Pitstop bei Pit

Begegnung auf Augenhöhe: KTM-Motorsport-Chef Pit Beirer trifft auto touring-Redakteur. Sport ist diesmal nur Randthema – im Fokus steht sein Leben im Rollstuhl.

Wheel to Wheel flitzen wir in unseren Rollis durch die Hallen der KTM-Rennsport-Abteilung. Voran der Chef. Pit Beirer. Als motorsportlicher Leiter der oberösterreichischen Motorradschmiede deckt er ein unglaubliches Aufgabengebiet ab: Motocross, Enduro, Rallye, Straßenrennsport plus den USA-Auftritt. 470 Mitarbeiter weltweit zählt seine Abteilung.

Die Privatführung ist beeindruckend, so wie Pits Oberarm-Umfang. Die MotoGP-Bikes sind schon in Übersee. Und so zeigt er uns die penibel bestückten Dakar-Trucks. Ein kurzes Foto-Posing vor einem Rally-Bike. Dann zum Interview. Thema ist Leben, sein Leben mit Querschnittlähmung.

—  Querschnitt! Allein das Wort und die damit verbundene Endgültigkeit sorgen für Entsetzen. Wie hast du damals diese Diagnose aufgenommen?

Pit Beirer: Als Betroffener sollte man die Tatsache nicht als Endgültigkeit sehen. Für mich war es der Beginn eines neuen Lebens. War es doch ein radikaler Umbruch vom Profi­sportler in die Arbeitswelt. Und es gab so vieles, das ich auf diesem Weg akzeptieren, verstehen und verändern musste, damit mein Leben wieder funktioniert. 

Rad an Rad

—  Aber steht man da nicht vor einer Mauer und weiß nicht, was dahinter sein wird?

Pit Beirer: Das war gar nicht so schwer für mich. Mir war immer klar, dass ich einen Risikosport ausübe. Ein Freund von mir saß damals schon im Rollstuhl. Daher habe ich gewusst, dass dieses Szenario mitfährt. Aber ohne Angst. In meiner Profi-Karriere gab es bis zu meinem Unfall im Fahrerfeld nicht eine einzige Querschnitt-Verletzung. Und ich bin 15 Jahre Weltmeisterschaft gefahren. Niemand wurde so schwer verletzt wie ich.

—  Wie hast du den verhängnisvollen Motocross-Unfall in Bulgarien erlebt?

Pit Beirer: Es war ein Gefühl, als wäre mir ein Blitz in den Körper gefahren ­– ein Schmerz, ein Aufschrei und sofort die Gewissheit: Die Beine sind weg! Ein Moment absoluter Klarheit. Und kaum noch Hoffnung, je wieder gehen zu können.

—  Wie wurdest du medizinisch versorgt?

Pit Beirer: Es war zum Glück ein deutscher Rennarzt vor Ort. Er wollte sich um meine Beine kümmern, aber ich hab nur gesagt: "Vergiss die Beine, ich sterbe gleich. Hilf mir lieber mit der Lunge, ich krieg keine Luft!" Ein Lungenriss, wie sich später herausstellte. Aber alles war so klar, wie ich es mir nie vorstellen konnte: Die Beine sind weg und du verlierst das Gefühl im ganzen Körper. Ich dachte: Das war's jetzt. Jetzt ist das passiert, was du nie erleben wolltest.

Leben mit Querschnitt-Lähmung

—  Was geschah dann?

Pit Beirer: Ich fiel ins Koma, es folgten mehrere Operationen. Und als ich aus dem Dämmerschlaf wieder zu mir kam, hoffte ich natürlich, dass alles nur ein böser Traum war. Gedanken wie: Kann ich gehen? Spüre ich etwas? Zwickt mich bitte, steckt eine Nadel rein! Aber bald war klar: Entweder ich bemitleide mich jetzt oder ich nehme das Leben, das noch übrig ist, in die Hand.

—  Hast du psychologische Hilfe erhalten?

Pit Beirer: Die Ärzte wollten mich natürlich psychologisch betreuen. Das hab ich bis heute abgelehnt. Sie haben mich gewarnt: Du brauchst diese Hilfe, sonst wirst du in ein tiefes Loch fallen, es wird dich zerstören. Das ist bis heute nicht passiert.

Mir war sehr klar, was mir passiert ist. Aber als Motorcross-Profi, mit einem sehr risikoreichen Fahrstil, oft gestürzt, brauchte ich jetzt nicht jammern. Ich habe getan, was ich geliebt habe. Das Risiko war mir bewusst. Und jetzt ist halt etwas passiert.

Trotzdem war es eine extrem intensive Phase. Die Familie zittert an deinem Bett, ob du überhaupt überlebst. Meine Tochter war damals erst sechs Monate alt. Das war alles nicht so einfach, wie es sich jetzt anhört, da spielten sich Dramen ab.

—  Also doch ein Tief?

Pit Beirer: Ja. Aber das war nur eine kurze Phase, dann hatte ich umgeschaltet auf den alten Sportler. Der sagt: Im Frühjahr geht es wieder los.

—  Und wie hast du dafür gearbeitet?

Pit Beirer: Mich vorbereitet wie auf eine neue Saison. Ich hab die Ärzte gedrängt: Wann kann ich aus dem Krankenhaus raus? Was kann ich tun, damit es schneller geht? Dann hab ich losgelegt, Krafttraining wie ein Irrer, nur um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Pit der Kämpfer

—  Träumst du manchmal noch vom Gehen?

Pit Beirer: Ich bin nicht sicher, glaub aber nicht.

—  Am Querschnitt hängt aber noch einiges dran, auch jenseits der Schamgrenze.

Pit Beirer: Ich sag immer: Nicht gehen zu können, ist das kleinste Problem. Durch die leichten Rollstühle, die Aufzüge und die stufenlose Planung neuer Gebäude bin ich sehr mobil. Aber manchmal gibt es doch massive Probleme. Etwa, wenn ich auf dem Oktoberfest aufs Klo muss und da steht eine Menschentraube davor. Dann ist womöglich auch noch die Klotür zu schmal und die Behinderten-Toilette weit weg.

—  Heißt das: Toiletten sind für Querschnittgelähmte der Mobilitäts-Knackpunkt?

Pit Beirer: Definitiv. Das Thema Toilette ist das Beschwerlichste für einen Rollstuhlfahrer. Gerade, wenn man so viel reist wie ich. Dann dreht sich die Tagesplanung immer um diese Fragen: Wo ist eine Toilette? Wie ist sie erreichbar? Oder wie viele Katheter muss ich für 14 Tage in die USA mitnehmen? Und wo bekomme ich Katheter vor Ort, wenn ich länger bleiben muss oder den Flieger versäume?

—  Diese Gedanken sind also immer unterschwellig da?

Pit Beirer: Stimmt. Ich gehe oft in größere Meetings, wo wichtige Leute beisammensitzen, und ich weiß oft schon vorher, dass ich die Sitzung nicht ohne Toilettengang durchziehen kann. An der Rennstrecke werde ich für solche Treffen oft in den zweiten Stock hochgetragen. Und dann sehe ich schon beim Reingehen, dass die Behinderten-Toilette im Erdgeschoss ist. Und wenn es in dem Meeting heiß hergeht, kann es vorkommen, dass die Leute, mit denen ich grad gestritten habe, mich die Stiegen runtertragen müssen, nur damit ich aufs Klo kann.

Oder im Flugzeug. Du wirst in die Kabine gebracht und weißt, du sitzt jetzt zehn Stunden in dem Sessel. Irgendwann musst du dich entscheiden, ob du vor Zuschauern die Hose öffnest und anfängst, deine Blase mit dem Katheter zu entleeren, oder ob du dich mit aller Gewalt auf die Flugzeug-Toilette bringen lässt, die ja in Wahrheit mit und ohne Rollstuhl eine Katastrophe ist. Das nervt schon sehr.

Herzstück des österreichischen Motorrad-Rennsports. Die Hallen der KTM-Motorsport-Abteilung im oberösterreichischen Munderfing bei Mattighofen.

—  Ist Zeit ein Thema für dich?

Pit Beirer: Zeit geht mir permanent aus. Du brauchst morgens, aber auch untertags und abends beim Zubettgehen länger als jemand, der gehen kann. Das zeitraubendste Thema für Querschnittgelähmte ist die Pflege, die Hygie­ne und die menschlichen Bedürfnisse. Das macht keinen Spaß. Hingegen machen der Job, die Familie und Sport mir riesig Spaß.

—  Von wo weg bist du gelähmt und was bedeutet das im Alltag?

Pit Beirer: Gelähmt bin ich vom fünften Brustwirbel abwärts. Fakt ist: Es geht mir am besten, wenn ich viel Krafttraining betreibe, dann bin ich oben stärker. Zu viel essen darf ich auch nicht, sonst werde ich zu schwer. Ich muss ja alles mit den Armen machen. Mehr Sport heißt auch, ich hab weniger Kreislauf-Probleme.




Ich bin vom 5. Brustwirbel abwärts gelähmt. Wenn ich mich nach vorne beuge, muss ich mich mit einer Hand am Rollstuhl festhalten, um nicht nach vorn zu fallen.






Pit Beirer, KTM-Motorsport-Chef
Ich spüre halt von der Brust abwärts nichts mehr, hab auch keine Funktion der  Bauchmuskulatur. Wenn ich aufrecht sitze, muss ich mich mit einer Hand abstützen, sonst würde ich nach vorne fallen. Frei zu sitzen ist nicht möglich. Etwas mit beiden Händen zusammenschrauben geht auch nicht, denn ich muss mich am Rollstuhl festhalten. Und in Rückenlage komme ich nicht überall hin.

Und wenn ich etwas in die Hand nehme, kann ich nicht mit dem Rolli wegfahren. Lege ich es auf den Schoß, ist oft die Hose danach versaut. Ich kann auch keinen Kübel Wasser holen, um meine Autofelgen zu waschen. Das ist alles nervig, muss ich aber akzeptieren.

—  Wie schwer war es ein Leben im Rollstuhl zu akzeptieren?

Pit Beirer: Wenn du so verunfallst wie ich, Lungenriss, Schulterblatt und Rippen gebrochen, dann liegst du erst einmal wie einbetoniert im Bett. Da wünscht du dir, Rollstuhlfahrer zu sein. Als Erstes musste ich atmen lernen, meine Arme bewegen. Nie werde ich vergessen, wie ich mich gefreut habe, als ich endlich aufrecht im Rollstuhl saß, zum Tisch gefahren bin, um eine Tasse Kaffee zu trinken.

—  Was kannst du alles im Rollstuhl?

Pit Beirer: Ich führe ein selbstbestimmtes Leben. Kann Auto fahren, kann mich pflegen, duschen und ich könnte sicher auch alleine leben.

—  Du bist oft sportlich unterwegs, angeblich sogar offroad. Wie geht das?

Pit Beirer: Die Rennräder für Behinderte finde ich absurd. Du liegst drin, schaust in den Himmel für ein bissl mehr Top-Speed. Jeder Zehnte wird, weil die Bikes so tief liegen, von Autos angefahren. Ich will mich in der Natur schinden. Mag ein Gerät, in dem ich aufrecht sitze. Darum hat mein Dreirad Geländereifen und Scheibenbremsen, damit ich, wenn ich irgendwo rauf fahre, auch wieder sicher runterkommen. 

—  Ist nie etwas passiert?

Pit Beirer: Ja, doch. Einmal ist mir bei einer Offroad-Tour die Fußschlaufe gebrochen und der Rad-Rahmen hat mir Schien- und Wadenbein gebrochen. Am gleichen Tag erlitt auch Valentino Rossi einen Beinbruch, bei einem Enduro-Training. Wir haben einander vom Krankenbett Textnachrichten geschickt.

Projekt MotoGP

—  Bist du in deinem neuen Leben fokussierter, nimmst du Erfolg intensiver wahr als früher?

Pit Beirer: Mein heutiger Beruf ist ein Job in der Szene, wo ich das einbringen kann, was ich als Profi-Rennfahrer gelernt habe. Das war mein Wunschtraum. Nur eben als Fußgänger und nicht als Rollstuhlfahrer.

—  Was warst du für ein Typ Rennfahrer?

Pit Beirer: Ein Kämpfer. Ich musste mir alles mühsam antrainieren, erarbeiten. Ich hatte kein Geld, mit 18 Jahren habe ich mir 100.000 D-Mark Kredit aufgenommen. Bis heute weiß ich nicht, wie der Bankdirektor das genehmigen konnte. Ich saß vor ihm mit unbändigem Willen. Danach gründete ich mein eigenes Rennteam, um in der Profi-Weltmeisterschaft Fuß zu fassen. In Deutschland gab es zu der Zeit keine professionelle Szene.

Ein Status, wie ihn heute meine Rennfahrer bei KTM genießen, war damals undenkbar. Diesen Spirit habe ich dann auch mit ins Arbeitsleben mitgenommen.

—  Und wie wurdest du KTM-Sport-Chef?

Pit Beirer: Stefan Pierer hat mich im Krankenhaus angerufen und gesagt: Egal, was passiert, du arbeitest für uns. Als was?, fragte ich verwundert. Egal, da finden wir schon etwas.

Ich hatte also einen Job. Das war der Antrieb, den ich gebraucht habe. Der Wille, Dinge besser zu machen, war von Anfang an da. Da half mir die Erfahrung vieler Rennsport-Jahre. Das hat mich durch die Abteilungen gespült. Mittlerweile bin ich Leiter der Motorsport-Abteilung, obwohl ich nie darum gebeten habe.

Die berufliche Chance kam also durch den Unfall. Der Rollstuhl war Türöffner.

Wir haben bei KTM über 200 Titel eingefahren. Ich bin also in meiner Rolle als Sportchef viel erfolgreicher als ich es als Sportler war.

Pit Beirer, KTM-Motorsport-Chef

—  Hätte dein Leben ohne Unfall auch diese Wendung genommen?

Pit Beirer: Mit Sicherheit nicht. Ich wäre noch lange Rennen gefahren – vielleicht zu lange. Bis heute finde ich es aber furchtbar, wenn Sportler zu lange aktiv bleiben. Champions sollten als Champions abtreten.

Unser Sport ist gefährlich, darum mein Credo: Wenn du morgens in den Spiegel schaust und nicht mehr glaubst, dass du Weltmeister werden kannst, dann höre sofort auf.

—  Wie bewältigst du diesen Stress-Job?

Pit Beirer: Ich bin sehr stressresistent. Außer wenn Termine überlappen oder wenn ich merke, dass ich, wenn ich nicht sofort aufs Klo komme, einen nassen Fleck auf der Hose habe. Wenn mich dann jemand wegen einer Lappalie anquatscht, werde ich aggressiv.

Andererseits fliege ich oft alleine nach Amerika. Denn in den Staaten kann ich, anders als bei uns, ein Auto mit Handgas mieten. Wichtig ist ein effizientes Umfeld. Darum liegt ein Rollstuhl immer im Auto. Wenn ich mich morgens ins Auto wuchte, bleibt der andere Rollstuhl in der Garage.

—  Wie sind deine Talente als Chef?

Pit Beirer: Wir haben in meiner Zeit hier bei KTM in verschiedensten Disziplinen an die 200 Titel einfahren. Ich bin in dieser Rolle also wesentlich erfolgreicher, als ich es als Sportler hätte sein können. Ich darf Dinge genießen, die ich als Aktiver nicht fertiggebracht habe. Aber den Drang, Weltmeister zu werden und die Zutaten dafür zusammenzumischen, den habe ich offenbar von früher mitgenommen.

Die richtigen Leute zusammenbringen, die hungrig nach Erfolg sind, dafür habe ich offenbar ein gutes Händchen. Nicht so für die Technik. Ich kann kein Motorrad zusammenbauen. Aber als Techniker hole ich mir keine Superstars, keine Idioten, sondern nur richtig coole Typen mit Teamspirit. Das ist mein Erfolgsrezept.

—  Und funktioniert das Rezept?

Pit Beirer: Das haben wir in allen Disziplinen bewiesen, nur noch nicht in der MotoGP. Wir haben bei null angefangen, sind stur unseren Weg gegangen mit eigenem Rahmen, Gabeln, Stoßdämpfern und Motor. Viele haben gemeint, wir würden scheitern. Hatten wir doch am Anfang pro Runde 3,5 Sekunden Rückstand auf die Besten. Aber wir haben uns über vier Jahre zeitmäßig an die Spitze herangetastet.

Und heute haben wir schon fünf Grand-Prix-Siege. Klar wollen wir mehr. Es ist das gleiche Spiel wie in den anderen Sportarten, nur mit viel mehr Leuten. MotoGP ist nun einmal die oberste Liga der Motorrad-Technologie.

—  Fehlt nur noch ein Fahrer mit dem Champion-Gen.

Pit Beirer: Richtig. Am Ende brauchen wir noch den richtigen Fahrer. Was uns aber noch viel mehr Spaß machen würde: Nicht einen Champion zu kaufen, sondern junge Fahrer über den Rookies-Cup, die Moto3 und Moto2 ganz oben reinzubringen. Keine Frage, es ist der mühsamere Weg. Denn weder unsere Fahrer noch wir als Marke waren bis jetzt MotoGP-Champion. Daher wurden wir belächelt, als wir Miguel Oliveira und Brad Binder auf unsere Bikes gesetzt hatten. Vier Monate später waren beide GP-Sieger.

Pit Beirer, der Race-Direktor im Rolli

Am 19.10.1972 wird Pit Beirer in Radolfzell am Bodensee geboren.

Die Eltern Peter und Gerlinde führen einen Maurer-Meisterbetrieb.

Inspiriert durch den Motorrad-affinen Vater fährt Pit im Alter von 10 Jahren sein erstes Rennen.

1988 wird er Motocross-Profi. Nimmt dafür einen Kredit von 100.000 DM auf.

1989 bis 1994: WM-Läufe in der 125er-Klasse.

1991: der erste GP-Sieg.

Ab 1995 dann der Wechsel in die 250er-Klasse.

Gewinnt bis 2002 dreimal die deutsche Meisterschaft.

1999 wird er Vizeweltmeister.

Im Juni 2003 stürzt er im bulgarischen Sevlievo schwer, ist seither querschnittgelähmt.

2004 erhält er eine Anstellung bei KTM.

2010: Sportchef weltweit für Offroad und Road Race.

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