29.06.2012
Die Legende vom Titicacasee
Hohe Ziele im südamerikanischen Peru: Von Cusco, einst Nabel der Welt, zur lange verlorenen Inka-Stätte Machu Picchu und zu den Geheimnissen der versteinerten Pumas.
Als der schwere Moment des Abschiedes nicht mehr durch allerlei Kindereien hinausgeschoben werden kann, nimmt mir Ananí Notizbuch und Stift weg und beginnt konzentriert zu zeichnen. Unendlich hohe Berge, von Schnee und Eis bedeckt, entstehen. An einem der steilen Abhänge sind kleine Figuren zu sehen, Ameisen gleich, die offenbar unter großer Mühsal diese Gipfel zu erklimmen versuchen. Ananí, unsere Reiseleiterin in Peru, gibt mir das Notizbuch zurück. Ja, das könnten meine Reisegefährten und ich sein. Wir sind ein mickriges Nichts inmitten dieser gewaltigen und manchmal auch gewalttätigen Natur in einem sehr, sehr fernen Land. Das muss man sich vor dieser Reise schon klar machen: Sie ist kein Spaziergang.
Später, wieder im Hotelzimmer, blättere ich weiter im Notizbuch zurück. Wie ging alles los? 15 Stunden reine Flugzeit, ein Großteil davon in einer doch recht bequemen Boeing 777 der KLM zwischen Amsterdam und der Zehn-Millionen-Metropole Lima, sind die erste Investition in eine Peru-Reise. Nach einer kurzen Nacht im modernen Hotel wartet die nächste Herausforderung: Mit einem Jet der Fluglinie Star Peru geht es in einem gewaltigen Hochsprung über die Sechstausender-Schneeberge der Anden nach Cusco auf 3400 Meter. Hier heißt die Devise: Langsam bewegen, keine großen Anstrengungen und viel Wasser trinken, damit der Körper die ungewohnte Höhe bewältigen kann.
In der Inka-Metropole Cusco. Aber es ist nicht einfach, ruhig zu bleiben. Lieber würde man hektisch und staunend umherhasten. Zu aufregend ist der Kulturmix in dieser einzigartigen Stadt. Als der spanische Eroberer Francisco Pizarro am 15. November 1533 Cusco erreichte, war die Stadt der „Nabel der Welt“, Metropole des riesigen Inka-Reiches, das sich von Ecuador bis nach Argentinien erstreckte. Auf den Grundmauern des geschliffenen Sonnentempels Coricancha errichteten die Spanier die Dominikanerkirche, auf jenen des Hauptgottes Huiracocha enstand die Kathedrale. Die von der Gier nach Gold (oder, moderner, Geilheit auf Geiz) ausgelöste Katastrophe prägt die Kultur Perus bis heute. Und brachte auch eine faszinierende (Glaubens-)Mischung aus westlicher und indigener Kunst und Religion hervor. So zum Beispiel in der Kathedrale von Cusco das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Marcos Zapata. Nicht ganz bibelkonform setzt Jesus hier seinen Jüngern statt eines Lammes ein gegrilltes Meerschweinchen, Lieblingsgericht der Hochlandbewohner, vor. In seinem Zorn auf die Eroberer verpasste der Künstler auch noch Judas die Gesichtszüge des goldgierigen Eroberers Pizarro. Tritt man später hinaus auf die Plaza de Armas, den viereckigen Hauptplatz, wird man von lebendigem Treiben in Cafés, Restaurants und Shops empfangen. Jahre des inneren Friedens und ein durch den Rohstoffboom ausgelöstes Wirtschaftswachstum haben Peru etwas nach vorne gebracht.
Und mehr Touristen. Viele wählen in der (trockenen) Hochsaison von Mai bis September ab Cusco die so genannten Gringo-Route auf dem Weg zum größten Geheimnis von Peru, nach Machu Picchu (sprich: Matschu Pichtschu). Aber zunächst geht es hinauf zu der riesigen Inka-Kultstätte Sacsayhuamán mit ihren auf den Millimeter genau aneinander gepassten riesigen Steinquadern. Von hier wie von der nahen Christophorus-Kirche hat man einen überwältigenden Ausblick auf das Hochtal mit der Stadt und die dahinter thronenden Bergriesen wie den 6398 Meter hohen Ausandate. Der Inka Pachacútec Yupanqui errichtete Cusco im 14. Jahrhundert in der Form eines Pumas, Sacsayhuamán bildet deutlich den Kopf des „heiligen“ Tieres. Endlos sind die Diskussionen darüber, wie es den Menschen damals möglich war, diese riesigen Bauwerke zu errichten, hatten sie doch das Rad zum Bau von Transportmitteln nicht gekannt.
Der Sonntagsmarkt von Chinchero, ein Dorf gleich jenseits der Passhöhe von Cusco hinüber ins tiefe Flusstal des Urubamba, hat Gott sei Dank noch wenig von einer Touristenshow. Hier geht es für die Einheimischen vor allem darum, Güter des täglichen Bedarfs zu erwerben. Den Reisenden aus dem fernen Europa gefallen neben den schönen, bunten Alpaca-Wollwaren freilich auch andere Dinge: Hier werden Kokablätter verkauft, aus denen man jenen wohlschmeckenden Tee (Mate de Coca) macht, der gegen Unwohlsein in der sauerstoffarmen Höhe hilft. Wirksamer ist Koka freilich, wenn man die Blätter kaut. Dazu rollt man drei oder vier Exemplare zusammen und steckt sie im Mund zwischen Zähne und Wange. Ein Vorrat, der für eine ganze Woche reicht, kostet am Markt von Chinchero einen Sol, das sind ungefähr 30 Eurocent. Kokablätter sind in Peru völlig legal, das daraus gewonnene Kokain freilich nicht – für dessen Besitz drohen strenge Strafen. Übrigens darf man die Kokablätter nicht per Flugzeug mit zurück nach Europa nehmen.
Durch eine herrliche Landschaft, immer die Schneeberge im Blick, geht es auf einer staubigen Straße hinüber zu den Inka-Terrassen von Moray. Die Anlage wird oft fälschlich als Theater bezeichnet. In Wahrheit dürfte es sich wohl um eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt der Inkas gehandelt haben, in der verschiedene Klimazonen simuliert werden konnten. Salz, das „weiße Gold“, wird in den nahen Salinas de Maras noch immer gewonnen – die ungezählten Becken am steilen Abhang des Urubambatales glänzen im Abendlicht wie bunt bemalte Kirchenfenster. Das heilige Tal der Inkas, die Schlucht des später in den großen Amazonas mündenden Urubamba, hat sich seinen Namen vor allem durch seine Fruchtbarkeit verdient. Möchte man das legendäre Machu Picchu hoch über der engsten Stelle des Tales erreichen, gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entweder man nimmt schon ab Poroy nahe Cusco den modernen Touristenzug oder man reist auf der Straße bis in das schmucke Städtchen Ollantytambo mit seiner prächtigen Inkafestung. Hier geht es nur noch auf den Schienen weiter. Seit die peruanische Bahn privatisiert wurde, dürfen Ausländer nur noch mit speziellen Touristenzügen durch das tief eingeschnittene Tal flussabwärts zuckeln.
Der Wechsel der Umgebung ist erstaunlich: eben noch karges Hochland mit scharfem Wind, jetzt tropischer Regenwald und feuchte Hitze. Aguas Calientes, Endstation der Bahnlinie, verdankt seine Existenz mit unzähligen Shops, Restaurants und Hotels aller Kategorien und jeder Preislage nur einem einzigen Umstand: Macchu Picchu. Die geheimnisvolle Inka-Stätte hoch über dem Tal erreicht man entweder zu Fuß über den Inkatrail oder – wie wir – über eine Serpentinenstraße, die ausschließlich von speziellen Touristenbussen befahren werden darf. Das Vergnügen, die einst verlorene Stadt ein paar Stunden lang zu erkunden (sie wurde erst 1911 von dem amerikanischen Professor Hiram Bingham wissenschaftlich wiederentdeckt), teilt man sich jedenfalls mit Hundertschaften anderer Neugieriger. Für fast alle
Peru-Reisenden ist dieser Tag, an dem man die fantastische Aussicht auf Ruinen und spektakuläre Landschaft genießt, der absolute Höhepunkt des Trips und die Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Dieses kulturelle Zentrum eines längst versunkenen Reiches war für Jahrhunderte unter dichtem Dschungel verborgen geblieben. Und bis heute sind Funktion und Bedeutung von Machu Picchu nicht klar, das eigentliche Rätsel nicht wirklich gelöst. Sehr viel bessere Umstände für einen nachhaltigen Ansturm von Wissbegierigen, Sinnsuchern und Esoterikern aus aller Herren Länder kann man sich eigentlich kaum vorstellen.
Übers Hochland zum Titicacasee. In vier bis fünf Stunden schafft der Zug die wenig mehr als 100 Kilometer zurück nach Cusco. Einen ganzen Tag dauert die Busreise auf der alten Inka-Handelsroute hinüber nach Puno am legendären Titicacasee. Abra La Raya heißt die Passhöhe auf 4312 Meter: Alpaca- und Lama-Herden, einige wenige Verkaufsstände und ein Mond, der zum Greifen nahe scheint. Dann ist das Altiplano erreicht, das sturmgepeitschte Hochplateau, das sich bis zum mehr als 8.000 Quadratkilometer großen „Meer der Anden“ erstreckt. Von Puno, einer nichtssagenden Stadt am Ufer, geht es unter einem stahlblauen Himmel hinaus auf die endlose Fläche des dunklen Sees. Zunächst ist das Wasser von Binsen bedeckt. Hier leben die Urus auf ihren schwimmenden Inseln – heute freilich schon mit Solarstromanlage und Motorboot. Dann geht es weiter hinaus in dieses Reich aus gleißendem Licht und glitzerndem Wasser – in endloser Fahrt hinüber auf die Isla Taquile, die noch bis in die 80er-Jahre des jüngst zu Ende gegangenen Jahrhunderts fast vollständig isoliert gewesen war. Hier kann man herrliche, wenngleich aufgrund der Höhe von über 3.800 Metern auch ein wenig anstrengende Spaziergänge unternehmen. Die Menschen leben von der Textilherstellung und vom Tourismus. Die Männer stricken die typischen langen Mützen, die Chollos. In einem kleinen Restaurant oben im Dorf werden bei fantastischer Aussicht auf den See herrliche Forellen serviert.
Die Legende. Dann geht es hinunter zum Boot und zurück über das Wasser. Zwischen Motorengetucker und Rauschen, schon im Zwischenreich von Schlafen und Wachen, höre ich eine seltsame Geschichte. Einst war an der Stelle des Titicacasees ein tiefes Tal, in dem die Menschen in Frieden und Harmonie miteinander lebten. Doch dann erschien der Teufel und stachelte die Menschen an, das heilige Feuer auf den Bergen zu suchen. Die Menschen kletterten auf die Berge und wurden zu Sündern. Daher beschlossen die Götter, sie zu vernichten. Tausende Pumas kamen und töteten viele. Der Teufel, den die Menschen um Hilfe baten, tat nichts. Doch der Gott Huiracocha fing an zu weinen. Und seine Tränen füllten das Tal mit Wasser, das stieg und stieg. Nur ein einziger Mann und eine einzige Frau überlebten, indem sie sich auf ein Schilfboot retteten. Nachdem sie aufgewacht waren, fanden sie sich inmitten des Sees wieder. Überall waren tote Pumas jetzt zu Inseln geworden. See der steinernen Pumas: Das hieß in ihrer Sprache Titicacasee.
Ich bin aufgewacht. Die Sonne berührt gerade den Horizont. Fast lautlos bahnt sich neben uns ein Boot seinen Weg durch die Binsen. Ein Mann und eine Frau sind es. Offenbar haben sie in Puno Hausrat gekauft, jetzt sind sie auf dem Nachhauseweg auf eine der Inseln. Ich nehme meine Kamera. Nur in diesem kurzen, einzigartigen Moment ist die Legende vom Titicacasee wahr geworden.
Später, wieder im Hotelzimmer, blättere ich weiter im Notizbuch zurück. Wie ging alles los? 15 Stunden reine Flugzeit, ein Großteil davon in einer doch recht bequemen Boeing 777 der KLM zwischen Amsterdam und der Zehn-Millionen-Metropole Lima, sind die erste Investition in eine Peru-Reise. Nach einer kurzen Nacht im modernen Hotel wartet die nächste Herausforderung: Mit einem Jet der Fluglinie Star Peru geht es in einem gewaltigen Hochsprung über die Sechstausender-Schneeberge der Anden nach Cusco auf 3400 Meter. Hier heißt die Devise: Langsam bewegen, keine großen Anstrengungen und viel Wasser trinken, damit der Körper die ungewohnte Höhe bewältigen kann.
In der Inka-Metropole Cusco. Aber es ist nicht einfach, ruhig zu bleiben. Lieber würde man hektisch und staunend umherhasten. Zu aufregend ist der Kulturmix in dieser einzigartigen Stadt. Als der spanische Eroberer Francisco Pizarro am 15. November 1533 Cusco erreichte, war die Stadt der „Nabel der Welt“, Metropole des riesigen Inka-Reiches, das sich von Ecuador bis nach Argentinien erstreckte. Auf den Grundmauern des geschliffenen Sonnentempels Coricancha errichteten die Spanier die Dominikanerkirche, auf jenen des Hauptgottes Huiracocha enstand die Kathedrale. Die von der Gier nach Gold (oder, moderner, Geilheit auf Geiz) ausgelöste Katastrophe prägt die Kultur Perus bis heute. Und brachte auch eine faszinierende (Glaubens-)Mischung aus westlicher und indigener Kunst und Religion hervor. So zum Beispiel in der Kathedrale von Cusco das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Marcos Zapata. Nicht ganz bibelkonform setzt Jesus hier seinen Jüngern statt eines Lammes ein gegrilltes Meerschweinchen, Lieblingsgericht der Hochlandbewohner, vor. In seinem Zorn auf die Eroberer verpasste der Künstler auch noch Judas die Gesichtszüge des goldgierigen Eroberers Pizarro. Tritt man später hinaus auf die Plaza de Armas, den viereckigen Hauptplatz, wird man von lebendigem Treiben in Cafés, Restaurants und Shops empfangen. Jahre des inneren Friedens und ein durch den Rohstoffboom ausgelöstes Wirtschaftswachstum haben Peru etwas nach vorne gebracht.
Und mehr Touristen. Viele wählen in der (trockenen) Hochsaison von Mai bis September ab Cusco die so genannten Gringo-Route auf dem Weg zum größten Geheimnis von Peru, nach Machu Picchu (sprich: Matschu Pichtschu). Aber zunächst geht es hinauf zu der riesigen Inka-Kultstätte Sacsayhuamán mit ihren auf den Millimeter genau aneinander gepassten riesigen Steinquadern. Von hier wie von der nahen Christophorus-Kirche hat man einen überwältigenden Ausblick auf das Hochtal mit der Stadt und die dahinter thronenden Bergriesen wie den 6398 Meter hohen Ausandate. Der Inka Pachacútec Yupanqui errichtete Cusco im 14. Jahrhundert in der Form eines Pumas, Sacsayhuamán bildet deutlich den Kopf des „heiligen“ Tieres. Endlos sind die Diskussionen darüber, wie es den Menschen damals möglich war, diese riesigen Bauwerke zu errichten, hatten sie doch das Rad zum Bau von Transportmitteln nicht gekannt.
Der Sonntagsmarkt von Chinchero, ein Dorf gleich jenseits der Passhöhe von Cusco hinüber ins tiefe Flusstal des Urubamba, hat Gott sei Dank noch wenig von einer Touristenshow. Hier geht es für die Einheimischen vor allem darum, Güter des täglichen Bedarfs zu erwerben. Den Reisenden aus dem fernen Europa gefallen neben den schönen, bunten Alpaca-Wollwaren freilich auch andere Dinge: Hier werden Kokablätter verkauft, aus denen man jenen wohlschmeckenden Tee (Mate de Coca) macht, der gegen Unwohlsein in der sauerstoffarmen Höhe hilft. Wirksamer ist Koka freilich, wenn man die Blätter kaut. Dazu rollt man drei oder vier Exemplare zusammen und steckt sie im Mund zwischen Zähne und Wange. Ein Vorrat, der für eine ganze Woche reicht, kostet am Markt von Chinchero einen Sol, das sind ungefähr 30 Eurocent. Kokablätter sind in Peru völlig legal, das daraus gewonnene Kokain freilich nicht – für dessen Besitz drohen strenge Strafen. Übrigens darf man die Kokablätter nicht per Flugzeug mit zurück nach Europa nehmen.
Durch eine herrliche Landschaft, immer die Schneeberge im Blick, geht es auf einer staubigen Straße hinüber zu den Inka-Terrassen von Moray. Die Anlage wird oft fälschlich als Theater bezeichnet. In Wahrheit dürfte es sich wohl um eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt der Inkas gehandelt haben, in der verschiedene Klimazonen simuliert werden konnten. Salz, das „weiße Gold“, wird in den nahen Salinas de Maras noch immer gewonnen – die ungezählten Becken am steilen Abhang des Urubambatales glänzen im Abendlicht wie bunt bemalte Kirchenfenster. Das heilige Tal der Inkas, die Schlucht des später in den großen Amazonas mündenden Urubamba, hat sich seinen Namen vor allem durch seine Fruchtbarkeit verdient. Möchte man das legendäre Machu Picchu hoch über der engsten Stelle des Tales erreichen, gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entweder man nimmt schon ab Poroy nahe Cusco den modernen Touristenzug oder man reist auf der Straße bis in das schmucke Städtchen Ollantytambo mit seiner prächtigen Inkafestung. Hier geht es nur noch auf den Schienen weiter. Seit die peruanische Bahn privatisiert wurde, dürfen Ausländer nur noch mit speziellen Touristenzügen durch das tief eingeschnittene Tal flussabwärts zuckeln.
Der Wechsel der Umgebung ist erstaunlich: eben noch karges Hochland mit scharfem Wind, jetzt tropischer Regenwald und feuchte Hitze. Aguas Calientes, Endstation der Bahnlinie, verdankt seine Existenz mit unzähligen Shops, Restaurants und Hotels aller Kategorien und jeder Preislage nur einem einzigen Umstand: Macchu Picchu. Die geheimnisvolle Inka-Stätte hoch über dem Tal erreicht man entweder zu Fuß über den Inkatrail oder – wie wir – über eine Serpentinenstraße, die ausschließlich von speziellen Touristenbussen befahren werden darf. Das Vergnügen, die einst verlorene Stadt ein paar Stunden lang zu erkunden (sie wurde erst 1911 von dem amerikanischen Professor Hiram Bingham wissenschaftlich wiederentdeckt), teilt man sich jedenfalls mit Hundertschaften anderer Neugieriger. Für fast alle
Peru-Reisenden ist dieser Tag, an dem man die fantastische Aussicht auf Ruinen und spektakuläre Landschaft genießt, der absolute Höhepunkt des Trips und die Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Dieses kulturelle Zentrum eines längst versunkenen Reiches war für Jahrhunderte unter dichtem Dschungel verborgen geblieben. Und bis heute sind Funktion und Bedeutung von Machu Picchu nicht klar, das eigentliche Rätsel nicht wirklich gelöst. Sehr viel bessere Umstände für einen nachhaltigen Ansturm von Wissbegierigen, Sinnsuchern und Esoterikern aus aller Herren Länder kann man sich eigentlich kaum vorstellen.
Übers Hochland zum Titicacasee. In vier bis fünf Stunden schafft der Zug die wenig mehr als 100 Kilometer zurück nach Cusco. Einen ganzen Tag dauert die Busreise auf der alten Inka-Handelsroute hinüber nach Puno am legendären Titicacasee. Abra La Raya heißt die Passhöhe auf 4312 Meter: Alpaca- und Lama-Herden, einige wenige Verkaufsstände und ein Mond, der zum Greifen nahe scheint. Dann ist das Altiplano erreicht, das sturmgepeitschte Hochplateau, das sich bis zum mehr als 8.000 Quadratkilometer großen „Meer der Anden“ erstreckt. Von Puno, einer nichtssagenden Stadt am Ufer, geht es unter einem stahlblauen Himmel hinaus auf die endlose Fläche des dunklen Sees. Zunächst ist das Wasser von Binsen bedeckt. Hier leben die Urus auf ihren schwimmenden Inseln – heute freilich schon mit Solarstromanlage und Motorboot. Dann geht es weiter hinaus in dieses Reich aus gleißendem Licht und glitzerndem Wasser – in endloser Fahrt hinüber auf die Isla Taquile, die noch bis in die 80er-Jahre des jüngst zu Ende gegangenen Jahrhunderts fast vollständig isoliert gewesen war. Hier kann man herrliche, wenngleich aufgrund der Höhe von über 3.800 Metern auch ein wenig anstrengende Spaziergänge unternehmen. Die Menschen leben von der Textilherstellung und vom Tourismus. Die Männer stricken die typischen langen Mützen, die Chollos. In einem kleinen Restaurant oben im Dorf werden bei fantastischer Aussicht auf den See herrliche Forellen serviert.
Die Legende. Dann geht es hinunter zum Boot und zurück über das Wasser. Zwischen Motorengetucker und Rauschen, schon im Zwischenreich von Schlafen und Wachen, höre ich eine seltsame Geschichte. Einst war an der Stelle des Titicacasees ein tiefes Tal, in dem die Menschen in Frieden und Harmonie miteinander lebten. Doch dann erschien der Teufel und stachelte die Menschen an, das heilige Feuer auf den Bergen zu suchen. Die Menschen kletterten auf die Berge und wurden zu Sündern. Daher beschlossen die Götter, sie zu vernichten. Tausende Pumas kamen und töteten viele. Der Teufel, den die Menschen um Hilfe baten, tat nichts. Doch der Gott Huiracocha fing an zu weinen. Und seine Tränen füllten das Tal mit Wasser, das stieg und stieg. Nur ein einziger Mann und eine einzige Frau überlebten, indem sie sich auf ein Schilfboot retteten. Nachdem sie aufgewacht waren, fanden sie sich inmitten des Sees wieder. Überall waren tote Pumas jetzt zu Inseln geworden. See der steinernen Pumas: Das hieß in ihrer Sprache Titicacasee.
Ich bin aufgewacht. Die Sonne berührt gerade den Horizont. Fast lautlos bahnt sich neben uns ein Boot seinen Weg durch die Binsen. Ein Mann und eine Frau sind es. Offenbar haben sie in Puno Hausrat gekauft, jetzt sind sie auf dem Nachhauseweg auf eine der Inseln. Ich nehme meine Kamera. Nur in diesem kurzen, einzigartigen Moment ist die Legende vom Titicacasee wahr geworden.