Bring uns heim

Autos, Ampeln, Öffis – wie künstliche Intelligenz unsere Mobilität einfacher und effizienter machen könnte. Und warum Skepsis gut, Neugier aber noch besser ist.

Auf die Minute genau um 9 Uhr erschei­nen plötzlich menschlich anmutende Roboter in der Redaktion des auto touring und erklären den verdutzt schauenden Redakteur:innen, dass deren Arbeit und ihre Anwesenheit nicht mehr länger notwendig seien. Ihre Tätigkeiten würden fortan von einer künstlichen Intelligenz (KI) erledigt werden. Denn: Tests, Reiseberichte, Mobilitätsinfos usw. könnten mittlerweile auch automatisiert verfasst werden. Der Mehrwert menschlichen Zutuns sei einfach nicht mehr gegeben, das möge man bitte verstehen. Die Gesellschaft befinde sich eben in einem Wandel – siehe Mobilität: Da werde der Verkehrsfluss mittlerweile auch zentral gesteuert. Privater Kfz-Besitz gelte schon gar nicht mehr als zeitgemäß und Fahrzeuge für den Personentransport seien sowieso nur noch ohne Fahrer unterwegs.

Außerdem: Mit Ausnahme von ein paar Historikern lese heutzutage doch kein Mensch mehr Texte. Wer Informationen sucht, formuliert per Sprachsteuerung seine Anforderungen und bekommt Antworten prompt visualisiert. Für die KI ist dieser Prozess ein Klacks – also wozu der ganze menschliche Aufwand weiterhin?

Die Redakteur:innen befänden sich übrigens in guter Gesellschaft, führen die Roboter weiter aus, denn die Kolleg:innen der Rechtshilfe, im Callcenter und einigen anderen Bereichen seien bereits vor Wochen ersetzt worden. Nur da, wo echte Handarbeit gefragt sei, arbeiteten noch Menschen.

Es ist der 2. Jänner 2032, der 85. Geburtstag des auto touring. Happy Birthday!

Skepsis und Kritik sind angebrachte Reaktionen bei einem derartigen Wandel. Neugier wäre ebenfalls wünschenswert.

Sabine Theresia Köszegi, Professorin an der TU-Wien

Moment!

Ihnen gefällt unser Zukunftsszenario nicht? Uns auch nicht. War ja nur eine selbst er­dachte Dystopie, eine Über­treibung ins ­Negative. Aber: KI kommt.

Kurzer Exkurs: Sollte Ihnen, liebe:r Leser:in, der Begriff "Künstliche Intelligenz" komplett fremd sein, haben wir für Sie am Ende des Artikels die wichtigsten diesbezüglichen Informationen zusammengefasst – also was KI eigentlich ist, wie sie funktioniert und welche rechtlichen Rahmenbedingungen es derzeit gibt.

Diverse KI-Expert:innen an Unis und in privaten Unternehmen gehen nicht davon aus, dass künstliche Intelligenz uns mittelfristig alle arbeitslos macht. Vielmehr werden auch neue Berufsbilder entstehen.

Aber ja, manche Jobs werden wohl verloren gehen, das war bei jeder größeren Automatisierungswelle so. Erinnert sei vielleicht an den Beruf des Schriftsetzers, der mit der Einführung des Computers nahezu obsolet wurde.

KI wird unseren Alltag definitiv verändern. Die Veränderung hat bereits begonnen. Eingesetzt wird KI nämlich schon seit geraumer Zeit, nur ist das vielen nicht bewusst. Die Sprach-Assistenten von Apple und Amazon, Siri und Alexa, sowie die Google-Suche sind sehr bekannte Beispiele.

Erst jetzt, mit der freien Verfügbarkeit von Programmen, die Text (z.B. ChatGPT) und Bild (z.B. Midjourney wurde für die Gestaltung dieser Seiten verwendet) erzeugen, tritt die Technik in den Vordergrund – und sorgt damit vielerorts für Unbehagen.

Doch dieses Unbehagen ist angesichts eines solch epochalen Technologiewandels per se nichts Schlechtes. "Es ist sogar wünschenswert – wie bei jedem Prozess, bei dem kons­truktiv an Neuem oder Bestehendem gearbeitet wird. Das gilt natürlich auch für Neugier", meint etwa die TU-Professorin Sabine The­resia Köszegi, die Mitglied des Fachbeirats für Ethik der künstlichen Intelligenz der Österreichi­schen unesco-Kommission ist.

Es gibt schon jetzt viele Einsatzmöglichkeiten für KI im Bereich der Mobiltät.

Robert Trappl, Leiter des Österreichischen Forschungsinstituts für Artificial Intelligence (OFAI)

Dass KI auch unsere Mobilität beeinflussen wird, davon ist der Leiter des Österreichischen Forschungsinstituts für künstliche Intelligenz, Professor Robert Trappl überzeugt: "Die optimierte Steuerung von Verkehrsanlagen und speziellen Fahrzeugen, die Genauigkeit von Verkehrsprognosen, selbstfahrende Autos – es gibt schon jetzt viele Einsatzmöglichkeiten für künstliche Intelligenz."

Dieses Zitat stammt übrigens aus einem längeren Interview zum Thema Künstliche Intelligenz, das hier nachgelesen werden kann.

Welche Einsatzmöglichkeiten es für KI im Bereich der Mobilität jetzt schon gibt bzw. bald geben kann? Darauf wollen wir nun genauer eingehen.

Auto & künstliche Intelligenz

Wann immer sich die Themenbereiche Auto und KI kreuzen, rücken zunächst einmal die selbstfahrenden Autos unweigerlich in den Fokus. Klarerweise, möchte man hinzufügen, denn nur eine entsprechend angelernte Software wird in der Lage sein, die ungeheure Menge an Sensor-Daten, die während der Fahrt entstehen, zu verarbeiten und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Dass ak­tuell noch keine Selbstfahrer auf heimischen Straßen zu sehen sind, hat zwei Gründe.

Erstens: die Haftungsfrage. Wer ist schuld, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verursacht? Die Antwort darauf ist noch zu klären.

Zweitens: Die ungeheure Komplexität im Straßenverkehr wurde unterschätzt. Vor allem abseits recht übersichtlicher Autobahnen ist die Fehleranfälligkeit der KI noch nicht auf jenem Niveau, das die Gesellschaft von einem automatischen System erwartet – nämlich besser als der Mensch zu sein und gar keine Fehler zu machen.

Da aber nahezu alle großen Autofirmen das Thema vorantreiben, sich auch die Technik rasant verbessert, kann davon ausgegangen werden, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre mehr und mehr selbstfahrende Autos zu sehen sein werden. Auch sehr spannend: Die Vorhersage zur Vermeidung technischer Probleme (englisch: predictive maintenance).

Wie funktioniert’s? KI analysiert laufend eine riesige Menge an Fahrzeug-internen sowie -externen Daten und versucht darin Muster und Zusammenhänge zu erkennen, die ein Problem zu Folge haben könnten.

Wer jetzt meint, dass schon die Warnlamperln in der Instrumententafel diese Aufgabe erfüllt hätten, irrt. Denn die leuchteten ja meist erst dann auf, wenn das Problem schon da war. Die KI aber wird "aufleuchten", noch bevor ein Problem entsteht. Sie wird also gewissermaßen noch einen Schritt früher dran sein (als die Warnlamperln).

Auch im Hinblick auf das Lademanagement von Elektroautos könnte künstliche Intelligenz Erleichterungen bringen. Vor allem dann, wenn das bi-direktionale Laden alltäglich möglich wird, die Fahrzeugbatterie also sowohl Energie aufnehmen als auch abgeben kann, um beispielsweise Netzspitzen abzudecken. Die KI könnte dann dafür sorgen, dass Strom in Schwachlastzeiten günstig geladen und zu Spitzenzeiten teuer abgegeben wird.

Sie fragen sich, wo KI jetzt schon im Auto präsent ist? In Form der Sprachsteuerung z.B., wenn das Smartphone via Apple Carplay oder Android Auto mit dem Multimediasystem verbunden ist. Oder wenn ein intelligenter Sprach-Assistent an Bord ist (gibt’s u.a. bei Mercedes, BMW, den Volkswagen-Marken).

Verkehr & künstliche Intelligenz

Jede:r kennt die Situation: Je mehr Fahrzeuge unterwegs sind, desto langsamer ist das Vorankommen, im schlimmsten Fall staut es. Stau wiederum bedeutet in der Regel eine höhere CO2- und Lärm-Belastung.

KI-Systeme haben das Potenzial, den Verkehr so zu steuern, dass möglichst viele Verkehrsteilnehmer:innen möglichst zügig ans Ziel kommen. Und zwar unabhängig davon, ob sie zu Fuß, mit einem Fahrrad oder Auto unterwegs sind.

Im niederländischen Deventer beispielsweise läuft dazu ein Versuch mit Ampeln, die Autos zählen und klug auf das Verkehrsgeschehen reagieren können. Mit Erfolg: Nach ersten Erkenntnissen konnte die Wartezeit an Ampeln für alle (!) Verkehrsteilneh­mer:innen um bis zu 40 Prozent reduziert werden.

KI kann aber auch Zustellern bei der Optimierung ihrer Routen helfen – angenehmer Nebeneffekt hierbei: ein in vielerlei Hinsicht nachhaltigerer Flottenbetrieb.

Einen weiteren positiven KI-Aspekt bringt Helmut Beigl, Leiter der ÖAMTC-Mobilitätsinformationen, ins Spiel: "Uns stehen eine Menge an Verkehrsdaten zur Verfügung. Künstliche Intelligenz wird uns in Zukunft dabei helfen, diese vielen Infos zu sammeln, zu priorisieren und Verkehrsteilnehmenden in einer personalisierten Form zukommen zu lassen. So könnten mir beispielsweise im Ausland Meldungen zu meiner Route in meiner eigenen Landessprache angezeigt werden."

Öffis & künstliche Intelligenz

Wäre das nicht unheimlich praktisch und ­effizient, wenn man auf der Reise von A nach B einfach von einem in das nächste Verkehrsmittel umsteigen könnte? Ohne lange Wartezeiten, ohne sich um den passendenden Fahrschein oder vielleicht einen Sitzplatz kümmern zu müssen? Einfach die Sprachsteuerung zu aktivieren und sagen zu können, "Bring mich heim" und sich von der KI Routenplanung, Fahrscheinkauf und Sitzplatzreservierung vorschlagen zu lassen? Für viele Öffi-Nutzer:innen wäre das ein paradiesischer Zustand (und ein ziemlicher Kontrast zur herben Realität).

Bis die Technik jedoch soweit ist, werden noch einige Jahre vergehen. Zu komplex ist das Konstrukt aus Anbietern, Fahrplänen, Preisen usw. Was in Versuchen schon funktioniert: Die Erstellung von Ankunfts- und Abfahrtsprognosen sowie Infos zur Auslastung.

Epilog

KI wird für viele Veränderungen in unserem Leben sorgen – aber sicher nicht von heute auf morgen. Kritik ist wichtig, Neugier ebenso. Wir leben im Jahr 2023, eine neue Ära beginnt. Alles wird gut.

Künstliche Intelligenz – was ist das?

Begriffsdefinition. Bei künstlicher Intelligenz (oder kurz: KI) handelt es sich im Wesentlichen um die Fähigkeit einer Maschine, die Fähigkeiten von Menschen (z.B. Denken, Lernen etc.) zu imitieren. Oft wird auch der englischsprachige Begriff Artifical Intelligence (AI) verwendet. KI gibt es übrigens bereits seit rund 50 Jahren, richtig Schwung aufgenommen hat die Technologie allerdings erst in den letzten ca. zehn Jahren.

Funktionsweise. KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeitsmodellen, sucht also nach der wahrscheinlich besten Antwort für die gewünschte Anforderung. Das Problem daran: Die KI bedient sich dafür bei bereits bestehender Informationen/Daten. Stünden also nur falsche Informationen zur Verfügung, würden auch nur falsche Informationen wiedergegeben werden. Deswegen spielt die Qualität der Daten eine enorm wichtige Rolle.

Vorteile. Dank der unglaublichen Leistungsfähigkeit können Maschinen riesige Datenmengen in kürzester Zeit nach passenden Lösungen durchsuchen. Dies hat, nur nebenbei bemerkt, nichts mit Intelligenz zu tun. Der Name künstliche Intelligenz passt somit nur bedingt.

Rechtliche Rahmenbedingungen. Die EU ist bestrebt, das weltweit erste Gesetz zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz (den so genannten AI Act) zu formulieren. In einem ersten großen Schritt einigten sich am 14. Juni 2023 alle Abgeordneten auf einen gemeinsamen Entwurf, der nun mit den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten abgestimmt werden muss. Die Inhalte des Entwurfs: Es werden rechtliche Verpflichtungen für Anbieter und Nutzer festgelegt, die sich nach dem Risiko richten, das von dem jeweiligen KI-System ausgeht. Diese Risikoeinschätzung ist vierstufig – unannehmbares Risiko, hohes Risiko, begrenztes Risiko, niedriges Risiko.