Erste Reihe fußfrei

Großes Kino, dieser Blick vom Mönchsberg, was? Doch Salzburg hat auch weniger bekannte Seiten und viele versteckte Schätze, die genauso faszinieren. Kommen...

Was für ein Blick! "Mitten in der Stadt die zwei Berge, du stehst am Mönchsberg, von drüben schaut der Kapuzinerberg herüber, und im Tal dazwischen tausend Kirchen und Klöster aufge­fädelt am grün blitzenden Salzachfluß, das mußt du dir vorstellen wie ein funkelndes Edelsteinkollier zwischen den prächtigen Brüsten einer Oktoberfest-Kellnerin, praktisch Vollendung der Natur."

Der Ansichtskarten-Blick, den Wolf Haas in seinem Krimi "Silentium!" so blumig beschreibt, lässt sich nach einer 30-Sekunden-Fahrt mit dem Mönchsberg-Aufzug bequem nachvollziehen.

Wesentlich anstrengender hingegen ist der Aufstieg auf den am schräg gegenüber liegenden Salzachufer gelegenen Kapuzinerberg: Nach den  261 steilen Stufen der Imbergstiege von der eng an den Fels geschmiegten Steingasse aus lässt sich durch den Sucher der Kamera erstmals ein Gegenschuss anvisieren und der Mönchsberg in den Fokus nehmen.

Wobei gilt: Je höher, desto weiter das Panorama. Von ganz oben, wo sich die einzigen Stadtgämsen Europas tummeln, stressfrei, weil nicht bejagt und gut gefüttert, reicht es sogar bis zum Untersberg. Auch Stefan Zweig konnte vom Paschingerschlössl aus, das er bis zu seiner Emigration 1934 bewohnte, diesen Blick genießen.

Genug der Panoramen, zumindest vorläufig. Nach dem steilen Weg melden sich die Wadeln. Und erst der Magen, der ­signalisiert: Hunger! Keine Sorge: Abseits von Gastro-Lockdowns wie ganz kurz nach dieser Recherche ist Salzburg eine Schlaraffenstadt.


Salzburg, die Schlaraffenstadt

Also vorbei am Mozarteum in Richtung Mirabellplatz. Salzburger Nockerln? Als Portion für eine Person? Gibt es wirklich, in der Mirabell Coffee Bar, als Marktlücke entdeckt von Georg Imlauer. Ein Backhendl mit Erdäpfelsalat am Stand der Familie Gurtner oder ein anderer deftiger Imbiss am Schrannenmarkt, der den Platz vor der Andräkirche jeden Donnerstag in eine südländisch anmutende Piazza verwandelt? Oder doch lieber zu einem der Stehtische vor dem kleinen italienischen Feinkostgeschäft Da Paola in einer der hölzernen Hütten des Kleinen Grünmarkts in der nahen Franz-Josef-Straße?

Oder, in diesem Jahr besonders angesagt, ein paar Häuser weiter in eine echte Institution: ins kultige Café Wernbacher. Signature Dish in dem durch stylishe Einsprengsel aufgepeppten originalen Vintage-Ambiente: die Gulaschsuppe, wie schon im Gründungsjahr 1952.

Und weil vorhin von Salzburger Nockerln die Rede war: Die bekommt man in Salzburg wirklich überall und in jeglicher Form – im Sommer in vielen Eissalons und wenn der Lockdown einmal vorüber ist, auch ganz anders im Café Tomaselli am Alten Markt: in Form einer Nockerl-Schnitte aus Mürbteig, Preiselbeermarmelade, Mandel-Zimt-Boden und luftiger Sauerrahm-Creme.

Was man auch überall in den Auslagen sieht, sind die in blau-silberne Alufolie (vulgo Stanniolpapier) eingewickelten Mozartkugeln. Nur die solcherart verpackten dürfen sich "Original Salzburger Mozartkugel" nennen – und müssen handgefertigt sein. Die in Goldfolie verpackten sind stets Industrieware.

Salzburg, die Stadt an der Salzach

Der Weg zum Fluss führt durch den Mirabellgarten. Von dessen höchstem Punkt, dem Rosenhügel, einem Teil einer einstigen Bastei, lässt sich wieder einmal die Panoramafunktion von Handys und Digitalkameras einsetzen – und das sogar 360 Grad rundum: Sowohl Kapuziner- als auch Mönchsberg sind dann grandios im Bild.

Um ans andere Salzachufer zu gelangen, nimmt man vorzugsweise einen der Fußgängern vorbehaltenen Stege. Klare Empfehlung dabei: der Feingoldsteg. Der ehemalige Makartsteg wurde im Herbst umbenannt – nach dem ein Jahr zuvor im Alter von 106 Jahren verstorbenen Marko Feingold.

Der Holocaust-Überlebende war nicht nur Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburgs, sondern auch das älteste und langjährigste Clubmitglied des ÖAMTC. Vor vier Jahren hatte auto touring die Gelegenheit, ihn zu einem Interview zu treffen, der Beitrag mit den Videos dazu findet sich hier.

Wer Interesse hat, ein weiteres Vorhängeschloss hier am Gitter des Steg-Geländers anzubringen, sollte sich allerdings auf eine eher kürzere Verweildauer dieses Liebesbeweises einstellen: Jedes Jahr wird eine Tonne davon abgezwickt und – gar nicht romantisch – als Altmetall verkauft.

Salzburg in Zeiten wie diesen: ganz anders

Bis dato waren Salzburg-Besucher ja gewohnt, die innerste Innenstadt zwischen Salzach und Mönchsberg inmitten von Menschenmassen zu durchschreiten. Seit Ausbruch der Pandemie ist alles anders. Obwohl es ja, wenn auch in reduzierter Form, im Sommer die Festspiele gab. 

"Die Festspiele sind vorüber, die meisten Fremden sind abgereist. Salzburg sinkt langsam in seinen Dornröschenschlaf, der elf Monate dauern wird. So lange gehört Salzburg den Salzburgern."

Erich Kästner, Der kleine Grenzverkehr, 1938

Nun scheint es, 82 Jahre nach Kästners Roman "Der kleine Grenzverkehr", wieder so zu sein.

Ein Bummel durch die Getreidegasse vermittelt – die Auslagen der Geschäfte einmal ausgeblendet – nun auch untertags die Illusion eines Spaziergangs durch vergangene Zeiten. Nur noch ganz vereinzelt werden Selfies vor Mozarts Geburtshaus geschossen. Vor dem Haus Nummer 39 wärmen sich ein paar Leute an den Bechern mit heißem Punsch, die ihnen Michael Sporer aus seinem Laden herausgebracht hat. Er verkauft in der ehe­maligen Branntweinstube seines Urgroßvaters Liköre (etwa die famose Kräutermischung) und Schnäpse aus eigener Produktion, dazu selbst gemachten Wermut und Bitter.

Auch vor dem Balkan Grill, dem Bosnastand im Durchhaus auf Nummer 33, warten die Menschen, diszipliniert Abstand haltend, bis ihnen Salzburgs ältestes (seit 1949) und berühmtestes Fast Food aus dem Fenster gereicht wird: Bosna, ein Weckerl gefüllt mit Bratwurst, Petersilie, Zwiebeln und einer geheimen, curryartigen Gewürzmischung.

Es sind vor allem die vielen versteckten Winkel im Schatten des Mönchsbergs, die Salzburg so einzigartig machen. Selbst Menschen, die schon oft da waren, registrieren vieles erst dann, wenn sie sich ganz bewusst auf Abstecher von den Touristen-Trampelpfaden einlassen.

Zwischen dem Residenzplatz und der Dom-Rückseite hat man das 1825 ge­malte 125 Quadratmeter große und fünf ­Meter hohe, Salzburg von der Festung aus gesehen zeigende 360-Grad-Panorama-Ölgemälde als rundum bestaunbares Erlebnis in einem eigenen Museum aufgestellt.

Im gleichen Gebäudekomplex, der Neuen Residenz, ist übrigens auch die sehenswerte Ausstellung zur Geschichte der Salzburger Festspiele ("Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele"). Ursprünglich als Landesausstellung für das Jahr 2020 im Salzburg Museum geplant, läuft sie nun bis 21. Oktober 2021 weiter. Der Eingang dazu befindet sich ums Eck am Mozartplatz, die Ausstellung selbst betritt man über eine Art Bühne, die der berühmten aus den Freiluft-Aufführungen des "Jedermann" am Domplatz nachempfunden ist.

Was wäre, wenn...

Diese Frage stellen sich viele. Was wäre gewesen, wenn sich in Salzburg einiges ganz anders entwickelt hätte? Wenn die Diskussionen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts rund um eine mögliche Zukunft Salzburgs als Festspielstadt geführt wurden, gefruchtet hätten?

Damals sollte es in erster Linie um eine Aufführungsstätte für die Werke von Wolfgang Amadeus Mozart gehen. Und ein ganz berühmtes, auf Opern- und Schauspielhäuser in der Monarchie spezialisiertes Architektenpaar brachte sich mit einem Entwurf dafür ein.

Übrigens gab es auch danach noch Pläne für Projekte zu Festspielhäusern, die nie realisiert wurden. Etwa 1922 für ein riesiges im  Schlosspark Hellbrunn, 1942 für ein bombastisches am Kapuzinerberg und 1950 für eines beim Schloss Mirabell.

Doch die Verantwortlichen blieben dem traditionellen Festspielbezirk in der Altstadt treu. Zuerst wurden die ehemaligen Hofstallungen zu einer Festspielbühne umgebaut, die bereits 1926 wiederum umgebaut wurde – von Clemens Holzmeister (1886–1993). Dessen Entwurf kam dann auch in den frühen 1960ern zum Zug, als man ein neues Großes Festspielhaus dazu baute. 2006 erfolgte der insgesamt sechste Umbau – durch Wilhelm Holzbauer, einen Schüler Holzmeisters.

Holzmeister wurde übrigens genau zwischen Festspiel-Ausstellung und Festspielhaus begraben: am Friedhof St. Peter, also ganz in der Nähe.

Salzburg – neue Kunst und uralte Ilylle

Ums Eck am Kapitelplatz erfahren Flaneure ein Aha-Erlebnis: die fünf Meter hohe vergoldete Mozart(?)-Kugel mit dem auf ihr stehenden schwarzbehosten bronzenen Mann im weißen Hemd. Weit weniger bekannt der zweite Teil dieses Gesamtkunstwerks des Bildhauers Stephan Balkenhol, das Pendant dazu: Im Toscaninihof am Festspielhaus hat er die Skulptur einer "Frau im Fels" im kurzen roten Kleid über dem Tor zur Mönchsberg-Garage quasi als Tunnelheilige in einer Felsnische platziert.

Zwischen diesen beiden Figuren breitet sich die Erzabtei Sankt Peter aus. Wer durch ihren großen Innenhof zum hart am Fels gelegenen historischen Petersfriedhof rund um die kleine Margarethenkapelle schreitet, fühlt sich wie auf einem dörflichen Gottesacker. Und kann sogar durch die in den Mönchsberg gehauenen Katakomben hinauf zu den frühchristlichen Höhlen-Kapellen steigen, deren Fenster vom Friedhof aus zu sehen sind.

Einen Hof weiter gilt es wiederum, ein besonders frühes Beispiel klösterlichen Unternehmungsgeistes zu bestaunen: die Stiftsbäckerei St. ­Peter. Hier wird seit dem 12. Jahrhundert das lange haltbare, puristische St.-Peterer-Brot gebacken. Das perfekt restaurierte Mühlrad wird von dem aus dem Mönchsberg kommenden Wasser des Almkanals angetrieben. 

Krönender Abschluss jedes Salzburg-Rundgangs sollte stets der Aufstieg (ja, richtig gelesen, per pedes!) hinauf zur Feste Hohensalzburg sein. Am besten über die Festungsgasse, denn da erarbeitet man sich die 100 Höhenmeter mit einem von Schritt zu Schritt spektakulärer werdenden Aufstieg.

Neuerdings bietet man zu bestimmten Zeiten auch eigene Touren an, die zu den sonst nicht allgemein zugänglichen Plätzen der Festung führen: zur Pfisterei etwa, der nicht mehr in Betrieb stehenden Bäckerei, zum Schlangengang, benannt nach kleinen wendigen Kanonen, oder zu den Kasematten unter der Kuenburgbastei. 

Wer sich im oberen Teil des Burghofs rund um die Zisterne genau umschaut, bemerkt vielleicht ein seltsam anmutendes kleines Wägelchen. Es gehört zu einer Standseilbahn, die nicht für den Personentransport geschaffen wurde, der ältesten überhaupt, die noch heute in Betrieb ist: zum Reisszug.

Fürsterzbischof Leonhard von Keutschach (ja, genau der, der auch den zweiten, heute nach ihm benannten Sperrbogen errichten ließ) initiierte bereits um 1460 den Bau dieser Seilbahn. Er war – quasi bei der Jungfernfahrt – auch deren erster Passagier, was einen gewissen Mut voraussetzte, denn die 180 Meter lange gerade Strecke hinaufgezogen wurde das Schienenfahrzeug anfangs durch Häftlinge, die, einen Hebelarm bewegend, im Kreis trotteten. Ganze zwei Stunden lang, in denen sie 1.800 Meter zurücklegten. Erst später wurde der Mechanismus durch neun Pferde angetrieben, seit 1910 mit Hilfe von Maschinen. Heute überwindet der 2017 sanierte Schrägaufzug die 80 Höhenmeter in fünf Minuten.

Nicht weit von der oberen Station der Standseilbahn, die all jene zur Festung bringt, die sich den Fußweg herauf ersparen möchten, liegt der Reckturm, ihr höchster Aussichtspunkt. Wer von ihm aus hinunter nach Südwesten blickt, darf ruhig seinen Augen trauen: Da ist tatsächlich ein Weingarten auszu­machen. Salzburger Wein – das ist, weil es nur ein paar hundert Flaschen pro Jahr gibt, eine ­wenig bekannte und vor allem ziemlich teure Spezialität. Für eine Flasche sind in den wenigen Geschäften, die ihn führen, an die 40 Euro zu bezahlen.

Hinunter von der Feste Hohensalzburg ist – wiederum der Wadeln ­wegen, die noch vom Kapuzinerberg beleidigt sind – auf alle Fälle eine Fahrt mit der Festungsbahn vorzuziehen. Tipp dazu: Den untersten Wagen nehmen und aus der ersten Reihe beobachten, wie der Zug innerhalb von nur einer Minute ins Stadtbild eintaucht.

Als Schlusspunkt eines Salzburger Stadtrundgangs sei zur blauen Stunde noch ein ganz besonderer Ort empfohlen: die Dachterrasse des Hotel Stein, direkt an der Staatsbrücke zwischen dem rechten Salzach-Ufer und dem Kapuzinerberg gelegen. Nein, keine Angst, es geht nicht zu Fuß hinauf, sondern mit dem Lift. Oben angekommen liegt einem dann tatsächlich die Stadt zu Füßen. Vorzugsweise bei einem Kaffee oder Aperitif. So lässt sich's leben.