Afrika auf Schiene

Rovos Rail: im Luxuszug von Kapstadt nach Pretoria. Das Tagebuch einer faszinierenden Reise.

Pride of Africa" – "Stolz Afrikas" – heißt der ganz spezielle private Zug, mit dem sich Rohan Vos, 69, seinen Lebenstraum erfüllt hat. Und in mir einen Traum erweckt hat: einmal mit ihm Südafrika zu durchqueren. Wie ich auf diesen Traum kam? Im Fernsehen lief einmal die Reportage einer Zugfahrt von Kapstadt nach Dar es Salaam, einer zweiwöchigen Reise im Luxuszug von Südafrika in die Hauptstadt Tansanias. Scheinbar nur für reiche Witwen leistbar, wie die Bilder vermittelten: An Bord waren hauptsächlich Damen im sehr reifen Alter, kaum eine, die ohne Rollator auskam. Aber allesamt genossen sie die Reise – jemanden zum Vererben, sagten sie, hätten sie ohnedies nicht.

Ich wollte auch mit diesem faszinierendem Zug durch ebenso faszinierende Landschaften fahren und entdeckte nach einer ersten Recherche: Es geht auch günstiger. Denn quasi als Schnupperangebot fährt der Pride of Africa zwei Mal die Woche die kurze Strecke, von Kapstadt nach Pretoria und wieder zurück. 48 Stunden für 1.500 Kilometer, je nach Kategorie der Abteile – nein, Suiten passt da eher –  ab 1.000 Euro pro Person inklusive voller Verpflegung und aller Getränke. Das war mein Zugang zu Rovos Rail. 

Rohan Vos, Logistikmanager in der Autobranche, hatte einen anderen Zugang zur Materie. Noch zu Zeiten der Apartheid begann der hochgewachsene Kapstädter, uralte, ausrangierte Waggons und Lokomotiven aufzukaufen, zu restaurieren und als voll einsatzfähige Nostalgiezüge wieder auf die Schiene zu bringen. Mittlerweile nennt er vier Stück davon mit je bis zu 36 Waggons sein Eigen. Einer, nämlich meiner, wartet bereits am Bahnhof in Kapstadt.

Montag, 10 Uhr

Kapstadt, No 1 Adderley Street, Paul Sauer Building. Ein Hochhaus gegenüber dem Hauptbahnhof. Freundliche Bedienstete begrüßen mich mit einem Glas Sekt, nehmen mir das Gepäck ab und begleiten mich in eine Lounge im Erdgeschoß. Während der Klavierspieler "Somewhere over the Rainbow" intoniert, füllt sich der Raum mit meinen Mitreisenden. Erstaunlich viele Menschen scheinen um die 30 zu sein, viele 50 plus – von den steinalten Witwen ist diesmal gar keine dabei. Englisch dominiert das Stimmengewirr, ein wenig Chinesisch ist zu vernehmen und etwas Russisch. Weil ich der einzige deutschsprachige Reisende sein dürfte, genieße ich die volle Aufmerksamkeit von Heike. Sie arbeitet seit Jahren für Herrn Vos und erklärt mir das Leben im Zug. Dass zum Abendessen ein Sakko Pflicht und eine Krawatte gern gesehen sei – mittags dürfe es ruhig legerer sein. Und dass es nun bald losgehe.

Montag, 11 Uhr: Es ist soweit. Wir gehen alle hinüber zum Bahnhof, der Zug steht schon bereit. Und alle Passagiere wissen genau, welches Abteil in welchem Waggon ihr Zuhause auf Schienen sein wird – je nach Kategorie gibt es bis zu fünf pro vierachsigem Waggon. Vor jedem wartet bereits eine Schienen-Stewardess. Meine heißt Melanie, sie führt mich in mein Deluxe-Abteil. Von so einem können Passagiere üblicher Züge nur träumen. Im Kasten hängen bereits meine Sachen, und ich versinke erst einmal kurz im Ohrensessel neben dem Bett, um das alles auf mich wirken zu lassen.

Montag, 11 Uhr 10: Ein Pfiff, und kurzes Ruckeln, und unser Zug setzt sich in Bewegung. Schön, dass ich nur vier Waggons durchqueren muss, um zum letzten zu kommen, dem Barwagen mit der Aussichtsplattform am Zugsende. Von hier aus erlebe ich, wie der Pride of Africa Kapstadt verlässt. Irgendwie merkwürdig, dass nicht mehr Menschen auf die Idee kommen, die vorbeiziehende Landschaft von hier aus zu verfolgen. Wir passieren moderne Wohnbauten und kurz danach die armseligen Blechhütten eines Townships – an den Kontrast zu dem temporärem Luxusleben im Zug muss ich mich erst gewöhnen. Aber bald durchqueren wir die üppig grüne Weinlandschaft von Paarl, riesige Hecken aus rot blühenden Rosen sorgen für Farbtupfer.

Montag, 13 Uhr: Ein diskreter Gong ertönt: Zeit zum Mittagessen, ab in den Speisewagen. 

Montag, 14 Uhr 30: Es gab Boboti, eine Art faschierter Braten nach einem Rezept indonesischer Einwanderer: würzig und scharf. Danach ein Carpaccio vom Springbock – schmeckt leicht nach Reh – und schließlich Lamm. Dazu stets Wasser und den Wein der Region.

Montag, 15 Uhr: Ein kurzer Halt während des Desserts, aufgeregte Blicke nach rechts. Joe Mathala erscheint und deutet: Da stehen ein paar Giraffen um einen einsamen Baum. Wer ein gutes Tele mit hat, holt es heraus und freut sich über die formatfüllenden Savannenriesen. Ja, kontinuierlich ist die Gegend trockener geworden, wir nähern uns der kleinen Karoo-Ebene, einer Halbwüste.

Montag, 15 Uhr 30: Nickerchen im Zimmer – und ein Halt in Worcester. Ich stehe auf und gehe ans Zugsende zum Observation Deck. Sofort ist die Schienen-Stewardess zur Stelle, richtet mein Bett wieder her und leert den Papierkorb. Die Fenster werden rasch geputzt, und wir rollen schon weiter. Kurz darauf ein weiterer Halt, bis der Gegenzug vorbei ist und unserer in einem elendslangen Tunnel verschwindet.

Montag, 17 Uhr: High Tea im Barwaggon. Englisches Teegebäck, feine Patisserie, Kaffee, Tee, Karamelbonbons zum Abschluss.

Montag, 17 Uhr 30: Matjesfontein, unsere heutige Exkursion. Mit einem Londoner Oldtimer-Doppeldeckerbus geht es durch den kleinen Ort im Stil des Fin-de-Siècle. Aus einer Wasserstation für Dampfloks entwickelte sich bald – des trockenen Klimas wegen – ein mondäner Kurort, in dem die Zeit stehengeblieben scheint. Ein altes Postamt, eine Tankstelle wie aus einem Stummfilm, ein viktorianisch anmutendes Hotel, in dem unser Guide und Busfahrer zur singenden Stimmungskanone mutiert. Am Bahnhof noch ein Nostalgie-Museum – und ab in den Zug.

Montag, 20 Uhr: Ich lasse mir gerade einen Aperitif am Aussichtsdeck servieren – das Sakko habe ich vorsichtshalber schon an –, als der Gong ertönt. Abendessen, sehr ausführlich. Als ich zweieinhalb Stunden später wieder mein Abteil betrete, ist das Bett schon hergerichtet. Was soll die Heizdecke?

Montag, 23 Uhr 30: Es ist recht kühl geworden – darum die Heizdecke. Die monotonen Schlag-Geräusche der Räder, wenn sie über die Nahtstellen der Schienen rollen, machen müde.

 

Dienstag, 9 Uhr

Irgendwann in der Nacht war der Zug stehen geblieben und fand sein Nachtquartier in einem – wie sich jetzt herausstellt – bewachten Bereich. Beim Duschen sah ich durch einen Spalt des geöffneten Badezimmerfensters, wie gerade der Müll entsorgt wurde, und bald darauf setzte sich Pride of Africa wieder in Bewegung. Ich schlüpfte in mein Poloshirt, das ich gestern Nachmittag in den Wäschesack getan hatte und das morgens frisch gewaschen und gebügelt wieder geliefert wurde. Jetzt sitze ich im Speisewagen, vor mir das Frühstück, sehr englisch.

Dienstag, 10 Uhr: Zugchef Joe leistet mir Gesellschaft, erklärt mir, wie sein Kreuzfahrtschiff auf Rädern funktioniert: Vorne sind zwei je 2.300 PS starke und 116 Tonnen schwere Dieselloks zusammengespannt, dahinter ein der Kesselwagen, der auf den größeren Touren bis zu 28.000 Liter Diesel aufnimmt. Es folgt der Generatorwagen zur Stromversorgung und ein Vorratswagen mit 3.000 Liter Trinkwasser, einem klimatisierten Weinabteil, Tiefkühltruhen und einer Wäscherei. Dahinter das Staff Car für die bis zu 28 Mitarbeiter, das Lounge Car, die beiden Speise- und Küchenwagen und dann die Passagierwaggons mit den Suiten. Im letzten befindet sich eine Raucherlounge. Der letzte Waggon ist dann der Barwagen mit der Aussichtsplattform.

Dienstag, 14 Uhr: Nach dem Mittagessen rollt der Zug in Kimberley ein – was für ein großer Bahnhof! Ein klimatisierter Bus führt uns am Hochhaus des weltgrößten Diamantenproduzenten De Beers vorbei zum Big Hole, dem größten jemals von Menschen geschaffenen Loch: 460 Meter Umfang, 240 Meter tief. Bevor 1914 der Abbau beendet wurde, holte man 2.722 kg Rohdiamanten bzw. 14,5 Millionen Karat hervor, dann kam das Grundwasser. Die heutigen Bohrstollen reichen übrigens über einen Kilometer in die Tiefe.

Dienstag, 17 Uhr 30: Der Zug hat gerade einen See passiert, die Landschaft wird nun wirklich so, wie man sich Afrika vorstellt. Ich verlasse das Aussichtsdeck, gehe in mein Abteil, öffne das Fenster, lege mich auf mein Bett, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und starte den Soundtrack zu "Jenseits von Afrika" von meiner Playlist. Alles so stimmig, dass ich am liebsten die Augen schließen möchte. Mache ich aber nicht, ich will ja die Landschaft genießen.

Dienstag, 22 Uhr: Nach dem Dinner wieder an meinem Lieblingsplatz am Observation Deck. Ein Gin Tonic, und danach ab in die Heia.

Mittwoch, 9 Uhr 30

Frühstück. Der letzte Tag im Zug – eigentlich nur ein halber Tag – ist angebrochen. Mit der schier endlosen Weite der Landschaft ist es vorbei, sie wird jetzt immer dichter besiedelt. Auf einer parallel laufenden Landstraße sind viele Lkw unterwegs. Unsere Strecke ist jetzt zweigleisig und elektrifiziert, unserem Zug kommen jetzt orangefarbene Vororte-Triebwagen entgegen. 

Mittwoch, 10 Uhr 30: Immer größere Häuser wechseln mit schmucken umzäunten Stadtrand-Siedlungen und ärmlichen Townships. Einige Reisende, die von Johannesburg weiterfliegen möchten, warten schon nervös auf die Einfahrt in den Bahnhof des Airports. Kurzer Stopp, wir fahren weiter, vorbei am Zentrum, dessen Hochhäuser am Horizont zu sehen sind.

Mittwoch, 11 Uhr: Wieder ein Stopp, eine Dampflok von Rovos Rail übernimmt den Zug für die letzten Kilometer bis zu dem privaten Bahnhof, den Rohan Vos ziemlich devastiert erwarb und zu seiner Homebase ausbaute.

Mittwoch, 11 Uhr 30: Hier stehen sie aufgereiht, alle Dampfloks und Waggons, die gerade nicht im Einsatz sind, dazu ein wunderbarer Lokschuppen, eine Werkstatt wie aus dem Bilderbuch und eine Lounge. Während Zugchef Joe sich von allen Reisenden verabschiedet, wird das Gepäck bereits in wartende Minivans verladen. Der mit meinem Gepäck wird mich bald in mein Hotel im Zentrum von Pretoria bringen. Ich mache ein paar letzte Fotos, schüttle Joe die Hand. "So long", sagt er. 

Die 48 Stunden im Zug sind vergangen wie im Flug. Die Fahrt hätte ruhig noch länger dauern können. Rovos Rail ist ein eher teures Vergnügen, eignet sich aber sehr gut als Höhepunkt einer Südafrika-Rundreise – ganz gleich in welcher Richtung. Ob man nun zum Ausgangspunkt der Zugfahrt zurückfliegt oder gar nach Hause, ob man sich einer organisierten Tour anschließt oder auf eigene Faust einen Leihwagen nimmt – alles ist möglich.