Christiana Mathé, Koordinatorin der ÖAMTC-Mobilitätsprogramme für Kinder und Jugendliche, wohnt am Land. In ihrer Gemeinde befindet sich eine Caritas-Werkstätte für Menschen mit Behinderungen, an der sie fast täglich vorbeifährt. Und fast täglich sah sie dort eine Frau, die am Zebrastreifen stand und sich schwertat, die Fahrbahn zu überqueren.
„Die Auto- und Radfahrer:innen sind trotz Zebrastreifen einfach an ihr vorbeigerauscht. Denn die Frau konnte nicht zeigen, dass sie die Fahrbahn überqueren wollte. Das sind für viele Menschen ganz intuitive und einfache Verhaltensmuster, die man von klein auf lernt: links, rechts, links schauen und Blickkontakt mit den Lenker:innen suchen. Oft genügt schon die Körperhaltung, damit andere erkennen, was man vorhat. Diese Frau war sehr unsicher“, erzählt Christiana.
Natürlich blieb sie stehen und signalisierte der Frau, dass sie die Straße sicher überqueren konnte. „Am liebsten wäre ich jedes Mal ausgestiegen und hätte sie am Arm genommen und gemeinsam mit ihr die Fahrbahn überquert. Und da dachte ich mir: Am meisten würde ich ihr helfen, wenn ich mit ihr trainiere und ihr zeige, wie sie künftig möglichst sicher und selbstbewusst unterwegs sein kann.“
Parallel dazu erreichte den ÖAMTC eine Anfrage der Caritas: Ob es nicht ein Mobilitätstraining das Programm HALLO AUTO für Erwachsene mit kognitiven Behinderungen geben könnte. Bis dahin richteten sich die Mobilitätsprogramme des Clubs ausschließlich an Kinder und Jugendliche in Schulen und Kindergärten. Doch die Frage blieb hängen. „Ich habe einen Bedarf wahrgenommen und recherchiert. Dabei habe ich festgestellt, dass es in Österreich ein solches Angebot noch nicht gab. Da war für mich klar: Das muss gehen. Wir sind der ÖAMTC, genau für solche Themen sind wir da.“

Aus Erfahrung Neues entwickeln
Christiana machte sich also ans Werk: Sie durchforstete bestehende Trainingsunterlagen, suchte passende Übungen und holte sich laufend Feedback von Kolleg:innen und der Caritas ein. Schnell war klar: Bestehende Programme konnten zwar als Grundlage dienen, mussten aber an die Zielgruppe angepasst werden. Es entstand ein neuer Ansatz, der Erfahrungen aus unterschiedlichen Mobilitätsprogrammen bündelt.
So wurde etwa ein Micro-Scooter als „Fahrzeug“ und eine Sirene und Fahrradklingel in das Training integriert, damit die Teilnehmenden verschiedene Geschwindigkeiten und Geräusche im Straßenverkehr wahrnehmen können. Übungen zum Toten Winkel stammen wiederum aus dem Programm Top Rider für Jugendliche.
„Am Ende haben wir aus vielen bestehenden Programmen einen Mix zusammengestellt, der genau auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden abgestimmt ist. Der Name „Geh‘ sicher!“ stammt von meiner lieben Trainerkollegin Karin Gattermayer, die mit mir gemeinsam das Programm durchführt.“ erzählt Christiana.
Das Abbremsen des Autos war toll! Man konnte dadurch sehen, wie lange ein Auto braucht, um stehen zu bleiben.

Lernen durch Erleben
Im Mittelpunkt von „Geh‘ sicher“ steht das praktische Erfahren. Statt langer Theorieeinheiten geht es darum, Verkehrssituationen unmittelbar zu erleben und zu üben.
Kurze Sätze, einfache Sprache und viele praktische Übungen helfen dabei, die Inhalte verständlich zu vermitteln. Geübt werden etwa das sichere Überqueren von Fahrbahnen, das Einschätzen von Geschwindigkeiten oder das Erkennen von Gefahren. In kleinen Gruppen werden Alltagssituationen nachgestellt und gemeinsam besprochen.
„Erleben und erfahren statt nur zuhören“, beschreibt Christiana die Grundidee. Auch Michael Buchecker, Psychologe bei der Caritas St. Pölten, unterstreicht die Bedeutung dieser unmittelbaren Übungssituation: „Für Klient:innen ist dieses Training ein wichtiger Bestandteil der Verkehrssicherheit. Praktische Erfahrungen wie diese können entscheidend dazu beitragen, Gefahren besser einzuschätzen und sicherer zu handeln.“

Karin (Trainerin) hat mir gezeigt, wie man sich richtig anschnallt. Beim Bremsen hat es mich dann voll in den Gurt reingedrückt
Ein besonderer Moment
Wenn Christiana von den Trainings erzählt, strahlen ihre Augen. Man merkt, wie stolz sie auf das Programm und die Teilnehmer:innen ist. „Es ist ein total sinnstiftendes Projekt, das den Teilnehmer:innen nicht nur Spaß macht, sondern auch ihren Alltag sicherer macht“, sagt sie.
Eine Situation blieb ihr besonders in Erinnerung: „Bei einem Training war ein Rollstuhlfahrer mit kognitiver Behinderung dabei. Für eine Übung zum Toten Winkel können sich die Teilnehmer:innen in einen Transporter setzen und selbst erleben, was Lenker:innen von dort aus sehen – und vor allem, was nicht. Damit auch er diese Perspektive kennenlernen konnte, hoben wir ihn gemeinsam mit anderen Teilnehmer:innen ins Fahrzeug. Er hat sich unglaublich gefreut. Alle haben zusammengeholfen. Gerade für Menschen im Rollstuhl ist es wichtig zu sehen, wie eingeschränkt die Sicht aus einem Fahrzeug sein kann. Dieser Perspektivenwechsel macht vieles verständlicher.“

Ein Programm mit Wirkung
Die ersten Pilottrainings starteten im April 2026. An zwei Tagen nahmen rund 60 Personen teil. Im September folgten vier weitere Trainingstage mit insgesamt 120 Teilnehmenden.
Die Rückmeldungen der Caritas zeigen, dass die Inhalte weit über den Trainingstag hinaus wirken. Noch lange nach den Trainings wurde in den Einrichtungen über die erlebten Situationen gesprochen.
„Wenn sich nach dem Training auch nur einige Menschen nicht mehr hinter einen Lkw stellen oder an einem Schutzweg bewusster auf den Verkehr achten, dann haben wir schon viel erreicht“, sagt Christiana.
Ich schau jetzt immer links-rechts-links bevor ich über die Straße gehe. Das habe ich von Karin (Trainerin) gelernt.

Mehr Selbstständigkeit, mehr Sicherheit
Das Ziel von „Geh‘ sicher“ ist nicht Perfektion im Straßenverkehr. Vielmehr soll das Training Menschen mit kognitiven Behinderungen dabei unterstützen, sich sicherer zu fühlen und ihren Aktionsradius selbstständig zu erweitern.
Jeder zusätzliche Weg, der selbst bewältigt werden kann, bedeutet ein Stück mehr Unabhängigkeit und Teilhabe am Alltag.
Für Christiana Mathé ist das Projekt deshalb weit mehr als ein weiteres Mobilitätsprogramm.
„Die bisherigen Veranstaltungen waren unglaublich erfüllend und spannend. Ich hatte vorher kaum Berührungspunkte mit Menschen mit kognitiven Behinderungen. Die Menschen waren motiviert, dankbar und fröhlich. Sie haben oft einen ganz anderen Blick auf die Welt. Das hat auch mich bereichert.“

Mobilität geht uns alle an
Zum Abschluss richtet Mathé einen Appell an alle Verkehrsteilnehmenden:
„Man sieht Beeinträchtigungen oft nicht. Deshalb sollten wir im Straßenverkehr nicht nur auf uns selbst schauen, sondern auch auf die Menschen um uns herum. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit füreinander würde vielen helfen.“
Denn sichere Mobilität ist letztlich nicht nur eine Frage von Regeln und Infrastruktur, sondern auch von Rücksichtnahme.
„Geh‘ sicher“ zeigt, wie viel möglich ist, wenn Menschen die Chance bekommen, Verkehrssituationen praktisch zu erleben, zu verstehen und so mit mehr Sicherheit und Selbstvertrauen am Straßenverkehr teilzunehmen.
Dieses Mobilitätstraining möchte ich unbedingt wieder einmal machen!
Neue Termine und Möglichkeiten für Trainings gibt es ab Frühjahr 2027. Einrichtungen, die Interesse am Mobilitätstraining „Geh‘ sicher“ haben, können sich beim ÖAMTC informieren: www.oeamtc.at/gehsicher. Aktuell wird das Programm ausschließlich in Wien, Niederösterreich und Burgenland angeboten und es gibt nur begrenzte Kapazitäten.

Autor:in
Eberharter Anna (she/her) ist seit Jänner 2022 beim ÖAMTC im Team der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Ihre Themenschwerpunkte beim Mobilitätsclub sind Reisen und Tourismus. In ihrer Freizeit setzt sich Anna für Feminismus und Gleichstellung ein. Sie ist kunstinteressiert, mag Bücher und Podcasts und hat ein Faible für Zimmerpflanzen.
