etwa 50 Prozent der Weltraumfinanzierung aus Verteidigungsbudgets, in Europa lag dieser Anteil lange nur bei rund 15 Prozent. Das holen wir jetzt auf: Deutschland etwa plant 35 Milliarden Euro für „Space for Defense“, andere Länder – einschließlich Österreich – ziehen nach.
Doch dabei geht es um Verteidigung im eigentlichen Sinn – also Schutz, nicht Angriff. Ziel ist ein besseres Lagebild: Was passiert innerhalb und außerhalb Europas, von Kriegsgebieten bis zu Flüchtlingsströmen? Genau dafür bauen wir zum Beispiel das Programm „European Resilience from Space“ auf.
Unser Navigationssystem Galileo ist das genaueste System weltweit.
Gibt es im Weltraum trotz aller geopolitischen Rivalität noch gemeinsame, idealistische globale Ziele?
Ja, zum Glück. Ein solcher Bereich ist etwa die Erdbeobachtung für Klimaforschung. Hier arbeiten wir eng mit den USA, Japan, Indien und vielen anderen Ländern zusammen. Gerade beim Thema Klima besteht ein hohes Bewusstsein dafür, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen können. Ein zweiter, sehr universeller Bereich ist die Erforschung des Universums. Dabei geht es um die großen Fragen: Wo kommen wir her? Gibt es Leben außerhalb der Erde? Wie wird sich das Universum weiterentwickeln? Das beschäftigt alle Menschen auf der Welt. Mit Missionen wie dem James-Webb-Space-Teleskop können wir bis etwa 300 Millionen Jahre nach dem Urknall zurückblicken und sehen, wie sich das Universum in den vergangenen 13,5 Milliarden Jahren entwickelt hat. Diese gemeinschaftliche Forschung ist tief wissenschaftlich, aber sie hat auch eine starke kulturelle und philosophische Dimension.
Weil Sie es schon ansprechen: Sucht die ESA gezielt nach außerirdischem Leben – und gibt es bei Ihnen geheime UFO-Akten wie in den USA?
Wir bekommen aus ganz Europa Berichte, Fotos und Videos von Menschen, die irgendetwas gesehen haben. Und ja, wir haben tatsächlich eine kleine Abteilung, die sich mit unbekannten Flugobjekten beschäftigt. Die Frage, ob es Leben außerhalb des Planeten Erde gibt, kann heute niemand beantworten. Wir haben weder einen Beweis dafür noch einen dagegen. Aber wir suchen aktiv.
Was planen Sie konkret?
Wir werden in den kommenden Jahren zum Beispiel einen Rover zum Mars schicken, der in den Boden bohrt und nach Spuren vergangenen Lebens sucht. Wir wissen, dass der Mars früher große Wassermassen, eine Atmosphäre und ein Magnetfeld hatte – also erdähnliche Bedingungen. Die Frage ist: Hat es dort Leben gegeben, oder gibt es vielleicht noch unter der Oberfläche primitive Lebensformen? Zusätzlich untersuchen wir die Eismonde von Jupiter und Saturn, wo unter dicken Eisschichten riesige Ozeane vermutet werden. Auch dort könnten theoretisch Lebensformen existieren. Es ist eine wissenschaftlich seriöse Suche – keine Science-Fiction, aber mit sehr aufregenden Perspektiven.
Ihren Werdegang haben Sie oft mit der Formulierung „vom Stall ins All“ beschrieben. Tatsächlich stammen Sie von einem Tiroler Bergbauernhof und stehen heute an der Spitze der ESA. Gab es eine spezielle Begebenheit, die Sie auf diesen Weg geführt hat?
Ja, und zwar genau das, was ich heute für Europa erreichen möchte: Inspiration. Für mich war es die Mondlandung, die ich als Kind miterlebt habe. Sie hat mich sehr begeistert und meine Neugier geweckt. Ich wollte verstehen, wie ein Mensch zum Mond fliegen, dort spazieren gehen und wieder zurückkommen kann. Deshalb habe ich Meteorologie und Geophysik studiert, und bin nachher direkt zur ESA gegangen.
Stichwort: Menschen auf dem Mond. Wann werden wir auf unseren Trabanten zurückkehren?
Sehr bald, und Europa ist voll dabei. Die Europäische Weltraumagentur ESA liefert nämlich das Servicemodul für das Orion Raumschiff, mit dem die NASA zum Mond fliegt. Es hat vor einigen Monaten bereits einen Flug um den Mond gegeben, mit der Mission Artemis II. Mit Artemis IV werden 2028 wieder Astronauten zur Mondoberfläche gebracht. Ich kann mit großem Stolz sagen: Europa ist ein integraler Teil dieser Mission. Oder anders formuliert: Die NASA könnte ohne die ESA ihre Astronauten nicht zum Mond bringen und wieder zurückholen. Denn wir liefern unter anderem den Antrieb, Wasser, Sauerstoff sowie Klima- und Temperaturregelung für die Astronauten in der Orion-Raumkapsel.
Würden Sie selbst gern einmal ins All fliegen?
Ich habe im Moment auf der Erde genug zu tun. Aber wenn, würde ich nicht zum Mond oder Mars fliegen, sondern zu einem Asteroiden. Asteroiden sind extrem faszinierende Himmelskörper. Darum bereiten wir auch gerade eine Mission zum Asteroiden Apophis vor, der am Freitag, dem 13. April 2029, in nur etwa 32.000 Kilometern Entfernung an der Erde vorbeiziehen und mit freiem Auge sichtbar sein wird. Wir wollen Apophis mit einem eigenen Satelliten begleiten, beobachten, wie er durch die Erdgravitation beeinflusst wird – und damit unser Wissen über planetare Verteidigung und die Dynamik solcher Körper entscheidend erweitern.

ESA
Gründung: 1975 als zwischenstaatliche Organisation.
Sitz: Paris, weitere große Standorte u.a. in Deutschland, Italien, den Niederlande, Spanien und dem Vereinigten Königreich sowie der Startplatz Kourou (Französisch-Guayana).
Mitglieder: 23 europäische Mitgliedstaaten (u.a. Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien).
Auftrag: Friedliche Erforschung und Nutzung des Weltraums zum Nutzen aller Europäerinnen und Europäer.



