• Auto-Tests
    Ausgabe: Februar 2012
    31.01.2012
    Autor:
    Christian Stich & Günter Rauecker

    Kleine Großstädter

    Platzsparend und praktisch, geräumig und günstig. Die Anforderungen an moderne Kleinwagen sind groß. Zum Vergleich treten fünf Kleine aus fünf Ländern gegeneinander an.

    02 2012 vergleich 3-1 © auto touring / Heinz Henninger
    Kleine Großstädter. Platzsparend und praktisch, geräumig und günstig. Die Anforderungen an moderne Kleinwagen sind groß. Zum Vergleich treten fünf Kleine aus fünf Ländern gegeneinander an.
    Anspruchsvoll sind wir geworden. Vor Jahren dienten Kleinwagen bestenfalls als Zweitwagen. Heute haben sie sich dank stattlicher Außenlängen von gut vier Metern, geräumigen Innenräumen und solidem Fahrkomfort längst zu vollwertigen Familienangehörigen gemausert. Kein Wunder also, dass gerade dieses Segment im abgelaufenen Jahr deutliche Zuwächse zu verzeichnen hatte. Der VW Polo ist mit knapp 12.000 verkauften Stück nach wie vor das Maß der Dinge. Seine direkten Konkurrenten im Vergleichstest – Fiat Punto, Peugeot 207 und Toyota Yaris – brachten 2011 zusammen etwas mehr als 10.000 Fahrzeuge an den Mann oder die Frau. Im Sog seiner erfolgreichen Konzernbrüder Picanto und cee’d will ab sofort auch der neue Kia Rio am Erfolg mitnaschen.

    Ländermatch. Fünf Kleinwagen, fünf Türen, fünf Herkunftsländer. Alle Kandidaten gehen mit Dieselmotoren an den Start. VW und Kia setzen dabei auf drei, der Rest auf vier Zylinder. Die Leistungen reichen von knapp 70 PS im 207er bis zu 90 PS im Yaris. Die Mindestanforderung an die Ausstattung war dagegen für alle gleich: zumindest eine manuelle Klimaanlage musste aufpreisfrei an Bord sein. Entsprechend unterschiedlich sind daher auch die jeweiligen Preise. Günstigster im Quintett ist der Peugeot 207 um 13.260 Euro. Er wird in einigen Monaten vom neuen 208er abgelöst, ist als Drei- oder Fünftürer in der Ausstattungsversion Husky aber weiterhin bestellbar. Gut 1.300 Euro teurer ist der fast identisch ausstaffierte Kia Rio. Spürbar tiefer muss man bei den übrigen Testkandidaten in die Tasche greifen. Knapp 17 Tausender werden für den Toyota Yaris fällig, 200 Euro mehr kostet der Fiat Punto und 18.110 Euro verlangt VW für den Polo.

    Platz 5: Peugeot 207

    Der französische Topseller ist seit mittlerweile fast sechs Jahren auf dem Markt – zum alten Eisen gehört der 207er aber dennoch nicht, trotz fünftem Platz im Vergleich. Er wird zwar in ein paar Monaten vom neuen, rund sieben Zentimeter kürzeren 208er abgelöst, ist aber in der Version Husky weiterhin zu kaufen. Der immer noch bestellbare Vorgänger 206+ ist dann aber endgültig Geschichte. Gar nicht verstecken muss sich der kleine Franzose beim Design. Es ist nach wie vor am Puls der Zeit und wirkt im Konkurrenzvergleich keineswegs angegraut. Die Ausgereiftheit des Peugeot 207 spiegelt sich außerdem in seiner hervorragenden Material- und Verarbeitungs-Qualität wider. Nix scheppert, nix knistert. Sogar auf schlechten Straßen. Außerdem hat er zahlreiche sinnvolle Ablagen an Bord. Und selbst in der wichtigen Disziplin Bedienungskomfort macht ihm keiner der vier Konkurrenten etwas vor. Bis auf das eingeschränkte Platzangebot für die Insassen – speziell im Fond leiden Großgewachsene unter zu wenig Beinfreiheit – schlägt sich der 207er im Kapitel „Außen und innen“ mehr als wacker. Der durchschnittlich große Kofferraum verfügt im Konkurrenzvergleich übrigens über die niedrigste Ladekante. Erst beim Fahren merkt man, dass etliche Konkurrenten am Peugeot 207 vorbeigezogen sind. Vor allem die ausgeprägten Lastwechselreaktionen beim abrupten Gaswegnehmen fallen negativ auf. Ebenfalls mühsam: die hakelige Schaltung. Positiv dafür: der tadellose Fahrkomfort. Weniger erfreulich ist dagegen der mit 5,6 Litern auf hundert Kilometer höchste Verbrauch aller fünf Kleinwagen – trotz der schwächsten Fahrleistungen. Ebenfalls verbesserungswürdig: die nur zweijährige Neuwagen-Garantie.

    Platz 4: Fiat Punto

    2005 wurde er als Grande Punto eingeführt, vier Jahre später im Zuge eines umfassenden Optik-Facelift in Punto Evo (für „evoluzione“) umgetauft. Ab sofort hört Fiats Topseller wieder auf den schlichten Namen Punto. Auch motorenseitig speckte man etwas ab. Bisher hatte man die Wahl zwischen zwei Diesel-Triebwerken mit 75 oder 95 PS. Jetzt steht nur noch ein 85 PS starker 1,3-Liter-Vierzylinder in der Preisliste. Macht aber nichts, denn der wunderbar kultivierte und drehfreudige Selbstzünder liefert absolut kräftige Fahrleistungen. Verbrauch? Lediglich akzeptable 5,3 Liter Diesel sind es auf hundert Kilometer (auch dank serienmäßigem und unauffällig agierendem Start-Stopp-System). Weitere positive Notizen: komfortables Fahrwerk, butterweiches und exaktes Getriebe. Die indirekte und um die Mittellage gefühllose Lenkung trübt das grundsätzlich agile Handling dafür ein wenig. Im Innenraum fühlen sich vier Insassen pudelwohl, dank der üppigen Ellbogenfreiheit sitzen sogar drei Personen auf der Rückbank ausreichend bequem. Manko: Die dritte Kopfstütze im Fond muss extra bezahlt werden. Immerhin ist der mittlere Dreipunktgurt serienmäßig an Bord. Der Kofferraum rangiert mit 275 Litern bei aufgestellten Rücksitzen auf Mitbewerber-Niveau. Nachteil, neben der höchsten Ladekante im Vergleich: Zusätzlich erschwert der tief liegende Kofferraumboden das Ein- und Ausladen von schweren Gegenständen erheblich. Weitaus kommoder: der gute Sitzkomfort dank einfach verstellbarer und bequemer Sessel. Lobenswert: der große Lenkradverstellbereich. Brauchbare Ablagemöglichkeiten für diversen Kleinkram sucht man allerdings vergebens. Nachholbedarf besteht außerdem bei der Garantie: zwei Jahre sind mittlerweile zu wenig.

    Platz 3: Toyota Yaris

    Vor gut fünf Jahren sicherte sich der Vorgänger des aktuellen Toyota Yaris mit pfiffigen und praktischen Details den Sieg im großen auto touring-Vergleichstest gegen 15 Konkurrenten. Die neue, mittlerweile dritte Yaris-Generation verzichtet auf einige dieser Features, überzeugt aber jetzt mit anderen Qualitäten. Stichwort Fahren: Trotz der einen oder anderen Lastwechselreaktion bei forscher Fahrweise gefällt der Japaner mit einem durchzugsstarken und kultivierten Motor sowie tadellosem Fahrkomfort. Ebenfalls fein: die kurzwegige Schaltung, die direkte Lenkung und der kürzeste Bremsweg aller fünf Testkandidaten. Im Vergleich zum Vorgänger legte der Yaris um fast 14 Zentimeter zu. Das kommt vor allem den Insassen auf der Rückbank zugute. Bei der Innenbreite sowie der Kopffreiheit im Fond sind dagegen die anderen Kandidaten geräumiger. Ebenfalls ein Manko: die geringe Schenkelauflage der hinteren Sitze. Vorne gibt’s nichts zu bemängeln, für eine ergonomischere Sitzposition wünscht man sich allerdings einen längeren horizontalen Lenkrad-Verstellbereich. Top dafür: die intuitive Cockpit-Bedienung sowie die fehlerfreie Verarbeitung. Mangelware: brauchbare und ausreichend große Ablagemöglichkeiten. Das Kofferraumvolumen ist mit 286 Litern bei aufgestellten Rücksitzen klassenüblich groß. Wie im Kia Rio können zur Erweiterung  des Gepäckvolumens aber nur die Lehnen vorgeklappt werden. Ergebnis: ein nach vorne ansteigender Ladeboden. Ein Ausrufezeichen setzt der Yaris beim Verbrauch. Sein Triebwerk ist mit 90 PS zwar das stärkste im Test, fünf Liter Dieselkonsum (auch dank serienmäßigem Sechsgang-Getriebe) sind im Vergleich aber der niedrigste Wert. Befriedigend: drei Jahre Garantie.

    Platz 2: VW Polo

    Ein Bestseller wie der VW Polo hat es nicht leicht. Er muss sich ständig gegen diverse hochmotivierte Neuankömmlinge beweisen und seine Spitze im Segment verteidigen. In diesem Vergleich hat der Polo mit dem neuen Kia Rio zwar seinen Meister gefunden, allerdings denkbar knapp. Klar, aufregendes Design sieht anders aus. Doch in Sachen Sitzposition (weitreichend verstellbares Lenkrad, straffe, einfach verstellbare und kommode Sessel), Variabilität (geteilt umlegbare Rücksitze, komplett ebener Ladeboden, niedrige Ladekante) oder Bedienung (leicht verständliches Cockpit) macht dem Wolfsburger so schnell keiner was vor. Nachteil dafür: zu wenige Ablagen. Kein Temperamentsbündel ist der 1,2-Liter-Diesel. Der heiser klingende, 75 PS starke Dreizylinder dreht zwar willig hoch, muss aber vor allem beim Durchzug seinen Mitbewerbern den Vortritt lassen. Im Spitzenfeld dafür: das sichere Fahrverhalten, der auch auf schlechten Straßen hohe Komfort, die kurz geführte und exakte Schaltung sowie die direkte Lenkung. Außerdem fein: der niedrige Verbrauch ( 5,1 l).
    Im Innenraum finden vier Personen üppige Platzverhältnisse vor. Neben dem Toyota Yaris genießen die Passagiere auf der Rückbank hier den meisten Beinraum. Stichwort Preis: Mit 18.110 Euro ist der Polo der teuerste Kleinwagen im Vergleich. Dafür gibt es eine etwas bessere Serienausstattung als bei der Konkurrenz und wie beim Fiat eine Fülle an extra bestellbaren Features. Polo-typisch top: die gute Werterhaltung.

    Platz 1: Kia Rio

    Wie bei Kia fast schon üblich sind die Sprünge zwischen den Modellgenerationen gewaltig. Führte der Vorgänger in der Zulassungsstatistik ein Mauerblümchendasein, hat der neue Rio das Zeug zum Bestseller. Der günstige Preis ist zwar auch ein Argument (er ist um über 3.500 Euro billiger als der Polo), aber der Koreaner überzeugt auch mit seinen Werten. Seine stämmige Optik lässt ihn fast schon eine Klasse größer aussehen. Im Innenraum überzeugt der Kia mit bequemen Sitzen und sehr gut ablesbaren Instrumenten, die Bedienung gibt keinerlei Rätsel auf. Sehr gut: zahlreiche Ablagen und ein riesiges Handschuhfach. Das Platzangebot: Auf den Vordersitzen auf Augenhöhe mit den besten Konkurrenten, in der zweiten Reihe punktet der Rio mit der besten Innenraumhöhe und weit ausziehbaren Kopfstützen. Der Kofferraum: ausreichend geräumig, nach Umlegen der Rücksitzlehnen nur leicht ansteigende Ladefläche, dafür ohne Stufe. Für einen Dreizylinder überrascht der Motor mit Laufruhe und angenehmer Geräuschkulisse. Die Schaltung überzeugt mit kurzen Wegen und exakter Führung. Sehr ausgewogen das Fahrverhalten – auch im Grenzbereich auf dem ÖAMTC-Fahrtechnik-Zentrum in Teesdorf kurvte der Rio mit stoischer Ruhe um die Pylonen. Das ESP blieb fast immer arbeitslos. Ein starkes Argument für den Kia ist die siebenjährige Garantie. Bleibt der einzige Kritikpunkt: Bei niedrigen Temperaturen störte beim Testwagen ein knisterndes Armaturenbrett.