Sicherheit
18.09.2012

Gefährlich: Schaulust nach Unfällen

Großteil sieht zu und leistet aus Angst vor Fehlern keine Erste Hilfe

Schaulust nach Unfällen ist leider kein seltenes Phänomen. Anstatt helfend einzugreifen, wird neugierig das Unfallgeschehen beobachtet. Oft wird dadurch auch auf einer freien Gegenspur ein massiver Stau ausgelöst.

"Das Phänomen Schaulust ist umso ausgeprägter je neuer, seltener, spektakulärer und emotionaler das Ereignis ist. Außerdem neigt man auf langweiligen Routinefahrten eher zu Schaulust, als wenn man unter Termindruck steht und rasch vorankommen möchte", weiß ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.

Nur wenige der Beobachter eilen zur Hilfe

Auffällig ist, dass junge Leute eher bereit sind zu helfen. "Vermutlich weil Führerschein- und Erste Hilfe-Ausbildung noch nicht so lange zurückliegen", so die ÖAMTC-Expertin. Eine ÖAMTC-Erhebung aus dem Vorjahr zum Thema Zivilcourage zeigt, dass nur 15 Prozent aller Fahrzeuglenker bei einem Unfall stehen bleiben und helfen. "Die meisten haben Angst, etwas falsch zu machen", sagt Seidenberger.

Behinderung für Einsatzkräfte

Anstatt zu helfen, fahren die meisten Personen also entweder einfach weiter oder halten an und beobachten das Unfallgeschehen. Neugierige Personen sind dabei nicht nur extrem unangenehm für die Unfallopfer, sondern oft auch behindernd für die Einsatzkräfte. Schaulustige blockieren die Zufahrt und nehmen Einsatzhelfern den nötigen Platz zum Agieren. Zudem kann der Stresspegel der Rettungskräfte enorm erhöht werden, wenn sie unter Beobachtung stehen.

Schaulustige begeben sich selbst in Gefahr

"Hinzu kommt, dass sich das Rettungspersonal in vielen Fällen auch zusätzlich um die Sicherheit der Schaulustigen kümmern muss. Denn diese sind durch das erhöhte Erregungsniveau mitunter nicht in der Lage, Gefahren selbst zu erkennen", erklärt die Clubexpertin. Bei manchen Personen stellt sich ein "paralysiertes Gefühl" ein, sie starren hin und sind bewegungslos.

Um Hilfe bitten oder zum Verlassen der Unfallstelle auffordern

Um Personen aus der Starre zu lösen, müssen sie direkt angesprochen und um Hilfe gebeten werden. Eine Aufforderung an eine Gruppe ist zwecklos. So fühlt sich niemand angesprochen. Jeder hat das Gefühl, ein anderer könnte besser helfen.

Kann keine Hilfe geleistet werden, ist der Unfallort unverzüglich zu räumen. "Vorrang haben immer der ungestörte Rettungsablauf, der Schutz der Privatsphäre des Verletzten und die Rücksichtnahme auf die Helfer", appelliert die ÖAMTC-Verkehrspsychologin.

Unfallstelle schützen

Um der Sensationslust der Neugierigen entgegenzuwirken, empfehlen sich weiträumige Absperrungen oder Umleitungen. Ist dies nicht möglich, können Sichtblenden – etwa Planen oder Decken – helfen, um den Unfallort vor den neugierigen Blicken zu schützen.

Eine entscheidende Hilfe kann auch die Berichterstattung im Radio sein. "Hier sollte zur Weiterfahrt aufgefordert werden, sodass Einsatzkräfte nicht behindert werden. Durch allzu detaillierte Beschreibungen des Unfallhergangs wird die Sensationslust eher noch geschürt. Im schlimmsten Fall werden so Folgeunfälle provoziert, weil Autofahrer Ausschau nach der Unfallstelle halten", warnt die ÖAMTC-Expertin abschließend.