Als es in der Wachau dunkel wird, tritt Karl Deisenberger seinen Dienst an. Noch warten an diesem Herbstabend keine Einsätze auf den Pannenfahrer. "Aktuell ist es ruhig, aber das kann sich schnell ändern", stellt der 56-Jährige fest. Der ausgebildete Kfz-Techniker ist bereits seit 36 Jahren für den ÖAMTC im Einsatz. Vor jedem Dienst überprüft Karl Werkzeug- und Batteriebestand im jeweiligen Pannenwagen, einem VW Caddy oder einem kombinierten Abschlepp- und Pannenfahrzeug, kurz KAP. Pannenfahrer:innen arbeiten beim Club in unterschiedlichen Schichtmodellen, die an den regionalen Bedarf angepasst sind. An diesem Tag in Krems dauert Karls Schicht von 19 bis 7 Uhr. Wie wichtig diese nächtliche Präsenz ist, zeigt die Statistik: 2025 verzeichnete der ÖAMTC rund 701.000 Panneneinsätze, ein Fünftel nachts.
Als Einzelkämpfer punkten
Die Arbeit bei Nacht findet nicht nur in einer besonderen Atmosphäre statt, sie beinhaltet auch einige Herausforderungen: "Nachts gehört das ganze Waldviertel mir. Die Strecken sind oft weit", erklärt er und ergänzt: "Nachts sind wir ganz auf uns allein gestellt."
Denn während sich tagsüber die Pannenfahrer:innen gegenseitig über einen technischen Helpdesk telefonisch unterstützen können, ist nachts die Zeit der Einzelkämpfer:innen. Jeder Handgriff und jede Entscheidung muss sitzen.
Der erste Auftrag samt Adresse und Kurzbeschreibung des Problems erscheint auf dem Display. Los geht's nach Kottes. Karl wählt die Strecke über den "Seiberer", eine serpentinenreiche Bergstraße, die das Donautal mit dem Waldviertel verbindet.
In der Nachtschicht müssen wir schnell und professionell eine Lösung finden – und manchmal improvisieren.
Achtsam bleiben
In der Nacht sind die Ampeln ausgeschaltet, die Stimmung wird dann mystisch. Im Donautal spielen Nebel sowie die unterschiedlichen Witterungsbedingungen zwischen Krems und dem höher gelegenen Waldviertel eine große Rolle. Neben dem Wetter erschweren auch häufige Wildwechsel und Müdigkeit die nächtliche Fahrt. Gegen Letzteres helfen Karl Musik, Frischluft und Kaffee.
Von Batterien und Wölfen
Als der Pannenhelfer bei Kottes ankommt, wartet bereits eine junge Frau neben ihrem Fahrzeug. Nach ihrer Nachtschicht wollte sie nach Hause fahren und bemerkte, dass ihr Abblendlicht nicht funktionierte. "Ich habe den Wagen erst seit drei Wochen. Das fängt ja gut an", sagt sie mit einem dünnen Lächeln. Die Lampe zu tauschen, ist für den Profi Routine. Nachdem alles wieder leuchtet, macht sich das erleichterte Mitglied auf den Heimweg – und Karl kann seinen Einsatz als erfolgreich erledigt verbuchen.
Doch schon wartet die nächste Panne. Der Weg zum gestrandeten Mitglied führt Karl durch ein Waldstück. Unterwegs erzählt er von einem Einsatz seines Kollegen Sven. Denn während viele nächtliche Pannen Routineeinsätze sind, gibt es auch ungewöhnliche Begegnungen. Kollege Sven musste beispielsweise einmal zu einer Reifenpanne bei Allentsteig ausrücken, und als er ankam, wartete ein junger Mann auf ihn. Sven wunderte sich, dass der Mann den Reifen nicht selbst wechselte, doch das Rätsel war schnell gelöst.
Das Mitglied traute sich nicht allein aus dem Wagen, da Wolfsgeheul aus dem nahen Wald zu hören war. Auch Sven konnte es hören und schaltete rasch die Blinkanlage des Pannenwagens ein. Ohne Wölfe zu Gesicht zu bekommen, wechselte er den Reifen, und alle fuhren aufatmend weiter. "Das hatte ich zum Glück noch nie", sagt Karl.
Actionpanne im Wald
Auch bei winterlichen Bedingungen begleiten wir Karl während einer Nachtschicht. Wieder müssen wir rund 50 Minuten ins Waldviertel fahren, denn in einem Waldstück ist ein Lieferwagen liegen geblieben. Während in Wien und Umgebung kaum Schnee liegt, schaut die Lage im Waldviertel anders aus. Schneebedeckte Felder und Wiesen leuchten in dieser klaren, vom Vollmond erhellten Nacht und erleichtern die Fahrt. Es geht durch eine kleine Ortschaft und leere Straßen. Während die Adresse nahe Kottes, die das Mitglied angab, immer näher kommt, ist vom Kleinlaster noch nichts zu sehen. Als Karl langsam auf dem Güterweg entlangfährt, seufzt er und stellt fest, dass kein Fahrzeug zu sehen ist. Er hält am Straßenrand und ruft die Kontaktdaten des Mitglieds auf. Nicht jeder entlegene Winkel ist mit dem Navi gut zu finden, damit wird er ausgerechnet in dieser kalten Nacht konfrontiert. Karl kontaktiert das Mitglied per Telefon, und rasch stellt sich heraus: Tatsächlich hat ihn das Navi in die falsche Richtung geschickt. Doch womit er nun konfrontiert werden würde, damit rechnete er zunächst nicht.
Karl wendet den gelben Caddy und folgt dem Navi in ein verschneites Waldstück. Der Weg wird enger und ist nicht geräumt. Er befindet sich auf einer Forststraße. Konzentriert lenkt er den Wagen durch den Wald und tatsächlich: In der nächsten Kurve sind bereits die Lichtkegel des Fahrzeugs sichtbar. Die beiden Insassen stehen bibbernd davor und sind sichtlich froh, das gelbe Pannenauto zu sehen.
"Was ist passiert?", will der Pannenfahrer wissen. "Wir sind steckengeblieben“", erzählt der Fahrer des Klein-Lkw. "Warum sind Sie überhaupt auf diesem Weg?", sagt Karl und schüttelt den Kopf. "Das ist klar, dass der Laster das nicht schafft." Die beiden Männer, die noch spätnachts unterwegs sind, um einem Freund die Möbel für seine neue Wohnung vorbeizubringen, bestätigen, was Karl bereits vermutet: "Das Navi hat uns hergeführt." "Haben Sie wenigstens Schneeketten?", will der Profi wissen. "Nein", lautet die Antwort.
Was nun? Zunächst sichert Karl den Lkw, indem er dicke Holzstämme holt und sie unter die Hinterräder klemmt. "Was wir wirklich nicht wollen, ist, dass das Fahrzeug noch wegrutscht. Da hinten geht es steil bergab." Es gilt, für genügend Reibung zu sorgen, damit die Vorderreifen wieder Grip bekommen. Dafür klopft Karl mit einem Hammer den Schotter am Straßenrand auf, um ihn mithilfe der beiden Männer vor die Reifen zu streuen.
"So, jetzt zieh ich euch da raus", sagt der Profi. Er hängt das Abschleppseil an und bringt den Caddy in Position. Karl gibt ordentlich Gas, und mit einem Ruck ist der Kleinlaster aus seinem selbst geschaufelten Schneeloch befreit. "Der Caddy hat ordentlich Kraft!", lacht Karl stolz. Bevor die beiden nun erleichtert wieder weiterfahren können, gibt Karl noch genaue Anweisungen und hilft, den Lkw in die richtige Position zu bringen. Denn so viel ist sicher: Auf der vom Navi gewählten Straße gibt es kein sicheres Weiterkommen mit dem großen Fahrzeug. Die beiden müssen den Weg zurück antreten und sich eine geräumte Straße suchen.
Nun gibt er noch letzte Anweisungen, wie das Lenkrad eingeschlagen werden muss, damit der Lkw die Kurve schafft. Danach erledigt er die Formalitäten und kann den Einsatz als erfolgreich verbuchen. Dankbar verabschieden sich die Männer und fahren in die Nacht hinaus. Der Pannenfahrer hingegen fährt wieder über die schneebedeckten Serpentinen der Forststraße retour in Richtung Krems.

Dauerbrenner Batterie
Die Disposition, kurz "Dispo", schickt ihm den nächsten Einsatz. Dabei handelt es sich um einen klassischen Pannenfall: Die Batterie scheint leer zu sein. Nach kurzer Anfahrt erreicht er einen älteren Herrn, der erzählt, dass das Fahrzeug seiner Tochter nicht anspringt. Obwohl es erst zwei Jahre alt ist, dürfte es an der Batterie liegen. Karl kennt das Problem: Viele Kurzstrecken, Kälte und längere Stehzeiten setzen den Fahrzeugbatterien zu. Eine kurze Starthilfe und die Empfehlung, das Auto mindestens 20 Minuten lang zu fahren, lösen das Problem. Für Fälle, in denen die Batterie gewechselt werden muss, haben die Pannenprofis immer bis zu zwölf verschiedene gängige Ersatzbatterien mit. Passt keine davon, wird dem Mitglied ein Besuch am Stützpunkt empfohlen. Jährlich verzeichnet der ÖAMTC die häufigsten Einsätze wegen schwacher, leerer oder defekter Batterien.
Bis Dienstende warten auf den 56-Jährigen noch eine Abschleppung und mehrere Batteriewechsel.
Als seine Schicht zu Ende ist, meint Karl: "Noch etwas ist schön an der Nachtschicht: Wenn es sieben Uhr schlägt, dann kann ich heim." Er lacht, blickt auf die Uhr und begrüßt seinen Kollegen von der Frühschicht. Die Nacht ist vorbei – und mit ihr, zumindest für heute, auch die Zeit der Einzelkämpfer.




