In Austin, Texas, läuft die Bestellung einer Taxifahrt eigentlich genau so ab wie daheim: Über eine App wird der Zielort eingegeben, die Kosten werden vorab angezeigt. Nach der Bestellung macht sich das Fahrzeug auf den Weg, über das Handy kann man ihm dabei zusehen. So weit, so normal. Erst wenn das Fahrzeug um die Ecke biegt, wird der Unterschied zwischen diesem Taxi und jenen zu Hause sichtbar: Auf dem weißen Elektro-SUV befinden sich ungewöhnliche Anbauteile: Große Kameras sind an den Seiten montiert, und einen seltsamen Hut trägt das Auto auch. Außerdem ist der Fahrersitz leer.
Etwa ein Jahrzehnt ist es her, dass der Hype rund um autonomes Fahren samt großen Erwartungen einen ersten Höhepunkt erreichte. Doch nachdem die Anfangseuphorie dem Realitätscheck nicht standhalten konnte, wurde es stiller um das Thema. Jetzt aber nimmt es wieder an Fahrt auf – zurückhaltender als damals, sicher auch weniger euphorisch. Aber doch.
Höchste Zeit also für eine Bestandsaufnahme: Wo steht die Technologie heute? Wie und wo wird sie eingesetzt? Wer wird davon profitieren? Und warum sind von Shenzhen bis San Francisco autonome Taxis bereits Realität, während Europa noch selbst lenkt?
Spoiler vorab: Autonomes Fahren wird kommen – aber anders, als wir uns das vielleicht noch vor zehn Jahren vorgestellt haben.
Sinnvolle Anwendungsbereiche
Denn damals trieben Automobilhersteller autonomes Fahren intensiver voran als heute. Ein Beispiel: Nachdem Mercedes in der S-Klasse und BMW im 7er automatisiertes Fahren auf Level 3 (mehr dazu siehe im Überblick zu den Levels weiter unten) bereits angeboten hatten, nahmen beide Marken diese Option heuer wieder vom Markt.
„Der Fokus hat sich vom Privat-Pkw auf andere Anwendungsbereiche verschoben“, erklärt Oliver Danninger. Der ÖAMTC-Cheftechniker verortet das Potenzial von autonomer Mobilität in zwei Bereichen: Einerseits bei sogenannten Robotaxis, an denen vor allem chinesische und US-amerikanische Unternehmen wie Pony.ai, Waymo (Google) oder Zoox (Amazon) arbeiten, andererseits beim Mikro-ÖV. Dabei handelt es sich um kleinräumige, flexible Angebote, wie zum Beispiel fahrerlose Kleinbusse in ländlichen Gegenden. Danninger ist mit dieser Einschätzung nicht allein.
Auch Cansu Demir, die an der Universität Salzburg an autonomem Fahren forscht, geht davon aus, dass wir in Österreich zuallererst im Robotaxi oder im Mikro-ÖV autonom unterwegs sein werden. Und auch nach Einschätzung des österreichischen Mobilitätsministeriums sind vollautomatisierte Fahrzeuge vorerst vor allem als Flottenlösungen denkbar – etwa als Zubringer zum öffentlichen Verkehr.
Um Vertrauen zwischen Mensch und Maschine zu schaffen, braucht es Kommunikation.

Was autonomes Fahren bringt
Wer den Ausführungen von Mario Herger folgt, versteht auch, warum das so ist. Er ist Fachautor und berät Unternehmen zu Technologietrends. Seit 2001 lebt der gebürtige Österreicher im kalifornischen Silicon Valley, der Wiege der Tech-Industrie, wo Giganten wie Apple, Google und Meta ihre imposanten Hauptquartiere haben.
Fragt man Herger, wem dieser Mobilitätswandel nützt, verweist er nicht auf den 40-jährigen Angestellten, der seine E-Mails checken kann, während ihn sein Auto durch den stockenden Verkehr pilotiert. Vielmehr sieht Herger jene Menschen als Hauptprofiteure, die in ihrer individuellen Mobilität eingeschränkt sind: etwa ältere Personen oder auch Menschen mit Sehbehinderung (siehe Interview).
Dass sich Robotaxis und Mikro-ÖV laut Expertenmeinung schneller durchsetzen werden, liegt auch am Business Case: Beim Robotaxi-Betreiber Waymo sollen laut eigenen Angaben 40 Fahrzeuge von einem einzigen Mitarbeiter kontrolliert werden – anstelle von 40 Fahrern für 40 Taxis. Das spart freilich enorme Kosten. Muss es auch: Ein Fahrzeug von Waymo kostet laut Herger aufgrund der Sensorik rund 200.000 Euro.
Autonomes Fahren: alle Level im Überblick
Level 1: Assistiertes Fahren
Das Auto hilft beim Lenken oder Bremsen/Beschleunigen, aber der Fahrer hat immer die volle Kontrolle und Aufsichtspflicht. Beispiele: Abstandstempomat, Spurhalteassistent.
Level 2: Teilautomatisiertes Fahren
Das Fahrzeug kann gleichzeitig lenken, bremsen und beschleunigen, der Fahrer muss aber ständig überwachen und jederzeit eingreifen können. Beispiele: Autobahnassistent, Parkassistent.
Level 3: Hochautomatisiertes Fahren
Das Auto übernimmt in klar definierten Situationen die Fahraufgabe. Der Fahrer darf sich abwenden, muss aber auf Systemaufforderung in kurzer Zeit wieder übernehmen können. Beispiel: Staupilot.
Level 4: Vollautomatisiertes Fahren
Das System fährt in bestimmten Bereichen (z.B. Autobahn, Shuttle-Strecke, Parkhaus) komplett selbst, die Insassen sind nur noch Passagiere. Kann die Aufgabe vom Fahrzeug nicht mehr sicher erfüllt werden, bringt es sich und seine Insassen eigenständig in Sicherheit. Beispiel: autonomer Shuttle-Service auf festgelegter Strecke.
Level 5: Autonomes Fahren
Das Auto fährt überall und jederzeit komplett selbst, braucht kein Lenkrad oder Pedale, es gibt keinen Fahrer mehr – nur noch Passagiere, auch Fahrten ganz ohne Menschen an Bord sind möglich. Beispiele: Robotaxis oder autonome Lieferfahrzeuge, die auf beliebigen Strecken unterwegs sind.
Wo die Herausforderungen liegen
Vorteile gibt es, einen einträglichen Business Case zumindest in der Theorie ebenso, und andernorts wird bereits fleißig autonom gefahren. Warum ist Europa dann noch nicht dort, wo China und die USA sind?
Das hat mehrere Gründe. Einen sieht Berater Herger in der heimischen Überregulierung: Zu viele Institutionen und politische Ebenen wollen mitreden, zu viele Auflagen verhindern Fortschritt. Einen weiteren Grund sieht der Autor in der schieren Finanzkraft in Kalifornien: Google etwa verdiene im Quartal rund 40 Milliarden Dollar – ähnlich viel sind Volkswagen oder Mercedes insgesamt wert. Auch das österreichische Mobilitätsministerium betont, dass der US-amerikanische Vorsprung teuer erkauft sei. Hinter solchen Projekten stünden Investitionen in Milliardenhöhe – oft über Jahre hinweg mit hohen Verlusten. Selbst Waymo operiert nicht flächendeckend, sondern erweitert seine Einsatzgebiete Schritt für Schritt, weil jede neue Stadt enorme Anpassungen und Investitionen erfordert, so das Ministerium.
Darüber hinaus bedingt auch das Mindset der Menschen in Europa das langsamere Tempo: „In den USA gibt es einen anderen Zugang zu neuen Technologien“, sagt Cansu Demir von der Universität Salzburg. Laut der Kfz-Studie 2026 der Wiener Städtischen sieht fast die Hälfte der Befragten autonomes Fahren als Risiko. Nur zwei von zehn Befragten schätzen es als Chance ein.
Hierzulande müsse erst Akzeptanz geschaffen werden, meint Demir. Sie weiß auch, was helfen würde: „Die Forschung zeigt, dass es verständliche und situationsangepasste Informationen innerhalb des Fahrzeugs braucht. Die Nutzer:innen wollen wissen, weshalb das Auto anhält, eine alternative Route wählt, kurzum: Wieso es sich so verhält, wie es sich verhält.“ An der Universität Salzburg arbeitet Demir deshalb an einem digitalen Agenten, der proaktiv auf die Mitfahrer:innen zugeht. Technologisch, da sind sich Forscherin Cansu Demir, Berater Mario Herger und ÖAMTC-Cheftechniker Oliver Danninger einig, ist – bis auf die Kosten und einige seltene, extreme Szenarien – der Weg zur autonomen Mobilität frei.
Der ÖAMTC wird automatisierte und autonome Mobilität nutzen, um seine Mitglieder bestmöglich zu unterstützen.

Einen rechtlichen Rahmen schaffen
Rechtlich sieht es anders aus. Aus dem Mobilitätsministerium heißt es, dass über Fahrassistenzsysteme wie Spurhalte- oder Abstandsregelung hinausgehende Anwendungen aktuell nur im Testbetrieb erlaubt sind. In kontrollierten Bereichen, wie etwa auf festgelegten Strecken, abgegrenzten Stadtzonen oder Werksgeländen.
Zählt doch die Haftungsfrage zu den zentralen und zugleich sensibelsten Themen rund um das autonome Fahren. Sie lässt sich nicht einheitlich beantworten, sondern verändert sich je nach Automatisierungsgrad grundlegend. Bei vollautomatisierten Anwendungen wie Robotaxis und Co. liegt die Verantwortung in erster Linie beim Betreiber oder Halter der Flotte. Gleichzeitig bleibt die Produkthaftung des Herstellers relevant, wenn ein technischer Fehler oder ein Softwareproblem zum Unfall führt.

Wo Europa gerade steht
Dass deswegen gar nichts in Europa passiert, ist nicht der Fall: In Österreich wird aktuell genau dieser rechtliche Rahmen geschaffen, der weitere Anwendungen ermöglichen soll, wie Mobilitätsminister Peter Hanke im April ankündigte. Langfristig sei das Ziel, fahrerloses Fahren unter klar definierten Bedingungen zuzulassen.
Die Niederlande wiederum haben als erstes Land in Europa die vollautomatische Fahrassistenzsoftware FSD von Tesla erlaubt. Und in Kroatiens Hauptstadt Zagreb launchte das Start-up Verne kürzlich den ersten kommerziellen Robotaxi-Dienst in Europa. Zwar vorerst noch mit Notfallfahrer und einer Flotte von lediglich zehn Fahrzeugen, aber immerhin. Die Software kommt allerdings nicht aus Europa, sondern vom chinesischen Unternehmen Pony.ai.
Wann was kommt
Wann das Robotaxi und der autonome Mikro-ÖV in Graz, Gramatneusiedl und Going am Wilden Kaiser genauso selbstverständlich wie in San Francisco, Los Angeles und Austin genutzt werden, dazu gehen die Expertenmeinungen auseinander. So erwartet Mario Herger, dass schon zwischen 2035 und 2040 die Mehrheit der Kilometer in Österreich autonom gefahren wird. Cansu Demir hingegen geht davon aus, dass selbst geregelte Anwendungen wie Robotaxis oder autonomer Mikro-ÖV sich erst über die kommenden zehn Jahre hinweg breiter im Alltag etablieren werden.
Übrigens: Auch der ÖAMTC bereitet sich schon auf die autonome Mobilität vor, wie Club-Cheftechniker Oliver Danninger erläutert. „In hochautomatisierten Pannenfahrzeugen könnten sich unsere Pannenfahrer:innen noch besser während der Anfahrt vorbereiten. Und autonome Sicherungsroboter könnten gefährliche Einsatzstellen vorab absichern. Clubmitglieder, die in Zukunft automatisiert oder autonom unterwegs sind, können selbstverständlich auch weiterhin auf die Gelben Engel zählen.“
Die Fahrt im Waymo in Austin verlief für den auto touring fast schon unheimlich unspektakulär. Kein Wunder, denn für das Unternehmen war sie nur eine von 500.000.
Nicht pro Jahr, sondern jede Woche.
Interview: Europa fehlt Know-how
Mario Herger lebt seit 2001 in Kalifornien, wo Robotaxis Alltag sind. Welche Vorteile autonomes Fahren bringt und wo die Unterschiede zwischen Europa und den USA liegen.
Warum sind die USA so viel weiter als Europa beim autonomen Fahren?
Europa hat sich zu Tode reguliert. Außerdem fehlt das Know-how: In Deutschland gibt es zwar die besten Maschinenbauer der Welt, aber nicht die besten Software-Entwickler. Ein weiterer Grund ist die schiere Finanzkraft: Google erwirtschaftet in einem Quartal rund 40 Milliarden Dollar. Das ist in etwa so viel wie der ganze Volkswagen-Konzern oder Mercedes wert ist. Dementsprechend viel kann Google in die Robotaxi-Firma Waymo, Forschung und Entwicklung investieren. Das Mindset der Europäer ist auch ein anderes. Sie sind neuen Technologien gegenüber skeptischer.
Wie lässt sich das ändern?
Durch Praxiserfahrung. Ich habe Waymo mehr als 300 Mal genutzt, sehr häufig mit Gästen aus Europa. Nach der Fahrt haben diese nur eine einzige Frage: Warum haben wir das noch nicht bei uns?
Wer profitiert am meisten von der Technologie?
Es gibt eine ganze Reihe an Personengruppen, die heute keinen Zugang zu individueller Mobilität haben und deshalb auf öffentlichen Verkehr angewiesen sind. Ältere Personen etwa oder Menschen mit Sehbehinderung. In San Francisco nutzen auch viele Frauen bewusst Waymo, weil sie sich in der U-Bahn oder auch in einem Uber weniger sicher fühlen.
Taxidienste gibt es schon heute. Worin liegt der Vorteil des autonomen Fahrens?
Aktuell ist Waymo noch 30 bis 40 Prozent teurer als Lyft oder Uber. Aufgrund der Sensoren sind die Autos in der Anschaffung sehr teuer, und man braucht immer noch viel Personal, etwa um dem Auto remote Anweisungen zu geben, diese zu putzen oder aufzuladen. Mit der Zeit werden sich die Kosten aber drehen, und das Robotaxi wird günstiger sein. Autonomes Fahren wird individuelle Mobilität leistbarer machen.




