Christophorus Magazin

5 In der alpinen Flugrettung gibt es Momente, in denen Sekunden über ein Leben entscheiden können. Am 15. Jänner 2026 war ein solcher Tag. Zu Mittag scheint für Pilot Harald Plank, Notarzt Josef Eigenstuhler und Flugretter Joachim Lettner zunächst noch alles Routine zu sein. Die C99-Crew bereitet sich am Stützpunkt im steirischen Niederöblarn gerade auf einen routinemäßigen Sekundärtransport vor – eine Patientenüberstellung vom Krankenhaus Schladming nach Schwarzach. Die Triebwerke der H135 laufen bereits, die Checklisten sind abgearbeitet, die Maschine ist startbereit. Um 13:44 Uhr zerreißt jedoch ein Funkspruch der Leitstelle die Routine: Lawinenabgang im Mörsbachgebiet bei Donnersbachwald, eine Person total EMOTION Christophorus von Antonia Lang „Dass wir so schnell am Lawinenkegel waren und den Verschütteten sofort lokalisieren konnten, zeigt, wie entscheidend unsere jährlichen Trainings sind.“ Joachim Lettner Flugretter verschüttet. In der Flugrettung gilt in solchen Momenten eine klare Priorisierung: Primäreinsatz vor Überstellung. Da die Maschine bereits auf der Plattform steht und die Triebwerke auf Betriebstemperatur sind, entfällt die übliche Startvorlaufzeit. Dieser „Zeitjoker“ sollte sich als lebensrettend erweisen. Ohne Verzögerung nimmt C99 Kurs auf den Einsatzort. Trügerisches „Bauchgefühl“ Für den 57-jährigen Norbert Suppan aus dem Grazer Umland, der in dieser Region des Öfteren selbst geplante Skitouren unternimmt, soll es ein schöner Tag in den Bergen werden. Während seine Kinder auf den gesicherten Pisten der Riesneralm bleiben, zieht es ihn in den unverspurten Tiefschnee. Kurz vor der Einfahrt in den Hang bittet er seinen Sohn, an der Bergstation abzuwarten und seine Abfahrt zu beobachten. Diese simple, aber effektive Sicherheitsmaßnahme erweist sich als das erste entscheidende Glied in der Rettungskette. An der Gstemmerscharte herrscht Lawinenwarnstufe 2. Die Schneeoberfläche wirkt optisch harmonisch, doch unter der Kruste lauert die Gefahr. „Es war ein emotionaler Fehler, dass ich trotz eines schlechten Bauchgefühls in den Hang eingefahren bin“, erinnert sich Norbert Suppan heute kritisch. Schon beim zweiten Schwung bricht die Schneedecke, ein großflächiges Schneebrett löst sich. Kampf mit Schneemassen Den Lawinenabgang erlebt er als einen Moment totaler Fassungslosigkeit. Die Lawine reißt ihn mit und wirbelt ihn mehrfach unter dem Schnee herum. Einen Lawinenairbag hat er an diesem Tag nicht dabei. „Ich bekam Schnee in den Mund, presste ihn zusammen und spuckte ihn aus. Im letzten Moment konnte ich eine kleine Atemhöhle schaffen“, beschreibt er die dramatischen Sekunden. Lawinenschnee dieser Größenordnung verwandelt sich bei seinem Stillstand sofort in eine betonharte Masse. Suppan wird rund 1,4 Meter tief begraben – unfähig, sich aus eigener Kraft auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Sein Sohn, der das Unglück aus der Ferne beobachtet, setzt sofort den Alpinnotruf 140 ab. In dieser lebensbedrohlichen Lage profitiert der Tourengeher davon, dass die Belüftungsschlitze seiner Hose › Aus der Luft war die Einfahrtspur des Verunglückten in die Lawine deutlich zu erkennen. Fotos: C99 (2)

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