• Auto-Tests
    Ausgabe: Juni 2012
    30.05.2012
    Autor:
    Günter Rauecker I Fotos: Heinz Henninger

    Es lebe die Wahlfreiheit

    Wochentags elektrisch, den Sonntagsausflug mit Benzin ohne Reichweiten-Begrenzung: Der Opel Ampera mit „Reichweiten-Verlängerer“ ist ein vielversprechendes Konzept für die Zukunft.

    06_2012_opel_ampera_a © Archiv
    Das Ampera-Konzept: Akkus an der Steckdose laden und bis zu 90 Kilometer rein elektrisch fahren, Benzin tanken und damit die Reichweite um 500 Kilometer erhöhen. Der „Range Extender“ macht es möglich.
    Verwirrung beim Tankwart: Ratlos betrachtet er das weißgelbe Fahrzeug vor seiner Benzinzapfsäule. „Elektroauto im Test“ steht groß auf der Seite. „Fährt der jetzt mit Strom oder doch mit Benzin?“ Als Fahrer des „dezent“ beklebten Opel Ampera legt man sich schnell die passenden Antworten auf die immer wiederkehrenden Fragen zurecht. „Elektro-Auto mit Range Extender“ lautet die technisch korrekte Bezeichnung des Opel Ampera, der übrigens mit dem Chevrolet Volt einen baugleichen Zwilling im GM-Konzern hat. Für den Vortrieb sorgt ein Elektromotor, der mit 111 Kilowatt nicht gerade brustschwach dimensioniert ist. Mit an Bord ist ein Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von 16 Kilowattstunden, der an jeder normalen Haushaltssteckdose aufgeladen werden kann.

    Ist der Stromspeicher leer, tritt der „Reichweiten-Verlängerer“, mittlerweile besser bekannt als Range Extender, in Aktion. Dabei handelt es sich um einen 1,4-l-Benzinmotor aus der GM-Motorenproduktion in Wien-Aspern. Der 86 PS starke Vierzylinder bewegt den Ampera allerdings nicht wie ein herkömmlicher Verbrennungsmotor direkt über die Antriebsräder, sondern erzeugt mittels Generator Strom für den Elektromotor – und verlängert so die Reichweite. Nun lässt sich trefflich diskutieren oder gar polemisieren, ob es sich bei diesem System wirklich um ein Elektro-Auto handelt. Eine akademische Diskussion, die am eigentlichen Vorteil des Prinzips vorbei läuft. Mit einem Range-Extender-Fahrzeug kann man während der Woche ausschließlich elektrisch ins Büro, zum Einkaufen, zum abendlichen Tanzkurs fahren. Und am Wochenende mit Hilfe des „Reichweiten-Verlängerers“ die Freunde in München besuchen. Mit einem herkömmlichen Elektro-Auto müsste man sich für diesen Zweck zwei Wochen Urlaub nehmen und die Route genauestens planen – wo gibt es Steckdosen zum achtstündigen Aufladen? Der ÖAMTC wird ein Jahr lang den Opel Ampera akribisch unter die Lupe nehmen. Hält das bestechend einfache Prinzip, was es in der Theorie verspricht?

    AUSSEN & INNEN

    Den Ampera gibt es ausschließlich als E-Mobil mit Range Extender. Natürlich hätte man die Technik auch in einen herkömmlichen Astra stecken können. In der leicht futuristischen, auffälligen Karosserie bekommt die Technik allerdings schon im Stand die ihr gebührende Aufmerksamkeit. So ähnlich dürften sich die Gedankengänge der GM-Konstrukteure abgespielt haben. Und auffällig ist der Ampera auch ohne unsere ÖAMTC-Beklebung:  sportlich-elegant, extrem windschlüpfig. Das beschert aber auch Nachteile: Die Innenhöhe in der zweiten Reihe ist nicht gerade berauschend, und mit dem Kopf befinden sich die Passagiere bereits direkt unter der riesigen Heckscheibe. Der Ampera ist übrigens ein Viersitzer: Der knapp 200 kg schwere, T-förmige Akku versteckt sich im Mitteltunnel, der sich vom Armaturenbrett bis zu den Lehnen der Rücksitzen erstreckt. Futuristisch musste natürlich auch das Cockpit ausfallen. Schon beim Einsteigen – noch ohne Betätigung des Start-Knopfes – empfängt der Ampera den Fahrer mit einer kurzen Show auf den Bildschirmen und einer Tonsequenz, die sicherlich auch schon in einem Star Trek-Film Verwendung fand. Die Schalter auf der Mittelkonsole folgen dem reinen Berührungs-Prinzip – besser als herkömmliche Druckschalter sind sie jedoch auf keinen Fall. Die Orientierung ist nicht einfach und die Bedienung erfordert ein gewisses Maß an Konzentration. Die Anzeigen sind ausschließlich digital. Neben der Geschwindigkeit wird vor allem die Reichweite – einmal elektrisch, einmal mit Range Extender – hervorgehoben.

    FAHREN & SICHERHEIT

    Die rein elektrische Reichweite gibt Opel mit 40 bis 80 Kilometer an. Wie wir mittlerweile wissen, hängt sie bei E-Autos vor allem von Temperatur und Fahrweise ab, die Bandbreite ist erheblich. Glück für den Ampera: Am Tag unserer Reichweitenmessung herrschen E-Auto-ideale 24 Grad – Heizung und Klimaanlage müssen nicht bemüht werden. Positive Überraschung: Erst nach 91 km springt der Benzinmotor zum ersten Mal an. Der Akku wird übrigens nicht bis zur letzten Kilowattstunde ausgesaugt. Bereits bei einer Restkapazität unter 26% schaltet der Ampera in den Verlängerungsmodus: Vorteil: Schonung des Akkus und weiterhin streckenweise reiner E-Betrieb. Das Fahrgefühl im Ampera ist wunderbar. Zuerst einmal genießt man die Abwesenheit einer gewissen Grundnervosität, die in jedem herkömmlichen E-Auto mit an Bord ist. Wie weit komme ich? Kann ich Heizung/Klimaanlage einschalten? Alles kein Thema. Lautlos beschleunigt der Ampera, bei Bedarf auch sehr kraftvoll. Zum Verständnis: Auch bei Autobahntempo bis hin zur Höchstgeschwindigkeit wird der Range Extender nicht benötigt, solange der Akku noch ausreichend Saft hat. Bei Extender-Betrieb ist das Drehzahlverhalten des Verbrennungsmotors etwas gewöhnungsbedürftig: Es orientiert sich nicht am Gasfuß, sondern am aktuellen Strombedarf. Die volle Akkuleistung kann man sich übrigens aufheben: Im Modus „Halten“ kommt der Strom vom Benzinmotor (z.B. für die Autobahn). Dafür hat man später – etwa für die Innenstadt – noch die volle elektrische Reichweite.

    GELD & UMWELT

    Mit 45.500 Euro ist der Ampera Cosmo kein Sonderangebot. Allerdings bekommt man dafür das erste E-Auto ohne Reichweitensorgen. Bei der Testfahrt für die Ermittlung der Reichweite benötigte der Ampera – bei idealen Bedingungen – 14,2 kWh/100 km. Zieht man den österreichischen Strommix mit seinem hohen Anteil an Wasserkraft heran, ergibt das eine CO2-Emission von lediglich 22 Gramm je Kilometer. Und Stromkosten von nicht einmal drei Euro für 100 km.

    Technische Daten Opel Ampera Cosmo

    Preis EUR 45.500,-
    E-Motor
    Leistung 111 kW (151 PS)
    Drehmoment 370 Nm
    Range Extender
    Motor 4-Zyl.-Benzin, 1.398 cm3
    Leistung 63 kW (86 PS) 4.800/min
    Drehmoment 130 Nm bei 4.250/min
    Batterie Lithium-Ionen
    Kapazität 16 kWh
    Ladezeit 4 bis 11 Stunden
    Spitze 161 km/h
    Normverbr. el. 16,9 kWh/100 km
    Normverbr. 1,2 l/100 km
    gewichtet, kombiniert lt. VO (EG) 715/2007
    CO2-Ausstoß 27 g/km
    Antrieb Front, stufenlose Automatik
    L/B/H 4.498/1.787/1.439 mm
    Radstand 2.685 mm
    Gewicht 1.657/343 kg (leer/Zuladung)
    Kofferraum 310/1.005 l (min/max)
    Tankinhalt 35,2 l
    Steuer, Versicherung (jährl. Bezahlung)
    Kfz-Steuer EUR 574,20
    Kfz-Haftpfl. ab EUR 269,10 SK, Stufe 0
    Bonus-Kasko ab EUR 747,22 Generali, SB 500
    auto touring Messwerte
    Beschleunigung 9,9 s (0-100 km/h)
    Bremsweg 38,4 m aus 100 km/h
    Verbrauch
    rein elektrisch* 14,2 kWh/100 km
    nur Range-Extender* 6,5 l/100 km
    kombiniert* 4,0 l/100 km
    Reichweite elektr.* 91 km
    bei 24° Außentemperatur
    Reichweite gesamt 633 km