Sondercrashtests
17.10.2012

Crashtest: Erschreckende Ergebnisse bei Baumunfällen

Club crasht vollbesetzten Kleinwagen gegen Baum

zwei Dummies mit potenziell tödlichen Verletzungen

Es ist ein Horrorszenario: Vier Personen fahren nach einer abendlichen Veranstaltung am Wochenende gemeinsam im Auto nach Hause. "Das Fahrzeug ist mit 70 km/h unterwegs, kommt von der Straße ab und prallt frontal gegen einen Baum", schildert ÖAMTC-Cheftechniker Max Lang. "Eine Situation, wie sie leider immer wieder auf Österreichs Straßen vorkommt."

Video: Crashtest Kleinwagen gegen Baum

Um herauszufinden, was mit Insassen und Fahrzeug bei einem solchen Unfall passiert, hat der ÖAMTC in Zusammenarbeit mit dem ADAC einen speziellen Crashtest durchgeführt. "Das erschreckende Ergebnis: Die Person auf dem Fahrersitz und der dahinter sitzende, nicht angeschnallte Passagier wären bei dieser Konstellation ums Leben gekommen", so Lang. "Insbesondere der Verzicht auf den Sicherheitsgurt bei einem der Insassen auf der Rückbank wirkt sich fatal aus."

Jeder fünfte tote Pkw-Insasse ist zwischen 18 und 24 Jahren alt

Im Jahr 2011 kamen in Österreich 59 Personen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren bei Unfällen als Pkw-Insassen ums Leben, 42 davon als Fahrzeuglenker. Beinahe jeder fünfte getötete Pkw-Insasse gehört zu dieser Altersgruppe. "Der Anteil der jungen Lenker bei Abkommensunfällen liegt bei rund 47 Prozent", weiß der ÖAMTC-Experte. Zusätzlich gibt es in dieser Altersgruppe vorwiegend am Wochenende einen hohen Anteil an Nachtunfällen, die als "Disco- und Freizeitunfälle" zusammengefasst werden können (Quelle: Statistik Austria – ÖAMTC-Auswertung)

Junge Lenker sind häufig mit älteren Fahrzeugen, oft mit einem Kleinwagen unterwegs. Die Ausstattung der Autos mit aktiven und passiven Sicherheitssystemen entspricht vielfach nicht dem aktuellen Stand der Technik. "Die Analysen der ÖAMTC-Unfallforschung zeigen, dass bei einem Drittel der Unfälle, die junge Lenker haben, das Auto von der Fahrbahn abkommt", berichtet Lang. Ein Teil dieser Unfälle könnte verhindert werden, wenn die Fahrzeuge mit dem Elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP) ausgestattet wären. "Generell sollten auch Fahrzeuge für junge Lenker eine Bewertung von zumindest vier Sternen im Euro NCAP-Crashtest aufweisen", so der ÖAMTC-Cheftechniker.

Besonders wichtig ist außerdem eine Sensibilisierung der jungen Fahrer. "Der Crashtest zeigt deutlich, dass es nichts bringt, wenn sich der Fahrer anschnallt, der hinter ihm Sitzende jedoch darauf verzichtet", hält der ÖAMTC-Experte fest. "Hier ist das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen gefragt." Insbesondere der Fahrer sollte darauf achten, dass alle Fahrzeuginsassen angeschnallt sind.

Der ÖAMTC-Crashtest "Baumunfall" im Detail

"Im Test wurde ein Kleinwagen, Baujahr 2009, gegen einen Pfahl gecrasht, der einen Baum simuliert", erklärt der ÖAMTC-Experte. "Das Testfahrzeug war weder mit ESP noch mit herausragenden passiven Sicherheitssystemen ausgestattet." Auch die Insassenbelegung entsprach nicht dem Standard-Crashtest: Am Steuer saß eine angegurtete, kleine Frau, dahinter ein großer Mann, der keinen Sicherheitsgurt angelegt hatte; die beiden anderen Pkw-Insassen hatten Durchschnittsgröße und waren angeschnallt. Das Fahrzeug wurde mit 70 km/h gegen das Hindernis gefahren, also schneller als mit den beim Standard-Crashtest üblichen 64 km/h.

Die dramatischen Folgen dieser Konstellation: "Der hinten sitzende, nicht angeschnallte Passagier drückt mit den Knien den Fahrersitz samt Lenkerin nach vorn. Auf diese Belastung sind Sitze und Rückhaltesysteme des Kleinwagens nicht ausgelegt", erklärt der ÖAMTC-Cheftechniker. "Schließlich prallen die Köpfe gegeneinander, was bei beiden zu lebensbedrohlichen Verletzungen führt." Außerdem hält der Fahrer-Airbag dem Druck nicht stand und platzt. Besser ergeht es übrigens dem angeschnallten Beifahrer, der aber auch mit mittleren bis hohen Belastungen im Oberkörper- und Beinbereich rechnen muss.

"Ungemach droht aber auch von außen", erklärt der ÖAMTC-Experte. "Bei einem Baumunfall können die Fahrzeugstrukturen, die links und rechts die Crashenergie aufnehmen sollen, das Hindernis verfehlen." Dadurch schiebt der Baum den Motor und das Getriebe in Richtung Fahrgastzelle, wo der Fußraum stark deformiert wird. Eine eingeklemmte Fahrerin ist die Folge.

Ergebnisse im Detail

40 ms

der Airbag der Fahrerin ist fast geöffnet und die Vorverlagerung beginnt.
80 ms

der unangeschnallte Heckpassagier drückt mit den Knien den Fahrersitz samt Fahrerin nach vorne. Die Rückhaltesysteme sind auf diese Belastung nicht ausgelegt.
100 ms

Die Fahrerin wird vom Sitz nach unten gedrückt.
110 ms

der Kopf des Beifahrers schlägt bis auf das Armaturenbrett durch, durch den Airbag konnte die Energie jedoch bereits weitgehend abgebaut werden.
115 ms

Die Köpfe von Fahrer und Heckpassagier stoßen aneinander. Die dabei auftretenden Belastungen sind für beide lebensbedrohlich.
Kurze Zeit später platzt durch die Belastung der Airbag. Das Rückhaltesystem ist damit fast wirkungslos.
Insasse hinten rechts bei 95 ms

Die Kopfbelastungen und die Zugkraft auf den Nacken erreichen ihr Maximum. Das Gurtsystem ohne Straffer und Gurtkraftbegrenzer auf der Rückbank ist nicht optimal. Grenzwertige Belastungen können die Folge sein.