Eine Zeitreise durch Sachsen

Von Dresden in die Oberlausitz: Wer auf dieser Route unterwegs ist, braucht nur ganz wenig Phantasie, um sich in andere Zeiten zu versetzen – ins Mittelalter, in die Barock-Epoche Augusts des Starken oder in die Jahre vor der Wende.

Dresden mit seiner perfekt wiederaufgebauten Altstadt rund um die Frauenkirche kennen ja schon viele – über Sachsens Landeshauptstadt, auch "Elbflorenz" genannt, war ja schön öfters im auto touring zu lesen, zuletzt etwa hier in dieser Geschichte.

Aber die östlich von Dresden gelegene Oberlausitz? Die ist den meisten noch nicht wirklich bekannt. Genau dorthin, in dieses Stück Deutschland, das zu DDR-Zeiten "Tal der Ahnungslosen" genannt wurde (weil kein West-TV zu empfangen war), führt diese Tour.

Sie kann mit ein wenig Planung und Vorbereitung – wir wollen hier mit unserem Reisetagebuch dabei helfen – in drei, vier Tagen absolviert werden. Was alle Stationen auf der 180 Kilometer langen Strecke ab Dresden gemeinsam haben: Es handelt sich um Plätze, an denen es sich wunderbar in vergangene Zeiten eintauchen lässt.

Tag eins: Dresden – mitten ins Barockzeitalter

Dresden ist prinzipiell mit dem Auto, aber auch mit dem Zug gut zu erreichen. Das auto touring-Team benötigte wegen der vielen Baustellen in Tschechien für die 480 Kilometer von Wien über Prag fünf Stunden und 50 Minuten, aktuelle Fahrzeiten weiß der ÖAMTC-Routenplaner.

Aus dem Westen Österreichs ist die 554.000-Einwohner-Stadt an der Elbe gut via München zu erreichen. Weil wir mit dem Auto gekommen sind und es für die weitere Strecke gleich am nächsten Tag wieder brauchen, haben wir uns ein Hotel mitten im Zentrum gewählt, das mit einer eigenen Garage ausgestattet ist: das nur ein paar Schritte von der Frauenkirche entfernte Innside Dresden.

Deshalb sind wir auch schon nach ein paar Minuten Fußweg bei unserem ersten Programmpunkt. Dem Motto "Zeitreise" geschuldet passt die jüngste Attraktion Dresdens ja perfekt: Zwinger X-Perience. Wie der Name schon sagt, begeben wir uns zum Zwinger, zum barocken Gesamtkunstwerk, das August der Starke (1670–1733) erbauen ließ.

Aber wie kam er auf die Idee, den Gebäudekomplex und die dazu gehörenden Gartenanlagen (die zum Zeitpunkt unseres Besuchs im Sommer 2021 gerade restauriert wurden) errichten zu lassen? Warum heißt der Zwinger überhaupt "Zwinger"? Wozu verwendete er das riesige Areal? Antworten darauf gibt seit kurzem eine multimediale Ausstellung, die einen mit Hilfe neuester Technologien direkt in die Zeit des berühmtesten aller sächsischen Kurfürsten versetzt. Für einen Besuch sollte man sich unbedingt anmelden. 

Drei Millionen Euro haben Entwicklung, Programmierung und Installation der Medientechnik in der Zwinger Xperience gekostet. Dresden und der Zwinger sind damit um eine Attraktion reicher geworden.

Die ebenfalls im Zwinger beheimatete Porzellansammlung des Kurfürsten lassen wir diesmal aus. Wir bleiben aber im Areal und wenden uns der Gemäldegalerie Alte Meister zu, die nach Plänen von Gottfried Semper im  Abschlussbau an der Nordost-Seite des Zwingers errichtet wurde. Sie beherbergt eine der fulminantesten Kunstsammlungen Europas. Mit dem systematischen Sammeln begonnen hat – erraten – August der Starke. Treten wir ein in eine Welt voller Cranachs, Tizians, Rembrandts, Vermeers und Canalettos.

Wer zum ersten Mal in Dresden ist, dem sei nach einem Besuch im Zwinger das Grüne Gewölbe wärmstens empfohlen. Dabei handelt es sich um eine von August dem Starken (no na) begründete Schatzkammer.

Heute gibt es zwei Grüne Gewölbe: das Historische Grüne Gewölbe, das seinen Namen von den einst kupfergrünen Säulen hat und seit 1724 existiert, und das Neue Grüne Gewölbe – unser Favorit. in zehn schlichten verdunkelten Sälen ohne historisches Ambiente werden da in 200 Glasvitrinen 1.100 Objekte gezeigt.

Nur ein einziger Höhepunkt der Pretiosensammlung soll hier erwähnt werden: der Tischaufsatz "Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aurang-Zeb", der auf einer Grundfläche von 142 x 114 cm insgesamt 132 Figuren aus insgesamt 5.223 Diamanten, 189 Rubinen und 175 Smaragden vereint. Augusts Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger arbeitete sechs Jahre an dem Kunstwerk, über das Sie hier mehr erfahren können.

Wir haben beide Grünen Gewölbe anlässlich unserer früheren Recherche-Reisen schon mehrmals besucht. Jetzt nehmen wir uns einmal eine Auszeit und fahren mit der Straßenbahn (Linie 12 ab Postplatz) hinaus zum flussaufwärts gelegenen Ortsteil Blasewitz.

Unser Ziel sind die 1893 gebaute und blau gestrichene Eisenträger-Hängebrücke hinüber nach Loschwitz und das lässige Freizeit-Viertel, das hier zwischen den Gründerzeit-Häusern und den Wiesen des Überschwemmungsgebietes der Elbe entstanden ist: Radler, Skater und Jogger bevölkern den extrabreiten Treppelweg, unter den Kastanienbäumen des Schillergartens, eines beliebten Biergartens, spielt gerade eine Band, während ein paar Kanuten einem Raddampfer ausweichen.

Nach Genuss der (so vermerkt es jedenfalls die Speisekarte) "besten Lasagne nördlich der Alpen" in der Villa Marie fahren wir zurück in die Altstadt. Jedesmal ein Fixpunkt in Dresden ist für uns ein abendlicher Spaziergang, den wir zur Blauen Stunde an der Frauenkirche beginnen. Pandemie-bedingt sind diesmal weit weniger Menschen unterwegs als sonst.

Tag zwei, Vormittag: Rammenau – einmal Barock geht noch

Es ist nur ein Katzensprung von Dresden in die Oberlausitz. Rammenau gilt als das Tor zu der Grenzregion, die zu zwei Drittel Deutschland und zu einem Drittel zu Polen gehört. In weniger als einer Stunde ist der kleine Ort inmitten einer sanft hügeligen Seen- und Teichlandschaft über die Autobahn A4 oder die Radeberger Landstraße erreicht. Vorbei an einem kleinen, alten Gefängnisbau, der vor über 200 Jahren auch als Schule diente, ist bald auch das Barockschloss erreicht.

Schloss Rammenau

Tag zwei, Mittag: Panschwitz-Kuckau – Mittelalter

Eine Viertelstunde nach unserer Abfahrt in Rammenau parken wir unser Auto vor dem Kloster Panschwitz-Kuckau. Es handelt sich um die Zisterzienserinnen-Abtei Sankt Marienstern, die seit ihrer Gründung im Jahr 1248 ohne Unterbrechung bis heute Bestand hat. Nur noch zwölf Nonnen leben heute hier, gemeinsam mit weltlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmern sie sich um Menschen mit Behinderung, die sie hier pflegen, halten den wunderbaren Klostergarten in Schuss und liefern daraus die Kräuter für den in der Region so beliebten Klosterlikör.

Tag zwei, Nachmittag: Bautzen – Mittelalter bis DDR

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt über die A4 bis ins Zentrum von Bautzen, in die historische Hauptstadt der Oberlausitz mit ihren 40.000 Einwohnern. Ein guter Teil der Bautzener gehört der sorbischen Minderheit an, die eine westslawische Sprache spricht – in der gesamten Region beherrschen sie noch an die 30.000 Menschen. "Budissin", der Name, den die Stadt bis 1868 offiziell trug, kommt aus dem Sorbischen.

Bautzen liegt 50 Kilometer östlich von Dresden – aber nicht an der Elbe, sondern an der Spree, die sich tief unterhalb der Altstadt durch eine hügelige Landschaft windet. Die Stadt profitierte von ihrer Lage am Übergang der Via Regia, einer mittelalterlichen Handelsstraße von Santiago di Compostela bis Moskau, über die Spree. Erst 1635 kam Bautzen zu Sachsen.

Gleich hinter der Friedensbrücke, die Spree an der Stadteinfahrt in 20 Meter Höhe überspannt, parken wir das Auto in der Garage des Kornmarkt-Einkaufszentrums und gehen zu Fuß auf Erkundungstour. Zuerst einmal ein paar Schritte zur Brücke.

Seitenblick: Senf, eine Bautzener Ikone

Auch an einem Senfladen sind wir noch vorbeigekommen. Warum das hier so hervorgehoben wird? Bautzen ist (auch) eine Stadt des Senfs – der hat hier Tradition. Seit 1866 jedenfalls. Der ab 1953 produzierte "Bautz'ner Mittelscharfe Senf" entwickelte sich zu einer DDR-Ikone, die auch nach der Wende Bestand hatte, weil die Konsumenten ihm die Treue hielten. Heute gehört die einst verstaatlichte Senfproduktion zum Münchner Unternehmen Develey. Die österreichische Senfmarke Mautner Markhof ist übrigens auch in Develey-Besitz.

Einfach zum Nachdenken

Was wir Ihnen an dieser Stelle auch noch zeigen (eben weil es in Bautzen liegt), ist ein menschenverachtender Ort, der normalerweise nichts in einer Reisegeschichte verloren hat, die ja vorrangig die schönen Seiten des Lebens zeigt. Oder vielleicht doch: Denn dass die dunkle Seite der DDR-Geschichte, die dieser Bau symbolisiert, jetzt schon mehr als 30 Jahre vorbei ist, wird von den allermeisten Menschen in Sachsen als erfreulich empfunden.

Das "Stasi-Gefängnis" Bautzen II symbolisiert die grausame Seite der Macht des damaligen Regimes. Als Sonderobjekt des Ministeriums für Staatssicherheit erlangte es traurige Berühmtheit, denn inhaftiert waren nicht etwa Kriminelle, sondern Andersdenkende, Ausreisewillige, Regimekritiker, Spione und Fluchthelfer. 

Tag drei, Vormittag: Görlitz – Mittelalter

Über Görlitz war in letzter Zeit zu hören, dass es eine der wenigen Städte Mitteldeutschlands ist, die seit Jahren Einwohner dazugewinnen. Nach der Wende kam es, so wie überall in der ehemaligen DDR, zu einer massiven Abwanderungswelle. Aber seit zehn Jahren ziehen viele Pensionisten aus den "alten" Bundesländern, also aus dem Westen Deutschlands, hierher, weil Mieten und Lebenshaltungskosten günstiger sind (bloß: wie lange noch?).

Was dazu kommt: An die 4.000 historische Gebäude der Stadt, von der Spätgotik über Renaissance und Barock bis hin zum Jugendstil, wurden nach der Wiedervereinigung wunderschön restauriert. 

Wir sind also morgens aufgebrochen, um weitere 50 Kilometer ostwärts zu fahren – fast bis zur Neiße, die am Ostrand der Altstadt die Grenze zu Polen bildet. In Görlitz selbst leben 55.000 Menschen, in Zgorzelec, dem polnischen Teil der Stadt (der einstigen Ostvorstadt) am anderen Ufer der Neiße weitere 30.000.

Diese Hallenhäuser sind also so etwas wie ein Markenzeichen von Görlitz. Aber wozu hier noch viel dazu erzählen – zum einen gibt es einen guten Flyer zum Thema zum Download, und zum anderen lassen wir doch unseren Guide Lothar Bartusch erzählen, was es mit diesen Häusern noch alles auf sich hat.

Tag drei, Nachmittag: Schmalspurbahn und Oybin – Gründerzeit und Mittelalter

Görlitz wäre, so befinden wir nach dem Mittagessen, auch eine eigene Reise wert. Aber Zittau haben wir ja auch noch auf unserem heutigen – ziemlich dichten – Programm. Wir steuern zuerst aber nicht das Zentrum der Kleinstadt an, sondern den etwas an der Peripherie gelegenen Bahnhof. Nicht den großen, sondern den daneben gelegenen ganz kleinen der Zittauer Schmalspurbahn, und besteigen Punkt 15 Uhr und 7 Minuten den Zug nach Oybin. Aber sehen Sie selbst:

Was wir allen, die sich für eine Zeitreise auf der 12 Kilometer langen 750 mm-Schmalspurstrecke interessieren, noch raten können: nehmen Sie Platz im offenen Wagen, wenn es das Wetter zulässt. So spüren Sie den Fahrtwind und – olfaktorisch – die Dampflok am besten.

Überhaupt ist es nur der Wende 1989/90 zu verdanken, dass es die Bahn noch gibt, wurde doch 1981 in der DDR beschlossen, die Bahn ab Winter 1990 einzustellen und durch eine Straßenbahn zu ersetzen. Nach der Wende ergab sich eine gänzlich neue, durch den Tourismus ausgelöste Perspektive – und das Thema war vom Tisch. Man begann wieder in den Erhalt von Gleis- und Waggonmaterial zu investieren.

Oybin also. Wir sind im Zittauer Gebirge, wobei das nach österreichischen Maßstäben eine Übertreibung darstellt. Der Ort, der nach einem Felsen benannt ist, liegt auf einer Seehöhe von gerade einmal 389 Meter. Und die Endstation der Schmalspurbahn genau unter dem Felsen. Aber kommen Sie doch mit auf unseren Rundgang.

Tag drei, Abend: Zittau – Gründerzeit

Zittau ist eine sogenannte Große Kreisstadt im Dreiländereck Deutschland–Polen–Tschechien. Die Vorfahren der heutigen 24.000 Einwohner wurden reich durch Tuchhandel und Damastweben. Die Eisenbahn, die Zittau am Stadtrand berührt, sorgte für den Wandel zu einer echten Industriestadt.

Die Altstadt ist teilweise gut erhalten oder wurde gerade saniert – speziell was Bauten aus der Gründerzeit betrifft. Und so wie in vielen anderen Städten (nicht nur in Wien) wurden Mitte des 19. Jahrhunderts auch hier die Stadtmauern abgetragen, um Platz für eine repräsentative Ringstraße zu erhalten. Schlendern wir also noch durch die letzte Station unserer Zeitreise.

Alles ist einmal zu Ende, auch diese Zeitreise durch einen (uns) wenig bekannten Teil Sachsens, der uns unzählige Male in andere Zeiten versetzte.

Wir treten den Heimweg an, weil wir ja wieder über Prag fahren, nicht via Dresden. Wir fahren von Zittau aus einen (!) Kilometer durch polnisches Staatsgebiet, um dann die Grenze zu Tschechien zu überqueren und über Liberec/Reichenberg in weniger als zwei Stunden die Goldene Stadt zu erreichen.