"Wir brauchen den asiatischen Weg"

Verbaut die Politik der europäischen Automobilindustrie den Weg zum Erfolg? Ist mehr Technologieoffenheit nötig? Prof. Bernhard Geringer, Gastgeber des Internationalen Wiener Motorensymposiums, im Interview.

Das Internationale Wiener Motorensymposium 2026 lockt von 22. bis 24. April mit rund 100 Fachvorträgen. In der 47-jährigen Geschichte der Veranstaltung sticht die diesjährige Ausgabe mit Vortragenden aus Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Korea, Schweden, Türkei, dem UK, den USA und mehr als die wohl kosmopolitischste bisher heraus. Im Mittelpunkt der Experten-Konferenz stehen Innovations-Schwerpunkte wie effiziente Hybride, neue e-Antriebe, Komponenten wie Radnabenmotoren in der Serie oder emotionale Hochleistungs-Hybride mit V8 oder gar V12 Basismotoren. Univ.-Prof. Bernhard Geringer von der TU Wien und dem Österreichischen Verein für Kraftfahrzeugtechnik, seines Zeichens Gastgeber des Motorensymposiums, stimmt im Gespräch auf die Veranstaltung ein und antwortet auf brennende Fragen zur aktuellen Situation der Branche.

Herr Professor Geringer, welche Themen prägen das Motorensymposium 2026 ganz besonders?

Das 47. Internationale Wiener Motorensymposium steht ganz im Zeichen innovativer Fahrzeugtechnik. Das Augenmerk liegt dabei insbesondere auf Antriebslösungen für eine nachhaltige Mobilität. Weltweit herrscht große Uneinigkeit über die „richtige“ Antriebsart: Nur Batteriefahrzeuge, wie es in Europa gefordert wird, das Festhalten an Verbrennungsmotoren und fossilen Kraftstoffen nach dem Motto „Weiter so“, wie in den USA, oder eine technologieoffene Lösung – je nach Einsatzzweck und Verfügbarkeit grüner Energien – wie sie in Asien verfolgt wird?

Viele Expertinnen und Experten sind – so wie ich – überzeugt, dass wir den asiatischen Weg brauchen. Nachhaltige Energie und Antriebstechnologie gehören zusammen. Fehlt einer der beiden Faktoren, wird es nicht funktionieren.

Wie würden Sie die Stimmung in der Auto- und Zulieferbranche mit einem Wort beschreiben?

In Europa derzeit extrem schlecht. Die unrealistischen Forderungen der Politik (Stichwort: Verbrennerverbot ab 2035) und die Sprunghaftigkeit bei gesetzlichen Vorgaben führen zu fehlenden Investitionen. Und noch schlimmer: zu einer massiven Abwanderung der Industrie aus Europa. Arbeitsplätze und Wertschöpfung gehen damit unwiederbringlich verloren. Innovationen bleiben aus, während diese zunehmend in Asien entstehen. Man sieht das etwa an der aktuellen Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors in China und Korea.

Welche Antriebstechnologie steht besonders im Fokus – und warum gerade diese?

Beim heurigen Symposium werden alle drei Lösungen – der E-Antrieb mit Batterie, die Brennstoffzelle mit Wasserstoff sowie der Verbrennungsmotor als Hybrid oder reiner Wasserstoffmotor – jeweils im Detail behandelt. Fast 100 Fachvorträge decken sowohl die gesamte Innovationsbreite als auch die technische Tiefe ab.

Welche Rolle können Wasserstoff, Brennstoffzelle und E-Fuels spielen – und ab wann?

Technisch sind all diese Antriebslösungen serienreif. Das Problem liegt sowohl bei Wasserstoff als auch bei E-Fuels in der fehlenden Investitionsbereitschaft zur Herstellung dieser grünen Kraftstoffe. Ohne langfristige Planungssicherheit seitens der Politik wird niemand in die extrem kostenintensiven Vorleistungen investieren. Wir sprechen hier von Abschreibungszeiträumen von zehn Jahren und mehr – die europäische Politik jedoch ändert ihren Kurs oft innerhalb von zwei Jahren vollständig.

Ganz anders in China: Die neue „Roadmap 3.0“ legt eine verbindliche Planung für den Zeitraum von 2030 bis 2040 fest. Deshalb haben wir bereits zu Beginn des heurigen Symposiums ein Forum mit der China SAE und Industrievertretern eingerichtet, in dem diese Langzeitstrategie vorgestellt wird. Hoffentlich nimmt sich Europa daran ein Beispiel!

Wo sehen Sie bei Batterien und beim Laden die größten Fortschritte – was bringt am meisten Reichweite und Komfort?

Batterien werden günstiger und langlebiger, weisen jedoch weiterhin eine deutlich geringere Energiedichte auf als klassische Kraftstoffe. Daher muss vor allem die Ladeinfrastruktur massiv ausgebaut werden. Die Ladezeiten sind heute dank Schnellladestationen bereits alltagstauglich – das gilt auch für Nutzfahrzeuge. Allerdings fehlt nach wie vor eine flächendeckende Versorgung mit Hochleistungs-Ladestellen.

Passen die aktuellen CO₂-Regeln der EU aus Ihrer Sicht zur technischen Realität in den Entwicklungsabteilungen?

Nein, ganz und gar nicht. Wir brauchen technologieoffene Ansätze. Auch die derzeit geplante Novellierung der CO₂-Flottenregelung (Stichwort „95 % CO₂-Reduktion bis 2035“) ist in Wahrheit eine Mogelpackung, da sie faktisch nur das reine batterieelektrische Fahrzeug zulässt.

Was bedeuten Klimaziele und Vorschriften für die Autoindustrie in Österreich und Mitteleuropa – eher Chance oder Risiko?

Grundsätzlich bieten sie die Chance auf CO₂-Neutralität. Momentan stehen dem jedoch unrealistische Zeitpläne sowie eine fehlende Akzeptanz der damit einhergehenden, zumindest mittelfristig höheren Kosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher entgegen.

Womit werden die meisten Österreicherinnen und Österreicher im Jahr 2030 fahren – und was wird dann selten geworden sein?

Mit Hybriden in unterschiedlichen Ausführungen – überwiegend Mild-Hybride, ergänzt durch Voll- und Plug-in-Hybride. Reine Verbrenner werden seltener, aber keinesfalls verschwunden sein.