6 EMOTION Christophorus während der Abfahrt offen waren. Durch die Überschläge in der Lawine wird Pulverschnee in seine Kleidung gewirbelt und kühlt seine Beine ab. Diese milde Hypothermie versetzt seinen Organismus in eine Art „Energiesparmodus“. Der Sauerstoffverbrauch der Muskulatur sinkt, wodurch die knappe Luft in seiner winzigen Atemhöhle länger ausreicht. „Ich habe mich vollkommen entspannt und geistig abgeschaltet, ganz flach geatmet und keinen Muskel bewegt, um Sauerstoff zu sparen. Als ich die leise pochenden Rotorgeräusche des Hubschraubers hörte, begann ich, wieder alles um mich wahrzunehmen, blieb aber völlig regungslos“, schildert er die Zeit unter der Lawine. Präzisionsarbeit Nach vier Flugminuten erreicht C99 das Einsatzgebiet. Der Lawinenkegel – rund 200 Meter lang und 30 Meter breit – ist im steilen Gelände sofort ausgemacht. Auch die Einfahrtspur des Verunglückten ist aus der Luft deutlich zu erkennen. Da eine Landung im steilen Hang unmöglich ist, demonstriert Pilot Harald Plank fliegerisches Fingerspitzengefühl: Er stabilisiert die H135 im Schwebeflug unmittelbar über dem Lawinenauslauf. Flugretter Joachim Lettner und Notarzt Josef Eigenstuhler steigen über die abgestützte Kufe direkt aus. Noch bevor er den Hubschrauber verlässt, aktiviert Lettner sein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS). „Nach dem Ausstieg hatte ich sofort ein Signal“, so Lettner. Während der Notarzt das medizinische Equipment vorbereitet, beginnt Lettner mit der Punktortung. Nach nur wenigen gezielten Schaufelstichen trifft Lettner auf Widerstand. „Als die Lawinenschaufel an meinen Skischuh stieß, habe ich mit meinem Unterschenkel gewackelt. Ich atmete ruhig weiter und wartete ab, bis ich Frischluft erhielt“, schildert Norbert Suppan. Die C99-Crew arbeitete sich rasch zum Kopf vor, der etwa 70 Zentimeter tiefer liegt. Nach der Erstversorgung wird das Lawinenopfer im Bergesack gesichert, mittels Taubergung aus dem steilen Gelände evakuiert und zur Talstation der Riesneralm geflogen. Dort erfolgen die Umlagerung in die Kabine des C99 und der anschließende Transport in das Krankenhaus Schladming. Besuch am Stützpunkt Die schönste Bestätigung für die Arbeit der Christophorus-Crew folgt bereits wenig später. Der Verschüttete erlitt glücklicherweise nur leichte Verletzungen und besucht schon am nächsten Tag den Stützpunkt in Niederöblarn, um sich herzlichst zu bedanken. Flugretter Joachim Lettner betont dabei die Relevanz der ständigen Aus- und Weiterbildung durch das Air Rescue College, die Ausbildungsabteilung der ÖAMTCFlugrettung: „In solchen Stresssituationen macht es sich bezahlt, dass wir die Basics jedes Jahr wiederholen. Im Einsatz funktioniert man dann genauso routiniert, wie man es geübt hat.“ ▲ Bereits am nächsten Tag besuchte Norbert Suppan Flugretter Joachim Lettner am Stützpunkt im steirischen Niederöblarn.
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