17 Vision Christophorus von Stefan Tschernutter › Der Horizont ist nicht mehr zu sehen, alle Konturen, die Landschaft und der Himmel scheinen sich in einförmiges Grau aufgelöst zu haben. Im Cockpit herrscht Ruhe, die Konzentration ist greifbar. Der Blick wandert vom künstlichen Horizont zum Höhenmesser, vom Variometer zum Kurskreisel. Draußen ist nichts zu sehen – drinnen muss alles passen. Franz Putz hat es geschafft: Er hat die notwendigen Flugstunden gesammelt, um einen Hubschrauber in Österreich nach Instrumentenflugregeln (IFR) im gewerblichen Flugbetrieb steuern zu dürfen. Als erster Christophorus-Pilot ist er dafür nach seiner IFR-Grundausbildung in die USA gereist. Und er war nicht der letzte, der zu diesem Zweck zur Hillsboro Aero Academy im US-Bundesstaat Oregon geschickt wurde: Mit Christoph Maa und Manuel Digruber stehen die nächsten Kandidaten, die im Zuge eines „Timebuilding“ abheben werden, bereits in den Startlöchern. Knackpunkt Wetter In eine Situation wie eingangs beschrieben kommen Christophorus-Pilot:innen nur selten. Die überwiegende Mehrheit aller Einsätze wird im Sichtflug absolviert, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass ein Notarzthubschrauber regelmäßig im freien Gelände landen muss – und das ist eben nur auf Sicht möglich. Dennoch ist die Fähigkeit zum Flug nach IFR wichtig: Sie ist auch ein zusätzliches Sicherheitsnetz für Sichtflüge, wenn Sichtweite, Wetter oder Tageslicht an ihre Grenzen stoßen. Das kann mitunter auch ganz plötzlich passieren, wenn sich die Wolken schließen oder Nebel aufzieht. Unabhängig davon ist durch den technischen Fortschritt heute viel mehr möglich als früher. So wird das seit über zehn Jahren am Stützpunkt von Christophorus 11 (Klagenfurt) etablierte Nebeldurchstoßverfahren mittlerweile auch in Graz (Christophorus 12) und Linz (Christophorus 10) eingesetzt und hat bereits viele Leben gerettet. Aktuell wird außerdem am Point-in-Space-Verfahren (PinS) gearbeitet, das mittels Satellitennavigation Starts und Landungen an fixen Punkten, z. B. Krankenhäusern, auch bei schlechter Sicht erlaubt. In Zukunft sollen solche PinS-Verfahren durch ein „Low Level Flight Network“, ein speziell für Notarzthubschrauber geschaffenes Luftstraßennetz in geringer Flughöhe, verbunden werden. Um dieses Potenzial ausschöpfen zu können, investiert die ÖAMTC-Flugrettung bereits jetzt in eine moderne, IFR-taugliche Flotte. Es braucht aber auch Personal, das zum Flug unter solchen Bedingungen berechtigt ist. Für einen Teil der Pilot:innen trifft das bereits zu, weil der entsprechende Eintrag z. B. aus Vordienstzeiten schon in der Lizenz steht. Alle anderen durchlaufen Schulungen am Simulator und im Cockpit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die volle Berechtigung zum kommerziellen Instumentenflug ist hingegen eine Investition in die Zukunft, wenn neue Hubschrauber und Verfahren in größerer Breite zur Verfügung stehen. Grundausbildung in Europa Die Grundausbildung im Instrumentenflug findet für die Christophorus-Pilot:innen vollständig in Österreich statt. Sie beginnt mit intensiver Theorie, geht über 40 Stunden im Simulator von RotorSky in Linz-Hörsching und führt schließlich zu mindestens zehn Stunden Instrumentenflug im Notarzthubschrauber unter Aufsicht einer:eines Fluglehrer:in. In diesen Phasen geht es um Verfahren, Cockpitlogik und das Vertrauen in die Instrumente, wenn draußen jede Referenz fehlt. Ist dieser Teil der Ausbildung abgeschlossen, sind die Pilot:innen grundsätzlich zum Flug nach IFR berechtigt. Für den kommerziellen IFR-Betrieb – und als solcher gilt die Flugrettung – schreibt die EASA, die Europäische Agentur für Flugsicherheit, allerdings insgesamt 100 Instrumentenflugstunden auf Hubschraubern vor. Nach Abschluss der Ausbildung fehlen also rund 50 Stunden – und genau diese zu sammeln, ist in Europa erstaunlich schwierig und kostspielig. Timebuilding in Amerika Und hier kommt der eingangs erwähnte Trip ins ferne Amerika ins Spiel: Dort ist der Instrumentenflug mit dem Helikopter etablierter als bei uns, dadurch findet man viele Flugplätze mit unterschiedlichsten Anflugverfahren und perfekte Voraussetzungen für ein intensives Training vor. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aspekt: Das Regulativ erlaubt in den USA den Instrumentenflug mit vergleichsweise kleinen Maschinen, für die z. B. keine Start- und
RkJQdWJsaXNoZXIy NDc0Mzk=