Der chinesische Hersteller Leapmotor geht anders vor als die Konkurrenz aus dem eigenen Land. Das liegt sicher auch mit daran, dass Leapmotor nicht nur ein Neuling in Europa ist, sondern auch in China erst seit zehn Jahren existiert. So hat die junge Marke sich 2024 bei der Expansion über die Grenzen des Heimatlands dazu entschieden, gemeinsam mit Stellantis das Joint Venture Leapmotor International zu gründen – an dem Stellantis tatsächlich 51% hält. Anstatt die eigene Philosophie durchpeitschen zu wollen, vertraut man lieber auf einen weltweit erfahrenen Partner.
Bis dato scheint die Strategie aufzugehen: Aktuell schließt Leapmotor schon rund 15% seiner Verkäufe außerhalb von China ab, 2030 sollen es 40 bis 50% sein, wie Francesco Giacalone, Head of Marketing and Product bei Leapmotor International, selbstbewusst anvisiert. In nur eineinhalb Jahren konnte Leapmotor International 85.000 Fahrzeuge an den Mann bringen und in 47 Ländern ein 1.000 Händler starkes Verkaufsnetzwerk aufbauen. Ohne die Connections von Stellantis wohl unmöglich. Dieser internationale Weg soll weiter beschritten werden: Vier Produktionsstandorte außerhalb Chinas, davon zwei in Spanien, sollen sicherstellen, dass die Fahrzeuge für die jeweilige Region angepasst werden können.
Technische Daten
Womit wir auch schon beim vollelektrischen Leapmotor B05 wären. Das erste nicht-SUV der Marke (abgesehen vom City-Zwerg T03) ist zumindest hierzulande so europäisch wie vielleicht kein chinesisches Auto zuvor. Das liegt nicht nur am klassischen Hatchback-Format mit 4,43 Metern Länge, sondern auch daran, dass Federung, Querstabilisatoren, Dämpfer und Reifen für die europäische Version angepasst wurden. Im Alfa Romeo-Testcenter Balocco wurden außerdem die Fahreigenschaften auf den hiesigen Geschmack abgestimmt. Dazu weiter unten mehr.
Der B05 wird mit zwei Batteriegrößen angeboten: Die kleine Version Pro fasst 56,2 kWh, die große Pro Max 67,1 kWh. So oder so kein Spitzenwert im Konkurrenzvergleich, weswegen die WLTP-Reichweiten von 402 beziehungsweise 481 Kilometern zwar solide, aber nicht spektakulär sind. WLTP-Verbräuche von 15,8 oder 15,9 kWh pro 100 Kilometern klingen vielversprechend, werden aber in der auto touring-Verbrauchsrunde erst noch auf die Probe gestellt werden müssen. Der Leapmotor B05 lädt an der DC-Station mit bis zu 156 kW (Pro) oder 174 kW (Pro Max), am AC-Lader sind es immer 11 kW. Von 10 auf 80% soll es bestenfalls in 24 Minuten gehen.
Ist erstmal fertig geladen, schiebt der B05 per Hinterradantrieb mit 218 PS und 240 Nm Drehmoment an. Schluss ist bei 170 km/h, aus dem Stand braucht man 7,5 bzw. 6,7 Sekunden, bis Landstraßentempo erreicht ist. Allesamt solide Werte, wenn auch nicht revolutionär.

Design und Interieur
Auch in puncto Design bleibt Leapmotor mit dem B05 auf dem Boden – wie auch schon bei vorangegangenen Modellen. Die Lichtsignatur mit den drei LED-Elementen ist ebenso wieder mit an Bord wie die durchgezogenen Leuchtenbänder und eine insgesamt unaufgeregte, smoothe Optik. Die Chinesen bieten fünf Farben an, wobei drei davon mit Silber, Grau und Schwarz alles andere als abenteuerlustig sind. Hinzu kommt eine dunkelblaue Lackierung sowie das Gelb auf den Fotos als lebensbejahende Variante.
Im Innenraum geht es typisch chinesisch zu: Kaum bis keine Schalter, stattdessen ein 14,6 Zoll großer Touchscreen, auf dem sich von der Klimaanlage über die Außenspiegel bis hin zu den Fahrprofilen alles abspielt. Zu letzteren kommen wir im Abschnitt "Bedienung" noch einmal. Vorfreude ist fehl am Platz, so viel sei gesagt. Die Sitze sind in der höheren von zwei Ausstattungen namens "Design" mit Kunstleder bezogen, in der Basisversion "Life" kommt Stoff zum Einsatz. Vorne wie hinten fällt leider schon bei der ersten Testfahrt auf, dass die Schenkelauflagen zu kurz geraten sind und der Seitenhalt besser sein könnte. Dafür gibt es im Fond für ein Auto dieser Größe massig Kniefreiheit. Noch eine Reihe weiter hinten – also im Kofferraum – ist Platz für 345 bis 1.400 Liter Gepäck.
Bedienung
Kommen wir nun also zur Achillesferse des Leapmotor B05: der Bedienung. Der Verzicht auf Knöpfe ist inzwischen nichts Neues mehr und stößt in Europa oft auf wenig Gegenliebe. Auch wenn immer wieder beteuert wird, dass jüngere Kund:innen das so wollen. Die Menüs im B05 reagieren flott und auch die typisch chinesischen, zweifelhaften Übersetzungen nehmen nicht überhand. Hat man erstmal die Orientierung, funktioniert die Bedienung eigentlich recht solide. Bis die Assistenzsysteme eingestellt werden sollen.
Leapmotor brüstet sich zwar mit bis zu acht Fahrprofilen, in denen sämtliche Vorlieben, was Tempolimitwarner, Spurhalteassistent, und Ähnliches angeht, hinterlegt werden können und somit mit einem Klick aktivierbar sind. Doch in der Praxis gestaltet sich dies ganz anders: Trotz entsprechender Profileinstellung sind plötzlich doch wieder alle Systeme aktiv und lassen sich einfach nicht deaktivieren – der digitale Schalter springt stur jedes Mal wieder von "aus" auf "an". Mal ganz davon zu schweigen, dass die Profile nur im Stand gewechselt werden können. Nach unserer Testfahrt erfahren wir den Grund: Solange die Fahrerüberwachung aktiv ist, verhindert sie die Abschaltung aller anderen Assistenten, mit denen sie zusammenarbeitet. Mitgeteilt wird einem das auf dem Touchscreen nicht – obwohl mehr als genug Platz für ein entsprechendes Pop-up oder ähnliches wäre. Leapmotor beschwichtigt aber und stellt in Aussicht, solche Probleme jederzeit mit over-the-air-Updates beheben zu können. Wir sind gespannt, wie es in den kommenden Monaten beim Testfahrzeug in der Redaktion aussehen wird.



- Analog? - Abgesehen von den Lenkradtasten gibt es im Cockpit so gut wie keine haptischen Knöpfe. © Leapmotor
- Digital! - Dafür ist der Bildschirm umso riesiger und steckt voller Features. © Leapmotor
- Hinterbänkler - Hinten gibt es ordentlich Kniefreiheit, aber relativ kurze Schenkelauflagen. © Leapmotor
Fahrdynamik
Es wäre schade drum, denn eigentlich ist der Leapmotor B05 super abgestimmt und fährt sich so dynamisch wie aktuell kein anderer Chinese. Der Durchzug ist ordentlich, das Auto liegt satt auf der Straße und die Lenkung macht wirklich Spaß – wenn der Spurhalteassistent nicht gerade rabiat am Steuer zupft, weil ihm einige Zentimeter Abstand zur Fahrbahnmarkierung zu wenig ist. Auf der ersten Ausfahrt im B05 zeigt sich jedenfalls, dass der Weg von Leapmotor das Potenzial hat, echte driver's cars hervorzubringen. Spritzig, frech und doch souverän – Fahrwerk und Antrieb sind über jeden Zweifel erhaben.
Geöffnet wird der B05 aktuell übrigens entweder per App oder NFC-Karte, zum Start platziert man entweder eines von beiden in der induktiven Ladeschale oder gibt einen persönlichen PIN-Code im Touchscreen ein. Ein klassischer Schlüssel ist allerdings schon in Planung und soll in Zukunft zusätzlich angeboten werden.
Preise und Marktstart
Zu guter Letzt führt Leapmotor noch ein mächtiges Argument ins Feld: den Preis. In Österreich gibt es nur zwei Versionen des B05. Einmal den Life Pro mit kleiner Batterie und – reichlicher – Basisausstattung und dann den Design Pro Max mit großer Batterie und Topausstattung (u. a. Panoramaglasdach, 7.1-Soundsystem, elektrisch verstellbaren Sitzen etc.). Um 26.990 beziehungsweise 30.990 Euro. Selten war der Begriff "Kampfpreis" passender. Hinzu kommen lediglich noch die aufpreispflichtigen Lackierungen um 650 Euro. Das war's.
Der Leapmotor B05 ist bereits bestellbar und steht ab Ende Juni bei den Händlern bereit. Der Hersteller erwartet sich große Dinge vom kompakten Elektriker, gemeinsam mit dem SUV B10 soll er die doppelte Bestseller-Speerspitze bilden. Das Zeug dafür hat das Fahrzeug zweifellos. Wenn die Bedienungsprobleme ausgemerzt werden können, wäre der B05 ein Auto ohne echte Schwächen zu einem ausgezeichneten Preis.




