• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Juni 2012
    31.05.2012
    Autor:
    Roland Fibich I Fotos: Fibich

    Dead and Breakfast

    Von Geisterstädten,Goldgräbern und Pistolenhelden. Und von den Machtmaschinen der jüngsten Gegenwart. Im süden Arizonas zeigen sich die Vereinigten Staaten ungeschminkt und ehrlich.

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    Täglich eine Schießerei! Wildwest-Freunde kommen im Süden Arizonas so richtig auf ihre Rechnung.
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    Der betrügerische Barkeeper aus dem Saloon des Grand Hotels an der Main Street hat schon Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Das blasse kleine Mädchen, einst bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen, macht heute den Kunstshop nebenan unsicher. Und ja, man flüstert es im prüden Amerika nur hinter vorgehaltener Hand: Sogar Touristen aus dem fernen Europa werden von Geistern verfolgt – bis auf die Toilette! Denn es besteht kein Zweifel. In der alten Minenstadt Bisbee, ganz tief im Süden von Arizona, spukt es. Wer das nicht glauben will, kann ja über den großen Teich in die fünftgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, nach Phoenix, fliegen und dann per Interstate 10 und Highway 90 bis knapp an die mexikanische Grenze fahren. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit trifft man hier vor dem kleinen Stadtmuseum Renée Gardner, deren Großeltern einst aus Österreich hatten fliehen müssen. In schwarzem Kostüm und mit Laterne bewaffnet, zeigt die Lady bei einem Rundgang die wichtigsten verwunschenen Plätze der Westernstadt. Und hat auch Infos aus dem Jenseits parat, ob man im eigenen Hotelzimmer sicher ist.

    Wir, so stellt sich bald heraus, sind es. Denn das Copper City Inn an der Main Street mit seinen gemütlichen Zimmern in-teressiert die Gespenster überhaupt nicht. So können wir unbesorgt die frühere Minenstadt in Augenschein nehmen, die heute eine Kunst- und Krempel-Hochburg ist, in der liebenswerte Ex-Hippies und Kräuterhexen den Ton angeben. Früher ist hier in großem Stil Kupfer abgebaut worden. Wie das vor sich ging, kann man bei einer spannenden Zugfahrt in die alte Grube vom knorrigen Bergmann Lee erfahren, der hier einst noch selbst mit Sprengstoff und Zündschnur hantierte. Arizona galt in den USA lange als Land der Hinterwäldler. Erst vor genau 100 Jahren wurde das Territorium ein US-Bundesstaat. Viele Bürger im Rest des Landes waren gegen den Beitritt Arizonas zur Union. Was solle man mit einem wilden Land anfangen, in dem es von Indianern und Verbrechern nur so wimmelte, für die man – Gott behüte – wahrscheinlich auch noch Steuern zahlen muss? Doch dann wurden die Bodenschätze entdeckt und später kam die Dienstleistungsbranche. Arizona wurde zum Boomland.

    Das Flair des wilden Grenzlandes ist freilich geblieben. Und wird auch eifrig gepflegt. Ganz besonders in der einstigen Silberminenstadt mit dem schicken Namen Tombstone („Grabstein“), in der Fans des wahren Wilden Westens so richtig auf ihre Rechnung kommen. Am 26. Oktober 1881 fand hier die berühmteste Schießerei der us-Geschichte statt: der Gunfight am ok Corral. Die „guten“ Gesetzesvertreter um Wyatt Earp standen den „bösen“ Cowboybrüdern der Clantons und McLaurys gegenüber. Das Revolverdrama wird bis heute in der Allen Street nachgespielt. Nachher kann man sich mit den Schauspielern fotografieren lassen oder einen der berühmten Saloons besuchen und sich vom Barmann einen Doppelten einschenken lassen. Oder man fährt an den Ortsrand zum Boothill Graveyard, wo mehr als 250 Opfer dieser wilden Jahre – Gesetzlose, Selbstmörder, Gehängte und schuldlose Opfer – verscharrt sind. Das Schicksal eines gewissen George Johnson erfüllte sich 1882, sein Grabstein gibt darüber Auskunft: Hanged by mistake. He was right, we was wrong. But we strung him up and now he’s gone.

    Durch die scheinbar endlose Wüste, über die ein scharfer Wind abgerissenes Gebüsch peitscht, fahren wir Richtung Tucson. An allen Straßenverbindungen, auf denen man von der nahen mexikanischen Grenze ins Landesinnere gelangen kann, hat die „Border Patrol“ Kontrollpunkte eingerichtet. Die Beamten sind schwer bewaffnet und freundlich. Unsere Pässe mit den vielen bunten Stempeln („Did you like Nepal?“) interessieren sie brennend. Damit die Autofahrer nicht ungeduldig werden, verkündet eine Tafel stolz die Erfolge: Mehr als 100 Illegale sind alleine hier im letzten Monat aufgegriffen worden.
    Gleich außerhalb der geschäftigen Wüsten-Boomtown Tucson kommt man den Wahrzeichen unzähliger Western-Epen, den bis zu 15 Meter hohen Saguaro-Kakteen, in zwei gleichnamigen Nationalparks (Ost und West) ganz nahe. Im Nationalparkzentrum geben freundliche Menschen ausführlich Auskunft über die besten Besuchsvarianten für die zur Verfügung stehende Zeit. Wichtig: Immer ausreichend Wasser mitnehmen und auf den Weg schauen! Denn die Klapperschlangen gibt es nicht nur im Film, sondern auch in der Wirklichkeit. Die Stadt Tucson selbst, in der wir in der luxuriösen Lodge on the Desert wohnen, birgt mit der Lokalszene rund um die Universität an der 4th  Avenue und am Ostrand von Downtown eine tolle Überraschung, die man in einer US-amerikanischen Innenstadt nicht erwarten würde.

    Am südlichen Rand der Stadt liegt die größte Attraktion der Umgebung: das Pima Air and Space Museum. In der trockenen Wüstenluft sind mehr als 200 Flugzeuge für immer geparkt: Unter anderem die Präsidentenmaschine von John F. Kennedy, aber auch Tarnkappenbomber, B 52-Bomber aus dem Vietnamkrieg, Kampfhubschrauber („Apache“) und was sonst die US-Armee alles aufbieten kann, um rund um den Globus alle Feinde zu bekämpfen. Noch viel eindringlicher bekommt man die militärische Macht der Vereinigten Staaten vorgeführt, wenn man den Tour-Bus hinüber zum „Flugzeugfriedhof“ der riesigen Davis-Monthan-Air Force Base gleich auf der anderen Seite der Valencia Road besteigt. Ungezählte Kampf-, Aufklärungs-, und Bomben-Flugzeuge werden hier gelagert, gewartet und wieder für den Einsatz fit gemacht, einige haben für immer ihren Landeplatz gefunden. Seit 9/11 sind die Sicherheitsvorkehrungen streng, wir müssen unseren Reisepass mitnehmen und dürfen den Bus nicht verlassen.

    Noch intensiver wird man mit dem Schrecken des Krieges konfrontiert, wenn man die Interstate 19 ein Stück nach Süden fährt. Steve, ein freundlicher Pensionist, ist hier sechs Jahre lang an einem „roten Knopf“ gesessen, der eigentlich – so wird während seiner Führung klar – ein Schlüssel war. Hätten er und ein anderer Offizier ihn auf Befehl des Präsidenten gemeinsam umgedreht, hätte sich in weniger als einer Minute das Stahldach des Atomraketenbunkers geöffnet und die riesige Titan-ii-Rakete wäre gestartet. Aber mit welchem Ziel? „Das wussten wir hier unten nicht“, meint Steve freundlich. Die Rakete mit Atomsprengköpfen, die 650-mal stärker als jene von Hiroshima waren, hätte also auch Moskau, Budapest oder Wien treffen können? Freilich, sagt Steve. Und im Umkreis von  rund 300 Quadratkilometern alles zerstört? Steve nickt. Es ist gruselig hier im Atombunker – trotz der „Logik der Abschreckung“, die ja im Endeffekt funktioniert und diesen Bunker seit Anfang der 1990er-Jahre zum Museum gemacht hat.

    Wir fahren zurück in die weitläufige Metropole Phoenix. Ihre City erkundet man am besten bei einem Spaziergang in Begleitung eines sogenannten Ambassadors, Gratis-Stadtführern in oranger Uniform, die überall anzutreffen sind. Der stets gut gelaunte Glen weiß auf praktisch alle Fragen eine Antwort. Unterhaltsame Stunden verspricht ein Besuch im neuen Musical Instrument Museum, das interaktiv die Musik von allen Kontinenten präsentiert, aber auch Juwelen beherbergt wie das Klavier, auf dem John Lennon „Imagine“ komponiert hat. Der Geschichte der Indianer und ihrer Auslöschung widmet sich, jenseits aller Karl May-Romantik, das ausgezeichnete Heard Museum. Den Abend verbringen wir an der schicken Fortgehmeile South Bridge in Scottsdale: Bio-Lokale, Bars und Kunsthandwerk für Intellektuelle.

    Aber dann zieht es uns wieder hinaus in die Wüste. Der Apache Trail führt uns hin-über zu den heißen Superstition Mountains mit der Geisterstadt Goldfield und den Legenden vom „Lost Dutchman“. Unzählige Versionen gibt es von seiner legendären Landkarte, in der dieser Goldsucher angeblich kurz vor seinem Tod die exakte Lage der von ihm endeckten Ader eingezeichnet hatte. Aber welche ist die richtige? Vielleicht kann uns das ja „Hurry-up-Ernie“ erzählen, der den Touristenzug rund um die Geisterstadt fährt? Doch auch Ernie darf nicht zuviel erzählen. Drüben, jenseits der Gleise, wird heute noch nach Gold gesucht. Die Wüste schweigt auch dazu. Und die Kakteen sind sowieso stumm.