11.05.2011

Wiens naher Osten

Ausdrucken & Mitnehmen: Der Mini-Guide für die Hauptstadt der Slowakei.

Bratislava ist immer eine Reise wert. Plus: Mini-Guide mit allen wichtigen Informationen

  • Der auto touring-Guide zum Ausdrucken und Mitnehmen.


    Unsere Reise nach Bratislava (deutsch: Pressburg) beginnt in Wien. Den gleichen Komfort wie vor 95 Jahren hat man heute allerdings nicht: Damals stieg man gleich neben dem Bahnhof Wien Mitte, dort, wo heute das Gebäude der Bank Austria steht, in die Pressburger Bahn, eine Art Straßenbahn. Sie fuhr entlang von Wienfluss und Donaukanal über Schwechat und Hainburg in die damals noch zu Ungarn gehörende Stadt. Die Wiener benutzten sie, um nach Engerau (heute: Petrzalka, Bratislavas Neubauviertel südlich der Donau) zum Heurigen oder direkt ins Zentrum zu fahren, die Pressburger, um in Wien Theater und Oper zu besuchen. Ein Originalzug ist heute noch im Eisenbahnmuseum Schwechat zu sehen.

Wir fahren mit dem Auto sogar ein Stück Original-Trasse: die Unterquerung der Franzensbrücke am Donaukanal. Weiter geht es über die A4 bis zum Knoten Bruckneudorf, wo wir auf die eben erst fertig gestellte 22 km lange A6 abzweigen.

Mit oder ohne Maut. Wer nur kurz einmal nach Pressburg möchte und sich den Kauf einer Vignette für die slowakische Autobahn, die direkt am Grenzübergang Kittsee beginnt, ersparen möchte (die günstigste kostet bei der ÖAMTC-Grenzdienststelle 7 Euro und ist 7 Tage gültig), muss bei der Anschlussstelle Kittsee auf die B50 wechseln. Schade, denn im Stadtgebiet von Bratislava, das ein paar Kilometer hinter der Grenze beginnt, muss keine Autobahngebühr bezahlt werden - auch nicht bis zum Flughafen.
Egal ob direkt oder gebührenfrei über den alten internationalen Grenzübergang Berg (da ist man nur ein paar Minuten langsamer): Man kommt vom südlichen Donauufer her in die Stadt. Viele der wenig schönen Plattenbauten aus den 60ern, die denen der Wiener Großfeldsiedlung gleichen, werden gerade saniert. Zwischen den Blöcken haben sich riesige Hypermärkte wie Tesco oder Carrefour niedergelassen. Fast alle haben auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet, viele sogar rund um die Uhr.

Direkt an der Donau liegt Pressburgs Stadtzentrum. Wir folgen immer den Hinweisen ins Zentrum, sehen schon die ersten der vielen ganz neuen Hochhäuser in der Ferne auftauchen und queren den Fluss bei der großen blaugrünen Aupark-Shopping-Mall auf der vierspurigen Neuen Brücke (Novi Most), einer Hängebrücke, die schon von weitem zu erkennen ist. Ganz oben verbindet eine Art Beton-Ufo die beiden Pfeiler. Der Name ist Programm: In seinem Inneren befindet sich das Restaurant Ufo, in dem Dinners der gehobenen Preisklasse serviert werden. Abends wechselt man dann gleich nach nebenan zum Clubbing.

Vom Parken auf der Straße ist in Bratislava eher abzuraten: Abgesehen davon, dass man für viele Gassen im Zentrum eine Anrainer-Bestätigung als Einfahrts-Erlaubnis benötigt, bekommt man die Parkscheine nur in Trafiken und bei den Verkäufern in den knallgelben Jacken. Parksünder werden mit Hilfe einer Kralle am Weiterfahren gehindert.
Besser parkt man auf den bewachten Parkplätzen am Rande der Altstadt oder, noch besser, in Garagen. Entweder gleich unter dem Hotel Danube oder - optimal gelegen - ein paar hundert Meter weiter in der Garage beim SAS-Carlton-Hotel. Die Einfahrt liegt gleich bei der Redoute, die während der letzten Jahre der Monarchie erbaut wurde und die Slowakische Philharmonie beherbergt.
Über Lage und Auslastung der Garagen kann man sich bereits vor der Abreise auf einer Park-Service-Seite informieren. Über die Bestimmungen beim Parken informiert das Kulturportal von Bratislava.
Seit Passieren der Wiener Stadtgrenze sind nun rund 50 Minuten vergangen. Die Alternativen zum Auto sind in etwa gleich schnell (Bahn-Regionalexpress ab Erzherzog-Karl-Straße, 17 Euro tour/retour, längere Fahrzeit jedoch vom Wiener Südbahnhof). Oder benötigen 75 Minuten (Twin City Liner auf der Donau, ab 50 Euro tour/retour, oft ausgebucht).
Praktisch: Wer den Garagen-Ausgang durchs Hotel nimmt, kann sich noch vor dem Stadtrundgang erfrischen.

Direkt vor dem Nationaltheater tritt man nun am großen Flanierboulevard der Pressburger ins Freie, am Hviezdoslavovo Námestie. Das 1886 erbaute Haus ist ganz dem Ballett und der Oper gewidmet, in der Saison 2007/2008 der italienischen. Werke von Verdi, Puccini, Mascagni und Donizetti stehen auf dem Programm. An der linken Seite des Theaters kann man durch eine Verglasung einen Blick in die Vergangenheit der Stadt werfen. Einige Meter unter dem heutigen Bodenniveau sieht man die Überreste des Fischertores. Maria Theresia ließ es abtragen.

Hinein in die Altstadt. An diesem Sichtfenster in die Vergangenheit marschieren wir zwischen einer McDonalds-Filiale und dem Luxusrestaurant Le Monde (3-Gang-Mittagsmenü 16 Euro) vorbei ins Bratislava von heute - in die Fußgängerzone.
Gleich am ersten Eck treffen wir auf einen älteren Herrn, der den Frauen ganz ungeniert unter die Röcke schaut. Dazu hat er in einem Gully Position bezogen, aus dem er mit verschränkten Armen verschmitzt herausguckt. Dabei handelt es sich um eine Bronzefigur, "Cumil" (zu deutsch "Gaffer") genannt und rasch zur Attraktion geworden. Im Laufe des Rundgangs werden wir noch an vielen weiteren lebensgroßen Figuren vorbei kommen.

"Der schöne Naci" etwa zieht hundert Meter weiter geradeaus vor uns seinen Hut. Bei ihm handelt es sich nicht um einen Lebemann, wie man auf Grund seines Ourtfits - Zylinder, Schal und Spazierstock - glauben könnte, sondern um einen - nennen ihn wir halt so - Sandler. Um Naci (steht für "Ignaz"), ein stadtbekanntes Original aus der Zwischenkriegszeit mit besten Manieren.

Pressburgs Demel war schon in der Kaiserzeit (hier eigentlich: Königszeit) die Konditorei Mayer. "K&k Hoflieferant" steht heute wieder auf dem Schild, das Innere ist sehr schön restauriert. Kuchen und Torten wirken irgendwie industriell gefertigt und sind kaum der Rede wert. Hervorragend hingegen ist alles, was aus Maroni gemacht wird. Und die berühmten Pressburger Mohn- und Nussbeugeln. Wer nach dem Zahlen auf die Rechnung sieht, erkennt, dass der Traditionsbetrieb heute zum Betriebsverpfleger Eurest gehört.
Das gegenüber liegende Café Roland, benannt nach dem Brunnen am davor liegenden Platz, ist dank seiner Jugendstil-Einrichtung zwar nett anzuschauen, wirkt aber sehr touristisch. Eine Alternative ist das Schokocafé gleich daneben. Allein die schönen Verkaufsregale, die mit Schokolade-Spezialitäten aus aller Welt gefüllt sind, lohnen einen Besuch.

Platz nehmen bei Napoleon kann man auf einer Bank vor der französischen Botschaft im ehemaligen Palais Kutscherfeld. Ob es sich bei der lebensgroßen, sich lässig auf die Sitzbank stützende Figur um Frankreichs Herrscher handelt, der die Stadt 1809 vom südlichen Donauufer beschießen ließ, oder "nur" um einen seiner einfachen Soldaten, ist eigentlich nebensächlich. Tatsache ist: Am 26. Dezember 1805 wurde gleich in der Nähe der für Österreich sehr harte Frieden von Pressburg geschlossen: Tirol und Vorarlberg kamen dabei kurzfristig zu Bayern.

Der Platz öffnet sich nun nach links zum Franziskanerplatz - man hat den Eindruck, als wäre man um einige Jahrhunderte zurück versetzt. Linker Hand auf Nummer 7 das Woch, ein Restaurant, dessen Keller spätabends zum Music Club mutiert. Hier kann man zu moderaten Preisen recht gut essen, wobei die frisch gemachten Gerichte dem Tagesteller vorzuziehen sind.
Gleich gegenüber dem Woch die 1638 ursprünglich als protestantisches Gotteshaus erbaute Jesuitenkirche, an der vorbei wir den Platz ein Stück hinauf gehen. Über dem Franziskanerkeller auf Nummer 10 prostet uns ein Mönch aus dem ersten Stockwerk zu. Das Nachbarhaus Nummer 11, ein 1770 erbautes Rokoko-Palais, kaufte 200 Jahre später Graf Emil Mirbach, ein reicher Bierbrauer.
Wir drehen um und gehen wieder zum Hauptplatz zurück, auf dessen linker Seite sich das alte Rathaus befindet. Schreiten durch dessen Tor und genießen den Blick vom Renaissance-Innenhof hinauf zum gelben Rathausturm. Gehen durchs nächste Tor und stehen vor dem heutigen Rathaus im französisch-klassizistischen Primatialpalast, in dem der Frieden von Pressburg unterzeichnet wurde. Keine Scheu, auch die Höfe zu besichtigen!

Zur Markthalle, 1910 im Jugendstil erbaut, sind es jetzt nur noch ein paar Schritte. Ihr Angebot reicht nicht einmal beim Gemüse an das der Hypermärkte heran, aber ihre Atmosphäre mit den vielen Ständen und kleinen Imbissbuden (Tipp: Palatschinkenstand "Winky") ist sehenswert. Wer die Halle durchquert, steht am unteren Ende des ehemaligen Marktplatzes, des heutigen Namestie SNP.
Rechts sieht man nun das elfstöckige Manderla-Hochhaus, das Christian Ludwig, der Vater des Malers Christian Ludwig Attersee, als Architekt 1935 entwarf. Wir marschieren den Platz allerdings nach links - und somit bergauf.
Wer Hunger hat und gleich urig wie authentisch slowakische Kost probieren möchte, sollte am oberen Ende des Platzes den rechts abbiegenden Straßenbahnschienen in die Obchodna folgen. Auf Nummer 62 findet man dort das Slovak Pub, ein Studentenlokal, in dem köstliche Brimsen-Nockerln (Brindzové Halusky) zu wirklich zivilen Preisen serviert werden.
Apropos Brimsen: Einen qualitativ hochwertigen bietet Tesco in seinen Filialen. Er ist in dünnes Holz eingewickelt. Wer ihn einfriert, kann ihn drei Monate übers Ablaufdatum hinaus verwenden...

Jetzt geht's erst richtig los, was die schönen An-, Ein- und Ausblicke bei unserem Rundgang betrifft. Wir stehen vor dem ehemaligen Schuhgeschäft von Bata, einem architektonischen Juwel im Bauhaus-Stil von 1930, dessen Fassade nächtens eindrucksvoll grün leuchtet. Heute ist unten eine Luxus-Boutique eingezogen und oben ein eher teures Restaurants gleichen Namens, das Alize.
Gleich hinter dem zeitlos-modernen Bauwerk überqueren wir auf einer romantischen Brücke den ehemaligen Stadtgraben. Weil sich hier einst und jetzt Liebespaare verabreden, wird sie auch "Brücke der Liebenden" genannt. Der Weg führt nun vorbei am schmalsten Haus Europas, das nur 1,60 Meter breit ist (Michalska 16), an der diesem gegenüber liegenden alten Apotheke zum Roten Krebs (heute ein Museum) durch das Michaelertor, das einzige Stadttor, das Maria Theresias Stadterneuerungsdekrete überlebte. Vielleicht deshalb, weil es ihr Wappen trägt...

Am Krönungsweg der ungarischen Könige geht es jetzt weiter. Bratislava war von 1563 bis 1830, als Budapest von den Türken besetzt war, die ungarische Krönungsstadt der Habsburger. Zu Ungarn gehörte die Stadt übrigens bis 1918, sie hieß damals Poszony und war dreisprachig - deutsch, ungarisch und slowakisch. Der Weg, den durch die Michaeler Gasse zum Martinsdom führt, wo die Krönungen statt fanden, ist durch in den Boden eingelassene Kronen gekennzeichnet.
Die Michalska hinunter in Richtung Donau ist gesäumt von Adelspalästen und vornehmen Bürgerhäusern, von Lokalen, Antiquitätengeschäften und Gedenktafeln für Komponisten. Für Franz Liszt, für Mozart, für Beethoven. Es lohnt sich, seinen Blick schweifen zu lassen. Durch die einmündenden Gassen auf der rechten Seite sieht man hinauf zur scheinbar alles beherrschenden Burg, die Gässchen zur Linken hingegen sind das Eingangstor in ein kleines Altstadt-Labyrinth.
Dort, wo die Sedlarska-Straße vom Hauptplatz kommend einmündet, sollte man durch das gegenüberliegende Tor gehen und dem Durchgang bis zu seinem Ende folgen: Der Blick ins noch unrestaurierte Bratislava fasziniert auf eigene Art.

Ab zum Dom. Wir biegen an der Panska nach rechts ab und gehen nun vor bis zur Martinskirche, die 1452 in ihrer heutigen Form entstand. Bevor man die Eintrittskarte für die (lohnende!) Besichtigung kauft, sollte man seinen Blick noch steil hinauf zur Turmspitze richten. Dort erblickt man, ganz oben in 85 Meter Höhe, eine Kopie der ungarischen Königskrone, 160 cm hoch und vergoldet, von Pressburger Goldschmieden 1870 angefertigt und seit 1902 auf ihrem Platz.
Zu Füßen des Doms, dort, wo heute die große vierspurige Straße vorbei führt, lagen einst die Stadtmauer (ein klitzekleiner Teil ist noch zu sehen) und ein wunderschönes Altstadt-Viertel. Alles weg - in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts beanspruchte der vermeintliche Fortschritt wie auch anderswo zu viel Platz. Die wenigen verbliebenen Häuser jenseits der Straßenschlucht zeugen noch vom einstigen Romantik-Faktor des Viertels. Das wunderschöne gelbe Haus, das jetzt alle Blicke auf sich zieht, beherbergt übrigens das Uhrenmuseum.

Zurück über den Boulevard geht es an der scharf bewachten US-Botschaft wieder zurück in Richtung Nationaltheater - und damit zur Garage. Das Fazit des Rundgangs: Das Ostflair ist weg, zumindest im Zentrum.
Und Shoppen in der Altstadt ist mühsam: Es gibt, abgesehen von internationalen Luxus-Label-Shops, so gut wie keinen Einzelhandel, und die wenigen Kaufhäuser sind alles andere als attraktiv. Da lohnt es sich schon eher, die Shopping Malls (Aupark, Polus oder Avion) anzusteuern.

Ein Ort voller Gansln. Zum Schluss noch ein ganz besonderer Einkehr-Tipp: In der Ortschaft Slovensky Grob ist es Tradition, dass die Bauern eine Gans ins Rohr schieben, um den Vorbeikommenden frischen Braten anbieten zu können. Oft wird dabei als Erkennungszeichen ein hölzernes Gansl heraus gehängt - quasi eine Art von Gansl-Buschenschank. Der Ort selbst liegt am Rande der Kleinen Karpaten und ist über die D1 (Richtung Senec) oder die B 502 (kurz vor Pezinok rechts abbiegen) in rund zehn Minuten von der nordöstlichen Stadtgrenze Pressburgs zu erreichen.
Generelle Infos dazu gibt es auf der Website der "Kleinkarpatischen Weinstraße", ein Beispiel einer solchen Gansl-Wirtschaft ist Grobsky Dvor.

Den besten Bratislava-Guide hat übrigens die Wiener Gourmet-Autorin Irene Hanappi abgeliefert: "Bratislava", Band 10 der "City Walks" von Falter (ISBN 9783854393818), 9,90 Euro. Mehr darüber hier.