Keith dämpft das Licht, vom Band ertönen die ersten Takte von „Are You Lonesome Tonight?“, und ich erstarre vor Ehrfurcht. Es ist ein feucht-schwüler Abend in Nashville, Tennessee, wir befinden uns im Aufnahmeraum des RCA Studio B. Genau hier hat Elvis Presley am 4. April 1960 den legendären Song aufgenommen – ebenso in völliger Dunkelheit, weil er die romantische Stimmung des späteren Nummer-1-Hits so besser einfangen wollte, erzählt Keith, unser Guide durch das Studio. Zwei Meter vor mir steht ein Piano, das seine besten Tage offensichtlich hinter sich hat: Der Lack blättert ab, es ist übersät mit Kratzern. „Darauf hat Elvis fast 14 Jahre lang geprobt“, meint Keith beiläufig und bedeutet mir, es zu spielen. Ich lasse mir die Nervosität nicht anmerken, nehme auf Elvis’ Original-Hocker Platz und klimpere den einzigen Blues-Akkord, den ich beherrsche. Danach kratze ich unbeobachtet mit dem Fingernagel an der Unterseite einer Taste entlang und hoffe, dass ein bisschen DNA des „King“ haften bleibt.
Es ist dunkel geworden draußen. Ein guter Zeitpunkt, sich ins Nachtleben der Country-Metropole Nashville zu stürzen. Wenn man nächtens den bunt erleuchteten „Honky Tonk Highway“ in der Innenstadt entlang schlendert (ein Honky Tonk ist eine Bar mit Live-Musik), fällt die Entscheidung schwer, welches der unzähligen Lokale man wählen soll. In jeder dieser Spelunken spielen Bands, die eine Qualität aufweisen, mit der man in Europa wortlos einen gut dotierten Plattenvertrag ausgehändigt bekäme. Hier sind sie aber auf das Trinkgeld des Publikums angewiesen, das die Musiker zwischen den Songs in einem Cowboyhut einsammeln. Die Stimmung in einem Honky Tonk ist für Europäer einigermaßen ungewohnt: Vom Banker im Anzug über das Pensionisten-Pärchen bis zum Teenager tanzt hier alles ausgelassen miteinander. In den Südstaaten stehen Respekt, Höflichkeit und Gastfreundschaft an oberster Stelle – keine Spur von rüpelhaftem Cowboy-Klischee. Empfehlenswert: das „Tootsie’s“, wo die Bands gern auch alte Johnny-Cash-Klassiker intonieren. Oder, etwas außerhalb gelegen: das herrlich verschwitzte „Bluebird Café“, wo man in Griffweite zu den Musikern vor der Bühne sitzt und hervorragend speist – vorzugsweise das in den Südstaaten allgegenwärtige „Southern Fried Chicken“, ein Backhendl, das seinem österreichischen Pendant geschmacklich haushoch überlegen ist.
Bevor wir Nashville verlassen, besuchen wir in der Innenstadt noch die „heilige Halle“ des Ryman Auditorium. Die Country-Kultstätte beheimatete bis 1974 die legendäre Radioshow „Grand Ole Opry“, die noch immer US-weit übertragen wird. Am 2. Oktober 1954 versuchte ein junger Mann aus Tupelo, Mississippi, hier erstmals sein Glück. Nach seinem Auftritt wurde ihm von den Offiziellen aber empfohlen, er solle doch besser Lastwagenfahrer bleiben. Sein Name? Elvis Aaron Presley. Wir fahren weiter Richtung Süden. Unvergleichlich das Gefühl, bei offenem Fenster und 50 Meilen pro Stunde durch das sanft hügelige Tennessee zu „cruisen“ und im Radio jene Musik zu hören, die da draußen vor der Windschutzscheibe entstanden ist. Unser Ziel ist Lynchburg, ein weitgehend unbekanntes Städtchen, das aber Generationen von Musikern sprichwörtlich beflügelt hat. Hier wird nämlich jenes bernsteinfarbene Getränk namens Jack Daniel’s gebraut, das nach intensivem Genuss wohl für den einen oder anderen Rock’n’Roll-Hit mitverantwortlich war. Lynchburg ist ein lebendes US-Klischee: Auf den Holz-Dielen der erhöhten Gehsteige rund um den ausgestorbenen Hauptplatz wippen alte Männer in ihren Schaukelstühlen und tratschen im breitesten Südstaaten-Slang, das Auto des Sheriffs parkt vor der Kirche, und laut einem Werbeschild vor einem Geschäft ist man stolz darauf, dass es in Lynchburg weder einen McDonald’s noch durchgehenden Handy-Empfang gibt. Hier zelebriert man noch genüsslich die Langsamkeit.
Dazu passt auch Jack. Jack ist geschätzte 50, besitzt eine beeindruckende Statur und hat die Aufgabe, Besucher schwer schnaufend und schweißgebadet durch die berühmte Destillerie zu führen. Im zarten Alter von 16 hat er, gebürtiger Lynchburger, für Jack Daniel’s zu arbeiten begonnen und seitdem den Bundesstaat laut eigener Angabe „nur ein paar Mal verlassen“. Lynchburg liegt übrigens in einem „dry county“. Das heißt, dass Alkohol im ganzen Bezirk schlicht verboten ist. Wer also die Brennerei besucht, darf zwar eine Flasche des kostbaren Safts kaufen, sie im Umkreis von gut 30 Kilometern aber nicht einmal öffnen. Besucher bekommen nach der Führung stattdessen einen Becher eisgekühlter Limonade.
Fünf Autostunden westwärts liegt Memphis. Die Stadt verströmt mit ihren alten Straßenbahn-Garnituren europäisches Flair und ist sozusagen der musikalische Ziehvater von Nashville. Hier, am Mississippi, dem „Ole Man River“, hat alles begonnen: der Blues, der Rock’n’Roll, der Soul. Hier passierte die Verschmelzung von schwarzer und weißer Musik, ohne die es später keine Beatles oder Rolling Stones gegeben hätte. Ein guter Einstieg ist deshalb, wenn man zuerst zum National Civil Rights Museum wandert und sich dort den beeindruckend-bedrückenden Film über das tödliche Attentat auf den schwarzen Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King ansieht, das am 4. April 1968, nur ein paar Schritte entfernt, auf dem Balkon vor Zimmer 306 des Lorraine Motel verübt wurde. Unverzichtbar: ein abendlicher Spaziergang über die berühmte Fortgeh-Meile Beale Street. Auf rund einem Kilometer tummeln sich hier tausende Nachtschwärmer neben ungezählten Musik-Lokalen, Restaurants und Straßen-Bands – ein akustischer und olfaktorischer Genuss, bei dem man gar nicht anders kann als sich in einer schwülen Südstaaten-Nacht im Rhythmus mittreiben zu lassen. Empfehlung: die Bar von Blues-Legende B.B. King gleich am Eingang zur Beale Street.
Nach einem kalorienreichen Frühstück im „Arcade Restaurant“ (Schauplatz der Oscar-gekrönten Johnny-Cash-Verfilmung „Walk The Line“) fahren wir am nächsten Tag zur Adresse 706 Union Ave. und halten dort vor einem Backsteinhaus mit der Aufschrift „Sun Studio“. Hier hat nicht nur Elvis seine erste Single aufgenommen, sondern auch Johnny Cash. Und hier erfährt man auch das Geheimnis hinter dessen berühmten „Boom-Chacka-Boom“-Gitarrensound: Der junge Mann konnte sich keinen Schlagzeuger leisten und klemmte stattdessen eine Dollarnote zwischen die Saiten. Die erzeugte beim Spielen dann das typische bröselnde Geräusch.
Bevor die Reise zu Ende geht, besuchen wir noch Graceland – jenes maßlose Anwesen eines Buben aus ärmlichen Verhältnissen, der in einer „Shotgun Shack“ aufgewachsen ist (einer Einzimmer-Hütte ohne Zwischenwände, durch die man sprichwörtlich hindurchschießen kann). Mit Graceland hat Elvis Presley der Nachwelt ein Erbe hinterlassen, das an Exzentrik kaum zu überbieten ist: Im „Dschungelzimmer“ bestaunt man exotische Devotionalien, in einem anderen Raum prangen all seine goldenen Schallplatten an unglaublich hohen Wänden und hinter dem Haus parkt noch der nach seiner Tochter benannte Privat-Jet „Lisa-Marie“.
Schließlich erfüllt sich für mich ein Jugendtraum: Nach so vielen Jahren als Fan, der erst in Elvis’ Sterbejahr zur Welt kam, stehe ich nun auf einmal vor dem Grab des „King of Rock’n’Roll“ und möchte eine Minute innehalten. Mich bedanken für all die wunderbaren Songs. Für die stille Erlaubnis von „oben“, dass ich sein Klavier spielen durfte. In diesem Moment schiebt mich die Touristen-Schlange weiter, die Kameras klicken unaufhörlich, und ich muss kurz lachen. Der Rummel hätte ihm wohl gefallen.
Es ist dunkel geworden draußen. Ein guter Zeitpunkt, sich ins Nachtleben der Country-Metropole Nashville zu stürzen. Wenn man nächtens den bunt erleuchteten „Honky Tonk Highway“ in der Innenstadt entlang schlendert (ein Honky Tonk ist eine Bar mit Live-Musik), fällt die Entscheidung schwer, welches der unzähligen Lokale man wählen soll. In jeder dieser Spelunken spielen Bands, die eine Qualität aufweisen, mit der man in Europa wortlos einen gut dotierten Plattenvertrag ausgehändigt bekäme. Hier sind sie aber auf das Trinkgeld des Publikums angewiesen, das die Musiker zwischen den Songs in einem Cowboyhut einsammeln. Die Stimmung in einem Honky Tonk ist für Europäer einigermaßen ungewohnt: Vom Banker im Anzug über das Pensionisten-Pärchen bis zum Teenager tanzt hier alles ausgelassen miteinander. In den Südstaaten stehen Respekt, Höflichkeit und Gastfreundschaft an oberster Stelle – keine Spur von rüpelhaftem Cowboy-Klischee. Empfehlenswert: das „Tootsie’s“, wo die Bands gern auch alte Johnny-Cash-Klassiker intonieren. Oder, etwas außerhalb gelegen: das herrlich verschwitzte „Bluebird Café“, wo man in Griffweite zu den Musikern vor der Bühne sitzt und hervorragend speist – vorzugsweise das in den Südstaaten allgegenwärtige „Southern Fried Chicken“, ein Backhendl, das seinem österreichischen Pendant geschmacklich haushoch überlegen ist.
Bevor wir Nashville verlassen, besuchen wir in der Innenstadt noch die „heilige Halle“ des Ryman Auditorium. Die Country-Kultstätte beheimatete bis 1974 die legendäre Radioshow „Grand Ole Opry“, die noch immer US-weit übertragen wird. Am 2. Oktober 1954 versuchte ein junger Mann aus Tupelo, Mississippi, hier erstmals sein Glück. Nach seinem Auftritt wurde ihm von den Offiziellen aber empfohlen, er solle doch besser Lastwagenfahrer bleiben. Sein Name? Elvis Aaron Presley. Wir fahren weiter Richtung Süden. Unvergleichlich das Gefühl, bei offenem Fenster und 50 Meilen pro Stunde durch das sanft hügelige Tennessee zu „cruisen“ und im Radio jene Musik zu hören, die da draußen vor der Windschutzscheibe entstanden ist. Unser Ziel ist Lynchburg, ein weitgehend unbekanntes Städtchen, das aber Generationen von Musikern sprichwörtlich beflügelt hat. Hier wird nämlich jenes bernsteinfarbene Getränk namens Jack Daniel’s gebraut, das nach intensivem Genuss wohl für den einen oder anderen Rock’n’Roll-Hit mitverantwortlich war. Lynchburg ist ein lebendes US-Klischee: Auf den Holz-Dielen der erhöhten Gehsteige rund um den ausgestorbenen Hauptplatz wippen alte Männer in ihren Schaukelstühlen und tratschen im breitesten Südstaaten-Slang, das Auto des Sheriffs parkt vor der Kirche, und laut einem Werbeschild vor einem Geschäft ist man stolz darauf, dass es in Lynchburg weder einen McDonald’s noch durchgehenden Handy-Empfang gibt. Hier zelebriert man noch genüsslich die Langsamkeit.
Dazu passt auch Jack. Jack ist geschätzte 50, besitzt eine beeindruckende Statur und hat die Aufgabe, Besucher schwer schnaufend und schweißgebadet durch die berühmte Destillerie zu führen. Im zarten Alter von 16 hat er, gebürtiger Lynchburger, für Jack Daniel’s zu arbeiten begonnen und seitdem den Bundesstaat laut eigener Angabe „nur ein paar Mal verlassen“. Lynchburg liegt übrigens in einem „dry county“. Das heißt, dass Alkohol im ganzen Bezirk schlicht verboten ist. Wer also die Brennerei besucht, darf zwar eine Flasche des kostbaren Safts kaufen, sie im Umkreis von gut 30 Kilometern aber nicht einmal öffnen. Besucher bekommen nach der Führung stattdessen einen Becher eisgekühlter Limonade.
Fünf Autostunden westwärts liegt Memphis. Die Stadt verströmt mit ihren alten Straßenbahn-Garnituren europäisches Flair und ist sozusagen der musikalische Ziehvater von Nashville. Hier, am Mississippi, dem „Ole Man River“, hat alles begonnen: der Blues, der Rock’n’Roll, der Soul. Hier passierte die Verschmelzung von schwarzer und weißer Musik, ohne die es später keine Beatles oder Rolling Stones gegeben hätte. Ein guter Einstieg ist deshalb, wenn man zuerst zum National Civil Rights Museum wandert und sich dort den beeindruckend-bedrückenden Film über das tödliche Attentat auf den schwarzen Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King ansieht, das am 4. April 1968, nur ein paar Schritte entfernt, auf dem Balkon vor Zimmer 306 des Lorraine Motel verübt wurde. Unverzichtbar: ein abendlicher Spaziergang über die berühmte Fortgeh-Meile Beale Street. Auf rund einem Kilometer tummeln sich hier tausende Nachtschwärmer neben ungezählten Musik-Lokalen, Restaurants und Straßen-Bands – ein akustischer und olfaktorischer Genuss, bei dem man gar nicht anders kann als sich in einer schwülen Südstaaten-Nacht im Rhythmus mittreiben zu lassen. Empfehlung: die Bar von Blues-Legende B.B. King gleich am Eingang zur Beale Street.
Nach einem kalorienreichen Frühstück im „Arcade Restaurant“ (Schauplatz der Oscar-gekrönten Johnny-Cash-Verfilmung „Walk The Line“) fahren wir am nächsten Tag zur Adresse 706 Union Ave. und halten dort vor einem Backsteinhaus mit der Aufschrift „Sun Studio“. Hier hat nicht nur Elvis seine erste Single aufgenommen, sondern auch Johnny Cash. Und hier erfährt man auch das Geheimnis hinter dessen berühmten „Boom-Chacka-Boom“-Gitarrensound: Der junge Mann konnte sich keinen Schlagzeuger leisten und klemmte stattdessen eine Dollarnote zwischen die Saiten. Die erzeugte beim Spielen dann das typische bröselnde Geräusch.
Bevor die Reise zu Ende geht, besuchen wir noch Graceland – jenes maßlose Anwesen eines Buben aus ärmlichen Verhältnissen, der in einer „Shotgun Shack“ aufgewachsen ist (einer Einzimmer-Hütte ohne Zwischenwände, durch die man sprichwörtlich hindurchschießen kann). Mit Graceland hat Elvis Presley der Nachwelt ein Erbe hinterlassen, das an Exzentrik kaum zu überbieten ist: Im „Dschungelzimmer“ bestaunt man exotische Devotionalien, in einem anderen Raum prangen all seine goldenen Schallplatten an unglaublich hohen Wänden und hinter dem Haus parkt noch der nach seiner Tochter benannte Privat-Jet „Lisa-Marie“.
Schließlich erfüllt sich für mich ein Jugendtraum: Nach so vielen Jahren als Fan, der erst in Elvis’ Sterbejahr zur Welt kam, stehe ich nun auf einmal vor dem Grab des „King of Rock’n’Roll“ und möchte eine Minute innehalten. Mich bedanken für all die wunderbaren Songs. Für die stille Erlaubnis von „oben“, dass ich sein Klavier spielen durfte. In diesem Moment schiebt mich die Touristen-Schlange weiter, die Kameras klicken unaufhörlich, und ich muss kurz lachen. Der Rummel hätte ihm wohl gefallen.



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