9 INFORMATION Christophorus alle 73 Tage. In der Notfallmedizin gibt es zudem keine feste Gesamtzahl an Guidelines, da weltweit, national und auf Ebene verschiedener Fachgesellschaften Hunderte bis Tausende unterschiedliche Leitlinien, Standards und Algorithmen existieren (Schätzung Google-KI). Medizinische Erfahrung hilft uns zwar weiter und ist unverzichtbar, aber sie kann auch irren. Die Liste vermeintlich hilfreicher notfallmedizinischer Interventionen, die wir im Verlauf der Jahre verworfen haben, ist lang. In allen Fällen war die klinische Überzeugung hinsichtlich der Richtigkeit der Maßnahmen ehrlich begründet, aber dennoch falsch. Nur die wissenschaftliche Überprüfung konnte und kann möglicherweise fatale Irrtümer systematisch aufdecken und korrigieren. Wissenschaft bedeutet aber weit mehr als das Testen neuer Medikamente oder Behandlungsmethoden. Ebenso wichtig ist das Verstehen von notfallmedizinischen Erkrankungsbildern, Einsatzabläufen und Therapieeffekten. Das ist gerade dann besonders wichtig, wenn Krankheitsbilder selten oder besonders schwerwiegend sind und der ganze Behandlungsverlauf, vom Einsatzort bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus, nicht mehr überblickt werden kann. Wir brauchen daher Antworten auf die Frage, wie sich unsere Versorgung tatsächlich kurz-, mittel- und langfristig auf unsere Patient:innen auswirkt. Tun wir die Dinge richtig? Für die Beantwortung dieser Frage können wir eine unserer größten Stärken nutzen. Durch unsere einheitliche Dokumentation umfasst unsere medizinische Datenbank mehrere Hunderttausend Flugrettungseinsätze aus mehreren Jahrzehnten. Dies ist ein enormer Datenschatz mit einem unendlichen Spektrum an unterschiedlichen Notfallbildern, Patient:innengruppen und Einsatzbedingungen. Aus diesem Datenpool können wir lernen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen und wie wir unsere Patient:innen in Zukunft noch besser versorgen können. Brauchen wir eine eigene Forschungsabteilung? Forschungsergebnisse aus den Flugrettungssystemen in London, Oslo und Sydney liefern zwar wertvolle neue notfallmedizinische Erkenntnisse, aber sie treffen nicht automatisch auch auf unsere Realität zu. Unsere Notfallbilder, Einsatzgebiete, Distanzen, Wetterbedingungen, Personalstruktur und Kooperationspartner:innen in den Zielkliniken unterscheiden sich erheblich von jenen anderer Flugrettungsorganisationen. Eine Behandlungsempfehlung, die in anderen Regionen entwickelt wurde, muss nicht zwangsläufig unter unseren Bedingungen genauso gut funktionieren. Einflussfaktoren, die spezifisch für unsere Gegebenheiten sind, zeigen sich nur, wenn wir unsere eigenen Daten auch systematisch analysieren. Eine wissenschaftliche Kultur ist auch dort wirksam, wo sie keine konkreten Studienergebnisse liefert. Eine Organisation, in der Fragen gestellt und Annahmen hinterfragt werden, in der „Warum machen wir das so?“ eine legitime Frage ist und nicht als Angriff auf die Erfahrung der Kolleg:innen verstanden wird, ist eine Organisation, die aus sich selbst heraus sicherer wird. Diese Kultur lässt sich nicht verordnen, aber sie lässt sich durch gelebte wissenschaftliche Praxis fördern. Die Flugrettung ist ein überschaubares Teilgebiet der Medizin. Die Fallzahlen sind klein, die Strukturen heterogen und die Forschungsressourcen knapp. Das hat eine wichtige Konsequenz: Jede solide publizierte Kohorte, jede gut dokumentierte Fallserie, jede methodisch saubere Studie trägt überproportional zur globalen Evidenzbasis bei. Damit befinden wir uns in einem Verhältnis der Gegenseitigkeit. Wenn wir Leitlinien nutzen, die auf Daten aus Skandinavien, Australien oder dem britischen HEMS-System beruhen, profitieren wir von der Bereitschaft dieser Organisationen, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen. Die ÖAMTC-Flugrettung möchte sich in Zukunft auch in diese Reihe einordnen und dazu beitragen, dass Flugrettung immer besser wird. So wurden allein in den vergangenen Monaten bereits mehrere Artikel basierend auf Studien und Daten aus unserem Einsatzbetrieb in unterschiedlichen Fachmagazinen publiziert. Um dieses und weitere Ziele zu erreichen, baut die ÖAMTC-Flugrettung derzeit ein eigenes medizinisches Department auf. Dieses soll die notfallmedizinische Expertise unserer Flugrettung gezielt weiterentwickeln. Ein wichtiger Bestandteil des medizinischen Departments wird auch eine eigene Abteilung für Wissenschaft und Forschung sein. Diese Abteilung wird sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung unserer eigenen Daten, der Durchführung klinischer Studien sowie der evidenzbasierten und methodologisch korrekten Ausarbeitung von „Standard Operating Procedures“ für die Flugrettung widmen. Und alles mit dem Ziel, unsere Patient:innen in Zukunft qualitativ noch hochwertiger versorgen zu können. ▲ Jede gesetzte Maßnahme wird im Nachhinein genau protokolliert. Fotos: ÖAMTC/Kika (1), KI generiert (1)
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