China: „Mehr Risiken als Chancen“

Warum die europäische Automobil-Industrie so strauchelt, was heimische Firmen jetzt brauchen und warum China mehr Risiko als Chance ist. Klaus Friesenbichler, Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), antwortet.

Der Motorradhersteller KTM und der Automobilzulieferer ZKW bauen insgesamt 1.100 Stellen ab – warum läuft es so schlecht in der heimischen Industrie?

Klaus Friesenbichler: Das hat mehrere Gründe: Die höheren Lohnabschlüsse waren zwar notwendig, um die Kaufkraft zu erhalten, sind aber für die Unternehmen ein Kostenfaktor. Außerdem sind die Energiepreise in Österreich relativ hoch, auch im internationalen Vergleich. Dazu kommt, dass der gesamte Freihandel an sich infrage gestellt wird. Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie Österreich ist das eine sehr schmerzhafte Nachricht. Im Westen drohen Zölle, Trump und "America First". Im Osten agiert China ähnlich, nur weit weniger medial beachtet. Und der Automobilsektor hat auch ein branchenspezifisches Problem: der Strukturwandel.

Meinen Sie mit Strukturwandel die E-Mobilität?

Unter anderem. Aber auch Trends wie selbstfahrende Autos oder, mit Blick auf China, das Auto als Unterhaltungsprodukt bereiten den europäischen Herstellern Probleme. Sie verkaufen im riesigen chinesischen Markt nicht mehr so gut.

Wie ordnen Sie dann die Entscheidung der Europäischen Kommission ein, vom sogenannten Verbrennerverbot 2035 ein Stück weit abzurücken?

Der Strukturwandel wird sowieso passieren. Das Verbrennerverbot war nur ein weiterer Treiber, hat den Wandel um eine Spur beschleunigt. Die Entschärfung bringt den Unternehmen höchstens etwas mehr Zeit. Aber die Wettbewerbsnachteile bestehen weiterhin.

Wie kam es überhaupt zu diesen Nachteilen?

Weil man falsche strategische Entscheidungen getroffen hat, kommt man bei globalen Trends nicht mit, hat die Technologien teils nicht. Deutsche Autokonzerne haben sich viel von China als Kooperationspartner und Absatzmarkt erhofft. Sie haben Technologie hergegeben – und werden jetzt überholt.

Das ist auch ein Problem für Österreich?

Österreichische Mobilitäts-Unternehmen sind meistens Zulieferbetriebe. Sie sind abhängig davon, was in München oder Stuttgart entschieden wird, in den Konzernzentralen der Hersteller.

Unsere Industriestruktur wirkt zunehmend veraltet.

Klaus Friesenbichler, Ökonom am WIFO

Wie kann die österreichische Politik gegensteuern?

Man kann versuchen, die Kosten zu senken und wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Allerdings müssen die Maßnahmen in einer großen EU-Strategie eingebettet sein. Österreich ist ein kleines Land und unsere Möglichkeiten sind dementsprechend begrenzt.

Wie bewerten Sie die von der Regierung beschlossene Maßnahme des Industriestrompreises von 5 Cent/kWh?

Die Deutschen haben ebenfalls einen Industriestrompreis, man ist also eigentlich nur nachgezogen und hat ein "Level-Playing-Field" geschaffen, sprich Wettbewerbsnachteile ausgeglichen. Für die breite Industrie macht Strom schon etwas aus, ein gigantischer Kostenfaktor ist er aber nicht.

Wie sind wir bei den Mega-Trends in Europa aufgestellt?

Unsere Industriestruktur wirkt zunehmend veraltet. Bei der Halbleiterherstellung führen Taiwan und Südkorea, Akkus werden in China produziert und KI ist in Amerika ein großes Thema. Auch wir haben starke Unternehmen auf diesen Gebieten, aber eben nur punktuell und nicht in der Breite. Wenn jetzt auch noch die Amerikaner nicht mehr mit uns handeln wollen und die Chinesen nur dann, wenn sie uns ihre Produkte verkaufen, ist das ein Problem.

Ergeben sich aber nicht auch neue Chancen? Der chinesische Hersteller Xpeng montiert beispielsweise bei Magna in Graz.

China birgt mehr Risiken als Chancen. Wo liegt denn die Wertschöpfung? Nicht dort, wo das Auto final montiert wird, sondern dort, wo Antriebstränge und Akkus entwickelt und produziert werden.

Das wirkt alles sehr düster.

Es gibt durchaus Lichtblicke. Wir sind nach wie vor stark diversifiziert und gut aufgestellt, was bestehende Technologien betrifft. Der Standort wird mitunter schlechter geredet, als er ist. Es vermengen sich Probleme im Freihandel und technologische Schwierigkeiten mit der Rezession. Die ist vorbei und auch wenn die Strukturprobleme bleiben werden: Die Welt geht deswegen nicht unter.