Wie lebten die Römer in Carnuntum und womit reisten sie? Archäozoologin Nisa Kirchengast erklärt, was die Siedlung besonders macht, warum Tierknochen zu den wichtigsten Funden zählen und warum erst ein Prozent der Stadt ausgegraben ist. Spoiler: Messinstrumente aus dem Straßenbau spielen in der Archäologie eine Rolle.
Ihr Arbeitsbereich ist die Römerstadt Carnuntum. Warum war die Stadt so bedeutend?
Trotz der Lage am Rand des Römischen Reiches war sie in der Antike ein wichtiger Standort für die Römer. Die Siedlung lag an der nördlichen Grenze, am Donaulimes, und war damit ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel. Bedeutende Straßen wie die Bernsteinstraße führten durch Carnuntum. Diese Konstellation machte den Ort für Händler, Handwerker und viele andere Menschen attraktiv, sich hier niederzulassen. Ende des zweiten Jahrhunderts wurde Carnuntum Provinzhauptstadt von Oberpannonien. Hier wurde sogar der römische Statthalter Septimius Severus zum Kaiser ausgerufen. Im Jahr 308 nach Christus fand die berühmte Kaiserkonferenz statt, bei der die Nachfolge Kaiser Diokletians geregelt wurde. Heute ist Petronell-Carnuntum eher ein beschauliches Örtchen – in der Antike war es eine Metropole.
Wie groß war Carnuntum?
In der Blütezeit lebten hier circa 50.000 Menschen auf etwa 10 km² – je nachdem, ob man nur den Stadtkern und den militärischen Bereich einrechnet oder auch die Siedlungsgebiete außerhalb.



Warum geriet Carnuntum über die Jahrhunderte in Vergessenheit?
Dazu führten vermutlich mehrere Faktoren: Eine Serie von Erdbeben im vierten Jahrhundert zerstörte große Teile der Stadt. Gleichzeitig destabilisierten Machtwechsel das Reich, und die Handelsrouten nach Osten wurden zur Einfallschneise für Hunnen, Awaren und Slawen. Die Bevölkerung zog weg, andere Gruppen siedelten sich an.
Das Heidentor war jedoch immer ein Hinweis auf eine frühere Siedlung…
Man wusste, dass dort einst etwas gewesen war, aber nichts Genaues. Mitte des 19. Jahrhunderts begannen erste archäologische Ausgrabungen. Davor suchten bereits Antikensammler aus dem Kaiserhaus dort nach Fundstücken. So erstand Carnuntum langsam wieder auf.
Heute ist Petronell-Carnuntum eher ein beschauliches Örtchen – in der Antike war es eine Metropole.
Tierische Funde
Sie forschen in der Archäozoologie – einem Fach, das kaum jemand kennt. Was steckt dahinter?
Ich untersuche Tierknochen und andere tierische Überreste aus Ausgrabungen, um Ernährung, Handwerk und Wirtschaft zu rekonstruieren. Tierknochen zählen zu den größten Fundgruppen überhaupt – ein Nischenthema, aber ein sehr aussagekräftiges.
Durch die Funde erfahren Sie viel darüber, welche Tiere die Menschen hielten und was sie aßen?
Ja, ergänzt durch DNA-Analysen und Isotopenuntersuchungen. Doch zuerst ist die direkte Arbeit mit dem Material wesentlich: Man schaut sich die Knochen an, bestimmt das Tier und liest daraus seine Geschichte ab. Carnuntum ist dafür ein wahres Eldorado. Seit über 150 Jahren wird hier gegraben, entsprechend groß ist das Fundmaterial. Für meine Master- und Doktorarbeit durfte ich einiges davon bearbeiten.
Gibt es einen besonderen Fund, den Sie in Carnuntum gemacht haben?
Ein toller Fund stammt aus dem Haus des Lucius. Dabei ging es um Produktionsprozesse und wirtschaftliche Zusammenhänge – wenig medienwirksam, aber sehr aussagekräftig. Besonders spannend fand ich einen Bärenknochenfund. Wildtierknochen zeigen, mit welchen Tieren die Römer in Berührung kamen, nicht nur, was sie aßen. Das war meine erste intensive Arbeit mit Knochen. Bis heute beeindruckt mich, was man in einem auf den ersten Blick unscheinbaren Haus alles finden kann.

Ausgrabungen
Wie läuft eine Ausgrabung ab?
Es gibt Forschungsgrabungen, die man langfristig plant, und Rettungsgrabungen, wenn Bauprojekte antike Strukturen berühren. Findet man etwas, wird es freigelegt, fotografiert und eingemessen. Danach folgen das Waschen und die Laboranalyse. Je nach Wetterlage und Härte des Bodens kommt man schneller oder langsamer voran. Es ist ein körperlich anstrengender Job. Mit dem Pinsel herumzutupfen – das ist meistens nicht die Realität (lacht).
Woher wissen Sie, wie groß Carnuntum eigentlich war, und welche Geräte werden zur Forschung verwendet?
In den frühen 2010er-Jahren wurden nicht-invasive Untersuchungen durchgeführt, sogenannte Prospektionen. Weite Teile der Gegend wurden mit Magnetometern (Geomagnetik) und Radar prospektiert, ohne den Boden zu öffnen. Von Carnuntum ist bis heute nur etwa ein Prozent ausgegraben. Es gibt also noch einiges zu tun. Die meisten Standorte und die gesamte Ausdehnung der Stadt kennen wir durch diese Scans. Bei den invasiven Grabungen selbst sind die Fotodokumentation und das Einmessen entscheidend. Dafür verwendet man eine Totalstation – ein Tachymeter, wie man es aus der Straßenvermessung kennt – oder GPS. Die gesamten Daten fließen in eine digitale Karte ein, damit man weiß, wo was in welcher Tiefe liegt.

Wie oft sind Sie dabei draußen an der frischen Luft?
Das hängt von der jeweiligen Grabung ab. Es gibt sogenannte Grabungskampagnen – festgesetzte Zeiträume, in denen man im Feld ist. Das kann ein Monat sein, das können auch drei Monate sein. Bei der Grabung an der Villa Urbana in Carnuntum war das Stammteam von März bis November jeden Tag draußen. Ich selbst war meistens etwa einen Monat dabei, weil ich auch andere Aufgaben hatte. Letztlich ist es immer eine Frage des Budgets: Wenn man eine große Finanzierung hat, kann man sehr lange graben. Wenn das Budget begrenzt ist, sind auch die Möglichkeiten begrenzt. Zeit und Geld sind, wie so oft, ausschlaggebend.
30 Jahre Archäologischer Park Carnuntum
Stimmt es, dass sich in Carnuntum das größte rekonstruierte römische Ensemble befindet?
In Mitteleuropa zählen wir zu den größten. Vergleichbare Parks gibt es in Xanten in Deutschland und in Augst in der Schweiz (Augista Raurica), doch Carnuntum bietet das zusammenhängendste und modernste Ensemble.
Der Archäologische Park Carnuntum feiert 2026 das 30-jährige Jubiläum. Was hat sich seit damals alles getan?
Es ist viel geschehen. Heute können Interessierte in Carnuntum erleben, wie es in der Antike ausgesehen hat. Sowohl Kindern als auch Erwachsenen fällt es schwer, sich unter alten Mauern etwas vorzustellen. Deshalb haben wir 2006 das erste Rekonstruktionsgebäude eröffnet: das Haus des Lucius, das Wohnhaus einer Familie aus der oberen Mittelschicht. Es wurde mit experimentalarchäologischen Methoden gebaut, um zu erforschen, welche Baumaterialien man braucht und wie lange es dauert, eine solche Mauer zu errichten. Die Therme und die Villa Urbana kamen 2011 dazu. Das sind heute unsere Highlights im Park. Für Kinder ist die Therme immer spannend: Sie ist sehr schön rekonstruiert, mit Frigidarium, Caldarium und Schwimmbecken. 2019 war das Haus des Ölhändlers fertig, direkt neben dem Haus des Lucius. Heuer rekonstruierten wir zwei weitere Thermenräume mit toller Wandmalerei und temperierten Räumen. Bei uns können Besucher:innen durch ein ganzes römisches Stadtviertel spazieren.

Wie haben die Römer das Badewasser in der Therme sauber gehalten?
Das ist eine wichtige Frage. Bei unserem Besucherbetrieb heute geben wir Chlor ins Wasser. In der Antike war das natürlich anders. Es gibt Hinweise darauf, dass das Wasser in einem Durchlauf funktionierte: Frisches Wasser wurde ständig zugeführt und wieder abgeleitet – teilweise auch als Klospülung bei den Latrinen. Schriftliche Überlieferungen berichten auch, dass Wasser in manchen Thermen nur einmal am Tag gewechselt wurde. Am Abend war Baden wohl nicht mehr angenehm. Vermutlich war es Seneca, der sich darüber beschwerte: Das Wasser sei trüb, und man habe viele Öle verwendet. In Carnuntum war es wahrscheinlich eine Kombination aus Durchlauf und gelegentlichem Abschöpfen.

Wird die Therme heute mit Holz geheizt?
Ja. Wir untersuchen, wie viel Holz und Wasser eine römische Therme benötigt. Die einzelnen Räume war sehr durchdacht, effizient und ausgeklügelt aufgebaut. Im Verhältnis zur Gebäudegröße brauchen wir erstaunlich wenig Holz. Hinter dem heißesten Raum befindet sich ein großer Ofen, in den unsere Mitarbeitenden zweimal täglich Holz nachlegen. Das gilt auch im Winter, wenn wir geschlossen haben, damit die Keramikleitungen nicht ganz abkühlen und durch den Temperaturunterschied springen.
Besucher:innen können in Carnuntum durch ein ganzes römisches Stadtviertel spazieren und so die Antike hautnah erleben.
Amphitheater und Arenen
Gab es in Carnuntum auch Wagenrennen? In unserer Junior-Ausgabe reisen die Kinder durch die Zeit und besuchen ein Rennen im Circus Maximus in Rom.
Vermutlich schon, aber keinen Circus Maximus wie in Rom. Wir haben für andere Standorte belegt, dass Wagen- und Reitervorführungen in Amphitheatern stattfanden. In den Provinzen wurden diese Gebäude oft multifunktional genutzt – ähnlich wie heute eine Mehrzweckhalle.

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Wie groß war die größere Arena in Carnuntum?
Die Arena in der Zivilstadt dürfte in etwa so groß wie die des Kolosseums gewesen sein. Darin hatten vermutlich über 13.000 Besucher:innen Platz. Jene der Militärstadt war etwas kleiner und fasste circa 8.000 Menschen. Für die Militärstadt nimmt man sogar an, dass Teile der Arena unter Wasser gesetzt werden konnten. Ein Kanal zur Donau deutet darauf hin, aber wie es genau funktionierte, ist leider nicht klar.

Leben in der Antike
Wie bewegten sich Menschen in der Römerzeit fort?
Zu Fuß oder zu Pferd. Für Reisen gab es vierrädrige Carrucae, die an Kutschen aus Westernfilmen erinnern und von Pferden, Maultieren oder Ochsen gezogen wurden. Für kürzere oder leichtere Transporte gab es das zweirädrige Cisium. Davor spannte man kleinere Pferde, Ponys oder Esel. Ochsenkarren wurden vor allem für Lieferungen und den Gütertransport eingesetzt. Das gute Straßennetz ermöglichte effizientes Reisen und schnelle Truppenbewegungen. Die Universität Stanford bietet mit "Orbis" ein kostenloses Online-Tool, das Reisezeiten zwischen antiken Städten berechnet.



Womit spielten eigentlich Kinder in der Römerzeit?
Aus der Antike sind diverse Spiele überliefert. Leider sind kaum Spielanleitungen erhalten geblieben. Dazu zählen das Orca-Spiel (Nüsse oder Steinchen aus einer gewissen Distanz in eine Schüssel werfen) – ein antikes Basketballspiel, wenn man so will (lacht) –, das Delta-Spiel, ähnlich „Himmel und Hölle“. Dazu kommen die Rundmühle, ähnlich dem Mühlespiel, das Latrunculorum-Spiel, eine Art antikes Schach, und Astragale: kleine Fußwurzelknochen von Schafen oder Schweinen, die man hochwarf und fangen musste, außerdem Puppen, Figürchen und Ballspiele, belegt durch Bilder und Mosaike.

Gab es in Carnuntum Funde, die etwas Neues über die Römer enthüllten?
Das Brückenkopfkastell in Stopfenreuth zeigte, dass die Donaugrenze keine starre Linie war, sondern ein Ort des Handels. Römische Funde nördlich der Donau belegen diese wechselseitige Beziehung – ein sehr aktives Forschungsfeld.

Das Heidentor
Was hat es mit dem Heidentor auf sich?
Es war ein Quadrifrons – ein Bauwerk mit vier Pfeilern. Ob Wahrzeichen, Siegesmonument oder Vermessungspunkt, ist noch offen. Sicher ist: Wer auf dem Landweg nach Carnuntum reiste, sah das Heidentor schon von Weitem. Es kündete die Stadt an – und tut das bis heute.

Ausflugstipps und Veranstaltungen
Welche Programme gibt es für Kinder?
Es gibt Familienführungen und Zeitreiseführungen, bei denen sich Kulturvermittler:innen als Römer:innen verkleiden und das antike Leben lebendig schildern. Jedes Jahr gibt es spezielle Veranstaltungen: etwa den Gladiatorentag Ende Mai mit Gladiatorenkämpfen im Amphitheater. Das finden Kinder immer großartig. Heuer findet am 5. und 6. September 2026 noch das Römerfest mit Shows und Mitmachstationen statt.



Haben Sie weitere Ausflugstipps?
Das Museum Carnuntinum in Bad Deutsch-Altenburg gehört ebenfalls zur Römerstadt Carnuntum. Es wurde bereits 1904 eröffnet. Dort sind die Originalfunde ausgestellt, während im Freilichtmuseum die Rekonstruktionen zu sehen sind. Man kann wunderbar vergleichen. Wer im Sommer unterwegs ist, kann außerdem vom Freilichtmuseum in Petronell einen schönen Spaziergang über das Amphitheater zum Heidentor und zurück machen. Das dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Ein Besuch in Carnuntum lohnt sich also mehrfach.
Zur Person: Nisa Kirchengast
Alter: 32
Studium: Klassische Archäologie, Urgeschichte und Historische Archäologie und Biologie
Forschungsschwerpunkt: Archäozoologie und Provinzialrömische Archäologie; Forschung und Lehre an der Universität Wien
Seit 2014 auf Ausgrabungen in Österreich, Italien, Spanien und der Türkei
Seit 2016 in Carnuntum




