Roadtrip nach Wales
Wales verbindet spektakuläre Küstenlandschaft, britische Pub-Kultur und unaussprechbare Ortsnamen. Ein Roadtrip ins Land der reservierten Herzlichkeit.
Dass man in Wales gut angekommen ist, merkt man spätestens, nachdem man die "Prince of Wales"-Brücke überquert hat, die das Land mit dem benachbarten England verbindet. Denn plötzlich beginnt das Navi wie ein vergnügtes Kleinkind vermeintlich sinnlose Wort-Kreationen zu plappern, die keinen Sinn ergeben.
Vermeintlich deshalb, weil Wales zwar ein Teil Großbritanniens ist und alle Einheimischen natürlich britisches Englisch sprechen. Aber: 20 Prozent der Bevölkerung beherrschen auch Walisisch – eine keltische Sprache, die vor allem in geschriebener Form für den Rest Europas so aussieht, als wäre jemand mit dem Kopf auf der Computer-Tastatur eingeschlafen.
Shwmae, Cymru! (Hallo, Wales!)
Wer in Wales unterwegs ist, trifft auf Straßenschilder wie "Pwllgwaelod", "Llwyngwair" – oder den offiziell längsten Ortsnamen der Welt:
"Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch".
Das korrekt auszusprechen, ist vermutlich selbst für Tiroler Zungen ein aussichtsloses Unterfangen.
Westwärts in die Ruhe
Wir sind gut 20 Stunden von Österreich aus mit dem Auto angereist. Das heiß ersehnte Ziel unseres Roadtrips: die Grafschaft Pembrokeshire. Sie umfasst den westlichsten Teil von Wales, in dem die Natur wie eine besonders kitschige Postkartenmotiv-Sammlung wirkt.
Das Inland ist eine Mischung aus saftig-grünen Hügeln und kargen Hochplateaus, während die Atlantik-Küste aus dramatischen Klippen und kilometerlangen Sandstränden in einsamen Buchten besteht.
Nicht viel los
Dazwischen verstreut liegen Dörfer, in denen die Zeit schlicht stehen geblieben ist. Meist gibt es nur ein Pub und ein paar Häuser, der nächste größere Supermarkt ist oft eine halbe Fahrstunde entfernt.
Es ist eine Gegend für all jene Menschen, die im Alltag nicht so gerne Menschen um sich haben.
Ausspannen, abschalten, auf Stopp drücken
Eine der schönsten Arten, die Region zu genießen, ist eine Wanderung entlang eines Teilstücks des 300 Kilometer langen "Pembrokeshire Coast Path", einem der spektakulärsten "National Trails" Großbritanniens.
Der Weg ist fast überall auch für Untrainierte problemlos begehbar, der Ausblick von den Klippen auf den Atlantik unbeschreiblich, die Mischung aus salziger Gischt, dem Geschrei der Möwen und der frischesten Luft, die man sich vorstellen kann, öffnet wirklich alle Sinne.
Anschließend ein "Cuppa Tea" oder auch zwei, vielleicht drei "Pint of Lager" in einem „Country Pub“ – fertig ist das walisische Menü für einen perfekten Tag.
Meet the locals
Was die Einheimischen betrifft: Für britische Verhältnisse ist man Tourist:innen gegenüber in Wales zwar UK-typisch stets freundlich, aber ein bisschen reservierter und trockener als die Landsleute aus England oder Schottland.
An dieser Stelle nicht vergessen: Großbritannien besteht aus den Ländern England, Schottland und Wales – und allen dreien ist eine gewisse kulturelle Abgrenzung voneinander immens wichtig. Nennen Sie deshalb eine Waliserin niemals "Engländerin"!
Ansonsten gilt: Hält man sich im Pub – der mit Abstand wichtigsten sozialen Institution der Briten – an ein paar Grundregeln (dazu später), gehört man als Fremde:r auch schon am zweiten Abend dazu und wird als "Love" oder "Mate" begrüßt.
Erwähnt man noch, dass man extra wegen der walisischen Landschaft gekommen ist, folgt ein zufriedenes Nicken: Man hat also das Offensichtliche erkannt und ist jemand, der "es tatsächlich bis hierher geschafft hat", wie uns ein Pub-Besitzer lobte.
Diese vorsichtige Herzlichkeit ist eine walisische Spezialität – ähnlich wie der Regen.
Das britische Essen
An der walisischen Küste widerlegen die lokalen Speisekarten regelmäßig das Klischee vom vermeintlich grausamen "British Food". In den Pubs und kleinen Restaurants landen hier nämlich sehr oft fangfrischer Fisch und Meeresfrüchte direkt vom Kutter der lokalen Fischer auf dem Teller.
Dazu kommen regionale Produkte wie walisisches Lamm, lokal hergestellter Käse und Craft Beer aus kleinen Brauereien.
Wer in Wales speist, erlebt die britische Küche deshalb eher als unglaublich vielfältig und hochwertig statt als schwer und einfallslos.
Drei persönliche Beispiele gefällig?
Und was gibt es in Wales zu sehen?
Ist man in Wales unterwegs, tauchen überall Orte auf, die unverschämt schön sind. Tenby an der Südküste zum Beispiel ist mit seinen pastellfarbenen Häusern, einem klassischen Hafen und den engen Gassen ein sicherer Tipp, wenn man die walisische Einsamkeit einmal kurz verlassen und sich ins Getümmel stürzen möchte, um zu shoppen.
Persönliche Empfehlung: Wenn’s regnet, werden die Instagram-Fotos zwar nicht so schön, dafür fehlen aber auch die mühsamen Instagrammer:innen – und man kann die Stadt halbwegs in Ruhe genießen.
Sightseeing in Wales
Wer wiederum beeindruckendes Gemäuer sehen möchte, besucht am besten St. Davids: Das ist offiziell eine Stadt, in Wahrheit aber ein 1.600-Einwohner-Dorf mit einer beeindruckenden Kathedrale mitten im Nirgendwo, deren Areal zum ausgiebigen Flanieren einlädt.
Tipp: Das Café dort kredenzt köstliche, traditionelle "Welsh Cakes" – ein sehr buttriges Mürbgebäck, das irgendwo zwischen österreichischem Keks, britischem Scone und US-Cookie zu verorten ist.
Top Gear, Harry Potter & Miranda
Alte Gebäude zu beobachten ist nicht so Ihr Fall? Dann geht es Ihnen wie der Familie des Schreibers, die zudem einen Teenager inkludiert, für den Wales auf den ersten Blick eher wenig zu bieten hat. Bis auf zwei TV- bzw. filmspezifische Orte vielleicht…
1) Top Gear
Fans der BBC-Auto-Kultserie "Top Gear" (hier eine schöne Zusammenstellung einiger TV-Momente) sollten in der gebirgigen Region "Brecon Beacons" einmal die Straße A4069 zwischen Llangadog und Brynamman abfahren. Das ist der legendäre "Black Mountain Pass", wo das TV-Team immer die Aufnahmen mit Supersportwagen filmte.
Nachdem ich die gar nicht so lange Strecke (ca. 20 bis 30 km, je nach exaktem Startpunkt) selbst gefahren bin, verstehe ich als Motorjournalist den Grund: null Verkehr, dazu die wirklich allerschönsten Kurvenradien, die ich je unter die Räder nehmen durfte.
2) Harry Potter
Es wäre nicht Großbritannien, wenn nicht auch der Zauberlehrling Harry Potter auf irgendeine Weise hier vorkäme. Erinnern Sie sich noch an den Haus-Elf "Dobby", der im siebten Teil einen tragischen Film-Tod sterben musste?
In den Dünen am weitläufigen Strand von Freshwater West haben Fans tatsächlich ein Grab für ihn angelegt, das regelmäßig gepflegt wird. Wo es genau liegt, verraten wir mit Absicht nicht, denn: Das Finden vor Ort ist eine lustige Aufgabe.
Epilog: Das Thema Schafe
Sie sind in Wales allgegenwärtig – auf Hügeln, Weiden, Berghängen. Meistens stehen sie aber neben bzw. mitten auf der Straße oder sind soeben im Begriff, diese zu betreten. Sie starren einen dabei stoisch kauend an, ihre Blicke könnten auf Autofahrer:innen nicht herablassender und unfreundlicher wirken.
Ich meine: zu Recht. Weil: Sie sind hier daheim.
Tipp: Wer in Wales mit dem Auto unterwegs ist, muss in jeder (!) Sekunde darauf vorbereitet sein, dass ein Schaf vor der Motorhaube auftaucht. Dann gilt es zweierlei zu vermeiden:
a) den Tod eines unschuldigen Tiers
b) den Totalschaden des Autos (bei Landstraßen-Tempo führt ein Aufprall mit einem 60-Kilo-Tier unweigerlich meist auch zum finanziellen Tod des Fahrzeugs)
Bei einem besonders sturen Exemplar, das unseren Weg minutenlang blökierte, bekam ich das Gefühl, dass es angesichts unseres SUV mit Wiener Kennzeichen mitteilen wollte: "Unkluge Fahrzeugwahl für die engen Straßen hier, du dummer Tourist."
Wir haben die wollige Dame dann "Miranda" genannt. Und da man in Wales im Urlaub generell wenig zu tun hat, nahm meine Frau noch am selben Abend ihre Häkel-Utensilien zur Hand und reproduzierte Miranda kurzerhand – damit sie uns künftig auch als Stofftier zu Hause auf der Couch noch nerven kann…
Info: Wales im Überblick
Lage: Wales liegt im Westen Großbritanniens, grenzt im Osten an England und im Westen an die Irische See. Die Hauptstadt Cardiff ist von London rund 215 km bzw. ca. drei Autostunden entfernt.
Einwohner:innen: ca. 3,2 Mio. Fläche: 20.800 km² (entspricht ca. der Grüße Niederösterreichs).
Nationalflagge: Weiß-grüne Flagge mit rotem Drachen (ein jahrhundertealtes Symbol des walisischen Nationalstolzes).
Sprache: Amtssprachen sind Englisch und Walisisch; Letzteres sprechen noch rund 20 Prozent der Bevölkerung; Walisisch prägt Ortsnamen und Schulunterricht.
Zeitverschiebung: minus eine Stunde zur MEZ.
5 persönliche Tipps für Wales
1. Beste Reisezeit: Mai bis September – mildes Klima, relativ viele Sonnenstunden, ideal für Outdoor-Aktivitäten.
2. Sicherheit: Wales ist sicher, Gewaltverbrechen sind selten. Vorsicht vor Problemvierteln in den großen Städten (Cardiff bzw. Swansea); größte Risiken: Wetter, Küste (Klippenränder).
3. Pub-Knigge: Im Pub bestellt und zahlt man an der Bar und gibt kein Trinkgeld. Anstellen, nie vordrängen, rufen oder winken (der "Landlord" kennt die Reihenfolge). Nicht "a beer" bestellen, sondern Menge und Marke angeben (z.B. "a pint of Carling, please"). "Cheers" ist im Pub gleichbedeutend zu "Thank you".
4. Auf keinen Fall: walisische Sprache als "tot" bezeichnen. Einheimische als "Engländer" titulieren. Respektlos über das Wappentier (den roten Drachen) sprechen. Auf Burg-/Ruinen-Arealen Müll hinterlassen.
5. Straßenverkehr: Linksverkehr. Viele einspurige, kurvige Straßen mit Hecken und Tieren. Vorausschauend fahren, Ausweichbuchten nutzen, immer höflich bleiben. Mit dem Rückwärtsgang sehr vertraut sein (500 m zu reversieren ist Usus.)
Walisischer Musiktipp: Catatonia - Road Rage
Info & Buchung
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ÖAMTC-Länderinformationen: Wales.
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