Wenn die Crews der ÖAMTC-Flugrettung zu einem Einsatz gerufen werden, zählt vor allem eines: Menschen in akuten Notfällen bestmöglich zu versorgen. Was viele allerdings nicht wissen: Jeder Einsatz liefert auch wertvolle Erkenntnisse für die Notfallmedizin, da medizinische Daten dokumentiert werden. Jeder Einsatz und alle gesetzten Maßnahmen werden genau dokumentiert und das bereits während des Fluges. Über viele Jahre ist so ein umfangreicher Datenbestand gewachsen, der heute eine wichtige Grundlage für wissenschaftliche Untersuchungen bildet. Gerade bei seltenen Notfällen, die einzelne Notärzt:innen nur wenige Male im Berufsleben erfahren, lassen sich verlässliche Erkenntnisse oft nur durch die Auswertung vieler Einsätze gewinnen.
Erfahrung bleibt in der Notfallmedizin unverzichtbar. Gleichzeitig müssen wir aber immer wieder hinterfragen, was wir tun und warum wir es tun. Wissenschaft hilft uns dabei, Antworten nicht auf Vermutungen, sondern auf Daten zu stützen.

Aus Erfahrung lernen
Wer an Forschung denkt, denkt zunächst an Labore, Reagenzgläser und "Versuchskaninchen". Aber Forschung heißt oft auch aus der Berufspraxis lernen. Mehrere aktuelle Forschungsarbeiten von Notärzt:innen der ÖAMTC-Flugrettung zeigen, welchen Beitrag die Flugrettung mittlerweile auch für die medizinische Forschung leistet. Im Fokus standen dabei besonders herausfordernde Situationen wie Herz-Kreislauf-Stillstände nach schweren Unfällen, Reanimationen bei Kindern oder neue Möglichkeiten der modernen Wiederbelebungsmedizin.
Auf Basis von knapp 1.000 Einsätzen nach traumatischen Herz-Kreislauf-Stillständen konnten beispielsweise gezeigt werden, dass die mittelfristigen Überlebenschancen der Betroffenen höher sind als bisher angenommen. Das war unter anderem auch auf die Infusion von Flüssigkeit, Anbringung eines Beckengurtes sowie die Beatmung mit 100% Sauerstoff zurückzuführen. Eine weitere Studie mit mehr als 1.500 Patient:innen zeigte erstmals auf breiter Datenbasis, dass die Mehrheit dieser Kreislaufstillstände bereits vor dem Eintreffen der Rettungskräfte eintritt. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, den Notfallort möglichst rasch zu erreichen und unmittelbar nach dem Eintreffen mit systematischen Wiederbelebungsmaßnahmen zu beginnen.
Auch die Versorgung von Kindern war Gegenstand einer Forschungsarbeit. Die Analyse von rund 200 Fällen zeigte, dass Herz-Kreislauf-Stillstände im Kindesalter zwar selten sind, die Überlebenschancen jedoch stark von den zugrunde liegenden Ursachen abhängen. So zeigten die Daten beispielsweise, dass Kinder, welche nach einem Ertrinkungsunfall einen Herzkreislaufstillstand erlitten, selbst nach prolongierter Wiederbelebung Überlebenschancen haben.
Mit Blick auf zukünftige Entwicklungen beschäftigten sich die Mediziner:innen außerdem mit dem möglichen Einsatz mobiler Herz-Lungen-Maschinen bei Reanimationen außerhalb des Krankenhauses. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieses Verfahren künftig mehr Patient:innen zugänglich gemacht werden könnte.
Unser Ziel ist es nicht, lediglich Studien zu produzieren. Unser Ziel ist es, aus unseren Erfahrungen zu lernen und dieses Wissen wieder unseren Patient:innen zugutekommen zu lassen.

Immer einen Schritt weiterdenken
Die aus den unterschiedlichen Studien gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in die Weiterentwicklung von Behandlungsstrategien, medizinischen Standards und Ausbildungsinhalten ein. Davon profitieren letztlich jene Menschen, für die die ÖAMTC-Flugrettung täglich im Einsatz steht: die Patient:innen. Gleichzeitig liefern die Studien wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Notfallmedizin. So trägt die ÖAMTC-Flugrettung nicht nur zur Versorgung ihrer Patient:innen bei, sondern auch dazu, die Notfallmedizin von morgen mitzugestalten. Ohne große Schlagzeilen, aber mit einem klaren Ziel: aus jedem Einsatz zu lernen und die Versorgung Schritt für Schritt besser zu machen.


Autor
Ralph Schüller mag Hubschrauber – zumindest im beruflichen Kontext als Teil des Teams der ÖAMTC-Öffentlichkeitsarbeit. Im privaten Bereich geht er es etwas leiser an, mit dem Rad oder gerne auch per pedes. Laut nur dann, wenn er zur Posaune greift.
