13 INNOVATION Christophorus So wurde in den vergangenen Jahren konsequent daran gearbeitet, Standards weiter auszubauen und noch verlässlicher umzusetzen. Ein zunehmend strukturiertes Sicherheitskonzept bildet dafür die Grundlage: Spritzen werden mit neuen, gut lesbaren, farbcodierten Normetiketten versehen, Ampullarien – also die Medikamentenboxen – werden ident eingeräumt und Steckplätze beschriftet. Vor jeder Medikamentengabe wirft eine zweite Person einen kontrollierenden Blick darauf und auch Anweisungen werden bewusst wiederholt, um Missverständnisse zu vermeiden. Was selbstverständlich wirkt, ist jedoch das Ergebnis systematischer Arbeit und bleibt ein kontinuierlicher Auftrag. Mehr als Medizin Doch Patient:innensicherheit meint weit mehr als die korrekte Dosierung. Sie umfasst den gesamten Einsatz. Sie entsteht dort, wo Rollen klar definiert sind, Kommunikation strukturiert abläuft und Teams auch unter Druck handlungsfähig bleiben. Sie zeigt sich in standardisierten Abläufen, in bewusst gesetzten Sicherheitsbarrieren und in einer Kultur, in der Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen. Sicherheit beginnt in Wirklichkeit schon lange vor dem eigentlichen Einsatz: in Vorbereitung, Training und gemeinsamen Standards. Und sie wirkt darüber hinaus – in Nachbesprechungen, im Lernen aus Ereignissen und in der konsequenten Weiterentwicklung von Prozessen. Wie komplex Sicherheit tatsächlich ist, zeigt ein zentrales Modell der Sicherheitsforschung: das Schweizer-Käse-Modell. Jede Schutzmaßnahme bildet eine eigene Barriere – vergleichbar mit einer Scheibe Käse, die unvermeidbare Schwachstellen („Löcher“) enthält. Ein Schaden entsteht nicht durch einen einzelnen Fehler, sondern erst dann, wenn sich mehrere dieser Schwachstellen über verschiedene Ebenen hinweg ausrichten. Die Aufgabe eines Sicherheitssystems ist daher, möglichst viele stabile Barrieren zu schaffen, damit solche Ausrichtungen gar nicht erst entstehen. Genau diesem Prinzip folgt die Patient:innensicherheitsinitiative der ÖAMTC-Flugrettung. Fehler verstehen Im Mittelpunkt stehen sogenannte „Never Events“ – Ereignisse, die unter keinen Umständen passieren dürfen. Sie werden klar benannt, analysiert und offen kommuniziert. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, Risiken sichtbar zu machen. „Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem jeder Hinweis ernst genommen wird und in dem Melden als Beitrag zur Sicherheit verstanden wird“, sagt Bernhard Obholzer, Safety Manager der ÖAMTC-Flugrettung. „Transparenz ist kein Risiko, sondern eine Stärke.“ Diese Haltung bildet den Kern einer „Just Culture“, also einer Organisationskultur, in der Fehler oder beinahe eingetretene Zwischenfälle nicht vertuscht, sondern systematisch aufgearbeitet werden. Sie tauchen in Safety-Reports auf, werden in Besprechungen diskutiert und fließen in Trainings und simulationsbasierte Übungen ein. Besonders sensible Bereiche wie Kindernotfälle oder die Atemwegssicherung werden regelmäßig anhand von Risikoanalysen durchgespielt, damit Crews auf seltene, aber kritische Situationen optimal vorbereitet sind. Das AirRescueCollege (Ausbildungsabteilung) und das Safety-Management arbeiten dabei eng zusammen, denn Sicherheit ist immer Teamarbeit. Vernetzt lernen Schon in der Vergangenheit wurden in der ÖAMTC-Flugrettung Entscheidungen und Projekte auf Basis der Expertise der Plattform Patient:innensicherheit oder vergleichbarer Organisationen getroffen. Nun ist sie der Plattform offiziell beigetreten. Dieser Schritt unterstreicht, dass Sicherheit nicht an den eigenen Strukturen enden darf. Der Austausch mit externen Expert:innen, das Lernen von anderen Organisationen und das Teilen eigener Erfahrungen stärken das gesamte System. Patient:innensicherheit ist kein Projekt mit Ablaufdatum. Sie ist ein fortlaufender Prozess, getragen von klaren Standards, regelmäßigen Trainings, offener Kommunikation und der Bereitschaft, aus jedem Vorfall zu lernen. Wenn ein Notarzthubschrauber startet, geht es immer darum, Menschen in einer Extremsituation bestmöglich zu helfen – schnell, kompetent und vor allem sicher. Der Beitritt zur Plattform Patient:innensicherheit ist deshalb nicht nur ein organisatorischer Schritt, sondern ein Bekenntnis: Sicherheit ist kein Zufall. Sie ist tägliche Arbeit. ▲ Die Medikamentengabe ist einer von vielen Punkten in Bezug auf Patient:innensicherheit. Fotos VON: ÖAMTC/Kika (2)
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