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Dezember 2015

Ich seh, ich seh, was du nicht siehst, und das ist grün

Durch die Nachtsichtbrille gesehen, schaut vieles ganz anders aus als bei Tageslicht. Die Notarzthubschrauber des ÖAMTC sind nun auch für Primär-Einsätze in der Nacht bereit.

Es wird dunkel am Christophorus-Flugrettungszentrum Wr. Neustadt. 17.20 Uhr: Zeit für einen Nachtflug zum Übungsplatz auf der Hohen Wand. Max Weiermayer packt zwei jeweils 12.000 Euro teure Night Vision Goggles (NVG) aus. "Nicht fallen lassen und nicht an der Linse ankommen" – die Anweisungen des Piloten des Intensivtransporthubschraubers der Christophorus-Flugrettung dulden keinen Widerspruch. Eines der 700 Gramm schweren Nachsichtgeräte montiert Weiermayer auf seinen Helm, eines gibt er mir. Ab in den Hubschrauber, anschnallen und los geht’s. Nach zwei Minuten hebt der gelbe Helikopter zum Übungsflug in den Nachthimmel ab.

Vor meinen Augen verwandelt sich die schwarze Leere in eine helle grün getönte Welt. Über Wr. Neustadt reflektieren die beleuchteten Häuser und die Autos der Südautobahn. Der Blick auf den Sternenhimmel blendet fast, so grell sind die unzähligen blitzenden Lichtpunkte. Die Sterne liefern ein gutes Hintergrundlicht und machen etwa 30% der Beleuchtung in der Nacht aus. Sie strahlen ihr Licht zum größten Teil im Infrarot-Bereich ab. Von den rund 200 Milliarden Sternen unserer Galaxie, der Milchstraße, sind von einem festen Standpunkt der Erde aus mit bloßem Auge nur maximal 3.000 sichtbar, mit den NVG aber 8.000.

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Wir lassen das Lichtermeer von Wr. Neustadt hinter uns und nähern uns der Hohen Wand. Die Stadtlichter verblassen, es wird immer dunkler. Trotzdem kann ich mit dem Nachtsichtgerät wie eine Katze die Geheimnisse der Nacht entdeckten. Viele Details, die mit bloßem Auge völlig im Dunkeln liegen, sind erkennbar. Mit der Zuordnung hapert’s allerdings. Irgendetwas fehlt. "Die dritte Dimension", klärt Max auf. "Das ist neben dem engen Sichtfeld von nur 40 Grad (normal sind es 220 Grad) die größte Herausforderung – in einer dreidimensionalen Welt mit einem zweidimensionalen Bild zu fliegen." Der Blick durch die NVG ist wie die Aussicht auf die Umwelt durch zwei kurze Rohrstücke. Direkt davor ist alles klar zu erkennen, aber die Dinge an der Peripherie erfordern ein bewusstes Nachjustieren des Kopfes. "Auf die Instrumente schau ich unter den Okularen durch."

Überflug

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Der Landeplatz für die Nachtflugschulungen auf der Hohen Wand ist kaum beleuchtet. ​Ich kann durch die Nachtsichtbrillen trotzdem alles gut erkennen.

Der Einsatz der Restlichtverstärker eröffnet eine völlig neue Dimension im Nachtflug.

Max Weiermayer, ÖAMTC Pilot

Die Stromleitung zwischen zwei Häusern und die Silouette eines Tieres mit zwei sich rasch bewegende blitzenden Punkten – vermutlich ein flüchtendes Reh – sind klar erkennbar. Wir landen aber nicht, sondern machen eine 180-Grad-Kurve und fliegen zurück nach Wr. Neustadt. Überrascht bin ich vom regen Flugverkehr über Wien und Bratislava. Die Flugzeuge erscheinen wie kleine Kometen. Durch das Nachtsichtgerät wirkt die slowakische Hauptstadt ganz nah, als wäre sie nicht 50 km Luftlinie entfernt. Kurz vor der Landung  klappe ich die Brillen auf. Dank ausreichender Beleuchtung ist der Landeplatz auch ohne Nachtsichtverstärker erkennbar. Ich habe genug vom Grün-Sehen und freue mich auf die Nacht. Zum Glück muss ich nicht alles sehen.

Nachtsicht_2015_12_HH_15.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Landeanflug Flugrettungszentrum Wr. Neustadt – Sicht mit Goggles.
Nachtsicht_2015_12_HH_16.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Landeanflug Heliport Wr.Neustadt – Sicht ohne Goggles.
Nachtsicht_2015_12_HH_17.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Wieder zu Hause.

ÖAMTC für 24-Stunden-Betrieb bereit

Die ÖAMTC-Hubschrauber können und dürfen nachts fliegen. Das passiert gerade im Winter sehr oft – in der Dämmerung geht’s zur Unfallstelle und bei Dunkelheit zurück zum Stützpunkt. Alle technischen Voraussetzungen sind erfüllt, alle Piloten haben eine Nachtflugberechtigung. Allerdings gibt es luftfahrtrechtliche und arbeitsrechtliche Vorschriften. Speziell im Luftfahrtrecht ist es so, dass der Pilot auch in der Nacht auf Sichtflug fliegt, das heißt, er braucht ein freies Sichtfeld von etwa fünf Kilometern. Damit der Pilot in der Nacht sicher landen kann, muss ein hindernisfreies, ungefähr 20 mal 20 Meter großes, ausgeleuchtetes Landefeld vorhanden sein.

Mit dem Intensivtransporthubschrauber werden Patienten-Überstellungsflüge von einem Krankenhaus ins andere bereits seit Jahren auch nachts geflogen. Auf den Krankenhäusern stehen beleuchtete und den Piloten bekannte Landeplätze zur Verfügung. Für Primäreinsätze, also Notfalleinsätze direkt vor Ort, fehlen noch die Entscheidungen der Politik samt Finanzierung.

Nachtsicht_2015_12_HH_02.jpg Heinz Henninger 1
Christoph_2015_12_HH_5091.jpg Heinz Henninger 2
Nachtsicht_2015_12_Weiermayer_19.JPG Weiermayer 3

1 NVG und Autopilotsteuerung sind beim Intensivtransporthubschrauber Standard. © Heinz Henninger

2 Während des Fluges stehen fast alle intensivmedizinischen Verfahren
und Überwachungsgeräte zur Verfügung. © Heinz Henninger

3 Das Wiener Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus kennen die Piloten auch bei Tag. © Weiermayer

Die ÖAMTC-Flugrettung setzt zur Erhöhung der Flugsicherheit bei Dunkelheit bereits Nachtsichtgeräte (Night Vision Goggles) ein. Die Geräte bieten der Besatzung die Möglichkeit, auch bei vollständiger Dunkelheit Hindernisse wie Stromleitungen, Masten oder Windräder zu erkennen. Auch Wetteränderungen, wie aufziehender Nebel oder Schlechtwetterfronten, können frühzeitig erkannt und umflogen werden. 

Der Einsatz der Night Vision Goggles (NVG) eröffnet völlig neue Möglichkeiten in der Luftrettung. Wenn schwere Verkehrsunfälle passieren oder Personen schwer erkranken, dann ist besondere Eile geboten – auch bei Dunkelheit. Denn um eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten, sollte der Patient innerhalb von 60 Minuten (die sogenannte Goldene Stunde) notärztlich erstversorgt und in einer geeigneten Klinik behandelt werden.

Der Umgang mit Goggles erfordert eine intensive Ausbildung der gesamten Besatzung. So müssen sich die Piloten erst an das eingeschränkte Sichtfeld und das zweidimensionale Sehen gewöhnen. Durch dieses zweidimensionale Bild mit dem NVG ist das Abschätzen von Höhe und Entfernung sehr schwierig und wird in der Crew Coordination (Pilot und Flugretter) besonders intensiv geschult. Für das menschliche Auge ist die Belastung aufgrund des künstlichen Bildes und des zusätzlichen Gewichts durch die Goggles am Helm um das 2,5-fache größer als beim konventionellen Nachtflug. 

Die Ausbildung bei der ÖAMTC-Flugrettung besteht aus drei Teilen. Im theoretischen Teil werden den Piloten Kenntnisse z.B. in Flugmedizin, Flugwetter für NVGs, technischem Aufbau der Nachtsichtgeräte und Notverfahren in Verbindung mit dem neuen Hilfsmittel vermittelt. Die praktische Flugausbildung für den Nachtflug mit den Nachtsichtbrillen besteht aus zwei Teilen: Im sogenannten "Basic Flight Training" werden die Piloten, unabhängig von einsatzspezifischen Belangen, den Umgang mit den Night Vision Goggles gelehrt. In dem anschließenden "Advanced Flight Training" werden sie auf die Einsatzpraxis vorbereitet.

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sind auch bereit für den 24-Stunden-Einsatz, wenn Auftraggeber dies wollen und die finanziellen Rahmenbedingungen gegeben sind.

Reinhard Kraxner, ÖAMTC-Flugrettungs-Chef

Auch Innenbeleuchtung muss adaptiert werden

Der Nachtflug mit Nachtsichtbrillen ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden, die die ÖAMTC-Hubschrauber bereits erfüllen.

– Die Hubschrauber verfügen über ein besonders gestaltetes Cockpit (NVG kompatibel) und NVG-freundliche Außenbeleuchtung. Die dementsprechend ausgestatteten Hubschrauber haben Einzelzulassungen der europäischen Luftfahrtbehörde EASA.

– Ein Satellitennavigationssystem mit digitaler Karte sowie Autopilot-Steuerung beim ITH sind selbstverständlich.

– Für Nachteinsätze werden leistungsfähige Night Vision Goggle nach modernem Standard verwendet werden.

– Die Maschinen werden derzeit auf ein "Moving Maps System" umgerüstet. So bekommen die Hubschrauber zeitnah gefährliche neue Hindernisse, wie Material- oder Seilbahnen, eingespielt.

– Die Besatzungen sind speziell geschult und kennen das Einsatzgebiet meist auch bei Tageslicht.

Nachtsicht_2015_12_HH_09.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Nachtflugtaugliches Cockpit.
Nachtsicht_2015_12_HH_10.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Satelliten-Navigation.
Nachtsicht_2015_12_HH_07.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
NVG kostet 12.000 Euro.

Was sagt Wikipedia?

1887 entdeckte Heinrich Hertz das Prinzip der Photo Emission, welches die Basis der Restlichtverstärker-Technologie darstellt. Wegen der noch zu wenig ausgereiften Technologie dauerte es jedoch bis zum Korea-Krieg, bis endlich so genannte 1.-Generation-Brillen zum Einsatz kamen. Diese Brillen wurden noch Bildumwandler genannt, da sie Dunkelheit in ein sichtbares Bild umwandelten. Sie hatten jedoch noch viele Unzulänglichkeiten, beispielsweise waren sie schwer und unzuverlässig.

Die Night Vision Goggles (NVG) werden seit 1974 produziert und sind viel leichter und kompakter als ihre Vorgänger. Diese Brillen wurden zum ersten Mal im Falkland-Krieg intensiv eingesetzt. Im Golfkrieg wurden bereits 21% aller Einsätze bei Nacht mit NVG geflogen.

Nachtsicht_2015_12_HH_01.jpg Heinz Henninger
© Heinz Henninger

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